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Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Für die Digitalisierung der Rechtsdienstleistungen bewahrheitet sich zurzeit die Prognose, die noch 2017 vermutlich die wenigsten für realistisch hielten. Der Markt tritt auf der Stelle. Dass Legal Tech 2018 in Deutschland stagnieren würde, ahnten vermutlich die wenigsten in der allgemeinen Aufbruchstimmung der letzten Jahre. Wahrscheinlich würden die meisten noch nicht einmal heute zu dieser Diagnose gelangen. Aber je mehr Gespräche ich mit den Vertretern der einzelnen Anbieter von Legal Tech 2018 führe, desto mehr bestätigt sich der Befund, den ich hier schon einmal vorwegnehme.

Die meisten Unternehmen kommen über die Runden, verdauen die bisherige Expansion, wachsen moderat weiter, operieren stabil. Von Niedergang ist nicht viel zu spüren – aber eben auch nichts von revolutionären Geschäftsmodellen. Und da sich weder in die eine noch in die andere Richtung nennenswert etwas bewegt, spreche ich von Stagnation. Genau das aber ist auf den zweiten Blick ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Wild-West-Ära von Legal Tech 2018 und wahrscheinlich darüber hinaus noch ein Weilchen fortdauert. Zumindest für Goldgräber in spe sind das hervorragende Nachrichten.

So. Das waren genug gewagte Thesen für den Einstieg. Kommen wir zur Marktanalyse, auf die ich meine Einschätzung stütze.

Legal Tech Unternehmen heute

Im Grunde zerfällt die Branche für Legal Tech 2018 in drei gut abgrenzbare Lager. Da sind zum einen die so genannten Marktplätze, die Nutzer mit einem Rechtsproblem an Anwälte vermitteln, ohne selbst einen Beitrag zu dessen eigentlicher Lösung zu leisten. Zum anderen haben sich etliche Anbieter für Kanzleisoftware positioniert. Darüber hinaus finden sich für etliche einzelne Verbraucheransprüche Portale, die per Inkasso oder Factoring die Abwicklung übernehmen. Eine ziemlich vollständige Übersicht aller Unternehmen in den jeweiligen Sparten führt das so genannte Legal Tech Verzeichnis.

In allen genannten Bereichen steigt die Zahl der Anbieter. Und zwar in mehrerer Hinsicht. Sowohl nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die ein bestimmtes einzelnes Rechtsproblem bearbeiten, als auch die Zahl der Rechtsprobleme, für die Abhilfe geboten wird. Bewegten sich noch 2011 beispielsweise am Markt der Fluggastportale fast nur Flightright, Fairplane und EUClaim sind bis heute mindestens einige Dutzend Konkurrenten dazugekommen. Gleichzeitig gibt es bei Weitem nicht mehr bloß im Reiserecht eine Legal Tech Lösung für Verbraucher: Um das Straßenverkehrsrecht kümmern sich diverse Anbieter wie geblitzt.de. Als Helfer im Sozialrecht hat sich vor allem rightmart einen Namen gemacht. Gegen unzulässige Mieterhöhungen und Mietnebenkostenabrechnungen kämpft zum Beispiel Mineko. Bei der Kündigung von Lebensversicherung unterstützt unter anderem helpcheck, bei der Rückabwicklung des Kaufs von Diesel-PKW myright und beim Einfordern einer Abfindung Abfindungsheld.

Was im ersten Moment wie ein kraftvolles Wachstum der Branche aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Stagnation. Das hat mehrere Gründe:

Kontinuität, nicht Quantensprünge

Klar erkennbar ist zunächst, dass sich die Branche in gefestigten Bahnen bewegt. Es findet bestenfalls eine Skalierung statt, keine Disruption. Es kommen keine grundverschiedenen Geschäftsmodelle hinzu, es werden nur bestehende kopiert und auf weitere Rechtsprobleme gesetzt – und zwar bezeichnenderweise zunehmend auf Nischen mit weniger Umsatzpotenzial und weniger Marge.

Bestes Beispiel sind die Entwicklungen, die Legal Tech 2018 im Reiserecht vollzieht: Das neueste Angebot dürfte hier noch am ehesten darin bestehen, dass inzwischen auch Dienstleister mit Erstattungen für stornierte Tickets weiterhelfen sowie mit Bahnentschädigungen. Erstere richten sich aber weitgehend nach den Buchungsbedingungen der Airlines, die meistens nur einen Bruchteil des Ticketpreises für erstattungsfähig erklären. Dementsprechend gering sind die Beträge, die Startups wie Geld für Flug für stornierte Tickets auszahlen können (wir berichteten hier über Geld für Flug).

Es mag im Übrigen auch einen Markt für Bahnentschädigungen geben, jedoch ist er ungleich kleiner als der für Fluggastentschädigung. Denn die Erstattungsansprüche und somit die möglichen Provisionen für Legal Tech Unternehmen fallen bei Bahnreisen weitaus kleiner aus als bei Flügen. Im schlimmsten Fall schuldet die Deutsche Bahn bei über zweistündiger Verspätung eine hälftige Erstattung des Ticketpreises. Selbst bei einem Fahrkartenpreis von 100 € stehen dem einzelnen Reisenden also bestenfalls 50 € zu. Der Ausgleichsanspruch bei einer Flugunregelmäßigkeit beträgt nach Art. 7 FluggastrechteVO 250-600 €, also das fünf- bis zwölffache der Bahnentschädigung. Hinzukommt, dass die FluggastrechteVO auf Flüge europaweit Anwendung findet, während Erstattungsansprüche gegen die Deutsche Bahn naturgemäß nur deutsche Zugverbindungen betreffen.

Mehr Angebot, gleiche Nachfrage

Ein weiteres Problem der aktuellen Entwicklung ist das Überangebot, auf das Legal Tech 2018 zusteuert. Nur weil inzwischen einige Dutzend Anbieter Fluggästen dabei helfen, ihre Entschädigung einzufordern, nimmt noch lange nicht die Zahl der Verspätungen zu. Stattdessen konkurriert die wachsende Zahl der Fluggastportale um eine mehr oder weniger konstante Menge an potenziellen Kunden.

Und je weiter man gemeinsam die Nachfrage deckt, desto mehr jagen sich die Konkurrenten nur noch gegenseitig Marktanteile ab, wie dies in Deutschland bei Fluggastrechten bereits der Fall zu sein scheint. Das erhöht für alle Betroffenen die Werbeausgaben, senkt die möglichen Gewinnmargen und reduziert damit zudem das Potenzial für Research & Development. Verkürzt heißt das, Legal Tech Unternehmen bringen 2018 mehr mit dem Verwalten zu als mit dem Gestalten. Das wiederum verkleinert den Spielraum für Innovationen und disruptive Geschäftsmodelle.

Dabei betrifft die Problematik des Überangebots einige Sparten noch weit schlimmer als den Markt der Fluggastrechte. Richten wir einmal den Blick auf das B2B Segment. Hier fossilieren sich die wenigen Komplettangebote für Kanzleiorganisationssoftware, während ansonsten ein Flickenteppich spezifischer Anwendung für einzelne Rechtsprobleme entsteht, der über die Nachfrage hinausschießt.

Kanzleiorganisationssoftware

Zunächst gibt es einige Komplettlösungen für Kanzleien (z.B. RAMicro) und Rechtsabteilungen (z.B. LeCare), deren Mehrwert intuitiv einleuchtet. Sie decken eine breite Funktionspalette ab, verlangen für ihr breit gefächertes SaaS-Modell eine Lizenzgebühr und tausende Kunden wissen: Wenn ich diesen einen Preis zahle, bin ich rundum ausgestattet. Wenig verwunderlich zählte derartige Software schon zum Repertoire von Legal Tech Anwendungen, bevor man sie überhaupt als Legal Tech bezeichnete. Ebenso ist davon auszugehen, dass sie weiterhin einen festen Platz im Ensemble der Legal Tech Lösungen behalten.

Disruptionspotenzial geht von entsprechenden Softwareanbietern indes nicht aus. Das hat etwas mit der Kostenstruktur zu tun und mit der (geringen) Erwartungshaltung der Kunden. Klar ist, dass Kanzleien und Rechtsabteilungen derartige Gesamtpakete auf absehbare Zeit benötigen, um das Fundament für ihre IT-Infrastruktur zu legen. Ihre Mitarbeiter nutzen die Applikationen ob ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und ihrer zentralen Stellung in den Arbeitsprozessen täglich. Dementsprechend hoch ist der Schulungs-, Wartungs- und Supportaufwand. Potenziert wird all das durch den Umstand, dass das zentrale Vertriebsargument besagter Software ihre Vollständigkeit ist – mitsamt der störanfälligen oder sonstwie arbeitsintensiven Komponenten. Man kann das zusätzlich einpreisen, muss aber die Schmerzgrenze in der Zahlungsbereitschaft der Abnehmer bedenken. Das erhöht letztlich die Personalkosten der Anbieter im Verhältnis zu den Einnahmen und reduziert die Spielräume für substanzielle Weiterentwicklungen. Gleichzeitig führt es dazu, dass sich die Mitarbeiter der Kunden in der Softwareumgebung einrichten, dort regelrecht Wurzeln schlagen.

Das wiederum erschwert den Wechsel zu anderen Lösungen. Solange der Softwareanbieter also einigermaßen mit der Zeit geht, die Benutzeroberfläche nur wie das vorletzte Windows aussieht und nicht wie 98, bleiben die Kunden treu. Zu umständlich wäre die Umstellung einer ganzen Rechtsabteilung oder Kanzleibelegschaft auf ein neues System. Zumal dafür ja ein attraktives Gegenmodell zur Auswahl stehen müsste, für dessen Entwicklung die meisten Softwareanbieter aus besagten Gründen ihrerseits keinen Anreiz haben.

Hinzukommt, dass der Entwicklungsaufwand für eine Komplettlösung so groß ist, dass kaum neue Alternativen die Markteintrittshürden überwinden. In dieses Bild passt, dass die unangefochtenen Marktführer für Kanzleiorganisationssoftware sich bereits in den 80er und 90er Jahren gründeten. In diese Zeit fallen die Anfänge von RAMicro, Lecare, Soldan und Wolters Kluwer, die heute die gängigen IT-Module bereitstellen.

Überangebot der Nischenlösungen

Welche Art von Legal Tech entwickelt also jemand, der 2018 erstmalig auf den B2B-Markt drängt? Richtig, eine schnell gebaute Nischenlösung für ein spezifisches Einzelproblem. Leider sind auch in diesem Bereich die Cash Cows schon weitgehend beansprucht. Die für die Due Diligence enorm relevante E-Discovery decken inzwischen in den USA Anbieter wie Ross Intelligence und in Deutschland Leverton ab. Dabei verfügen sie offenbar bereits über ausreichende Datenmengen, um kritische Klauseln mithilfe von AI zu erkennen. Gleichzeitig sind die Entwickler von Tools für einzelne Rechtsprobleme hier nicht stehen geblieben. Mittlerweile tummeln sich im B2B-Bereich gleichermaßen Anbieter für Vertragsgeneratoren, Bausätze für Prüfungsmechanismen in juristischen Standardfragen und Legal Chatbots.

So reizvoll solche Hilfsmittel jeweils sein mögen, so wenig greifbar sind die Einsatzgebiete, in denen Kanzleien und Rechtsabteilungen massenhaft derartige Tools für den regelmäßigen (!) Gebrauch benötigen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, wie viele Sozietäten bereit sind, BRYTER für sein Bausatzsystem regelmäßig eine Lizenzgebühr zu zahlen, damit man für häufig auftretende rechtliche Einzelfragen ein handliches Prüfungsmodul erstellen kann. Mir scheint es so, als ob es zumindest für die meisten mittelständischen Kanzleien attraktiver ist, Legal Tech Entwickler wie die DiRiSo zielgerichtet mit der Anfertigung einzelner inhouse Tools zu beauftragen und einmalig zu bezahlen.

Und bei dem Ansatz von BRYTER sprechen wir noch von einem einigermaßen universell einsetzbarem System; unter den Neugründungen finden sich auch etliche Unternehmen, die wesentlich engere Nischen bearbeiten. Der große Wurf scheint jedenfalls nicht dabei zu sein. Eher ist zu befürchten, dass hier ein reichliches Angebot auf eine verhaltenere Nachfrage trifft.

Was fehlt Legal Tech 2018

Das beachtlichste an der gegenwärtigen Entwicklung ist allerdings das, wonach man vergeblich sucht: eine Idee, die den Markt regelrecht umkrempelt. Auch 20 Jahre nach dem Boom der New Economy und dem Aufbruch ins Internetzeitalter fehlt im Rechtsdienstleistungsbereich etwas vom Format Amazons, Googles, Teslas. Es gibt zwar inzwischen im angelsächsischen Raum etwas breit gefächertere Portale wie DoNotPay oder Legalzoom, die Angebote für eine Vielzahl von Einzelproblemen bündeln. Strukturell unterscheidet sich ihr Service aber nicht von dem, den hierzulande Legal Tech Unternehmen in etwas zersplitterterer Form leisten.

Das heißt, dass weiterhin nur für einen Bruchteil der Rechtsprobleme genuine Legal Tech Lösungen abrufbar sind. Wo immer der streitgegenständliche Sachverhalt oder die Rechtslage etwas komplexer ausfällt und sich Fälle nicht so leicht schematisieren lassen, scheitert Legal Tech 2018 weiterhin. Und das dürfte nach wie vor die allermeisten Rechtsfragen betreffen. Nicht weil sich das Recht einer Schematisierbarkeit entzieht, sondern schlichtweg weil vielerorts die geringe Fallzahl oder die niedrigen Streitwerte oder Schwierigkeiten der Beweisbarkeit in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zur Entwicklung einer Legal Tech Anwendung stehen. Das beschränkt das Einsatzgebiet der Legal Technology vorerst auf Standardfragen und Massenverfahren.

Wie sich das ändern könnte, steht weiter in den Sternen. Man erahnt am Horizont zwar, dass eine ausgereifte künstliche Intelligenz von menschlichem Format (general AI) geeignet wäre, den menschlichen Anwalt umfassend zu ersetzen. Selbst die optimistischsten AI-Forscher gehen allerdings davon aus, dass wir von diesem Entwicklungsstadium künstlicher Intelligenz noch mindestens Jahrzehnte entfernt sind. Eine „Brückentechnologie“, die den Rechtsmarkt in der Zwischenzeit umkrempelt, zeichnet sich dagegen noch nicht ab. Aber erst wenn eine solche den Markt betritt, zieht die Rechtsdienstleistungsbranche wirklich mit dem E-Commerce und der Automobilindustrie und vielen anderen Sparten in Sachen Digitalisierung gleich. Für Gründer ist das allerdings eine gute Nachricht: So bleibt Legal Tech 2018 unverändert entwicklungsfähig.

Legal Tech Reviews

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Posted by Jacob Weizmann on
Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.

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Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

Dass Legal Tech für Fluggastrechte besonders häufig entwickelt wird, ist kein Zufall. Kaum eine anderes Rechtsgebiet bietet so dankbare Einstiegsvoraussetzungen für Legal Tech Applikationen. Die Rechtsmaterie erfüllt alle idealtypischen Bedingungen für eine rentable Automatisierung mit niedrigen Einstiegskosten. Das macht das Reiserecht zu einem ersten Einsatzgebiet der Legal Technology, das dem Endverbraucher nahesteht. Hier zeigt sich also schon heute, welchen Mehrwert die neue Technologie letztlich für den Kunden verspricht.

Was der Kunde von Legal Tech erwarten darf (die Hoffnung)

Ist der Aufwand für die Entwicklung eines Legal Tech Tools einmal aufgebracht, senken die eingerichteten Automatismen zur Rechtsdurchsetzung deren Kosten drastisch. Je weiter der Algorithmus die menschliche Prüfung und Korrespondenz übernimmt, desto weniger Personalkosten fallen noch an. Gleichzeitig dünnen sich die einmaligen Fixkosten der IT-Entwicklung bei wachsender Kundenzahl zunehmend auf die einzelnen Fälle aus. Unterm Strich besteht die Verheißung und damit auch das Disruptionspotenzial der Legal Technology schließlich darin, dass ihr Einsatz die Kosten für Rechtsdienstleistungen drastisch senkt. Legal Tech für Fluggastrechte, das heißt verkürzt, das Prinzip der Industrialisierung auf ein erstes Gebiet juristischer Massenverfahren anzuwenden. Economies auf Scale für den Rechtsmarkt.

Man sollte deshalb meinen, dass die Kostenersparnisse der Legal Tech für Fluggastrechte sich gerade auf Seiten der Kunden bemerkbar machen. Das gilt insbesondere, als beispielsweise das Fluggastportal Fairplane davon ausgeht, dass 90% der Flugreisenden ihren Anspruch auf Entschädigung nicht durchsetzen (siehe Screenshot mit dem Kommafehler in der Überschrift von Fairplanes Website). Gerade um aus diesem Reservoir neue Kunden zu gewinnen, wären attraktiv niedrige Kosten für entsprechende Rechtsdienstleistungen doch ein unschlagbares Verkaufsargument.

Laut Fairplane erreichen Fluggastportale bislang 90% der Betroffenen nicht.

Die Wirklichkeit 2017

Beachtliche Margen trotz Legal Tech für Fluggastrechte

Allein: So richtig preiswert sind die Leistungen der etablierten Fluggastentschädiger nicht. Die meisten Inkasso-Dienste behalten sich eine Erfolgsprovision von 25% zzgl. Mwst. ein, also knapp 30% des Wertes der Ausgleichsansprüche, die sie durchsetzen. So genannte Sofortentschädiger ersparen Betroffenen dagegen zwar immerhin die Wartezeit bis zur erfolgreichen Durchsetzung. Die Direktzahlungen, die sie Fluggästen anbieten, unterschreiten deren nominelle Entschädigungsforderungen allerdings in der Regel um ganze 35% plus Mehrwertsteuer. Unterm Strich bleiben dem Fluggast von seinem ursprünglichen Anspruchswert je nach Wartezeit bis zur Auszahlung nur 60-70%. Freuen darf sich dagegen das Fluggastportal über eine üppige Marge von 25-35%.

Das wirft eine Frage auf. Wie kommt ein solcher Preis für Rechtsdienstleistungen zustande, die vollkommen schematisiert ablaufen und sich fast vollständig automatisieren lassen? Mir fallen zwei Antworten ein. Entweder die Entschädigungsplattformen stützen sich gar nicht so sehr auf Legal Technology, wie in Interviews gern behauptet wird. Das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Wenn wir hingegen unterstellen, dass Legal Tech für Fluggastrechte nahezu bis zur Vollautomatisierung gediehen ist, dann gibt es für die derzeitige Marge nur einen plausiblen Grund, nämlich (kurzfristige) Gewinnmaximierung.

Es geht auch anders

Damit das nicht nur eine kühne Behauptung bleibt, hat die DiRiSo mit dem Portal Ersatz-Pilot den Beweis angetreten. Ersatz-Pilot gewährt etwa auf der Langstrecke Direktentschädigungen von 450 €; das entspricht 75% des nominellen Ausgleichsanspruchs eines Fluggastes. Und das ist erst der Anfang.

Dass die Differenz zur nominellen Forderungshöhe noch 25% entspricht, liegt daran, dass Ersatz-Pilot gerade erst damit anfängt, das Geschäftsmodell größer zu skalieren. Gerade für noch unvorhergesehene Komplikationen soll hierbei eine Liquiditätsreserve vorgehalten werden. Je mehr Fluggastrechte aber durchgesetzt werden, desto weiter kann Ersatz-Pilot die Marge zwischen Direktzahlung und Höhe des tatsächlichen Ausgleichsanspruchs abschmelzen.

Warum begnügen sich Kunden trotzdem mit hohen Service-Gebühren?

Derweil ist die Konkurrenz wahlweise immer noch auf etliche kostenintensive manuelle Arbeitsschritte angewiesen oder streicht die Vorteile der Legal Tech lieber selbst ein, als sie an Kunden weiterzugeben. Warum aber vertrauen sich solchen Anbietern trotzdem zahlreiche Kunden an? Mein erster Gedanke war: Alternativlosigkeit. Lieber 350 € von Compensation2Go oder dergleichen als 0 € von der Airline nach vergeblichen eigenständigen Durchsetzungsversuchen.

Dann fiel mir aber ein, dass dieses Bild doch recht pessimistisch gezeichnet ist. Außer in zweifelhaften Fällen und bei einigen hartnäckigen Airlines können Verbraucher ihre Forderungen durchaus erfolgsversprechend selbst durchsetzen. Oft ohne Gerichtsverfahren und mit einem Aufwand, der zwar durchaus hoch ist, aber für den es gewisse Hilfestellungen gibt. So führt beispielsweise eine kurze Google-Suche zu einer Vorlage für ein Aufforderungsschreiben gegen die Airline.

Ersatz-Pilot hat hierzu auf dem Unternehmensblog unlängst ein relativ ehrliches Rechenbeispiel präsentiert, wann es sich lohnt, Forderungen auf eigene Faust durchzusetzen, und ab welcher Höhe eher eine Sofortentschädigung Sinn ergibt. Daraus geht zwar auch hervor, dass ein eigener Aufwand dort nicht gerechtfertigt ist, wo die Direktzahlung nur geringfügig hinter der vollen nominellen Forderung zurückbleibt. Genau das ist aber bei den etablierten Fluggastportalen gerade nicht der Fall. Hier entgehen dem Kunden horrende Anteile seines Ausgleichsanspruchs. Warum lässt er sich trotzdem darauf ein?

Irreführende Werbung

Eine vollständige Antwort kann ich nicht leisten. Vermutlich spielt aber der Umstand eine gewisse Rolle, dass die allermeisten die eben skizzierten Details gar nicht kennen. Und dafür tragen viele der selbsterklärt verbraucherschützenden Fluggastportale eine Mitschuld. Streckenweise gewinnt man den Eindruck, was an attraktiven Konditionen fehlt, wird durch irreführende Werbung kompensiert. Um zu verdeutlichen, woran ich das festmache, habe ich nachstehend eine Collage von Werbeaussagen führender Anbieter zusammengetragen. Alle Screenshots wurden am 22. September 2017 aufgenommen.

600 € Fluggastentschädigung?

Besonders beliebt ist in der Werbung etlicher Fluggastportale die Halbwahrheit, Fluggästen stünden bis zu 600 € Entschädigung zu. Halbwahr ist das insofern, als 600 € zwar der nominellen Höhe eines Ausgleichsanspruchs entspricht, alle Anbieter, die damit werben, aber hiervon natürlich 20-40 % Provision zzgl. Mwst. abziehen.

Besonders perfide ist die Adwords-Werbung von Fairplane, wo es heißt „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 600 € zurück“. Auf der Seite selbst erfährt man hingegen, dass Kunden von Fairplane aufgrund einer Provision von 176,40 € auch bei entschädigungsberechtigten Langstreckenflügen nur maximal 423,60 € erhalten. Aber ich vermute, „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 423,60 € zurück“ klingt einfach nicht mehr spektakulär genug.

Auszahlung in weniger als 24 Stunden?

Eine Spezialität der so genannten Sofortentschädiger besteht darin, dass sie mit Auszahlungen binnen 24 Stunden werben.

Auch das ist im besten Fall halbwahr und im ungünstigen Fall schlichtweg falsch. Halbwahr sind solche Darstellungen insofern, als die fraglichen 24 Stunden nicht etwa nach Abschicken des Online-Formulars zu laufen beginnen, sondern erst nach Bestätigung des Entschädigungsgesuchs. Bis wann eine solche zu ergehen hat, regeln die meisten „Sofortentschädiger“ nicht mit starren kurzen Fristen. Realistischer wäre es also, von einer Zahlung einige Tage nach erstmaliger Kontaktaufnahme durch den Fluggast zu sprechen. Dann allerdings könnte man sich wahrscheinlich nicht mehr mit dem Prädikat „Sofortentschädigung“ schmücken.

Im Übrigen verraten die AGB bei EU-Flight übrigens, dass mit einer Entschädigung auch nach deren Zusage nicht etwa binnen eines Tages, sondern binnen 14 Tagen zu rechnen ist.

Etwas sofortiger entschädigt hingegen laut AGB Compensation2Go. Hier räumt man sich nach Bestätigung des Entschädigungsantrags einen Werktag Zeit ein. Zumindest an Sonn- und Feiertagen wird es hingegen eng mit den beworbenen 24 Stunden.

Die angegebene Auszahlungsfrist einzuhalten, dürfte wirkaufendeinenflug.de sogar noch schwerer fallen. Der Sofortentschädiger geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht gar von einer Auszahlung „in nur drei Stunden“.

Ich bin gespannt, ob um 4 Uhr nachts mein Geld angewiesen wird, wenn ich um 1 Uhr alle Unterlagen und Angaben für meinen entschädigungsberechtigten Flug einreiche. Deshalb verlängert man das Zeitfenster für die Auszahlung vorsorglich auf 24 Stunden. Ob sich zumindest dieser Rahmen durchgehend einhalten lässt? Wirkaufendeinenflug.de scheint sich hier selbst nicht so sicher zu sein und präsentiert weiter unten auf der Startseite im FAQ-Bereich andere Zahlen:

Statt eine „Sofortentschädigung“ zu bewerben, wäre es insofern ehrlicher, von einer zeitnahen Entschädigung zu sprechen. Das hingegen klingt womöglich nicht mehr so verlockend.

Anspruchsprüfung in nur zwei Minuten?

Unabhängig von Auszahlungshöhe und -wartezeit fallen Werbeaussage und Wirklichkeit noch in einem anderen Punkt auseinander. Heruntergespielt wird häufig der Aufwand, um das Entschädigungsformular online auszufüllen und weitere Rückfragen zu beantworten. Wirkaufendeinenflug.de spricht von zwei Minuten Prüfungsdauer im Online-Prozess (s.o.). So viel Zeit braucht der Otto-Normal-Bürger schon allein dafür, sein Ticket rauszusuchen, um die abgefragten Angaben treffen zu können. Dennoch wirbt selbst der Marktführer Flightright damit, die Eingabe würde nur zwei Minuten dauern.

Das ist gerade deshalb überraschend, weil Geschäftsführer Dr. Kadelbach selbst die Prüfungsdauer des Abfrageprozesses auf acht Minuten bezifferte, als das neue Prüfungstool vor einigen Monaten implementiert wurde. So ergibt es sich aus einer Pressemitteilung, die auch vom Legal Startups-Blog aufgegriffen wurde. Diese Zeitangabe deckt sich auch in etwa mit der Dauer, die es braucht, um probehalber einen Fall mit Flightrights Entschädigungsrechner durchzuprüfen und das Formular zu vervollständigen.

Flightright hat das im Frühjahr angekündigte eigene Sofortentschädigungskonzept Flightright Now offenbar nie realisiert. Deshalb bleibt es im Übrigen auch nicht einmal bei der achtminütigen Vervollständigung des Online-Formulars. Bis eine Forderung nämlich nach dem Inkasso-Modell durchgesetzt und ausgezahlt wird, vergehen Wochen bis Monate, in denen ein Kunde über die erforderliche Korrespondenz mit Flightright (z.B. für Rückfragen) weiterhin mit der Angelegenheit befasst ist. Von bloßen zwei Minuten Aufwand kann also keineswegs die Rede sein.

Weitere Fundstücke

Unterm Strich bleibt die Wirklichkeit letztlich bei etlichen Fluggastportalen ernüchternd weit hinter den Werbeslogans zurück. Ausgezahlt wird weniger Entschädigung als suggeriert nach längerer Wartezeit als angedeutet und bei höherem Eigenaufwand als versprochen. Damit aber nicht genug. Auch an anderer Stelle übertreibt die Werbung gerne einmal oder stellt Umstände schlicht falsch dar.

Gerne stellen Fluggastportale Alleinstellungsmerkmale heraus, mit denen sie gar nicht so alleine dastehen. EUFlight berühmt sich beispielsweise, der einzige reine Sofortentschädiger zu sein. Dabei trifft das ebenso auf Compensation2Go und Ersatz-Pilot zu.

Besonders beeindruckend ist zuletzt die Seite „deinflugrecht.de“. Sie steht ganz offensichtlich dem Unternehmen Fairplane nahe, zumal alle Links zur Anspruchsprüfung auf Fairplanes Website verweisen.

Dass es sich bei deinflugrecht.de um ein ganz neutrales Vergleichsportal handelt, wird man vermutlich ausschließen können. Dafür lobt die Seite Fairplane zu einseitig, obwohl der Anbieter selbst in der Gegenüberstellung verschiedener Websites auf deinflugrecht.de keineswegs in allen Kategorien brilliert und beispielsweise nicht die niedrigste Provision verlangt. Aber wie nah steht deinflugrecht.de Fairplane genau? Das herauszufinden, ist gar nicht so einfach. Denn die Unterseiten zum Impressum und die Rubrik „Über Uns“ sind vollkommen leer. Ein Schelm, wer da an Affiliate Marketing denkt.

Etikettenschwindel statt echter Legal Tech für Fluggastrechte?

Wie muss man solche irreführenden bis falschen Werbeaussagen verstehen? Klar wird, dass viele Fluggastportale es beim Marketing offenbar mit der Wahrheit nicht übergenau nehmen. Natürlich sollte man den Befund gleichzeitig auch nicht überdramatisieren. Unachtsamkeiten passieren und selbst kalkulierte Verzerrungen sind zwar nicht immer anständig, aber eben trotz dessen zulässig. Also doch alles im Rahmen? Nun ja. Obwohl für das Marketing andere Maßstäbe als für die Wissenschaft gelten, stößt es doch aus zwei Gründen bitter auf, wenn statt wirklicher Legal Tech für Fluggastrechte auf diesem Markt Kunden eher mit halbwahren Versprechungen geködert werden.

Zum einen sind die Zielgruppe Verbraucher, denen Fluggastportale gerade deswegen Hilfe anbieten, weil bereits Fluggesellschaften ihr Unwissen ausnutzen, indem sie ihre Entschädigungsberechtigung oft verschweigen. Es wäre deshalb zu begrüßen, wenn die verbraucherschützenden Plattformen ein höheres Maß an Transparenz an den Tag legen. Zum Beispiel, indem sie Fluggästen von vorn herein ehrlich kommunizieren, wie viel Entschädigung sie wann erhalten und wie viel Aufwand ihnen dafür insgesamt tatsächlich entsteht. Sicherlich birgt das die Gefahr, dass etliche Kunden ihre Rechte stattdessen selbst durchsetzen, weil ihnen dann bewusster würde, dass die bisherigen Konditionen der meisten Anbieter doch nicht so attraktiv sind. Genau hierin besteht aber der zweite Grund, wieso die bisherige Werbepraxis so unangenehm wirkt. Denn eigentlich erhofft man sich gerade von Fluggastportalen, dass sie Kunden durch die Vorteile von Legal Tech für Fluggastrechte gewinnen und nicht durch Augenwischerei.

Legal Tech Reviews

Warum so viele Legal Tech Fluggastentschädiger?

Posted by Jacob Weizmann on
Warum so viele Legal Tech Fluggastentschädiger?

Legal Tech Fluggastentschädiger, besser bekannt als Fluggastentschädigungsplattformen, sind trotz ihrer Branche nicht für ihren Jetset-Lifestyle bekannt. Schon ihre Bezeichnung ist ein sprachliches Monstrum. Und auch die Branchenvertreter ähneln nicht gerade Rockstars. Nicht einmal nach dem Maßstab der Startup-Szene. Sieht man einmal von erlesenen Ausnahmen des Typus Dr. Kadelbach ab, brauchen sich Legal Tech Fluggastentschädiger keine Chancen auf schnelle Internet-Millionen ausrechnen.

Das Geschäftsmodell hat schon wegen des Nischencharakters des bearbeiteten Rechtsgebiets kein Unicorn-Potenzial. Auch besonders hip wirkt die Sache nicht. Durch eine EU-Verordnung erzeugte Mikroforderungen aufzukaufen, macht verspätungsgeplagten Flugreisenden das Leben etwas leichter. Disruption oder gar Weltrettung geht von diesem Konzept allerdings nicht aus.

Weshalb also gehen aus den Reihen der Entwickler von Legal Tech Fluggastentschädiger hervor und nicht in gleichem oder größerem Maße AI Labore oder Smart Contract Coder? Im ersten Moment gibt die Frage Rätsel auf. Bei näherem Hinsehen erschließt sich aber ein einleuchtender Grund dafür, wieso die ersten Anwendungsfälle der Legal Technology so häufig schnöde Fluggastrechte betreffen und so selten visionäre Projekte. Man vergleiche nur die Rahmenbedingungen, um das eine oder das andere Geschäftsmodell zum Erfolg zu führen.

Rahmenbedingungen der Legal Tech Fluggastentschädiger

Blickt man auf die juristische und wirtschaftliche Ausgangslage, zeichnen sich Fluggastentschädigungsplattformen vor allem dadurch aus, dass einerseits die Einstiegshürde für ihre Entwicklung niedrig ist und andererseits das Massengeschäft mit Flugunregelmäßigkeiten kalkulierbare Gewinne verspricht.

1. Der rechtliche Rahmen erleichtert die technische Umsetzung einer Automatisierung.

Voraussetzungen und Rechtsfolgen des Entschädigungsmechanismus gemäß FluggastrechteVO sind überschaubar. Die Komplexität des Prüfungsalgorithmus und damit sein Entwicklungsaufwand halten sich in Grenzen. Sämtlich lassen sich die Anspruchsbedingungen in einem schematisierten Abfrageprozess erfragen. Es fehlen im Übrigen subjektive Tatbestandsmerkmale, die sich einer Typisierung entziehen.

Dank gut gepflegter Flugdatenbanken mit API-Schnittstelle ist überdies die Beweiserhebung automatisierbar. Ohnehin genügt dank der Beweislastverteilung eine geringfügige Dokumentation, um Ansprüche auf Fluggastentschädigung zu plausibilisieren.

2. Auch die wirtschaftlichen Gegebenheiten begünstigen ein Geschäftsmodell zur automatisierten Anspruchsprüfung und -durchsetzung.

Die geringe Höhe der Entschädigungsforderungen einzelner Fluggäste macht eine klassische manuelle Rechtsverfolgung unlukrativ. Mitbewerber in diesem Segment der Rechtsdienstleistung sind ohnehin nur Anbieter, die wenigstens teilautomatisiert Forderungen bearbeiten.

Die pauschale Höhe der Ersatzansprüche und die Zahl der anspruchsbegründenden Flugunregelmäßigkeiten formen gleichzeitig einen Massenmarkt. Eine Standardisierung der Verfahren drängt sich auf.

Rahmenbedingungen für Entwickler fortgeschrittener Legal Tech

Demgegenüber versprechen Konzepte wie Smart Contracts und AI zwar weitaus phänomenalere Gewinne. Der nötige Aufwand bis zu ihrer Marktreife ist jedoch kaum überblickbar und auch im günstigen Fall hochgradig kostenintensiv. Diese immensen Entwicklungskosten ohne verlässliche Quantifizerbarkeit der Gewinne bedeuten für Investitionen und Moonshots eine unheilvolle Kombination. Anders als Mark Zuckerberg kann ich mich als Jurastudent nicht einfach für ein paar Monate an den Schreibtisch setzen und ein juristisches Pendant zu Facebook schaffen. Hatte die Urversion von Facebook nämlich bereits das Potenzial, von sich aus zu wachsen, hat beispielsweise ein erster exemplarischer Teilabschnitt einer Computersprache für Smart Contracts diesen Mehrwert noch nicht.

Es verhält sich damit halt eher so wie mit der Entwicklung der ersten motorisierten Flugmaschinen. Die Apparate der Gebrüder Wright versprachen auf absehbare Zeit noch keinen ROI. Dass sie sie dennoch über Jahre unbezahlt entwickelt haben, war dem Umstand geschuldet, dass sie sich diesem Vorhaben in ihrer Freizeit widmen konnten, während ihre Fahrradwerkstatt ihnen ihr reguläres Auskommen sicherte. Dabei ist leicht nachzuvollziehen, dass weniger Leute ihr Side Project zur Größe treiben, als Jungunternehmer eine Idee realisieren, deren Rentabilität in greifbarer Nähe liegt und die es deshalb erlaubt, ihr in Vollzeit nachzugehen.

Natürlich wird sich gelegentlich auch ein Investor finden, der selbst ein kühnes Geschäftsmodell finanziert, obwohl es eine jahrelange R&D-Phase voraussetzt, an deren Anfang völlig ungewiss ist, ob an ihrem Ende ein verwertbares Produkt steht. Zwar liefert gerade die Geschichte der Luftfahrt hierfür ein Beispiel. Dessen Ausnahmecharakter bestätigt aber eher die Regel. Business Angels waren damals die Streitkräfte der Großmächte, die das militärische Potenzial der Flugzeuge reizte und deren Kriegskassen es zuließen, verhältnismäßig futuristische Technologien zu fördern.

Expeditionsökonomie im Legal Tech Kosmos

In der Summe kann man aber feststellen, dass riskante, kostenintensive Investments in visionäre, jedoch allenfalls langfristig rentable Geschäftsmodelle eher Seltenheitswert haben. Die meisten Unicorns verdanken ihren Aufstieg hingegen der Tatsache, dass sie bereits mittelfristig überzeugende Geschäftszahlen vorlegen konnten. Auch ein Unternehmen wie Deepmind hätte wohl kaum Googles Aufmerksamkeit geweckt, wäre nicht als überzeugender Zwischenschritt das Spiel Space Invaders dominiert worden. Im juristischen Kosmos fehlt hingegen noch der Ansatz für eine Marsmission mit Zwischenlandung auf dem Mond. Wer seine juristische Vision verwirklichen will, dem bleibt bisweilen nur übrig, direkt zum roten Planeten zu fliegen.

Legal Tech Fluggastentschädiger bewegen sich hingegen auf überschaubarerem Terrain; sie sind die Space Shuttles der Legal Technology. Der Einsatz ist niedrig, die Rückflüsse sind berechenbar. Das dürfte der Grund sein, warum sich so viele Startups gerade auf diesen Markt drängen.

Aber auch wer in der Legal Tech Branche höher hinaus will, ist m.E. zunächst gut auf diesem Geschäftsfeld aufgehoben. Es ist eine Spielwiese, um an unterkomplexen Fallkonstellationen die Funktionsweise IT-gestützter rechtlicher Prüfungsprozesse kennen zu lernen. Derartiges Know-how dürfte sich auch bei ambitionierteren Projekten bezahlt machen. Genau deswegen hat die DiRiSo mit Ersatz-Pilot ebenfalls ein Pilotprojekt in den Wettbewerb der Legal Tech Fluggastentschädiger entsandt (wir berichteten). Immerhin gibt es für diese Vorgehensweise ein prominentes Vorbild. Einer ähnlichen Überlegung folgt SpaceX mit seinen Versorgungsflügen zur ISS, ehe Mond und Mars ins Auge gefasst werden.

Legal Tech Reviews

Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Posted by Jacob Weizmann on
Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Begriffe zu klären und beispielsweise ein Legal Tech Startup zu definieren, ist grundsätzlich keine Aufgabe dieses Blogs. Hierfür leisten Enzyklopädien wie die Wikipedia meist schon hervorragende Arbeit. Jedenfalls, wenn es um die Denotation eines Begriffs geht. Problematisch wird es nur, wenn die Konnotation Überhand nimmt. Doch genau das ist bei dem Label „Legal Tech Startup“ allmählich der Fall. Aber der Reihe nach.

Die Denotation

Wikipedia definiert ein Startup als „ein junges Unternehmen (…) , das vor allem durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet wird: Es hat eine innovative Geschäftsidee bzw. Problemlösung – und die Unternehmensgründung erfolgt mit dem Ziel, stark zu wachsen und einen hohen Wert zu erreichen. Die Finanzierung wird dabei häufig wegen der Risiken nicht über klassische Banken organisiert, sondern über Förderbanken und innovative Finanzierungsformen wie etwa Venture- und Seed-Kapital und Crowdfunding.“

Wenn wir den Finanzierungsaspekt einmal ausblenden, dann ist zum Beispiel DiRiSo nach dieser Begriffsbestimmung ein Startup. Da DiRiSo Legal Tech Produkte anbietet, genauer gesagt ein Legal Tech Startup. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt man mit der Definition der Plattform Gründerszene, zumal sie keine spezifische Finanzierungsart voraussetzt.

Was konnotiert der Begriff Legal Tech Startup?

Der Erklärungsansatz von Gründerszene lässt jedoch gleichzeitig durchscheinen, weshalb die Einordnung als Legal Tech Startup dennoch schwerfällt, selbst wenn die Denotation des Begriffs exakt auf ein Unternehmen zutrifft. So heißt es auf dem Portal: „Denkt man an ein Startup, existiert bei vielen das klischeehafte Bild im Kopf, wie potenzielle Gründer ihre großartigen Ideen während Nachtschichten in unauffälligen Garagen entwickeln, um sie anschließend auf den Markt zu bringen.“ Hier beginnt dann bereits die Konnotation des Begriffs Legal Tech Startup. Oder besser: Hier begann sie.

Failure Culture

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, mobilisierte man das positive Bild der Garagentüftler Gates, Jobs & Co. in Deutschland zunächst in der New Economy Zeit in großem Stil. Das ergab damals durchaus Sinn, waren deutsche Startups doch bis dahin wahlweise nicht-existent oder noch unter dem medialen Radar. Was man hierzulande über Startups wusste, kannte man also aus dem Ausland (lies: USA). Und da die Geschichte typischerweise von den Siegern geschrieben wird, wusste man von Microsoft, Apple, Google und Amazon, nicht hingegen von der Legion schon damals gescheiterter Startups. Wer sich als Startup bezeichnete, konnte sich daher anfangs glaubhaft in die Traditionslinie von Gates, Page und Musk stellen.

Auch seit sich in Deutschland eine eigene Startup-Szene etabliert hat, liest man weitaus seltener von Pleiten als von Neugründungen. Aber das allein genügt, damit sich die öffentliche Wahrnehmung zu Startups nach meinem Empfinden anfängt zu drehen. Auf 100 Berichte zu Gründungen kommt im Folgejahr nur noch ein Bruchteil von Erfolgsberichten. Was mit den nicht erneut genannten Unternehmen passiert, kann man sich denken. Der Comedian Harry G brachte das Phänomen im vergangenen Jahr auf die Formel: „95 Prozent aller Startups san ein riesen Schei*dreck!“

Phrasendrescherei

Und nicht nur die Aura einer Tendenz zur Erfolglosigkeit umgibt inzwischen den Begriff Startup bzw. Legal Tech Startup. Auch die Wunderwaffen der Startup-Kultur lösen bei den meisten Betrachtern eher Kopfschütteln aus. Da ist zum einen der Hang zur Überhöhung vermeintlich innovativer, tatsächlich alteingesessener Modelle. Ein Pausenraum bleibt ein Pausenraum, auch wenn man ihn Break-Out-Room nennt. Ein Gemeinschaftsbüro verleiht den Insassen keine magischen Produktivkräfte, selbst wenn man es euphemistisch als Co-Working-Space tituliert. Die Bezeichnung Business Plan macht ein Unternehmenskonzept nicht schon wegen seiner Überschrift innovativer. Ein CEO ist nicht per se ein besserer Geschäftsführer. Und je mehr das dem Publikum auffällt, desto mehr blättert der Lack von den Anglizismen ab.

Voodoo als Form der Unternehmensführung

Ob aus Mut der Verzweiflung oder aus Experimentierfreude neigen Startups zudem zu unkonventionellen Arbeitsweisen, besser: zu kultähnlichen Handlungen bei der Arbeitsbewältigung. Nicht gemeint sind harmlose Beispiele wie der semi-fakultative Yoga-Kurs in der Pause als Zwangsmaßnahme zur Entspannung. Ich denke eher an Seminare zur „Fortbildung“ mit Gemeinplatz-Vorträgen obskurer Business-Coaches und kollektiven Happenings inklusive rhythmischer Trommeleinlagen der Belegschaft. Das ist – hoffe ich – eine Extremform. Weiter verbreitet dürften hingegen beispielsweise Brainstorming-Übungen sein, bei denen zwanzig Mitarbeiter einen Tag lang im Stuhlkreis sitzen und Ideen an Flipcharts pinnen. Was sich im ersten Moment spaßig anhört, steht in keinem Verhältnis zu den Kosten. Der Kunde oder das Firmenkonto wird begeistert sein, wenn für ein paar zusammengetragene Bullet Points 20×8 zu bezahlende Arbeitsstunden ins Kontor schlagen. Alternativ kann man die Kosten natürlich den Mitarbeitern aufbürden, indem man sie hierzu zu einem unvergüteten Wochenendsseminar bittet.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn mir solche Konzepte als wegweisend präsentiert werden, habe ich immer eine gewisse Assoziation. Der Verschwörungstheoretiker Axel Stoll wurde bekannt durch seine unfreiwillig komische Sentenz: „Chemie ist Physik. Biologie ist Physik. Magie ist Physik durch Wollen.“ Für mich klingen Stuhlkreis, rhythmisches Trommeln und Flipcharts angelehnt daran immer sehr nach „Ökonomie durch Wollen“. Dabei will ich gar nicht ausschließen, dass es Unternehmen gibt, die solche Methoden durchaus erfolgreich anwenden. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle haben wir es doch bestenfalls mit einem Drittvariableneffekt zu tun. Selbst wenn ein Unternehmen mit Startup-Kult Erfolg hat, dann beruht er vermutlich auf den Überstunden nach der innovativen Ideenfindung, dem teambildenden Kickermatch oder dem monatlichen World Cáfe.

Legal Tech Startup ohne Konnotation?

Diese Negativaspekte der Startup-Szene sind natürlich unproblematisch, solange ein Legal Tech Startup zu benennen ist, was auch solche Merkmale aufweist. Schwieriger wird es bei Unternehmen wie DiRiSo, die der Definition nach als Legal Tech Startup gelten, sich von der konnotierten Kultur aber distanzieren. Sicherlich wird man hier immer noch im weiteren Sinne von einem Startup sprechen können. Adäquater scheint aber eine neue Begriffsprägung. Zumindest auf diesem Blog möchten wir deshalb auf die Bezeichnung „Legal Tech Unternehmen“ zurückgreifen, um DiRiSo & Co. zu beschreiben. Denn die Legal Technology verspricht schon ihrer Grundidee nach hohe Wachstumspotenziale und ihre Branche ist ohnehin so jung, sodass man begrifflich nicht gesondert darauf hinweisen muss. Mithin zerfällt die Legal Tech Szene gemäß unserer Begriffswahl in hippe Legal Tech Startups und Legal Tech Unternehmen mit einer traditionelleren Geschäftskultur. Man könnte auch sagen, mit Old Economy Tugenden in einem New Economy Geschäftsmodell.