Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.