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Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Posted by Jacob Weizmann on
Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Vor knapp zwei Monaten entspann sich um das Startup Geld für Flug einer der kuriosesten Vorfälle in der Legal Tech Szene. Es jagten einander zwei Paukenschläge, die für sich genommen schon rekordverdächtig sind. Noch erstaunlicher wird die Geschichte wohl aber dadurch, dass zwischen ihnen gerade einmal zwei Tage lagen. Was ist hier eigentlich passiert?

Die Ursprünge: Wo Geld für Flug herkommt

Unternehmensgründung

Die Fluggastentschädigungsbranche floriert bereits, da tritt 2017 ein neues Unternehmen auf den Plan: Geld für Flug. Mit seinem Geschäftsmodell richtet es sich zwar ebenfalls an Fluggäste, weicht aber von der Ausrichtung bisheriger Anbieter ab. Geld für Flug kauft keine Ausgleichsforderungen für Flugunregelmäßigkeiten, sondern Erstattungsansprüche für Ticketstornierungen. Damit erschließt das Startup einen Markt, auf dem ansonsten nur ein einziger Konkurrent agierte: der Fairplane-Dienst ticketrefund.de.

Und offenbar stellen sich alsbald die Erfolge ein. Nach eigener Aussage kauft das Startup bereits im ersten Jahr 10.000 Ansprüche auf und setzt sie gegen Airlines durch. 97% der Klagen wurde dem Vernehmen nach stattgegeben. Mitarbeiter wurden eingestellt, ein Büro in Düsseldorf bezogen. Wachstum wie am Reißbrett.

Lebensläufe

Gewissermaßen schreiben die Gründer damit ihre privaten Erfolgsgeschichten fort. Benedikt Quarch, der Jurist im Gründerteam, brillierte beispielsweise mit 15,6 Punkten im ersten juristischen Staatsexamen (2016). Und das schon als 22-Jähriger. Rechnet man das einmal zurück, zählt er zum ersten oder zweiten Jahrgang der EBS Law School in Wiesbaden und war bei Studienbeginn vermutlich höchstens 18 Jahre jung.

Für diese Station in der Vita gibt es zwei Lesarten. In Hamburg spöttelt man vermutlich, für die Bucerius Law School hätte es nicht gereicht und so sei es halt die EBS geworden – Hauptsache Privathochschule. Angesichts des hervorragenden Examensergebnisses sollte man allerdings eher neidlos feststellen: Vor allem steckt reichlich Pioniergeist dahinter, in diesem Alter eine völlig neu eingerichtete im Aufbau befindliche Fakultät zu wählen und dort schneidig sein Studium durchzuziehen.

Nebenbei erwarb Quarch übrigens noch einen BWL-Master und gründete eine Beraterbutze Agentur für Social Media. Was man halt so neben der Examensvorbereitung macht.

Ich muss schon sagen, die Geschäftsführer von Geld für Flug bohren überwiegend dicke Bretter. Jedenfalls wenn die ganzen Zahlen und Fakten stimmen, aber erst einmal habe ich keinen Grund, das zu bezweifeln.

Der große Wurf: Rekordinvestition in Geld für Flug

Persönlich und geschäftlich haben die Gründer schon bis 2018 eine beachtliche Karriere hingelegt. Doch was nun folgte, wirkt nicht mehr bloß wie eine Anekdote von Musterschülern, sondern erinnert eher an die Mythen von Einhornzüchtern aus dem Silicon Valley. Kein Jahr nach der Gründung empfing Geld für Flug eine Finanzierungsrunde, deren Volumen mit 25 Mio. Euro für die deutsche Legal Tech Szene vermutlich alles bisher dagewesene in den Schatten stellt. Ich sage bewusst, man „empfing“ diese Investition. Denn laut den Gründern musste man sich darum nicht einmal bewerben. Glaubt man der Darstellung, kam Herr Maschmeyer von sich aus auf das Startup zu und fragte, ob er investieren dürfte. Wer auf Vox in der Höhle der Löwen um eine Audienz bittet und auf Knien 250.000 Euro Seed-Money erhustlelt anfragt, fällt bei so etwas wahrscheinlich vom Glauben ab.

Im Fall von Geld für Flug lesen sich die Berichte zur Finanzierungsrunde dagegen wie trockener Wirtschaftsjournalismus. Das steht im Handelsblatt zwischen Meldungen über Milliarden-Konsortialkredite für Großunternehmen und neuen M&A-Deals internationaler Konzerne. Für normale Legal Tech Startups klingt die Entwicklung geradezu sensationell. Dass die Nachricht bei Geld für Flug stattdessen mit der Nonchalance des Wetterberichts vorgetragen wird, spricht dafür, dass Gründer und Reporter das Unternehmen bereits in einer anderen Liga sehen. Gerade die Nüchternheit der Handelsblatt-Mitteilung vom 18. März bezeugt eindrucksvoll den Aufstieg vom Sandkasten in die Königsklasse, von 0 auf 100 in unter zwölf Monaten.

Schwindelerregend war hierbei nicht nur die Flughöhe, sondern ebenso die Zeit, in der Geld für Flug auf dieses Niveau geschossen war. Ich kannte offen gestanden bis vor zwei Monaten nicht einmal den Namen des Unternehmens. Und das obwohl wir bei DiRiSo von Berufs wegen schon ein wenig mit Fluggastportalen zu tun haben. Ähnlich ging es scheinbar den Kollegen beim Legal Tech Blog, dem Zentralorgan der Legal Tech Szene. Hier datiert die erste Auseinandersetzung mit dem Startup vom 30. April. Man muss sich das so vorstellen: Man erfuhr, dass die Branche gerade überflügelt wurde, ehe man wusste, von wem.

Ein unerwartetes Problem

Genauso blitzartig ging die Entwicklung dann weiter. Überrumpelt wurden diesmal auch die Gründer selbst. Nur zwei Tage nach Vermeldung der Rekordinvestition fasste der BGH das erste Grundsatzurteil zu jenem Regelungskomplex, auf dem das Geschäftsmodell von Geld für Flug fußte.

Dass das Unternehmen so lukrativ stornierte Ticketpreise gegen die Fluggesellschaften einfordern konnte, beruhte im Wesentlichen auf dem Zweifel einiger Instanzgerichte an der Wirksamkeit von Stornierungsklauseln. Die entsprechende Rechtsprechung hielt es für unzulässig, dass die AGB günstiger Tarife eine Erstattung bei Stornierung ausschließen. In der Folge konnte Geld für Flug reihenweise Rückzahlungen durchsetzen. Gegenrechnen durfte die Airline höchstens einen nicht ersparten Aufwand, wenn ein leerer Platz im Flieger nicht anderweitig besetzt wurde.

Dieser Urteilspraxis bereitete der BGH am 20. März ein jähes Ende (Urt. v. 20. März 2018, Az.: X ZR 25/17). Das Gericht entschied: Wer zum Spartarif bucht, der zahlt dafür den „Preis“, dass er bei Stornierung die Ticketkosten eben nicht weitgehend zurückverlangen kann. Abgesehen von Steuern und Gebühren, die mangels Flugantritt der Airline erspart bleiben, muss eine Fluggesellschaft hiernach nichts mehr zurückzahlen. Da Steuern und Gebühren sich pro Person für die allermeisten Flüge auf 30-80 € belaufen, verursachen sie meist nur einen Bruchteil des Ticketpreises. Geld für Flug argumentiert in dieser Situation natürlich durchaus zutreffend, dass bei manchen Billigfliegern über die Hälfte der Kosten aus Steuern und Gebühren resultieren. Das ändert aber nichts daran, dass es in absoluten Zahlen nur um jeweils 30-80 Euro geht, von denen Geld für Flug zudem noch die eigene Provision einbehält.

Die Konsequenz

Es ist dennoch nachvollziehbar, wenn sich das Startup nun kämpferisch gibt und ankündigt, das Geschäftsmodell irgendwie weiterzuführen. Die harten Fakten mischen die Karten aufgrund des Urteils nun aber erstmals zu Ungunsten des Gründertrios – und zwar deutlich. Denn mal ehrlich: Wen interessiert eine Erstattung von 40 €, von denen Geld für Flug dann noch einmal 10-20 € für sich abzieht? Wie viele zigtausend Fälle dieser Größenordnung muss das Unternehmen abwickeln, um mit solchen Mikro-Margen die laufenden Kosten zu decken? Wie fern liegt es noch, dass die Airlines einfach freiwillig diesen Bruchteil vom Ticketpreis auszahlen und damit den Markt für Factoring-Dienste endgültig zerstören?

Der einzige Konkurrent Ticketrefund hat deshalb schon erklärt, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Geld für Flug schaltet unterdessen auch keine Adwords-Werbung mehr. Es hat den Anschein, als sei der kometenhafte Aufstieg beendet – um es vorsichtig auszudrücken.

Fazit?

Ich weiß noch nicht ganz, welche Lehre man aus der Geschichte ziehen soll. Im ersten Moment schien mir der Vorfall die Ambitionen der gesamten Legal Tech Branche zu dämpfen, der es noch immer an einer Lichtgestalt vom Format Airbnbs oder Amazons fehlt. Gerade angesichts der aussichtsreichen Lebensläufe der Gründer lag diese Lesart nahe.

Bei näherer Betrachtung war die Millionen-Investition allerdings viel überraschender als das Urteil des BGH. Denn wer eine Rechtsdienstleistung auf einem Markt ohne gefestigte Rechtsprechung anbietet, der sichert sich zwar den first-mover Vorteil. Ebenso sehr riskieren Pioniere aber auch, dass höhere Gerichte ihrem Geschäftsmodell alsbald den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Causa Geld für Flug liefert hierfür leider ein warnendes Beispiel.

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DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Posted by Jacob Weizmann on
DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Auch wenn diese Seite der DiRiSo zugerechnet wird, berichten wir hier getreu unserem Blogkonzept kaum über deren Geschäftsaktivitäten. Dafür haben die Geschäftsführer kürzlich die DiRiSo im Interview vorgestellt. Und das gleich zweimal. Wer sich also dafür interessiert, was das Legal Tech Unternehmen hinter diesem Blog eigentlich genau tut, dem seien folgende beiden Artikel ans Herz gelegt, die die DiRiSo im Interview porträtieren.

Links

Einmal auf Startup Valley vom 4.12.2017.

Und einmal auf selbstaendigkeit.de vom 12.01.2018.

 

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Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Posted by Jacob Weizmann on
Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Diese Woche erklärte Justizsenator Dirk Behrendt im Handelsblatt, die Justizministerkonferenz erwäge, eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech zu schaffen. Der Aufschrei aus der Legal Tech Szene ließ nicht lange auf sich warten. Versiert konterten Fiedler, Grupp und Schimang aus Frankfurt. Auch Legal Tech Papst Markus Hartung von der Bucerius Law School brachte sein Unverständnis auf Twitter zum Ausdruck.

Stand der Diskussion über die Aufsichtsbehörde für Legal Tech

Lagerbildung

Die Fronten sind damit geklärt. Ich will es einmal etwas karikiert ausdrücken. Auf der einen Seite stehen technophobe Handakten-Anwälte und Großkanzlei-Veteranen mit Liebe fürs Diktiergerät, aber wenig Sinn für Automatisierung, die ihnen am Ende noch ihre 500 € Stundensätze fürs Paraphrasieren aus Gesetzeskommentaren kaputtmacht. Der Tendenz nach zählen zu ihrer Gruppe auch diejenigen, die die Gesetze schreiben, wenn ein Ministerium das nicht selbst schafft. Man lehnt sich insofern nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt, dass diese Gruppe gewisse Beziehungen zur Politik unterhält. Wie weit sie reichen, will ich nicht beurteilen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man allerdings sagen, dass solche Beziehungen immerhin vorhanden sind.

Nicht behaupten lässt sich das im Gegensatz dazu vom Verhältnis zwischen Politik und der Legal Tech Szene. Sie steht mit ihrem Innovationsoptimismus konventionellen Strukturen der Anwaltschaft gegenüber. In Deutschland dürfte sich der Jahresumsatz der gesamten Branche allerdings noch deutlich unter 100 Millionen Euro bewegen. Für die Regierung einer Volkswirtschaft mit einem BIP von 3,14 Milliarden Euro ist das zu unerheblich, als dass sie regelmäßig die Nähe zu Exponenten dieses Marktes sucht.

Meinungen

Was sich da also in dem Streit um die Aufsichtsbehörde für Legal Tech andeutet, ist eine Auseinandersetzung, die bildgewaltige Assoziationen weckt. Zumindest bei den Diskussionsteilnehmern auf Twitter. Assoziationen zum Kampf von David gegen Goliath, von Uber gegen die Taxi-Industrie, von Airbnb gegen die Hotelketten. Das hat die Legal Tech Szene im Kopf und ich gebe zu, das waren auch meine ersten Gedanken.

Genauso vorhersehbar und plump fiel die Reaktion der mitdebattierenden Handakten-Anwälte aus. Schließlich würde doch jede Branche reguliert und schließlich dürften diese Legal Tech Anarchos da keine Ausnahme machen. Da könnt ja jeder kommen.

Einzelne warnten dann noch vor der Überreaktion und gingen davon aus, Justizsenator Behrendt und die regulierungsaffinen konventionellen Juristen würden den digitalen Markt einfach falsch einschätzen. Schließlich sei es doch so, dass Legal Tech ohnehin nur ersetzt, wofür es heute keine Anwälte braucht. Eine These, die sogar das Gütesiegel von Herrn Hartung höchstselbst beanspruchen darf. Niemand nehme also jemand anderem etwas weg, keiner müsse Konkurrenz befürchten, der Konflikt beruhe auf einem einzigen Missverständnis.

Reflexion

Mit ein bisschen Abstand gewinnt die Diskussion mehr Tiefe. Ich behaupte, die Thesen aller drei erwähnten Positionen sind auf ihre Weise falsch.

Die Mär von der friedlichen Koexistenz

Die Auffassung, Legal Tech und konventionelle Anwälte würden nicht konkurrieren, hat den Charme, dass sie niemandem auf die Füße tritt. Jeder kann sich darin wiederfinden. Eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech wäre obsolet. Stattdessen kooperieren alle harmonisch.

Genau deshalb befürchte ich aber, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedankens ist. Denn Legal Tech löst bei bestimmten Arbeitsschritten schon heute Anwälte ab. Und das eher mit zunehmender als mit abnehmender Tendenz. Beispiel Due Diligence. Man kann vor allem in den USA seit der Finanzkrise beobachten, wie Kanzleien die Durchsicht von Verträgen aus menschlichen Händen nehmen und einer E-Discovery-Software überantworten. Die verlangt keine Lohnnebenkosten, keine Bürofläche, keinen bezahlten Jahresurlaub. Die Software ist nie krank und sie arbeitet Verträge gründlicher und schneller durch als jede menschliche Arbeitskraft.

Das Gegenargument der Koexistenztheoretiker ist natürlich bekannt. Die Due Diligence Anwälte erledigen dafür künftig einfach nur noch die Schokoladenseite des Anwaltsjobs. Empathie zeigen, mit Menschen arbeiten, Strategien entwerfen, so in etwa die Vision. Das scheint mir aber zu sehr vom Ergebnis her gedacht und weniger aus tatsächlichen ökonomischen Erwägungen. Wer eine Kanzlei mit Gewinnerzielungsabsicht führt, setzt die freigewordenen Due Diligence Anwälte nicht alle zur Förderung der Kundenbeziehung bei Kaffee und Kuchen ein. Und er zahlt ihnen auch nicht das gleiche Gehalt für weniger Arbeit. Realistischer ist, dass er ihnen die Arbeitszeit und den Lohn kürzt oder sie ganz entlässt.

Die so ge-„offboardeten“ Juristen können sich dann natürlich immer noch auf eine der Stellen bewerben, die die Software entwickeln, die sie selbst wegautomatisiert hat. Aber ist das dann nicht schon wieder Legal Tech? Lautete die These nicht, dass Legal Tech genug von der konventionellen Anwaltstätigkeit übrig lässt, dass alle wie gehabt in diesem Bereich weiterarbeiten können?

Wachsende Konkurrenz

Übrigens: Dieses Phänomen der direkten Konkurrenz von klassischer Anwälte und Legal Tech wird nicht bei E-Discovery stehenbleiben. Dass momentan Legal Tech Unternehmen wie Ersatz-Pilot vorwiegend leicht automatisierbare Massenverfahren automatisieren, liegt nicht etwa daran, dass rechtliche Prüfungen ansonsten nicht rentabel automatisierbar sind. Der Grund dürfte vor allem darin bestehen, dass Märkte mit schematischen Standardfällen sich für den Einstieg so gut eignen. Für entsprechende Algorithmen genügt auch das bisher dürftige Startkapital.

Aber je mehr Entwicklungsaufwand ein Legal Tech Unternehmen stemmen kann, desto eher geraten daneben juristische Prüfungen aus der konventionellen anwaltlichen Praxis in den Fokus. Ein interessantes Beispiel ist insofern Abfindungsheld, ein Startup, das sich an gekündigte Arbeitnehmer richtet, die alternativ einen Anwalt für Arbeitsrecht beauftragen könnten.

Niemand hat die Absicht, überkommene Geschäftsmodelle zu protegieren

Verbraucherschutz?

Es wäre vor diesem Hintergrund sehr nachvollziehbar, wollten Anwälte wie vor ihnen etwa die Taxi- und die Hotelindustrie Regulierungen nutzen, um die digitale Konkurrenz auszubremsen. Aber vielleicht ist das ja wirklich nicht der Hauptimpuls hinter der jetzt angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech. Vielleicht handeln die verantwortlichen Politiker nur aus dem Bedürfnis heraus, einer jungen Industrie Leitplanken zu setzen, damit sie keine öffentliche Interessen wie den Verbraucherschutz gefährdet. Solche Erwägungen führte sogar Justizsenator Behrendt an, als er die Risiken von Flightright und Co. als Begründung für die Aufsichtsbehörde anführte.

Und stimmt es denn nicht, dass die Fluggastportale sich für ihre Dienste eine erhebliche Marge von den Entschädigungen einbehalten, die sie für ihre Kunden beitreiben? Wäre es nicht gerechter, Gerichte würden Fluggästen den vollständigen Betrag zusprechen?

Ja das wäre es. Aber dann müssten diese Fluggäste dafür selbstständig vor Gericht ziehen, ihre Entschädigung allein durchsetzen und in Vorleistung treten. Das ist nicht jedermanns Sache und gerade deswegen existieren die Fluggastportale. Es beruht also auf dem freien Entschluss der Verbraucher, sich für einen der Fluggastentschädiger zu entscheiden. Sie dabei zu reglementieren, hieße sehr bald, Verbraucher vor sich selbst zu schützen.

Oder Protektionismus?

Das gilt erst recht, weil sich Verbraucher vor allem über digitale Produkte transparenter denn je mithilfe anderer Kundenbewertungen informieren können. Wo genau die Aufsichtsbehörde darüber hinaus einen Beitrag zum Verbraucherschutz leisten will, erschließt sich mir nicht. Ich verstehe deshalb, dass Legal Tech Unternehmen befürchten, es gehe bei der angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech nur beiläufig um Verbraucher- und primär um Konkurrenzschutz.

Denn die Hauptleidtragenden der Legal Technology sind unbestreitbar konventionelle Anwälte. Ihnen, die sie mühsam nach über sieben Jahren zwei Examina erworben haben, wollen nun ein paar juppige Startups den Rang ablaufen?! Das kann ja wohl nicht angehen.

Es braucht keine Verschwörungstheorien, um zu mutmaßen, dass nicht zuletzt dieser Geist aus den angekündigten Regulierungen atmet. Insbesondere, weil die mit der Formulierung der Vorschriften betrauten Referenten vermutlich selbst Juristen sind.

Aufsichtsbehörde für Legal Tech: nicht Goliath, sondern ein Zyklop

Trotzdem fällt mein Fazit optimistisch aus. Aus folgender Überlegung:

Gemessen an der Marktkapitalisierung beschreibt zwar am ehesten der Vergleich zwischen David und Goliath das bevorstehende Kräftemessen zwischen Legal Tech und konventioneller Anwaltschaft. So mächtig wie Goliath ist letztere dann aber doch nicht.

Denn es kommt nicht von ungefähr, dass die Rechtspflege eine der letzten Branchen ist, die sich digitalisiert. Die Mühlen der juristischen Zunft mahlen langsam. Und es wäre eigenartig, wenn ausgerechnet die innovationsaversen Kräfte agiler den Fortschritt verhindern, als IT-affine Unternehmen ihn vorantreiben. Ins Bild passt insofern, dass die Justizministerkonferenz typischerweise erst nach zweijähriger Beratung eine Handlungsempfehlung vorlegt. Es steht also nicht zu befürchten, dass der Legal Tech Industrie bereits allzu schnell ein Riegel vorgeschoben wird.

Und selbst wenn es überhaupt dazu kommt, hinkt der Vergleich zur Reglementierung von Uber und Airbnb noch an einem weiteren Punkt. Das Produkt Rechtsberatung ist noch weniger greifbar als das Produkt Unterkunfts- oder Transportvermittlung. Automatische Rechtsdienstleistungen können nahezu ortsunabhängig erbracht werden.

Und mehr noch: Genau wie auf der Seite der Regulierer studierte Experten der Regeln sitzen, sitzen typischerweise auf der Seite der Regulierten studierte Meister der Ausnahmen. Flightright leistet unter § 2 RDG Rechtsdienstleistungen für andere und bedürfte einer Anwaltszulassung? Schön, dann kauft Ersatz-Pilot eben die Forderungen selbst und leistet zulässige Rechtsdienstleistungen für sich selbst. Oder ein Fluggastentschädiger wickelt seine Fälle über eine Anwalts-GmbH ab. Es besteht wenig Zweifel, dass Juristen dieses Katz- und Mausspiel perfektionieren werden.

Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist deshalb die Vermutung, dass Legal Tech es im anstehenden Konkurrenzkampf vermutlich nicht mit Goliath, sondern mit einem Zyklopen zu tun hat. Mächtig, aber zu ungelenk, um agile digitale Nachwuchsunternehmen ernsthaft aus der Bahn zu werfen.

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„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Posted by Jacob Weizmann on
„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Irgendwer sagte wohl auf der Bucerius Herbsttagung und dann bei Twitter, man müsse bei Legal Tech heutzutage den „Hype-Cycle“ reiten. Als nüchterne Spektanten der Entwicklung passt das natürlich nicht ganz zu unserem Motto. Ich bin trotzdem seit einigen Wochen auf Twitter unterwegs, um dort zwischendurch ein bisschen Input zu aktuellen Entwicklungen zu geben.

Berechtigte Frage: Muss das sein? Muss man sich wirklich öffentlich der täglichen „Seelenblähung“ (Ole von Beust dixit) entledigen? Natürlich nicht. Aber es sind einige Umstände zusammengekommen, die für uns den Ausschlag gegeben haben, es mit Twitter einmal zu versuchen.

Grund 1: Da das Projekt DiRiSo Fahrt aufnimmt, kann ich nicht versprechen, dass ich jede Woche einen neuen Beitrag abliefern kann. Ein paar Beiträge auf Twitter sind da leichter beizusteuern.

Grund 2: Man kann dort jetzt 280 Zeichen pro Tweet nutzen. Und das gestattet ja zumindest schon mal zwei Gedanken am Stück. Für uns als „sowohl als auch“-Kommentatoren ist das ein willkommenes Mindestmaß zur Differenzierung.

Grund 3: Wenn sich die Legal Tech Szene mal nicht an Buffets auf Branchenevents tummelt, ist sie häufig auf Twitter unterwegs. Und wenn man wie wir über sie schreibt, dann sollte man das aus nächster Nähe tun. Nirgendwo sonst bekommt man ein so gutes Verständnis für das Lebensgefühl einer Subkultur, die in der permanenten Erwartungshaltung lebt, morgen bräche Deepminds Inferno der Künstlichen Intelligenz und der Blockchain Lawyer über uns herein.

Übrigens. Also nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Natürlich überzeichne und pauschalisiere ich in dieser Hinsicht stark. Aber ich empfinde es als durchaus heilsam für alle Beteiligten der Legal Tech Szene, zu der wir ja irgendwo auch gehören, wenn man sich nicht todernst nimmt und in der Lage ist, sich zur Abwechslung gelegentlich selbst zu karikieren. Es ist nicht jedermanns Humor, insbesondere nicht derjenige der hartnäckigsten AI-Apologeten der Legal Technology, für den es die reinste Häresie darstellen muss. Aber zum Glück muss auch nicht jedermann Gefallen an diesem Blog finden; es reicht, wenn’s der eine oder andere tut.

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Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

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Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

Das Legal Tech Großevent in diesem Monat ist ohne Zweifel die 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School. Für uns trifft sich das im Prinzip gut, zumal die DiRiSo in der Hamburg Area ihren Sitz hat und unser Team dort Legal Tech Veranstaltungen routinemäßig mitnimmt. Insbesondere diejenigen mit anständigem Buffet, wie die Legal Tech Meetups. Nun zweifeln wir keineswegs daran, dass die Law School in der Lage ist, einen akzeptablen Caterer aufzutreiben und für das leibliche Wohl zu sorgen. Für den Überseeclub, wo der Begrüßungsabend steigt, gilt das sowieso. Trotzdem gehen wir nicht zur 7. Herbsttagung. Wieso?

Das Schlüsselwort lautet Verhältnismäßigkeit oder besser: Unverhältnismäßigkeit. Sportliche 490 € kostet ein Ticket für den Haupttag und dafür bekommt man ein paar Vorträge, gecatertes Mittagessen und etwas Networking inklusive 2-3 Gratis-Kaffees. Ich weiß nicht, was die knapp 300 Gäste der 7. Herbsttagung an diesem Angebot finden, aber da, wo ich herkomme, kann man sein Geld besser anlegen.

Die Alternative zur 7. Herbsttagung

Zum Beispiel könnte ich mir den interessantesten Redner aus dem Line-Up greifen und für den aufgerufenen Betrag in ein Sterne-Restaurant seiner Wahl einladen.

Das bessere Essen

Das hätte erstens den angenehmen Nebeneffekt, dass das Essen vortrefflich ist. Catering-Mahlzeiten in allen Ehren, man kann fraglos auch am Buffet Fantastisches auffahren, wie unsere Freunde von Hogan Lovells es routinemäßig tun. Aber trotzdem: In einer ganz anderen Liga spielt natürlich ein Sieben-Gänge-Menü mit, sagen wir, Hasenfilet in Whiskey-Marinade in einem der Hauptgänge und Lavendelblüteneis zum Dessert.

Der bessere Vortrag

Und weil das so ist, habe ich bei einem solchen Abendessen auch eher die Gelegenheit, einer interessanten Legal Tech Persönlichkeit mehr als nur ein paar Gemeinplätze zu entlocken. Gemeinplätze, wie sie die 300 Gäste der 7. Herbsttagung en masse zu hören bekommen, wenn Freshfields Partner und Manager von den vielen tollen Disruptions und Opportunities der Legal Technolgy schwafeln berichten. Die zugehörigen polierten Powerpoint-Slides lässt hingegen selbst der distinguierteste Speaker daheim, wenn man ihm beim Abendessen gegenübersitzt und der Laptop mit Pitchdeck dem Teller mit den Garnelen im Orangen-Chili-Mantel weicht. Ebenso außen vor bleiben dann meist die Plattitüden, das Offensichtliche, Oberflächliche, Massenkompatible. Stattdessen hat man sieben Gänge lang Zeit, einmal die interessanteren Ansichten der jeweiligen Person abzuklopfen.

Will sagen: Man hat Gelegenheit zu Fragen, die das neuste Buch des Speakers offen lässt und sein Vortrag bestenfalls anteasert. So ein aktuelles Buch von den Ausrichtern der 7. Herbsttagung kostet übrigens 79 € auf Amazon. Am Rande erwähnt: Es ist einigermaßen peinlich, dass die Legal Tech Avantgarde es für diesen Preis nicht einmal hinbekommt, ihr Werk als E-Book bereitzustellen. Wichtiger ist an dieser Stelle allerdings der Umstand, dass man in den meisten Sterne-Restaurants günstig genug wegkommt, um für den Tagungspreis nicht bloß das Abendessen, sondern gleich noch das Buch des Speakers zu zahlen. Zugegebenermaßen kann das Buch kein Catering-Lunch kredenzen, aber dafür entfaltet es die Überlegungen der Speaker deutlich tiefgründiger als ihr jeweiliger Redebeitrag. Und für das Essen verbleibenden einem ja die restlichen 411 €.

Das bessere Netzwerk

Bleibt also noch das Networken. Das müsste doch am Stehtisch auf der 7. Herbsttagung besser klappen als im Sterne-Lokal. So legt es zumindest jeder Werbeprospekt für derlei Events nahe. Meine eigenen Erfahrungen weichen davon nichtsdestotrotz ab. Und zwar nicht bloß gradweise, sondern diametral. Mit der Größe der Tagung steigt die Anonymität. Natürlich gibt es trotzdem Gespräche am Buffet und, ja, man lernt dabei weit mehr als eine neue Person kennen.

Nur kann ich mich kaum an Gespräche auf solchen Kongressen erinnern, die über bloßen Small-Talk hinausgingen. Ebenso wenig legen nach meiner Erinnerung Konferenz-Kaffeepause den Grundstein für eine nennenswerte Zahl an Freundschaften fürs Leben oder Geschäftspartnerschaften für das nächste Unicorn. Mondäne Abendessen in angenehmer Atmosphäre haben dagegen schon eher Kontakte befördert, die über ein paar lose Linkedin-Bekanntschaften hinausgehen. Und genau weil das so ist, bin ich am 17. November anderweitig verplant.

Schluss

Man kann mir vorhalten, meine reservierte Haltung zur 7. Herbsttagung sei dennoch vorschnell, überzogen, undifferenziert. Und selbstverständlich bin ich immer gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Und wer weiß, vielleicht widerlegt das Event ja all meine Befürchtungen. Wenn ich mir allerdings den vor Sponsored Content triefenden Promoblog  Newsblog des Veranstalters anschaue, habe ich daran so meine Zweifel. Dafür nehme ich es in Kauf, wegen meiner Vorliebe für die Sterneküche statt für Herbsttagungen vermessen genannt zu werden. Kopflos 500 € Kanzleigelder für eine seminützliche Tagung mit rhetorischem Legal Tech Theaterdonner zu expensen, ist es aber vermutlich mindestens genauso.

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4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Posted by Jacob Weizmann on
4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 4. Legal Tech Meetup Hamburgs war nicht nur dem Namen nach angelsächsisch geprägt. Auch zeichnete es sich dadurch aus, dass diesmal alle Referenten ihre Vorträge auf Englisch hielten. Der Grund war einleuchtend: Es sollte schließlich um die amerikanische Perspektive zum Thema Legal Tech gehen. Dafür hatte der „Serial-Host“ Nico Kuhlmann respektive Hogan Lovells zum 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sogar prominente Unterstützung aus Kalifornien eingeladen. Eingeplant für die Keynote war niemand geringeres als Prof. Mark A. Cohen, so etwas wie das amerikanische Pendant von Markus Hartung, der ebenfalls einen Vortrag hielt. Insofern muss man schon einmal sagen: Dr. Kuhlmann versteht es, die Rockstars der Legal Tech Szene zusammenzutrommeln.

Ganz ohne Turbulenzen lief das Vortragsprogramm leider nicht ab. Orkan Xavier hatte am 5. Oktober Mark Cohens Landung in Hamburg vereitelt. Höhere Gewalt also, bei der ausnahmsweise nicht einmal Ersatz-Pilot und Co. zur Fluggastentschädigung verhelfen können. Stattdessen wurde Prof. Cohen nach Brüssel umgeleitet; sein Gepäck landete zu allem Überfluss anderswo. Trotzdem – und hier noch einmal Chapeau, Dr. Kuhlmann – gelang es, ihn per Skype aus seinem Hotelzimmer zuzuschalten. So konnte das versammelte Publikum immerhin partiell an seinen Reflektionen zur Legal Technology teilhaben. Nur partiell vor allem deswegen, weil das wacklige Hotel-WLAN gelegentlich Ton- und Video-Stream unterbrach. Nichtsdestotrotz gab er den etwa 70 Zuhörern einige neue Gedanken mit auf den Weg.

Das Unicorn im Phrasenhaufen

Garniert waren die Ausführungen natürlich mit den üblichen Gemeinplätzen zur Legal Technology, die jeder nach dem ersten Einführungsvortrag kennt. Buzzwords wie Disruption reihten sich in den üblichen Sermon zu veränderten Berufsbildern und Potenzialen der Legal Tech für den „Access to Justice“ von Kleinunternehmen und Privatleuten. Aufschlussreich waren Prof. Cohens Ausführungen dennoch. Denn sein Bezug zur Legal Technology besteht anders als der von Markus Hartung nicht primär darin, auf Konferenzen als Cheerleader Legal Tech zu hypen sachverständiger Referent Chancen und Risiken der Legal Technology zu analysieren. Stattdessen hat er selbst vor einigen Jahren ein eigenes Legal Tech Startup gegründet und erfolgreich gegen die Wand gesetzt eigene Erfahrungen in der Branche gesammelt.

Clearspire?

Clearspire hieß Prof. Cohens Unternehmen. Das Geschäftsmodell bestand darin, eine Kanzleisoftware alá RAMicro zu entwickeln, nur eben besser – mit Kommunikationskanälen zum Kunden, mehr Tools usf. Cohen sieht hierin, in einer ganzheitlichen IT-Plattform für Juristen, den großen Wurf der Legal Tech Branche. Und damit wurde der Vortrag zum Ende im Q&A-Teil des 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sehr spannend. Denn es ist ja in der Tat richtig, dass es für Rechtsdienstleistungen noch keinen technischen Giganten wie Amazon, Google oder Facebook gibt. Und das wirft die hochaktuelle Frage auf: Wer wird der Bezos, Page oder Zuckerberg der Juristen? Nun, Prof. Cohen wird es sicherlich nicht. Clearspire ist wie gesagt pleite. Interessant ist umso mehr, wieso er weiterhin glaubt, er wäre damit beinahe das eigene Unicorn geritten.

Soweit man Cohen über die instabile Skype-Verbindung richtig verstehen konnte, stützt sich seine Überlegung auf eine Analogie zum Erfolg von Legal Zoom. Legal Zoom liefert einen Generator für juristische Standarddokumente. Darüber hinaus vermittelt die Plattform dort Anwälte, wo die automatische Vertragsgestaltung nicht ausreicht. Das läuft ganz erfolgreich und steht sicher im Kontrast zu zahllosen Legal Tech Flops.

Ebenso wenig wie der Legal Engineer

Eine Milliarden-Dollar-Idee scheint es dennoch nicht ganz zu sein. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass jemanden das Prinzip Werkzeugkiste für Verbraucher (Legal Zoom) respektive Legal Professionals (Clearspire) fasziniert. Aber es gibt inzwischen haufenweise mehr oder weniger extensive Kanzleiorganisationsplattformen, ohne dass eine auch nur in Sichtweite der Market Cap von Freshfields und Co. kommt. Zum Vergleich: Airbnb ist unterdessen den größten Hotelketten enteilt, Amazon den größten Einzelhandelsketten usw. Dass Kanzleisoftwareentwickler hier nicht mithalten, liegt vermutlich zum einen an den relativ hohen Entwicklungs- und Wartungskosten solcher Software. Andererseits lässt sich für solche Werkzeugkisten kaum der Preis veranschlagen, den die einzelnen Tools in der Summe wert sind. Denn kaum eine Kanzlei wird sämtliche Funktionen nutzen.

Hinzu kommt noch das grundlegende Problem jedes Scharniers an der Schnittstelle zwischen Recht und IT. Eine Kanzleiorganisationssoftware ist im fortgeschrittenen Zustand nichts weiter als ein codegewordener Legal Engineer. Und deswegen drängt sich auch solchen Programmen die Frage auf: Wozu Marketing- und Schulungskosten und Nutzerfreundlichkeit, um die Tools krampfhaft der technophoben Juristenriege aufzuzwängen? Warum treten reine IT-Produkte nicht Stück für Stück in direkte Konkurrenz mit Anwälten? Es sind genau solche Erwägungen, die mich skeptisch stimmen, ob Prof. Cohen am Ende richtig liegt. Die Gesetze der Ökonomie geben ihm bisher jedenfalls kein Recht.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass er zu dieser Diskussion einen wichtigen Impuls geliefert hat. Insofern plane ich auch, die Überlegung demnächst an anderer Stelle zu vertiefen.

Worum ging es beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sonst?

Bricht das aetas aurea an?

Ansonsten fiel beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs auf, dass die Redner die Legal Technology diesmal deutlich optimistischer bewerteten. Beim letzten Mal hatte eine opulente Powerpointpräsentation die Drohkulisse der Umwälzungen am Arbeitsmarkt besonders plastisch in Szene gesetzt. Am 5. Oktober klang diese Gefahr allenfalls in Nebensätzen an. Stattdessen beeilten sich Markus Hartung und Prof. Cohen, die Potenziale der Legal Technology am Arbeitsplatz zu betonen. Konzentrieren dürften sich Anwälte zukünftig auf die emotionalen, zwischenmenschlichen, strategischen, abwägenden Bestandteile ihres Handwerks. Algorithmen würden ihnen nur die lästigen Bestandteile ihrer Tätigkeit abnehmen. Dafür würde es reichen, wenn sich angehende Juristen etwas mehr mit IT befassen, damit sie effektiv Routinearbeiten identifizieren und delegieren könnten.

Zieht mit der Legal Technology also doch das goldene Zeitalter herauf?

Nun, aus dem Blickwinkel der Verbraucher und Mandanten ist Herrn Hartung beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn Verbraucher Fluggastentschädigungen dank Legal Tech so einfach erlangen können, wie sie bei Amazon Bücher bestellen. Das heißt aber längst nicht, dass der juristische Arbeitsmarkt ebenso umfassend von der Legal Technology profitiert. Solche Zweifel ergeben sich schon aus einigen Zwischenbemerkungen der Referenten selbst, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollten.

Herr Hartung erwähnte, dass je nach Studie mittelfristig voraussichtlich 20-80% der bisherigen juristischen Stellen wegbrechen. Ob wir umgekehrt allein auf dem deutschen Anwaltsmarkt Verwendung für 34.000-140.000 Blockchain Lawyers (was immer das sein mag) und Legal Engineers haben, darf bestenfalls mit einem Fragezeichen quittiert werden. Das gilt insbesondere, wenn man folgende Randbemerkung Prof. Cohens zum amerikanischen Anwaltsmarkt bedenkt. Er verwies darauf, dass schon jetzt Senior-Partner führender Law Firms die unverhältnismäßig hohe Bezahlung ihrer Associates beklagen, da etwa deren Due Diligence Prüfungen weitgehend maschinell zu einem Bruchteil ihrer Lohnkosten durchführbar seien. Das weckt nicht gerade die Erwartung, dass die Legal Tech Revolution keine prekären Wald- und Wiesenanwälte mehr kennt, sondern nur Gewinner.

Wann wird das eiserne Zeitalter eingeläutet?

Ich bin ein Freund von Ovids Metamorphosen. Und anders als für Augustus Hofschreiber Vergil mündet deren kosmologische Entwicklung nicht zwingend in den goldenen Überfluss, sondern bekanntlich ins eiserne Zeitalter. So negativ muss und sollte man die Entwicklung in Mitteleuropas bester aller möglicher Welten natürlich nicht sehen. Auch nicht in der Legal Tech Szene. Aber dass die Zeiten in jedem Fall stürmischer werden, davon kündet auch Markus Hartungs bemerkenswert ehrliche Selbstreflektion am Ende seines Vortrags. Er sagte voraus, dass die Zeit der Keynotes von Legal Tech Geronten im Pullunder sich in einem Jahr erübrigt und an ihre Stelle gestandene Legal Tech Unternehmer treten.

Ganz so bald dürfte es aber womöglich nicht werden, wenn statt Blockchain und AI eher rucklige Skype-Verbindungen und unintelligente Flughafengepäcklogistik das Jahr 2017 prägen. Bis dahin bleibt Zeit, das vorzügliche Buffet von Hogan Lovells beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs und hoffentlich weiteren Veranstaltungen dieser Art zu genießen. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn Dr. Kuhlmann und die Referenten noch möglichst lange nicht durch IBM Watson und den Google Assistent ersetzt werden. Wie es um das Buffet bei Google steht, erfahren wir spätestens beim nächsten Legal Tech Meetup am 22. Februar.

 

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Ersatz-Pilot – mit Legal Tech zu maximaler Fluggastentschädigung

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Ersatz-Pilot – mit Legal Tech zu maximaler Fluggastentschädigung

Das Geschäft mit der Fluggastentschädigung – eine kurze Marktanalyse

Flightright und das Inkasso-Modell

Portale für Fluggastentschädigung gibt es eigentlich schon zuhauf. Pionierarbeit leistete Flightright im Jahr 2010 als erstes Inkasso-Portal. Das Geschäftsmodell: Anhand einiger Formularfragen im Web wird ermittelt, ob einem Fluggast Ansprüche zustehen. Wenn ja, kann er Flightright zum Nulltarif beauftragen. Flightright setzt dann die Forderungen des Fluggastes durch und trägt die Verfahrenskosten. Eine Vergütung behält sich Flightright nur im (erwartbaren) Erfolgsfall ein. Zur Auszahlung gegenüber dem Kunden kommt es gleichwohl auch erst, wenn dessen Airline die Fluggastentschädigung freigibt. Geboren war damit die erste wirklich aufwandsschonende Methode, um Fluggastrechte durchzusetzen. Betroffene mussten fortan nicht auf ihre rechtmäßige Fluggastentschädigung verzichten, auch wenn ihnen die eigenständige Auseinandersetzung mit der Airline zu anstrengend war.

Flightrights Dienstleistung wurde im Laufe der Jahre so populär, dass eine ganze Reihe von Trittbrettfahrern den Service kopierten und selbst anboten. Es gründeten sich allein im deutschsprachigen Raum alsbald Refund.me, Fairplane und Flugrecht.de, um nur einige Inkasso-Portale zu nennen, die ähnlich arbeiten wie Flightright.

Die Alternative der Sofort-Entschädiger

Einige aufmerksame Beobachter erkannten ihrerseits die Achillesverse von Flightright: Die Auszahlung braucht Zeit. Anders als Geschäftsführer Kadelbach behauptet dauert es bei Flightright eben nicht bloß 8 Minuten, um von Recht haben zu Recht bekommen zu gelangen. Zwar ist es richtig, dass man das Formular zur Beauftragung von Flightright binnen kurzer Zeit online ausfüllen kann. Die Mandatierung eines Inkasso-Dienstleisters macht aber selbst bei sorgfältiger Vorprüfung noch keinen Prozesserfolg. Jeder, der einmal in einem Gerichtsverfahren trotz Siegeszuversicht unterlag, wird hiervon zu berichten wissen. Insofern muss man auch zu Flightrights Inkasso-Service ehrlicherweise sagen: Recht bzw. Geld bekommt man nicht nach 8 Minuten, sondern nach etlichen Wochen oder Monaten.

Diese Überlegung machen sich seit einigen Jahren zahlreiche neue Anbieter zunutze: die so genannten Sofortentschädiger. Sie setzen die Forderungen der Fluggäste nicht bloß durch. Stattdessen lassen sie sich deren Ansprüche auf Fluggastentschädigung gegen Direktzahlung abtreten und verfolgen sie für eigene Rechnung. Bisherige Exponenten dieser Gruppe von Fluggastportalen sind vor allem WirkaufendeinenFlug, EUFlight und Compensation2Go.

Man könnte meinen: Damit hat ein betroffener Fluggast doch eine Fülle bereitwilliger Helfer, wenn es darum geht, seine Flugverspätung zu Geld zu machen. Oder nicht?

Der Platz für Ersatz-Pilots Fluggastentschädigung am Markt

Zutreffend ist, dass der Sache nach wie dargestellt bereits die Dienstleistungen angeboten werden, die es braucht, um Verbraucherrechte komfortabel durchzusetzen. Allein, die konkrete Gestaltung der bisherigen Angebote hat einige Schönheitsfehler. Bei Flightright und Co. stört die lange Wartezeit. Nichts anderes erklärt den Erfolg der Sofortentschädiger. Diese haben allerdings selbst noch einen größeren Malus. Denn im Gegenzug dafür, dass sie mit der Auszahlung nicht abwarten, ziehen sie vom Nennwert der gekauften Forderungen allesamt eine bemerkenswerte 35%ige-Servicepauschale zzgl. Mwst. ab. Bei einem Langstreckenflug bleiben einem Fluggast von seiner Fluggastentschädigung i.H.v. de jure 600 € de facto gerade einmal 350 €. Das hat uns dazu veranlasst, einmal nachzurechnen. Braucht es in Zeiten von Legal Technology tatsächlich 250 € Bearbeitungskosten, um simple Standardforderungen automatisiert im Massenverfahren abzuwickeln?

Die Antwort: nein. Um genau das unter Beweis zu stellen, ist mit Ersatz-Pilot 2017 ein Konkurrent zu den bestehenden Fluggastportalen entstanden. Auf der neuen Plattform erhalten Fluggäste für den Verkauf ihres Entschädigungsanspruchs wegen eines Langstreckenflugs zum Beispiel 450 €. Das sind nicht nur 350 € mehr, als die übrigen Sofortentschädiger zahlen. Auch die klassischen Inkassoportale unterschreiten solche Entschädigungsquoten in der Regel. Auf eine Formel gebracht lautet Ersatz-Pilots Angebot deshalb: So viel Fluggastentschädigung wie bei Flightright, so schnell wie bei EUFlight.

Insofern dürfte es schon im Eigeninteresse der meisten Fluggäste liegen, sich dies zu Nutzen zu machen. Umgekehrt ist Ersatz-Pilot aber gar nicht auf eine bestimmte Zahl von Kunden angewiesen. Das Fluggastportal wurde von den Gründern als Nebenprojekt entwickelt, ohne dafür Kredite aufnehmen oder Investoren gewinnen zu müssen. Anders als vermutlich bei der Konkurrenz rechnet sich das Geschäftsmodell also ab dem ersten Fluggast. Die Ausgangsbedingungen für Ersatz-Pilot sehen also gut aus. Nicht nur hat man ein äußerst wettbewerbsfähiges Produkt am Markt platziert; man verfügt zugleich über unbegrenzten Atem, um das Projekt allmählich wachsen zu lassen.

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Legal Tech Szene: Vom Nerdtreff zur Großkanzlei-Soiree

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Legal Tech Szene: Vom Nerdtreff zur Großkanzlei-Soiree

Die Legal Tech Szene früher

Es ist schon einige Jahre her, seit ich das erste Mal einen Juristen mit dem konfrontiert habe, was inzwischen einen festen Glaubenssatz der Legal Tech Szene bildet. „Im Prinzip ist bereits eine Excel-Tabelle imstande, eine Subsumtion mit größerer Akkuratesse zu vollführen als jeder Anwalt mit Doppelprädikat!“ Das sagte ich damals 2012 und die Reaktion meines Gegenübers war – freundlich ausgedrückt – ungläubig.

Eigentlich wollte ich den guten Herrn damals lediglich an einer schlichten Beobachtung teilhaben lassen. Er hingegen begriff die beiläufige Bemerkung als ketzerischen Angriff auf seine zentralsten Lebensgewissheiten: Dass er im Gegensatz zu zotteligen Informatik-Nerds einen anständigen Studiengang gewählt hat. Dass stumpfes Auswendiglernen fürs juristische Staatsexamen jemanden zu einer hochqualifizierten Fachkraft macht (und obendrein zu einem besseren Menschen). Dass die Arbeit von Juristen unersetzlich ist, zumal ihre überragende Methodologie der vier Auslegungscanones eine Art Universalbegabung darstellt. Dass 250 € pro Stunde hierfür doch ein mehr als fairer Preis sind. Und natürlich: dass IT primär etwas für bildschirmgebräunte EDV-Support-Knappen ist, die einem das standesgemäße Macbook aufsetzen.

Wenig verwunderlich empfand der Jurist es damals als kränkend, als ich seine Tätigkeit mit der einer Excel-Tabelle verglich. Also schloss er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Und bezeichnete die damals noch nicht so benannte Legal Technology als Spielerei, Zukunftsmusik und das Geisteskind von jemandem, der so naiv sei, einzigartig maßgeschneiderte Verträge und Gutachten aus vorhandenen Textbausteinen für reproduzierbare Massenprodukte zu halten.

Dergleichen wurde mir häufig erwidert, wenn ich es seitdem wagte, auf die Leistungsfähigkeit von Excel-Tabellen hinzuweisen. Insofern hatte ich mich schon damit abgefunden, dass bei Anwälten erst ein Sinneswandel einsetzt, sobald ihre Mandanten keine 50 €, geschweige denn 250 € pro Stunde mehr für eine Tätigkeit zahlen, die eine Software für einen Stundensatz von 0 € (zuzüglich Lizenzgebühren) erledigt. Erst in diesem Moment wird sich vermutlich ein Großteil der Rechtsdienstleister eingestehen, dass die Digitalisierung nicht bloß die ganze restliche Wirtschaft betrifft, sondern – oh Wunder – selbst Anwälte, weil auch ihre Leistung wenigstens partiell automatisierbar ist.

Die Legal Tech Szene heute

Nichtsdestotrotz teilen inzwischen nicht wenige Juristen den eingangs erwähnten Glaubenssatz. Und es sind weit mehr, als ich ursprünglich in der Frühphase der Legal Technology für möglich gehalten hätte. Man kann sogar sagen, Legal Technology wird salonfähig. Im wahrsten Sinne des Wortes. So ist es beispielsweise in Hamburg seit 2016 die renommierte Großkanzlei Hogan Lovells, die auf ihrer geschmackvollen Konferenzetage mit Alsterblick zum Legal Tech Meetup lädt. Ende Juli fand das Event nun schon zum dritten Mal statt – mit beachtlicher Resonanz. Daran ließen die restlos gefüllten Zuschauerreihen plus Warteliste keinen Zweifel.

Man stellt also durchaus fest, dass das Thema nun wenigstens in einigen juristischen Herzkammern Deutschlands angekommen ist. Die Legal Tech Szene feiert keine LAN-Parties im Gemeinschaftsbüro Coworking Space mehr. Sie feiert durchaus in Rooftop-Lounges prestigeträchtiger Kanzleien mit Sinn für Buffetkultur. Weit spannender aber ist die Frage, was das eigentlich bedeutet. Konkreter: Welche Handlungsimplikationen haben solche hippen Meetups? Tut sich etwas in der Arbeitsweise unserer Doppelprädikatselite? Wird inzwischen weniger Zeit ins Copy&Pasten von Textbausteinen investiert und mehr in die Entwicklung juristischer Algorithmen?

Nun ja. Abschließend beurteilen lässt sich das freilich nicht, weil wir nicht pauschal bewerten können, was sich kanzleiintern Gutes tut, ohne dass jemand darüber spricht. Aber zumindest dort, wo inzwischen Gutes über Legal Tech gesprochen wird, hat man den Eindruck, etliche hätten die Stufe des guten Tuns flugs übersprungen, um zumindest in Gesprächen mitreden zu können und weitsichtig zu wirken. „Natürlich ist Legal Tech für uns ein großes Thema“, versichert der Senior Partner beim Bewerbungsgespräch gerne jedem IT-affinen Associate-Aspiranten (, solange der die nötigen Noten mitbringt und anstandslos 70 Stunden die Woche buckelt). Die Realität sieht dann vermutlich so aus, dass der neue Mitarbeiter eher die M&A-Deals für Google und IBM betreuen darf oder bestenfalls auf Datenschutz-Schulungen geschickt wird. Ist doch schließlich auch irgendwas mit IT und Internet.

Ich überspitze natürlich ein wenig. Tatsache ist aber, dass

  1. zwar die allermeisten Branchenangehörigen, die dazu einen Kommentar abgeben dürfen, pflichtschuldig die hohe Relevanz der Legal Technology betonen.
  2. gleichzeitig aber die Digitalisierung derselben Branche seit Hoffähigkeit der Legal Tech Szene nicht nennenswert schneller voranschreitet als vorher.

In der Legal Tech Szene gab und gibt es eine Reihe von Unternehmern, deren Geschäftsmodell Erfolgsaussicht hat. Einzelne Akteure haben sogar Disruptionspotenzial. Und je weiter sie voranschreiten, desto spürbarer der Effekt der verwendeten Legal Technology. Siehe Fluggastentschädigungsportale. Als zunächst 2010 Flightright eine Website ins Netz stellte, steckte dahinter kein komplexer Algorithmus, der in Rückanbindung an Fluggastdatenbanken automatisiert binnen weniger Minuten Formulareingaben analysierte, das Bestehen eines Anspruchs prüfte und eine direkte Beauftragung anbot. Anfangs mussten die Angaben eines Nutzers noch vollständig manuell ausgewertet werden. Das Webformular ersetzte damals lediglich ein Printformular, ohne dass eine Sofortware vollautomatisch die Eingaben verarbeitete. Dass es demgegenüber heute so einfach funktioniert, eine Fluggastentschädigungen zu beanspruchen, ist der graduellen Entwicklung der letzten Jahre zu verdanken. Und auch heute verfügen unter allen Anbietern nur ganz wenige Flightright und Ersatz-Pilot über Webtools zur vollautomatisierten Prüfung und Durchsetzung von Fluggastrechten.

Dabei muss man bedenken, dass die IT-Infrastruktur im Reiserecht schon besonders ausgeprägt ist. Vergleichbare Online-Dienstleistungen zur Rückabwicklung von Lebensversicherungen und Verbraucherkrediten verlangen über weite Strecken noch immer nach einer manuellen Bearbeitung der Formulareingaben. Ähnliches gilt für Schadensersatzforderungen bei Unfällen und Rechtsbehelfen gegen Bußgeld- oder Hartz-IV-Bescheiden. Bei alledem verzeichne ich keinen nennenswerten Schub in der Entwicklung seit 2015. In Anbetracht des graduellen Fortschritts fehlen mir für einen Sprung oder gar eine exponentielle Kurve schlicht die Anhaltspunkte.

Exponentiell ist einzig die erweiterte Legal Tech Szene angewachsen. Und damit meine ich nicht einmal den Kreis aller selbsternannten Legal Tech Unternehmer, der zwar wächst, aber keineswegs in Potenz. Das scheitert daran, dass bereits das Geschäftsmodell den Erfolg vieler Startups strukturell vereitelt, sodass sie mittelfristig wieder vom Markt verschwinden. Wenn ich von einer sprungartig wachsenden Legal Tech Szene rede, fasse ich den Begriff weit. Zur Legal Tech Szene zählt bereits, wen Legal Tech näher interessiert. Also im Allgemeinen alle, die gut auf die Potenziale der Legal Technology zu sprechen sind, und im Besonderen die Eventgänger.

Die Legal Tech Szene künftig?

Es mag sein und wäre zu hoffen, dass sich diese Begeisterungswelle in zusätzliche Gründer und Legal Engineers übersetzt. Gebraucht werden sie alle Male, um bahnbrechenden Legal Tech Innovationen wie Smart Contracts tatsächlich zur Marktreife zu verhelfen. Instinktiv wirkt es auf mich bisher aber so, als sei ein Gutteil der Neuankömmlinge in der Legal Tech Szene an der Branche nicht zwangsläufig wegen der Arbeitsherausforderungen interessiert, sondern eher, weil das soziale Drumherum allmählich en vogue wird.

Insofern genießen wir zwar für den Moment den flüchtigen Glamour der Legal Tech Szene, konzentrieren uns aber ansonsten aufs Kerngeschäft.

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3. Legal Tech Meetup Hamburgs

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3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, ausgerichtet von Hogan Lovells, war für uns fast schon ein Pflichttermin. Immerhin bildet das Event neben der Bucerius Herbsttagung bislang den einzigen fest organisierte Treffpunkt der Branche in der Hansestadt. Anlass genug, einen Abend lang Konkurrenz, Gelehrte und Spektanten des Legal Tech Kosmos in Hamburg näher kennenzulernen.

Die Konkurrenz

Spannend war zunächst der Kontakt mit der Handvoll Legal Tech Startup Pionieren, die sich eingefunden hatten. Bemerkenswert daran war, dass Unterhaltungen mit ihnen ganz überwiegend zu einem Pitch ihrer jeweiligen Geschäftsidee gerieten. Das war zuweilen so ansteckend, dass man von Zeit zu Zeit selbst dazu überging, das eigene Geschäftsmodell zu bewerben. In manchen Gesprächsrunden wirkte es so, als hätte man auf einer Messe die Besucher vergessen und nur die Aussteller aufeinander losgelassen. Dabei war das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs eigentlich gar nicht als Schaulaufen für Startups konzipiert, sondern als informeller Austausch mit Vortrag.

Gründe für den Dauervertriebsmodus mancher Exponenten der Branche sind aber leicht gefunden. Wer es positiv sehen will, erklärt sich das Phänomen mit der Leidenschaft etlicher Start-Upler für die Legal Technology. Das betrifft fraglos die erfolgreichere Charge der Gründer, die jedes Recht hat, passioniert zu sein. Schließlich besteht für ihre Ideen eine echte Nachfrage.

Leider steckt hinter den Selbstvermarktungsallüren häufig keine allzu leidenschaftsweckendes Produkt. Genau damit geht aber meist ein anderer Anlass zum Dauerpitchen einher: der reine Kampf ums Überleben. Es ist schließlich so, dass die meisten ihre Unternehmung nicht mit eigenen Sparreserven ankurbeln, sondern wahlweise auf Investoren oder Darlehen zurückgreifen. Nun sind solche Geldgeber natürlich unterschiedlich gelassen, was die Rückführung ihrer Mittel angeht. Tatsache ist aber, dass weder Kredit- noch Wagniskapitalgeber ihre Zahlungen gerne abschreiben. Insofern sind es gerade auch seine Gläubiger, die einen jungen Legal Tech Entrepreneur in die Pedalen treten lassen. Das gilt insbesondere für diejenigen, deren Geschäftsidee doch nicht so sehr zündet, dass zuverlässige Tilgungsraten und Gewinnausschüttungen selbstverständlich sind. Und von denen begegnen uns auch in der jungen Legal Tech Szene leider einige.

Die Gelehrten

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs hatte aber noch weit mehr zu bieten als mehr oder minder durchstartende Legal Tech Unternehmer unter den Teilnehmern. Erwähnung verdienen ebenso die Vorträge, mit denen das Event begann. Da war zum einen ein Impulsreferat einer BMW-Mitarbeiterin, deren Einlassungen mir gleichsam vor allem als Pitch für DriveNow in Erinnerung geblieben sind. Lesson learned: Wenn ein 15-minütiger Vortrag zu einem Drittel aus Image-Videos einer Firma besteht, hört die Schleichwerbung auf zu schleichen.

Was folgte, war ein Lehrstück in Sachen Powerpoint. Ich habe ja schon viele Vorträge gehört, bei denen die Drohkulisse disruptiver Technologien für den Rechtsmarkt in Szene gesetzt wird. Nun, beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, war der Keynote Speaker Dr. Sascha Theißen hierfür zuständig. Und ich muss neidlos anerkennen: Er hat die Dramaturgie solcher Bühnenstücke perfektioniert. In einem Feuerwerk von Schaubildern, Videoclip-Einbettungen und bildgewaltigen Grafiken gewannen Innovationen wie AI und die Blockchain eine nie dagewesene Plastizität.

Dabei ist das Drehbuch des üblichen „Wie sieht die Zukunft des Anwaltsberufs aus?“-Vortrags eigentlich erstaunlich simpel gestrickt.

Erster Akt

Die Evergreens der Zukunftsmusik werden aufgelegt. Man hört, wie künstliche Intelligenz, die Blockchain und wahlweise noch die Smart Contracts den Anwalt obsolet machen. Fazit: Künftig werden KI-Roboter autonome Teslas voneinander bestellen. Zum Kauf besiegeln sie Smart Contracts, die in der Blockchain abgewickelt werden. Und wenn der künstlich intelligente Käufer wieder knapp bei Bitcoins ist und die Leasingrate nicht zahlt, fährt der Tesla halt einfach zum Hersteller zurück.

Zweiter Akt

Das wirft dann im Publikum unweigerlich eine Frage auf. Wo bleibt da eigentlich der Mensch? Im Falle von Legal Tech Events: Was gibt es in Zukunft für den menschlichen Juristen zu tun? Erste Antwort, die bei keinem Schauspiel dieser Gattung fehlen darf: Jedenfalls macht der Anwalt der Zukunft nicht mehr das, was er heute macht. Er muss seine Tätigkeit radikal neu erfinden.

Vorbei die Zeit, wo man Mandanten maßgeschneiderte Verträge anbieten und dafür Vertragsmuster aus gedruckten Formularhandbüchern abtippen durfte. Aber was macht ein erfolgreicher Anwalt in Zukunft stattdessen?

Dritter Akt

Nun darf der Redner sich an einer Lösung des skizzierten Problems versuchen. Und hier wird es dann meistens ernüchternd, so auch beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs.

Sicher wurden auch diesmal wieder einige Versuche unternommen, den richtigen Umgang mit der drohenden Disruption zu umreißen. Fehlen darf als Schlagwort nie der „Legal Engineer“, so als ob hierfür bald zehntausende Stellen ausgeschrieben würden und alle Anwälte fähig und willens wären, sich in Informatik-Kursen umfassend weiterzubilden. Mit von der Partie waren in Dr. Theißens Vortrag auch Phantomlösungen wie Breakout-Rooms für gestresste Mitarbeiter und Beispiele der Kundenfokussiertheit. Wegweisend sind demnach Amazons leerer Stuhl für den abwesenden Kunden im Besprechungszimmer. Oder Zalandos Gestaltung der Konferenzräume in der Optik von Kundenwohnzimmern. Ich will gar nicht bestreiten, dass solche Maßnahmen zum Erfolg eines Unternehmens beitragen können. Die gewünschte positive PR-Wirkung ist derartigen Schachzügen ohnehin gewiss. Aber man macht es sich doch entschieden zu einfach, wenn ein paar Kickertische im Büro und effizientere Abrechnungsmodelle als die billable hour ausreichen sollen, um sich für den strukturellen Wandel des Rechtsmarkts zu wappnen.

Katharsis?

So brachte Herr Dr. Theißen einmal mehr das zentrale Problem der Rechtsdienstleister ins Bewusstsein – und zwar rhetorisch brillant. Eine überzeugende Lösungsstrategie hat er indes nicht vorgelegt. Da ich derlei Vorträge allerdings zur Genüge kenne, will ich Herrn Dr. Theißen hierbei in Schutz nehmen. Dass keine richtige Lösung angeboten wird, liegt nicht an ihm, sondern vermutlich eher an der Thematik seines Bühnenstücks. Bei einer griechischen Tragödie ist auch kein Happy End vorgesehen. Ob es in Sachen Legal Tech so bleiben muss, ist nicht gesagt. Bisher muss man eines aber schlichtweg anerkennen. Der „Legal Engineer“ und die Suche nach neuen Kundenbedürfnissen und Märkten sind bestenfalls Provisorien. Wo allein die 164.000 deutschen Anwälte künftig arbeiten sollen, wenn der Google Assistant die Rechtsberatung übernimmt, dafür gibt es 2017 schlichtweg noch keine befriedigende Antwort.

Die Spektanten

Gefühlt dominierten Ende Juli beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs im Publikum aber gar nicht Redner und Konkurrenz, sondern Spektanten. Sprich: Legal Tech Interessierte ohne Zugehörigkeit zu einem Legal Tech Unternehmen. Dabei ist der Begriff Spektanten sicher nicht ganz glücklich, weil darunter auch etliche fallen, die immerhin in einer Kanzlei, Rechtsabteilung oder an einem Lehrstuhl vereinzelte Legal Tech Projekte betreuen. Wir sprechen in diesem Fall trotzdem von Spektanten, weil wir es nicht mit unmittelbarer Konkurrenz, mit Legal Tech Hardlinern zu tun haben, die nur noch an der Schnittstelle von Code und Recht arbeiten.

Mein persönlicher Eindruck ist hier sicher keine repräsentative Messgröße. Aber es regt doch zum Nachdenken an, dass die anwesenden Spektanten ein deutlich euphorisch-futuristischeres Verständnis von den Potenzialen der Legal Technology hatten. Ein Teilnehmer verstieg sich beim Buffet sogar zu der These, für die künftig überschüssigen Arbeitskräfte stünde mit der Virtual Reality doch eine hervorragende Lösung bereit. Apropos Buffet …

Der Gastgeber des 3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Den größten Beitrag zum Gelingen des Abends leistete jedenfalls der Gastgeber Hogan Lovells und Nico Kuhlmann als Organisator im Besonderen. Das zeigte sich, wie so oft, nicht zuletzt an der ausgezeichneten Verpflegung nach den Vorträgen. Zu derartig gut geplanten und umgesetzten Veranstaltungen kommen wir gerne wieder.