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Legal Tech Szene

Wieso lohnt sich eine Legal Tech Karriere?

Posted by Christopher Wekel on
Wieso lohnt sich eine Legal Tech Karriere?

Ehe ich zum Thema Legal Tech Karriere komme, einige Infos zur Organisation des Blogs. Wer direkt erfahren möchte, wie ich die Titelfrage beantworte, überspringe bitte die nächste Sektion und starte direkt bei der zweiten.

Konzeption des Blogs

Regulär schreibt hier mein Freund Jacob Weizmann, während sich meine Wenigkeit mit unserem restlichen Team darum kümmert, das Legal Tech Unternehmen DiRiSo aufzubauen. Wir sind zwar Träger dieses Blogs, haben uns aber bewusst entschieden, die Berichterstattung hier weitgehend in die Hände von Jacob zu legen. Grund dafür ist, dass wir einen gewissen Balanceakt meistern wollen.

Beiträge zur Legal Technology aus der Innenperspektive

Um Leser mit interessantem Content zum Thema Legal Tech zu versorgen, halten wir es für unerlässlich, keine künstliche Trennlinie zwischen unserer Tätigkeit und unseren journalistischen Betrachtungen zur Thematik zu ziehen. Umgekehrt scheint es uns vielmehr so, dass gerade unsere Wasserstandsmeldungen aus dem Maschinenraum der Legal Technology ein wertvolles Format bilden, das es so an anderer Stelle noch nicht gibt. Wenn es um die Aktualität der News und den Abwechslungsreichtum des Contents geht, hat zum Beispiel sicherlich der Legal Tech Blog die Nase vorn. Aber als regelmäßiger Leser solcher Outlets geht es bei solchen Publikationen in erster Linie um eine möglichst umfassende Berichterstattung zum Herzensthema Legal Tech. Nur in Teilen verstehen sich entsprechende Blogs als Collage von Gedanken und Eindrücken der Branchenpioniere. Bei uns geht es um nichts anderes.

Außenperspektive als Korrektiv

Und doch melden wir uns selten selbst zu Wort, sondern bevorzugen, dass Jacob als langjähriger Vertrauter noch einmal mit einem gewissen Abstand zur Sache seinen Filter über unsere Eindrücke und Überlegungen legt. Zum einen begünstigt das die Neutralität und verhindert, dass wir hier zu sehr zu einer reinen Werbeveranstaltung abdriften. Das sollte nicht Sinn eines lesenswerten Blogs sein, aber als Gründer gerät man ja gerne ins Schwärmen über sein eigenes Unternehmen. Jacobs Filterfunktion sorgt dafür, dass solche Sentiments gar nicht erst die Leser zu langweilen drohen.

Außerdem hilft uns Jacobs Bemühung um diesen Blog noch in anderer Hinsicht. Er hat weniger Hemmschwellen als mein Companion Voss und ich, wenn es darum geht, die eine oder andere diskutable These in den Raum zu werfen. Wenn ich persönlich Texte verfasse, dann sind sie meist wissenschaftlicher Art – auch weil ich lieber schweige, als mich dem Vorwurf unzureichender Differenzierung oder Hintergrundrecherche auszusetzen.

Die Ausnahme

Nun ist es aber so, dass Jacob zurzeit stärker in seinem Beruf eingebunden ist und deswegen nicht so häufig schreiben kann, wie er möchte. Damit der Blog nicht verweist, springe ich für ihn ein – wohlwissend, dass das vom Konzept dieser Seite abweicht. Mit der Frage nach den Meriten einer Legal Tech Karriere habe ich mir gleichwohl ein Thema herausgesucht, dass sich auch für eine etwas abstraktere Betrachtung eignet. Ich hoffe, dass ich dadurch zumindest den Vorwurf der Befangenheit vermeide.

Was rechtfertigt eine Legal Tech Karriere?

Verkaufsargumente statt Appelle

Nun zum eigentlichen Thema. Karrieren im Bereich Legal Tech. Bisher gibt es zu diesem Thema vor allem einen Zugriff und der nimmt stillschweigend an: „Frag nicht, was Legal Tech für dich tun kann, sondern frag, was du für Legal Tech tun kannst.“ So verkündete etwa Kai Jacob von SAP auf der Bucerius Herbsttagung laut Legal Tech Blog: „Legal Tech braucht den Legal Engineer!“

„Schön“, denke ich mir da. Und was, wenn der potenzielle Legal Engineer darauf aber keine Lust hat? Was, wenn ihn das Feld Legal Tech nicht reizt? Dann helfen ihm auch Hype und Häppchen auf Legal Tech Events nicht. Stell dir vor, die Szene fragt, was du für die Legal Technology tun kannst, und keiner geht hin.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die IT-Branche händeringend um die hellsten Köpfe kämpft, dass sie laufend Verstärkung „braucht“. Wenn das Silicon Valley die restriktive Immigrationspolitik der U.S.-Administration anprangert, dann vermutlich nur einerseits wegen zuwiderlaufenden Grundüberzeugungen. Ansonsten übt sie Kritik wegen des ureigenen wirtschaftlichen Interesses an einem unbeschränkten Zugang zu weltweiten Talentpools. Worüber hingegen noch wenig geschrieben wurde, sind die Anreize, weswegen der IT-affine Nachwuchs ausgerechnet in die Legal Technology einsteigen sollte. Dabei braucht es hierfür allemal Gründe. Denn die Branche hat (noch) nicht so viel zu bieten, dass schon die bloßen harten Devisen in Arbeitsverträgen Informatiker und IT-begeisterte Spitzenjuristen hinter dem Ofen hervorlocken. Wo Google für ein Sommerpraktikum ein paar $10.000 aus dem Ärmel schüttelt, muss die Legal Tech Branche eher an Idealismus und Pioniergeist appellieren.

Dabei kann der junge Wirtschaftszweig meines Erachtens aus mancher Not eine Tugend machen und sich deutlich besser als bisher verkaufen.

Legal Tech Karriere als moderner cursus honorum

An der Schwelle zu einem technologiegetriebenen Wachstumsmarkt kann die Branche meines Erachtens mehr Verkaufsargumente mobilisieren als ein paar side-on benefits. Um das zu veranschaulichen, muss ich etwas in die Tiefe gehen und zweierlei erläutern. Einerseits muss ich mich etwas an den Alleinstellungsmerkmalen des Wirtschaftszweiges abarbeiten.

Um aber erst einmal festzustellen, wonach ich in Sachen Alleinstellungsmerkmal suche, lohnt sich die Rückschau zu jenen „paradiesischen“ Zuständen, die dereinst herrschten, als die Entscheidung für eine bestimmte Karriere noch aus gewissen evidenten Gründen nahe lag. Dazu will ich den Rückblick auf die römische Res Publica wagen, jedenfalls in der Gestalt, wie wir sie uns heute (romantisiert und verkürzt) vorstellen. Ich will darauf eingehen, wie die prädestinierte, erstrebenswerte Karriere zu einer Zeit aussah, als das Sozialgefüge noch wesentlicher einfacher gestrickt war und somit die Auswahl leicht fiel, wie man sein Leben vorzugsweise gestalten wollte (also als einer der männlichen römischen Adligen, der damals überhaupt in einen hinreichend hohen Stand geboren wurde, damit Geschichtsschreiber es für nötig erachteten, über sein Dasein zu berichten).

Soweit sich deren Lebensplanung und Wertesystem nachzeichnen lässt, geht man davon aus, dass wenn schon nicht ihr Handeln, so immerhin ihr Denken und Schreiben vom Ideal der „virtus“ bestimmt war. Und diese „virtus“ sollte man nicht vorschnell mit Tugend im Allgemeinen übersetzen. Denn was damals als tugendhaft, als nachahmenswert galt, kann man meines Wissens auf drei Grundsätze herunterbrechen: 1. Karriere beim Militär, idealerweise als erfolgreicher Feldherr, 2. Pietas gegenüber den Vorfahren, 3. Cursus honorum, Politik, Ämterlaufbahn.

Dass ausgerechnet diese drei Lebensziele hochgehalten wurden, kommt nicht von ungefähr. Vermutlich nicht bloß zufällig waren es damals zugleich die Bedingungen für das persönliche Vorankommen. Man kann sich gerade im Urteil über die Antike angesichts unserer äußerst dünnen Beweislage sehr schnell verrennen. Aber man braucht umgekehrt auch nicht Marx gelesen haben und historischer Materialist zu sein, um folgende These gut zu begründen.

Bei der antiken Gesellschaft haben wir es mit einem vorindustriellen Ständewesen zu tun. Darin waren zunächst einmal 95% der Bevölkerung zur Feld- und Handwerksarbeit verdammt. Die Annehmlichkeiten der Herrscherklasse waren stets nur den etablierten obersten Prozenten als vermögenden, vernetzten, militärisch gestützten Schicht beschieden. Und deren Macht beruhte vor allem auf dreierlei. Zum einen auf dem Nachlass der statistisch früh ablebenden Vorgängergeneration, deren Erbe zu sichern die nötige Pietas gewiss vereinfachte. Ein mondänes Überleben außerhalb der ertragsabwerfenden Latifundien des Pater Familias verlangt jedenfalls viel Fantasie. War das eigene Auskommen somit materiell abgepolstert, bildeten die institutionalisierte staatliche Macht qua Amt bzw. ein loyales Unterstützernetzwerk und jenseits davon die blanke Gewalt loyaler Söldner das erweiterte Rückgrat einer einflussreichen, gesicherten Existenz. Otium.

So einfach ist das heute mit dem Tugendhaften nicht mehr (zum Glück). So universell erstrebenswert wird gewiss kein Karrierepfad mehr beurteilt und schon gar nicht einer nach dem Geschmack der Römer. Pietas gegenüber den Eltern ist charmant, hilft der Karriere aber allenfalls dort, wo das Elternhaus vermögend ist. Und selbst hier leistet notfalls auch ohne Pietas der Pflichtteil einiges. Seinen Status als Hort der gesellschaftlichen Elite hat das Militär spätestens in der Bundesrepublik eingebüßt. Und die Politik? Das ist ein Thema für sich. Vorsichtig formuliert versteht es sich aber wahrscheinlich, dass intellektuelles Schwergewicht und fachliche Befähigung für das Vorankommen im parteipolitischen Gefüge eine eher sekundäre Rolle spielen. Gefragt sind stattdessen zumeist andere Qualitäten. Wem diese fehlen, der hat es mit einer politischen Karriere schwer. So hat es unlängst auch ein Artikel im Cicero eindrucksvoll diagnostiziert.

Wo also suchen motivierte Köpfe ihr berufliches Glück, wenn weder Erben noch ein politischer Aufstieg in Betracht kommen? Eine Legal Tech Karriere bietet sich hier gleich aus mehreren Gründen an.

Das liegt zum einen daran, dass die Legal Technology das Potenzial hat, einen immensen Mehrwert für das Gemeinwohl zu stiften. Studien gehen davon aus, dass auch in der Bundesrepublik bis zu 70% der Bevölkerung ein Zugang zu effektivem Rechtsschutz fehlt. Das liegt vor allem daran, dass dessen Preis im Missverhältnis zu Vorteilen der Rechtsverfolgung und dem Budget der Betroffenen stehen. Gelingt es der Legal Technology, durch Automatisierung die Kosten von Rechtsdienstleistungen strukturell zu mindern, wäre dies allein ein handfester Gewinn für die Rechtsstaatlichkeit und letztlich für die Lebensqualität. Technologie übt insoweit verständlicherweise eine ungeheure Faszination aus. Sowohl in ihrer wissenschaftlichen Erforschung als auch in ihrer praktischen Anwendung.

Weniger idealistisch, aber ebenso entscheidend spricht für eine Legal Tech Karriere, dass sich der Markt für juristische IT-Lösungen noch nicht konsolidiert hat. Das trifft nur auf wenige heute schon erschlossene Branchen zu. Gleichzeitig macht es eine erfolgreiche Unternehmensgründung realistischer als in den meisten anderen Sparten, auch in solchen der digitalen Wirtschaft. Umgekehrt braucht sich selbst der talentierteste Informatiker kaum Hoffnungen mehr zu machen, beispielsweise eine ernsthafte Alternative zu den Betriebssystemen von Microsoft, Apple und Google am Markt zu etablieren. Wie Jacob einmal an anderer Stelle schrieb: eine Legal Tech Karriere ist ein Ausritt in den wilden Westen der Digitalisierung – mit Aussicht auf einen Goldfund, der ansonsten schon daran scheitern kann, dass wenige Minenbetreiber sämtliche Schürfrechte auf sich vereinigen

Sowohl die Potenziale der einsetzbaren Technologien als auch die Gewinnaussichten eines Legal Tech Unternehmens sind bei alledem kein Garant, dass entsprechende Bemühungen von Erfolg gekrönt sind. Gemessen an den Erfahrungen anderer Branchen dürfte ein Großteil der jetzt gegründeten Startups wieder vom Markt verschwinden. Das Risiko sollte man beherzigen, ehe man sich für eine Legal Tech Karriere entscheidet. Kann man eine Niederlage aber notfalls verkraften, sprechen die Chancen des Wirtschaftszweiges zumindest für einen Versuch. Und anders als im antiken Rom kommt in deren Genuss nicht bloß eine kleine privilegierte Schicht. Der neue Markt verheißt ambitionierten Köpfen aus allen Ecken der Gesellschaft die geringe, aber relativ faire Chance, seine Lebenszeit in ein wirklich sinnstiftendes Projekt zu investieren und dabei im Idealfall für sich und die Gesellschaft handfeste Vorteile zu ernten. Deshalb lohnt sich eine Legal Tech Karriere.