Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Für die Digitalisierung der Rechtsdienstleistungen bewahrheitet sich zurzeit die Prognose, die noch 2017 vermutlich die wenigsten für realistisch hielten. Der Markt tritt auf der Stelle. Dass Legal Tech 2018 in Deutschland stagnieren würde, ahnten vermutlich die wenigsten in der allgemeinen Aufbruchstimmung der letzten Jahre. Wahrscheinlich würden die meisten noch nicht einmal heute zu dieser Diagnose gelangen. Aber je mehr Gespräche ich mit den Vertretern der einzelnen Anbieter von Legal Tech 2018 führe, desto mehr bestätigt sich der Befund, den ich hier schon einmal vorwegnehme.

Die meisten Unternehmen kommen über die Runden, verdauen die bisherige Expansion, wachsen moderat weiter, operieren stabil. Von Niedergang ist nicht viel zu spüren – aber eben auch nichts von revolutionären Geschäftsmodellen. Und da sich weder in die eine noch in die andere Richtung nennenswert etwas bewegt, spreche ich von Stagnation. Genau das aber ist auf den zweiten Blick ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Wild-West-Ära von Legal Tech 2018 und wahrscheinlich darüber hinaus noch ein Weilchen fortdauert. Zumindest für Goldgräber in spe sind das hervorragende Nachrichten.

So. Das waren genug gewagte Thesen für den Einstieg. Kommen wir zur Marktanalyse, auf die ich meine Einschätzung stütze.

Legal Tech Unternehmen heute

Im Grunde zerfällt die Branche für Legal Tech 2018 in drei gut abgrenzbare Lager. Da sind zum einen die so genannten Marktplätze, die Nutzer mit einem Rechtsproblem an Anwälte vermitteln, ohne selbst einen Beitrag zu dessen eigentlicher Lösung zu leisten. Zum anderen haben sich etliche Anbieter für Kanzleisoftware positioniert. Darüber hinaus finden sich für etliche einzelne Verbraucheransprüche Portale, die per Inkasso oder Factoring die Abwicklung übernehmen. Eine ziemlich vollständige Übersicht aller Unternehmen in den jeweiligen Sparten führt das so genannte Legal Tech Verzeichnis.

In allen genannten Bereichen steigt die Zahl der Anbieter. Und zwar in mehrerer Hinsicht. Sowohl nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die ein bestimmtes einzelnes Rechtsproblem bearbeiten, als auch die Zahl der Rechtsprobleme, für die Abhilfe geboten wird. Bewegten sich noch 2011 beispielsweise am Markt der Fluggastportale fast nur Flightright, Fairplane und EUClaim sind bis heute mindestens einige Dutzend Konkurrenten dazugekommen. Gleichzeitig gibt es bei Weitem nicht mehr bloß im Reiserecht eine Legal Tech Lösung für Verbraucher: Um das Straßenverkehrsrecht kümmern sich diverse Anbieter wie geblitzt.de. Als Helfer im Sozialrecht hat sich vor allem rightmart einen Namen gemacht. Gegen unzulässige Mieterhöhungen und Mietnebenkostenabrechnungen kämpft zum Beispiel Mineko. Bei der Kündigung von Lebensversicherung unterstützt unter anderem helpcheck, bei der Rückabwicklung des Kaufs von Diesel-PKW myright und beim Einfordern einer Abfindung Abfindungsheld.

Was im ersten Moment wie ein kraftvolles Wachstum der Branche aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Stagnation. Das hat mehrere Gründe:

Kontinuität, nicht Quantensprünge

Klar erkennbar ist zunächst, dass sich die Branche in gefestigten Bahnen bewegt. Es findet bestenfalls eine Skalierung statt, keine Disruption. Es kommen keine grundverschiedenen Geschäftsmodelle hinzu, es werden nur bestehende kopiert und auf weitere Rechtsprobleme gesetzt – und zwar bezeichnenderweise zunehmend auf Nischen mit weniger Umsatzpotenzial und weniger Marge.

Bestes Beispiel sind die Entwicklungen, die Legal Tech 2018 im Reiserecht vollzieht: Das neueste Angebot dürfte hier noch am ehesten darin bestehen, dass inzwischen auch Dienstleister mit Erstattungen für stornierte Tickets weiterhelfen sowie mit Bahnentschädigungen. Erstere richten sich aber weitgehend nach den Buchungsbedingungen der Airlines, die meistens nur einen Bruchteil des Ticketpreises für erstattungsfähig erklären. Dementsprechend gering sind die Beträge, die Startups wie Geld für Flug für stornierte Tickets auszahlen können (wir berichteten hier über Geld für Flug).

Es mag im Übrigen auch einen Markt für Bahnentschädigungen geben, jedoch ist er ungleich kleiner als der für Fluggastentschädigung. Denn die Erstattungsansprüche und somit die möglichen Provisionen für Legal Tech Unternehmen fallen bei Bahnreisen weitaus kleiner aus als bei Flügen. Im schlimmsten Fall schuldet die Deutsche Bahn bei über zweistündiger Verspätung eine hälftige Erstattung des Ticketpreises. Selbst bei einem Fahrkartenpreis von 100 € stehen dem einzelnen Reisenden also bestenfalls 50 € zu. Der Ausgleichsanspruch bei einer Flugunregelmäßigkeit beträgt nach Art. 7 FluggastrechteVO 250-600 €, also das fünf- bis zwölffache der Bahnentschädigung. Hinzukommt, dass die FluggastrechteVO auf Flüge europaweit Anwendung findet, während Erstattungsansprüche gegen die Deutsche Bahn naturgemäß nur deutsche Zugverbindungen betreffen.

Mehr Angebot, gleiche Nachfrage

Ein weiteres Problem der aktuellen Entwicklung ist das Überangebot, auf das Legal Tech 2018 zusteuert. Nur weil inzwischen einige Dutzend Anbieter Fluggästen dabei helfen, ihre Entschädigung einzufordern, nimmt noch lange nicht die Zahl der Verspätungen zu. Stattdessen konkurriert die wachsende Zahl der Fluggastportale um eine mehr oder weniger konstante Menge an potenziellen Kunden.

Und je weiter man gemeinsam die Nachfrage deckt, desto mehr jagen sich die Konkurrenten nur noch gegenseitig Marktanteile ab, wie dies in Deutschland bei Fluggastrechten bereits der Fall zu sein scheint. Das erhöht für alle Betroffenen die Werbeausgaben, senkt die möglichen Gewinnmargen und reduziert damit zudem das Potenzial für Research & Development. Verkürzt heißt das, Legal Tech Unternehmen bringen 2018 mehr mit dem Verwalten zu als mit dem Gestalten. Das wiederum verkleinert den Spielraum für Innovationen und disruptive Geschäftsmodelle.

Dabei betrifft die Problematik des Überangebots einige Sparten noch weit schlimmer als den Markt der Fluggastrechte. Richten wir einmal den Blick auf das B2B Segment. Hier fossilieren sich die wenigen Komplettangebote für Kanzleiorganisationssoftware, während ansonsten ein Flickenteppich spezifischer Anwendung für einzelne Rechtsprobleme entsteht, der über die Nachfrage hinausschießt.

Kanzleiorganisationssoftware

Zunächst gibt es einige Komplettlösungen für Kanzleien (z.B. RAMicro) und Rechtsabteilungen (z.B. LeCare), deren Mehrwert intuitiv einleuchtet. Sie decken eine breite Funktionspalette ab, verlangen für ihr breit gefächertes SaaS-Modell eine Lizenzgebühr und tausende Kunden wissen: Wenn ich diesen einen Preis zahle, bin ich rundum ausgestattet. Wenig verwunderlich zählte derartige Software schon zum Repertoire von Legal Tech Anwendungen, bevor man sie überhaupt als Legal Tech bezeichnete. Ebenso ist davon auszugehen, dass sie weiterhin einen festen Platz im Ensemble der Legal Tech Lösungen behalten.

Disruptionspotenzial geht von entsprechenden Softwareanbietern indes nicht aus. Das hat etwas mit der Kostenstruktur zu tun und mit der (geringen) Erwartungshaltung der Kunden. Klar ist, dass Kanzleien und Rechtsabteilungen derartige Gesamtpakete auf absehbare Zeit benötigen, um das Fundament für ihre IT-Infrastruktur zu legen. Ihre Mitarbeiter nutzen die Applikationen ob ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und ihrer zentralen Stellung in den Arbeitsprozessen täglich. Dementsprechend hoch ist der Schulungs-, Wartungs- und Supportaufwand. Potenziert wird all das durch den Umstand, dass das zentrale Vertriebsargument besagter Software ihre Vollständigkeit ist – mitsamt der störanfälligen oder sonstwie arbeitsintensiven Komponenten. Man kann das zusätzlich einpreisen, muss aber die Schmerzgrenze in der Zahlungsbereitschaft der Abnehmer bedenken. Das erhöht letztlich die Personalkosten der Anbieter im Verhältnis zu den Einnahmen und reduziert die Spielräume für substanzielle Weiterentwicklungen. Gleichzeitig führt es dazu, dass sich die Mitarbeiter der Kunden in der Softwareumgebung einrichten, dort regelrecht Wurzeln schlagen.

Das wiederum erschwert den Wechsel zu anderen Lösungen. Solange der Softwareanbieter also einigermaßen mit der Zeit geht, die Benutzeroberfläche nur wie das vorletzte Windows aussieht und nicht wie 98, bleiben die Kunden treu. Zu umständlich wäre die Umstellung einer ganzen Rechtsabteilung oder Kanzleibelegschaft auf ein neues System. Zumal dafür ja ein attraktives Gegenmodell zur Auswahl stehen müsste, für dessen Entwicklung die meisten Softwareanbieter aus besagten Gründen ihrerseits keinen Anreiz haben.

Hinzukommt, dass der Entwicklungsaufwand für eine Komplettlösung so groß ist, dass kaum neue Alternativen die Markteintrittshürden überwinden. In dieses Bild passt, dass die unangefochtenen Marktführer für Kanzleiorganisationssoftware sich bereits in den 80er und 90er Jahren gründeten. In diese Zeit fallen die Anfänge von RAMicro, Lecare, Soldan und Wolters Kluwer, die heute die gängigen IT-Module bereitstellen.

Überangebot der Nischenlösungen

Welche Art von Legal Tech entwickelt also jemand, der 2018 erstmalig auf den B2B-Markt drängt? Richtig, eine schnell gebaute Nischenlösung für ein spezifisches Einzelproblem. Leider sind auch in diesem Bereich die Cash Cows schon weitgehend beansprucht. Die für die Due Diligence enorm relevante E-Discovery decken inzwischen in den USA Anbieter wie Ross Intelligence und in Deutschland Leverton ab. Dabei verfügen sie offenbar bereits über ausreichende Datenmengen, um kritische Klauseln mithilfe von AI zu erkennen. Gleichzeitig sind die Entwickler von Tools für einzelne Rechtsprobleme hier nicht stehen geblieben. Mittlerweile tummeln sich im B2B-Bereich gleichermaßen Anbieter für Vertragsgeneratoren, Bausätze für Prüfungsmechanismen in juristischen Standardfragen und Legal Chatbots.

So reizvoll solche Hilfsmittel jeweils sein mögen, so wenig greifbar sind die Einsatzgebiete, in denen Kanzleien und Rechtsabteilungen massenhaft derartige Tools für den regelmäßigen (!) Gebrauch benötigen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, wie viele Sozietäten bereit sind, BRYTER für sein Bausatzsystem regelmäßig eine Lizenzgebühr zu zahlen, damit man für häufig auftretende rechtliche Einzelfragen ein handliches Prüfungsmodul erstellen kann. Mir scheint es so, als ob es zumindest für die meisten mittelständischen Kanzleien attraktiver ist, Legal Tech Entwickler wie die DiRiSo zielgerichtet mit der Anfertigung einzelner inhouse Tools zu beauftragen und einmalig zu bezahlen.

Und bei dem Ansatz von BRYTER sprechen wir noch von einem einigermaßen universell einsetzbarem System; unter den Neugründungen finden sich auch etliche Unternehmen, die wesentlich engere Nischen bearbeiten. Der große Wurf scheint jedenfalls nicht dabei zu sein. Eher ist zu befürchten, dass hier ein reichliches Angebot auf eine verhaltenere Nachfrage trifft.

Was fehlt Legal Tech 2018

Das beachtlichste an der gegenwärtigen Entwicklung ist allerdings das, wonach man vergeblich sucht: eine Idee, die den Markt regelrecht umkrempelt. Auch 20 Jahre nach dem Boom der New Economy und dem Aufbruch ins Internetzeitalter fehlt im Rechtsdienstleistungsbereich etwas vom Format Amazons, Googles, Teslas. Es gibt zwar inzwischen im angelsächsischen Raum etwas breit gefächertere Portale wie DoNotPay oder Legalzoom, die Angebote für eine Vielzahl von Einzelproblemen bündeln. Strukturell unterscheidet sich ihr Service aber nicht von dem, den hierzulande Legal Tech Unternehmen in etwas zersplitterterer Form leisten.

Das heißt, dass weiterhin nur für einen Bruchteil der Rechtsprobleme genuine Legal Tech Lösungen abrufbar sind. Wo immer der streitgegenständliche Sachverhalt oder die Rechtslage etwas komplexer ausfällt und sich Fälle nicht so leicht schematisieren lassen, scheitert Legal Tech 2018 weiterhin. Und das dürfte nach wie vor die allermeisten Rechtsfragen betreffen. Nicht weil sich das Recht einer Schematisierbarkeit entzieht, sondern schlichtweg weil vielerorts die geringe Fallzahl oder die niedrigen Streitwerte oder Schwierigkeiten der Beweisbarkeit in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zur Entwicklung einer Legal Tech Anwendung stehen. Das beschränkt das Einsatzgebiet der Legal Technology vorerst auf Standardfragen und Massenverfahren.

Wie sich das ändern könnte, steht weiter in den Sternen. Man erahnt am Horizont zwar, dass eine ausgereifte künstliche Intelligenz von menschlichem Format (general AI) geeignet wäre, den menschlichen Anwalt umfassend zu ersetzen. Selbst die optimistischsten AI-Forscher gehen allerdings davon aus, dass wir von diesem Entwicklungsstadium künstlicher Intelligenz noch mindestens Jahrzehnte entfernt sind. Eine „Brückentechnologie“, die den Rechtsmarkt in der Zwischenzeit umkrempelt, zeichnet sich dagegen noch nicht ab. Aber erst wenn eine solche den Markt betritt, zieht die Rechtsdienstleistungsbranche wirklich mit dem E-Commerce und der Automobilindustrie und vielen anderen Sparten in Sachen Digitalisierung gleich. Für Gründer ist das allerdings eine gute Nachricht: So bleibt Legal Tech 2018 unverändert entwicklungsfähig.