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Legal Tech Ideas

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.

Legal Tech Ideas

Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Jede Bewegung kultiviert ihre Idealtypen und für die Legal Tech Szene gehört dazu das Berufsbild Legal Engineer. Als Legal Engineer definiert sie dabei Juristen, die zusätzlich zu ihrer klassischen Ausbildung IT-Kenntnisse besitzen. Sie sind daher qualifiziert, an der Schnittstelle zwischen beiden Fachbereichen zu arbeiten und etwa an Automatisierungsprozessen mitzuwirken. Sie sollen in Zukunft das Scharnier formen zwischen Rechtsdienstleistern einerseits und Informatikern andererseits.

Automatisierung heute: ohne Legal Engineer

Ich sage „in Zukunft“, weil in den Sternen steht, ob sich der Legal Engineer tatsächlich einmal zwischen Jurist und ITler schiebt. Es ist nämlich so: Bisweilen automatisiert sich der Rechtsmarkt, ohne dass juristische Endanwender und ITler Seite an Seite arbeiten. Verbreitet ist es eher, dass ein Jurist bei einem externen IT-Unternehmen für seine Tätigkeit ein Programm bzw. eine Lizenz nachfragt. An der Spitze dieses Unternehmens steht dann im günstigeren Fall ein Jurist, der eine vage Ahnung davon hat, welche Technik praktizierenden Anwälten weiterhilft und wie man sie entwickelt. So funktioniert das zum Beispiel bei RA-Micro.

Ein Schwerpunkt auf Rechtsdienstleistungen oder eine Expertise in Informatik ist aber keineswegs conditio sine qua non, wenn Softwareentwickler im Rechtsmarkt tätig werden. Wenn ich mir die Low Tech Entschädigungsrechner mancher Fluggastportale ansehe, gewinne ich eher den Eindruck, dass dahinter eine von zwei ähnlich kruden Entwicklungsvarianten steht. Entweder die Gründer-Juristen haben mit ihren Hobby-IT-Fähigkeiten ihre Abfragemechanismen selbst gebastelt. Oder sie haben ein externes Unternehmen damit beauftragt und ein mehr oder weniger passendes Produkt bekommen. Also ein Produkt, von dem der juristisch ungeschulte ITler denkt, es könnte dem Juristen helfen.

Woran mache ich fest, dass es so läuft? An den ganzen Unstimmigkeiten ihrer Tools, die Juristen im laufenden Betrieb sehen und ITler leicht ausbessern können. Dass das trotzdem nicht passiert, liegt entweder daran, dass Juristen zwar die Probleme erkennen, aber unfähig sind, sie selbst zu korrigieren. Alternativ erklärt sich das Phänomen daraus, dass ständige Change Requests an externe ITler natürlich sehr teuer werden, wenn ihnen das juristische Grundverständnis für die Anforderungen fehlt, denen ein Tool genügen muss.

Automatisierung künftig

ohne Legal Engineer?

Solange man aber überwiegend trotzdem meint, solche Kooperationsformen zwischen Juristen und Informatikern reichen, wird kaum einer nach einem Legal Engineer als Mittelsmann fragen. Und selbst wo man glaubt, Juristen und ITler sollten laufend Hand in Hand zusammenarbeiten, fehlt das Bedürfnis nach einem Dritten.

Es genügt vollkommen, wenn ein Informatiker genug vom zu lösenden Problem und ein Anwalt genug von den technischen Mitteln zur Lösung versteht. Ein Dolmetscher wird nicht gebraucht. Aus grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen kennt man das schon. Wo für alle Geschäftspartner Englisch die lingua franca ist, kann man sich den Übersetzer sparen.

Auf Kanzleien bezogen heißt das zum Beispiel, dass im Idealfall der Nutzer einer Prüfungssoftware diese bilateral mit dem Programmierer optimiert. Aber kann er das einfach so? Müsste er dafür nicht Informatik studieren? Hier empfiehlt sich ein unverstellter Blick. Denn wenn ein Jurist ein bisschen technisch versiert ist, wird ihm eine solche Kooperation ohne weiteres gelingen. Dafür braucht ein Anwalt nicht einmal irgendwelche praxisfernen Anfängerkurse in (veralteten) Computersprachen. Es reicht bereits das Gespür dafür, welche seiner Arbeitsschritte schematisierbar sind und welchem Schema sie folgen.

oder ohne Anwalt?

Sicher mag man eine solche Person hochtrabend nicht mehr als Jurist, sondern als Legal Engineer bezeichnen. Eine Scharnierfunktion hat sie indes nicht mehr. Schließlich ist ein separater Anwalt neben dem Legal Engineer allenfalls eine vorübergehende Erscheinung. Denn warum sollte der Legal Engineer sein Tool dauerhaft Anwälten zur Verfügung stellen, wenn er es auch selbst bedienen kann. Immerhin spart das Support-Hotlines, Schulungskurse und zudem Marketingaufwand, um einer notorisch technikfernen Branche begreiflich zu machen, wie sie von einem Tool profitieren kann.

Früher oder später wird dem Legal Engineer dämmern, dass er die Tätigkeit des Anwalts auch direkt übernehmen und gegenüber dessen Mandanten anbieten kann. Und wenn der Anwalt clever ist, dann wird auch er merken, dass er direkt mit IT-Entwicklern zusammenarbeiten kann, statt dazwischen einen Legal Engineer einzuschalten. Das Ergebnis ist so oder so ein Engineering Lawyer, weniger ein Legal Engineer. Ersteres scheint mir eher ein tatsächlicher Zukunftsberuf zu sein.

Legal Tech Ideas

Legal.Tech-nically – Legal Tech aus der Innenperspektive

Posted by Jacob Weizmann on
Legal.Tech-nically – Legal Tech aus der Innenperspektive

Hintergrund des Blogs: Legal Tech im Jahr 2017

Die Gründung der DiRiSo passt zur allgemeinen Aufbruchsstimmung, wie man sie seit geraumer Zeit im „Legal Tech“-Segment der Rechtsbranche wahrnimmt. Man könnte auch sagen: Wir springen schlichtweg auf den Zug derjenigen auf, die Folgendes verinnerlicht haben:

  1. Rechtsnormen knüpfen Rechtsfolgen an Rechtsvoraussetzungen. Sie funktionieren insofern nach einem Wenn-Dann-Schema.
  2. Ein Wenn-Dann-Schema lässt sich hervorragend in Code abbilden.
  3. Rechtliche Prüfungen sind somit einer IT-gestützten Automatisierung sehr zugänglich.

Solche Überlegungen wirken fast schon banal. Dennoch teilt unter Juristen bislang nur eine Minderheit die besagte Einschätzung. In der Lebenswirklichkeit der meisten Berufsträger und Aspiranten spielt Legal Tech jedenfalls keine ernstzunehmende Rolle:In der Ausbildung sind Legal Tech Kurse 2017 noch immer ein Randphänomen.

Das ist nur konsequent, mündet das Studium doch ins erste juristische Staatsexamen, dessen zentrale Herausforderung darin besteht, sich eine respekteinflößende Stoffmenge ins Hirn zu repetieren. Eben diese in Klausuren ohne Hilfsmittel außer dem Gesetzestext aus der Erinnerung zu holen, ist zwar ohne Frage eine äußerst disziplinierte Gedächtnisleistung. Dennoch stellt sich im 21. Jahrhundert die Frage nach dem ökonomischen Mehrwert solcher Memorierfertigkeiten, wenn jeder Zweitsemesterstudent ebenso gut auf juristischen Datenbanken wie Beck-Online weit mehr als das gesamte examensrelevante Fachwissen in Sekundenschnelle abrufen kann – und zwar lückenloser, als es irgendein Prädikatskandidat aus seinem Erinnerungsvermögen hervorzukramen im Stande wäre.

Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, dass die erste Staatsprüfung nicht auf den Anwaltsberuf vorbereitet. Schließlich passt das Anforderungsprofil des Examens gut zu einem Berufsalltag, in dem etliche Anwälte selbst im Umgang mit Office-Programmen bestenfalls Grundfunktionen beherrschen. Und in der Tat: Im juristischen Mikrokosmos entspricht etwas Erfahrung mit MS Word sicherlich noch dem Gold-Standard der IT-Kompetenz. Nichtsdestotrotz fällt solche Technikferne im Vergleich zur restlichen Wirtschaftswelt völlig aus der Zeit, wenn gleichzeitig anderswo Bots für Presseagenturen über Unternehmensentwicklungen berichten, IBM Watson Krankheiten diagnostiziert und Therapien empfiehlt und Pkw wie Lkw bald autonom fahren. So viel zum technologischen Anachronismus der konventionellen Jurisprudenz.

Ebenso irrlichternd scheint auf der anderen Seite aber zuweilen auch das Eigenleben, das die Legal-Tech-Avantgarde fernab der zentralen juristischen Diskursräume führt: So sehr manche Digitalisierungsvorreiter beispielsweise bereits das Zeitalter der vollwertig humanoiden künstlichen Intelligenz herbeischreiben, so weit sind wir bei bodenständiger Betrachtung von solchen Wunderwerken noch entfernt.

Haltung des Blogs zu Legal Tech

Dieser Blog geht einen Mittelweg – zwischen der alteingesessenen Technophobie der Anwaltszunft und dem Legal Tech Hype manches überdynamischen Start-Up-Entrepreneurs. Wir wollen einerseits die Entwicklung im Bereich Legal Tech nüchtern aufarbeiten. Zudem möchten wir Geschäftsideen der Branche kritisch auf den Prüfstand stellen, ohne sie zu zerreden. Außerdem wollen wir ohne Scheuklappen ausloten, wie disruptiv sich die Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen auswirkt, ohne sie blindlings hochzuschreiben.

Bei alledem sind wir natürlich keine vollkommen distanzierten Betrachter des Geschehens. Da wir selbst Legal Tech Anwendungen entwickeln, können und wollen wir nur die Perspektive eines Marktteilnehmers einnehmen. Was heißt das?Unvermeidbar legen wir unseren Analysen gewisse Vorannahmen zugrunde; etwa, dass sich diverse Rechtsdienstleistungen tatsächlich gewinnbringend automatisieren lassen. Auch gebietet es der faire Wettbewerb, den Blog weder zur Bemäkelung der direkten Konkurrenz noch zur Eigenwerbung zu instrumentalisieren.

Themen des Blogs

Da wir selbst in der Branche tätig sind, profitieren wir gleichwohl davon, dass sich unsere Analysen auf direkte Eigenerfahrungen stützen. Wir haben Referenzwerte dafür vor Augen, was die Zielgruppe für bestimmte Legal Tech Produkte zu zahlen bereit ist, wie arbeitsintensiv die Entwicklung bestimmter Tools ist, wie komplex juristische Fragen ausfallen, deren Prüfung automatisiert werden soll usf. Gerade solche Daten, die man gern als „Branchenkenntnis“ verschlagwortet, bereiten wir für Leser auf – und zwar in drei Rubriken: Einerseits kommentieren wir in der Kategorie Legal Tech News Neuigkeiten zu den Unternehmen, die sich der Digitalisierung des Rechtsmarktes widmen. Vor allem möchten wir dabei Ereignisse aus der Legal Tech Szene in die Gesamtentwicklung der Branche einordnen.

Außerdem nehmen wir uns in regelmäßigen Beiträgen bestehende Geschäftsmodelle vor und untersuchen kritisch-konstruktiv ihre Erfolgsträchtigkeit (Kategorie: Legal Tech Reviews).

Darüber hinaus präsentieren wir gelegentlich Digitalisierungsideen, die bislang noch überhaupt kein Unternehmen realisiert (Kategorie: Legal Tech Ideas). Ansonsten ist es aber auch gut möglich, dass sich im Laufe des Blogbetriebs weitere Themenfelder erschließen.