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DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

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DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Auch wenn diese Seite der DiRiSo zugerechnet wird, berichten wir hier getreu unserem Blogkonzept kaum über deren Geschäftsaktivitäten. Dafür haben die Geschäftsführer kürzlich die DiRiSo im Interview vorgestellt. Und das gleich zweimal. Wer sich also dafür interessiert, was das Legal Tech Unternehmen hinter diesem Blog eigentlich genau tut, dem seien folgende beiden Artikel ans Herz gelegt, die die DiRiSo im Interview porträtieren.

Links

Einmal auf Startup Valley vom 4.12.2017.

Und einmal auf selbstaendigkeit.de vom 12.01.2018.

 

Legal Tech News

Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

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Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Diese Woche erklärte Justizsenator Dirk Behrendt im Handelsblatt, die Justizministerkonferenz erwäge, eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech zu schaffen. Der Aufschrei aus der Legal Tech Szene ließ nicht lange auf sich warten. Versiert konterten Fiedler, Grupp und Schimang aus Frankfurt. Auch Legal Tech Papst Markus Hartung von der Bucerius Law School brachte sein Unverständnis auf Twitter zum Ausdruck.

Stand der Diskussion über die Aufsichtsbehörde für Legal Tech

Lagerbildung

Die Fronten sind damit geklärt. Ich will es einmal etwas karikiert ausdrücken. Auf der einen Seite stehen technophobe Handakten-Anwälte und Großkanzlei-Veteranen mit Liebe fürs Diktiergerät, aber wenig Sinn für Automatisierung, die ihnen am Ende noch ihre 500 € Stundensätze fürs Paraphrasieren aus Gesetzeskommentaren kaputtmacht. Der Tendenz nach zählen zu ihrer Gruppe auch diejenigen, die die Gesetze schreiben, wenn ein Ministerium das nicht selbst schafft. Man lehnt sich insofern nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt, dass diese Gruppe gewisse Beziehungen zur Politik unterhält. Wie weit sie reichen, will ich nicht beurteilen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man allerdings sagen, dass solche Beziehungen immerhin vorhanden sind.

Nicht behaupten lässt sich das im Gegensatz dazu vom Verhältnis zwischen Politik und der Legal Tech Szene. Sie steht mit ihrem Innovationsoptimismus konventionellen Strukturen der Anwaltschaft gegenüber. In Deutschland dürfte sich der Jahresumsatz der gesamten Branche allerdings noch deutlich unter 100 Millionen Euro bewegen. Für die Regierung einer Volkswirtschaft mit einem BIP von 3,14 Milliarden Euro ist das zu unerheblich, als dass sie regelmäßig die Nähe zu Exponenten dieses Marktes sucht.

Meinungen

Was sich da also in dem Streit um die Aufsichtsbehörde für Legal Tech andeutet, ist eine Auseinandersetzung, die bildgewaltige Assoziationen weckt. Zumindest bei den Diskussionsteilnehmern auf Twitter. Assoziationen zum Kampf von David gegen Goliath, von Uber gegen die Taxi-Industrie, von Airbnb gegen die Hotelketten. Das hat die Legal Tech Szene im Kopf und ich gebe zu, das waren auch meine ersten Gedanken.

Genauso vorhersehbar und plump fiel die Reaktion der mitdebattierenden Handakten-Anwälte aus. Schließlich würde doch jede Branche reguliert und schließlich dürften diese Legal Tech Anarchos da keine Ausnahme machen. Da könnt ja jeder kommen.

Einzelne warnten dann noch vor der Überreaktion und gingen davon aus, Justizsenator Behrendt und die regulierungsaffinen konventionellen Juristen würden den digitalen Markt einfach falsch einschätzen. Schließlich sei es doch so, dass Legal Tech ohnehin nur ersetzt, wofür es heute keine Anwälte braucht. Eine These, die sogar das Gütesiegel von Herrn Hartung höchstselbst beanspruchen darf. Niemand nehme also jemand anderem etwas weg, keiner müsse Konkurrenz befürchten, der Konflikt beruhe auf einem einzigen Missverständnis.

Reflexion

Mit ein bisschen Abstand gewinnt die Diskussion mehr Tiefe. Ich behaupte, die Thesen aller drei erwähnten Positionen sind auf ihre Weise falsch.

Die Mär von der friedlichen Koexistenz

Die Auffassung, Legal Tech und konventionelle Anwälte würden nicht konkurrieren, hat den Charme, dass sie niemandem auf die Füße tritt. Jeder kann sich darin wiederfinden. Eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech wäre obsolet. Stattdessen kooperieren alle harmonisch.

Genau deshalb befürchte ich aber, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedankens ist. Denn Legal Tech löst bei bestimmten Arbeitsschritten schon heute Anwälte ab. Und das eher mit zunehmender als mit abnehmender Tendenz. Beispiel Due Diligence. Man kann vor allem in den USA seit der Finanzkrise beobachten, wie Kanzleien die Durchsicht von Verträgen aus menschlichen Händen nehmen und einer E-Discovery-Software überantworten. Die verlangt keine Lohnnebenkosten, keine Bürofläche, keinen bezahlten Jahresurlaub. Die Software ist nie krank und sie arbeitet Verträge gründlicher und schneller durch als jede menschliche Arbeitskraft.

Das Gegenargument der Koexistenztheoretiker ist natürlich bekannt. Die Due Diligence Anwälte erledigen dafür künftig einfach nur noch die Schokoladenseite des Anwaltsjobs. Empathie zeigen, mit Menschen arbeiten, Strategien entwerfen, so in etwa die Vision. Das scheint mir aber zu sehr vom Ergebnis her gedacht und weniger aus tatsächlichen ökonomischen Erwägungen. Wer eine Kanzlei mit Gewinnerzielungsabsicht führt, setzt die freigewordenen Due Diligence Anwälte nicht alle zur Förderung der Kundenbeziehung bei Kaffee und Kuchen ein. Und er zahlt ihnen auch nicht das gleiche Gehalt für weniger Arbeit. Realistischer ist, dass er ihnen die Arbeitszeit und den Lohn kürzt oder sie ganz entlässt.

Die so ge-„offboardeten“ Juristen können sich dann natürlich immer noch auf eine der Stellen bewerben, die die Software entwickeln, die sie selbst wegautomatisiert hat. Aber ist das dann nicht schon wieder Legal Tech? Lautete die These nicht, dass Legal Tech genug von der konventionellen Anwaltstätigkeit übrig lässt, dass alle wie gehabt in diesem Bereich weiterarbeiten können?

Wachsende Konkurrenz

Übrigens: Dieses Phänomen der direkten Konkurrenz von klassischer Anwälte und Legal Tech wird nicht bei E-Discovery stehenbleiben. Dass momentan Legal Tech Unternehmen wie Ersatz-Pilot vorwiegend leicht automatisierbare Massenverfahren automatisieren, liegt nicht etwa daran, dass rechtliche Prüfungen ansonsten nicht rentabel automatisierbar sind. Der Grund dürfte vor allem darin bestehen, dass Märkte mit schematischen Standardfällen sich für den Einstieg so gut eignen. Für entsprechende Algorithmen genügt auch das bisher dürftige Startkapital.

Aber je mehr Entwicklungsaufwand ein Legal Tech Unternehmen stemmen kann, desto eher geraten daneben juristische Prüfungen aus der konventionellen anwaltlichen Praxis in den Fokus. Ein interessantes Beispiel ist insofern Abfindungsheld, ein Startup, das sich an gekündigte Arbeitnehmer richtet, die alternativ einen Anwalt für Arbeitsrecht beauftragen könnten.

Niemand hat die Absicht, überkommene Geschäftsmodelle zu protegieren

Verbraucherschutz?

Es wäre vor diesem Hintergrund sehr nachvollziehbar, wollten Anwälte wie vor ihnen etwa die Taxi- und die Hotelindustrie Regulierungen nutzen, um die digitale Konkurrenz auszubremsen. Aber vielleicht ist das ja wirklich nicht der Hauptimpuls hinter der jetzt angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech. Vielleicht handeln die verantwortlichen Politiker nur aus dem Bedürfnis heraus, einer jungen Industrie Leitplanken zu setzen, damit sie keine öffentliche Interessen wie den Verbraucherschutz gefährdet. Solche Erwägungen führte sogar Justizsenator Behrendt an, als er die Risiken von Flightright und Co. als Begründung für die Aufsichtsbehörde anführte.

Und stimmt es denn nicht, dass die Fluggastportale sich für ihre Dienste eine erhebliche Marge von den Entschädigungen einbehalten, die sie für ihre Kunden beitreiben? Wäre es nicht gerechter, Gerichte würden Fluggästen den vollständigen Betrag zusprechen?

Ja das wäre es. Aber dann müssten diese Fluggäste dafür selbstständig vor Gericht ziehen, ihre Entschädigung allein durchsetzen und in Vorleistung treten. Das ist nicht jedermanns Sache und gerade deswegen existieren die Fluggastportale. Es beruht also auf dem freien Entschluss der Verbraucher, sich für einen der Fluggastentschädiger zu entscheiden. Sie dabei zu reglementieren, hieße sehr bald, Verbraucher vor sich selbst zu schützen.

Oder Protektionismus?

Das gilt erst recht, weil sich Verbraucher vor allem über digitale Produkte transparenter denn je mithilfe anderer Kundenbewertungen informieren können. Wo genau die Aufsichtsbehörde darüber hinaus einen Beitrag zum Verbraucherschutz leisten will, erschließt sich mir nicht. Ich verstehe deshalb, dass Legal Tech Unternehmen befürchten, es gehe bei der angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech nur beiläufig um Verbraucher- und primär um Konkurrenzschutz.

Denn die Hauptleidtragenden der Legal Technology sind unbestreitbar konventionelle Anwälte. Ihnen, die sie mühsam nach über sieben Jahren zwei Examina erworben haben, wollen nun ein paar juppige Startups den Rang ablaufen?! Das kann ja wohl nicht angehen.

Es braucht keine Verschwörungstheorien, um zu mutmaßen, dass nicht zuletzt dieser Geist aus den angekündigten Regulierungen atmet. Insbesondere, weil die mit der Formulierung der Vorschriften betrauten Referenten vermutlich selbst Juristen sind.

Aufsichtsbehörde für Legal Tech: nicht Goliath, sondern ein Zyklop

Trotzdem fällt mein Fazit optimistisch aus. Aus folgender Überlegung:

Gemessen an der Marktkapitalisierung beschreibt zwar am ehesten der Vergleich zwischen David und Goliath das bevorstehende Kräftemessen zwischen Legal Tech und konventioneller Anwaltschaft. So mächtig wie Goliath ist letztere dann aber doch nicht.

Denn es kommt nicht von ungefähr, dass die Rechtspflege eine der letzten Branchen ist, die sich digitalisiert. Die Mühlen der juristischen Zunft mahlen langsam. Und es wäre eigenartig, wenn ausgerechnet die innovationsaversen Kräfte agiler den Fortschritt verhindern, als IT-affine Unternehmen ihn vorantreiben. Ins Bild passt insofern, dass die Justizministerkonferenz typischerweise erst nach zweijähriger Beratung eine Handlungsempfehlung vorlegt. Es steht also nicht zu befürchten, dass der Legal Tech Industrie bereits allzu schnell ein Riegel vorgeschoben wird.

Und selbst wenn es überhaupt dazu kommt, hinkt der Vergleich zur Reglementierung von Uber und Airbnb noch an einem weiteren Punkt. Das Produkt Rechtsberatung ist noch weniger greifbar als das Produkt Unterkunfts- oder Transportvermittlung. Automatische Rechtsdienstleistungen können nahezu ortsunabhängig erbracht werden.

Und mehr noch: Genau wie auf der Seite der Regulierer studierte Experten der Regeln sitzen, sitzen typischerweise auf der Seite der Regulierten studierte Meister der Ausnahmen. Flightright leistet unter § 2 RDG Rechtsdienstleistungen für andere und bedürfte einer Anwaltszulassung? Schön, dann kauft Ersatz-Pilot eben die Forderungen selbst und leistet zulässige Rechtsdienstleistungen für sich selbst. Oder ein Fluggastentschädiger wickelt seine Fälle über eine Anwalts-GmbH ab. Es besteht wenig Zweifel, dass Juristen dieses Katz- und Mausspiel perfektionieren werden.

Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist deshalb die Vermutung, dass Legal Tech es im anstehenden Konkurrenzkampf vermutlich nicht mit Goliath, sondern mit einem Zyklopen zu tun hat. Mächtig, aber zu ungelenk, um agile digitale Nachwuchsunternehmen ernsthaft aus der Bahn zu werfen.

Legal Tech News

„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

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„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Irgendwer sagte wohl auf der Bucerius Herbsttagung und dann bei Twitter, man müsse bei Legal Tech heutzutage den „Hype-Cycle“ reiten. Als nüchterne Spektanten der Entwicklung passt das natürlich nicht ganz zu unserem Motto. Ich bin trotzdem seit einigen Wochen auf Twitter unterwegs, um dort zwischendurch ein bisschen Input zu aktuellen Entwicklungen zu geben.

Berechtigte Frage: Muss das sein? Muss man sich wirklich öffentlich der täglichen „Seelenblähung“ (Ole von Beust dixit) entledigen? Natürlich nicht. Aber es sind einige Umstände zusammengekommen, die für uns den Ausschlag gegeben haben, es mit Twitter einmal zu versuchen.

Grund 1: Da das Projekt DiRiSo Fahrt aufnimmt, kann ich nicht versprechen, dass ich jede Woche einen neuen Beitrag abliefern kann. Ein paar Beiträge auf Twitter sind da leichter beizusteuern.

Grund 2: Man kann dort jetzt 280 Zeichen pro Tweet nutzen. Und das gestattet ja zumindest schon mal zwei Gedanken am Stück. Für uns als „sowohl als auch“-Kommentatoren ist das ein willkommenes Mindestmaß zur Differenzierung.

Grund 3: Wenn sich die Legal Tech Szene mal nicht an Buffets auf Branchenevents tummelt, ist sie häufig auf Twitter unterwegs. Und wenn man wie wir über sie schreibt, dann sollte man das aus nächster Nähe tun. Nirgendwo sonst bekommt man ein so gutes Verständnis für das Lebensgefühl einer Subkultur, die in der permanenten Erwartungshaltung lebt, morgen bräche Deepminds Inferno der Künstlichen Intelligenz und der Blockchain Lawyer über uns herein.

Übrigens. Also nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Natürlich überzeichne und pauschalisiere ich in dieser Hinsicht stark. Aber ich empfinde es als durchaus heilsam für alle Beteiligten der Legal Tech Szene, zu der wir ja irgendwo auch gehören, wenn man sich nicht todernst nimmt und in der Lage ist, sich zur Abwechslung gelegentlich selbst zu karikieren. Es ist nicht jedermanns Humor, insbesondere nicht derjenige der hartnäckigsten AI-Apologeten der Legal Technology, für den es die reinste Häresie darstellen muss. Aber zum Glück muss auch nicht jedermann Gefallen an diesem Blog finden; es reicht, wenn’s der eine oder andere tut.

Legal Tech Reviews

Fluggastportale im Vergleich – Überblick über die Flugrechte-Dienstleister

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Mittlerweile haben sich allein im deutschsprachigen Raum etliche Fluggastportale positioniert, die Reisenden unkompliziert zu einer Entschädigung nach der EU-FluggastrechteVO verhelfen, wenn sich ihr Flug verspätet oder ausfällt. Bei Flugausfall, Nichtbeförderung oder über dreistündiger Flugverspätung kommen Fluggäste dadurch leichter denn je an eine Ersatzzahlung für entstandene Unannehmlichkeiten. Doch wann genau besteht ein Entschädigungsanspruch? Und welches der Fluggastportale hilft in solchen Fällen am besten weiter? Der Beitrag gibt Antworten.

Was sind Fluggastportale und wann gibt es Entschädigung?

Um ihre Rechte durchzusetzen, müssen Reisende ihrer Airline nicht selbst die Entschädigung abtrotzen. Stattdessen können sie sich an eines der vielen Fluggastportale wenden. Sie alle ermöglichen es, auf ihren Websites über einen so genannten Entschädigungsrechner anhand einiger Angaben festzustellen, ob für einen bestimmten Flug voraussichtlich eine Entschädigungsberechtigung besteht. Wann eine Flugverspätung oder ein Flugausfall konkret zur Entschädigung berechtigt, lässt sich deshalb am schnellsten und leichtesten mithilfe eines Entschädigungsrechner prüfen. Jeder Anbieter stellt seinen Entschädigungsrechner hierzu unverbindlich und kostenlos bereit. Man muss einen Fluggastrechte-Dienstleister also nicht beauftragen, um zu erfahren, ob er im individuellen Fall einen Entschädigungsanspruch erkennt. Wer das komfortabelste Online-Formular für die Ermittlung der Entschädigung zur Verfügung stellt, werte ich weiter unten in der Rubrik „Aufwand des Fluggastes“ aus.

Außerdem bieten sämtliche Fluggastportale Fluggästen an, deren Ansprüche aus der FluggastrechteVO gegenüber den Fluggesellschaften durchzusetzen. Betroffene erhalten so die ihnen zustehende Entschädigung von bis zu 600 € abzüglich einer Provision.

Da hören die Gemeinsamkeiten der Fluggastportale dann aber schon auf. Die verschiedenen Online-Anbieter zahlen Entschädigungen unterschiedlich schnell aus, berechnen für ihre Dienste unterschiedliche Kosten und verlangen von Fluggästen unterschiedlich viel Mithilfe bei der Durchsetzung ihrer Fluggastrechte. Noch unübersichtlicher wird die Angebotslage dadurch, dass etliche Dienstleister auf irreführende Werbung zurückgreifen. Um hier noch den Überblick zu behalten und für sich den richtigen Anbieter zu finden, nimmt dieser Beitrag einen längst überfälligen Vergleich vor.

Übersicht über die Fluggastportale

Es gibt natürlich unzählige Kriterien, anhand derer man die Fluggastportale vergleichen kann. Wer sich als betroffener Fluggast zwischen den verschiedenen Dienstleistern für einen entscheiden möchte, berücksichtigt allerdings in der Regel vor allem folgende Auswahlkriterien:

  1. Wie schnell komme ich zu meiner Entschädigung?
  2. Welcher Aufwand entsteht mir dafür?
  3. Wie viel Entschädigung verbleibt mir nach Abzug der Provision für den Dienstleister unterm Strich?
  4. Ist der Anbieter auch seriös? Was sagen die Kundenbewertungen?

Unter diesen Gesichtspunkten ergibt sich, Stand 30. November 2017, zusammengefasst folgender Vergleich zwischen den wesentlichen deutschsprachigen Anbietern, Compensation2GoErsatz-PilotEUClaim, EUFlight, Fairplane, Flightright, refund.me und Wir kaufen deinen Flug.

Fluggastportale im Überblick

Um den Befund in den Unterkriterien etwas besser einzuordnen, will ich nachstehend erläutern, wie die zentralen Unterschiede zustande kommen.

Dauer bis zur Entschädigung

Ein erheblicher Klassenunterschied zwischen den verschiedenen Anbietern ergibt sich bei der Wartezeit ihrer Nutzer bis zur Auszahlung der Entschädigung. Man differenziert hier zwischen so genannten Inkasso-Dienstleistern und Sofortentschädigern. Inkasso-Dienstleister wie Flightright und Fairplane zahlen erst aus, wenn sie die Entschädigungsforderung eines Fluggastes erfolgreich durchgesetzt haben. Gelingt die Durchsetzung außergerichtlich, dauert es bis zur Entschädigung gemessen am Kundenfeedback einige Wochen bzw. etwa einen Monat. Des Öfteren weigert sich eine Airline aber, ohne Beanstandungen zu zahlen. Dann sind einige Monate Geduld gefragt, bis ein Gericht die Fluggesellschaft zur Zahlung verurteilt.

Sofortentschädiger wie Ersatz-Pilot und EUFlight punkten damit, dass sie Fluggästen direkt nach erfolgreicher Online-Prüfung einer Entschädigungsberechtigung gegen Abtretung des Anspruchs die Auszahlung gewähren. Sie gehen damit gewissermaßen in Vorleistung und tragen das Risiko, dass sich der Anspruch des Nutzers am Ende doch nicht durchsetzen lässt, so wie etwa gegen die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin. Behalten kann der Fluggast die unverzüglich gewährte Entschädigung so oder so. Wer Wert auf eine prompte Abwicklung und Auszahlung legt, dem kommen somit vor allem die Sofortentschädiger entgegen.

Aufwand des Fluggastes

Grundsätzliches

Im Prinzip brauchen alle Fluggastentschädiger dieselben Daten zum Flug, um Fluggastrechte prüfen, durchsetzen und Fluggästen weiterhelfen zu können. Die Entschädigungsberechtigung richtet sich schließlich immer nach der gleichen Rechtsordnung mit den gleichen Rechtsvoraussetzungen. Die nötigen Daten zur Fallerfassung muss naturgemäß der Fluggast liefern, dem eine entschädigungsberechtigende Flugunregelmäßigkeit widerfahren ist.

Man könnte also auf den ersten Blick meinen, der Mitwirkungsaufwand des Fluggastes sei bei allen Anbietern ähnlich hoch. Das stimmt allerdings nur fast. Denn je nachdem wie ausgefeilt das Online-Formular des Dienstleisters zur Fallerfassung ist, desto weniger Angaben müssen manuell im Nachgang der Ersterfassung telefonisch oder per E-Mail nachgeliefert werden.

Fluggastportale im Vergleich

Besonders systematisch prüfen nach unserer Einschätzung vor allem die Online-Formulare von Flightright (Inkasso-Dienst) und Ersatz-Pilot (Sofortentschädiger) die Fälle der Nutzer ab. Hier sind demnach im Regelfall am seltensten Rückfragen im Nachgang der Online-Prüfung zu erwarten. Dadurch dauert der Abfrageprozess zwar ein paar Minuten länger, macht das Anfordern einer Entschädigung aber ansonsten so einfach wie eine Amazon-Bestellung. Mit Abschicken des Online-Formulars hat der Nutzer meistens schon alles Nötige getan.

Bei anderen Anbietern wie EUClaim (Inkasso-Dienst) und Compensation2Go (Sofortentschädiger) ist der Online-Abfrageprozess dagegen etwas kürzer. Dies geschieht aber zu dem Preis, dass diverse Faktoren erst einmal außer Acht bleiben. Hierzu ein Beispiel: Compensation2Go und Wir kaufen deinen Flug erfragen online, soweit ersichtlich, nur Start- und Zielflughafen, nicht aber die Flugnummer. Auf Strecken, an denen täglich zwischen Start und Ziel mehr als ein Flug verkehrt, gestatten diese Informationen allein noch keine eindeutige Identifikation des betroffenen Fluges. Dies erlaubt erst die Flugnummer, die also noch gesondert zu ermitteln ist. In etlichen Fällen müssen solche Lücken also spätestens bei der Durchsetzung von Fluggastrechten geschlossen werden. Spätestens dann meldet sich ein Dienstleister in der Regel mit Rückfragen, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, als wenn stattdessen nur eine weitere Checkbox im Online-Formular anzukreuzen war.

Denkbar sind mögliche Rückfragen übrigens grundsätzlich eher bei den Inkasso-Diensten wie Flightright. Ergeben sich hier während des Rechtsstreits mit der Airline Rückfragen, muss sich der Fluggast ausführlich äußern. Andernfalls gefährdet er den Erfolg des Verfahrens und auch seiner Auszahlung, die ja erst nach gewonnenem Prozess folgt.

Gesetzlich erforderlicher Extra-Aufwand bei Flightright & Co.

Zu bedenken ist noch ein weiterer Aspekt, der das Verfahren bei Flightright, Fairplane und EUClaim mitunter zwangsläufig aufwändiger gestaltet. Verbleibt die Forderung beim Fluggast und soll Flightright sie nur durchsetzen, tritt bei einem womöglich notwendigen Gerichtsverfahren auch der Kunde selbst als Kläger auf. Natürlich übernehmen die Fluggastportale in diesem Fall die Verfahrenskosten. Den Anwalt bevollmächtigt hingegen naturgemäß der Kläger, also der Fluggast. Hierfür verlangt § 80 S. 1 ZPO Schriftform. Das bedeutet: Spätestens wenn ein Gerichtsverfahren zur Beitreibung der Entschädigung nötig wird, muss der Kunde eines Inkasso-Dienstes eine Vollmachtsvorlage händisch unterschreiben und postalisch verschicken.

Aus diesem rechtlichen Umstand folgt, dass es überhaupt nur Sofortentschädigern durchgehend möglich ist, den Aufwand des Kunden auf das Ausfüllen des Online-Formulars zu beschränken. Somit punkten an dieser Stelle Ersatz-Pilot und Co. Dadurch dass sie direkt auszahlen, bekommt hier der Fluggast von einem etwaigen Gerichtsverfahren nichts mit, da in diesem die Fluggastportale als Kläger auftreten.

Kosten und Provision

Eins vorab: Alle uns bekannten Fluggastportale erbringen ihren Dienst erfolgsunabhängig. Das heißt: Keines der verglichenen Portale berechnet Fluggästen irgendwelche Gebühren, wenn der Fluggast nicht auch eine Entschädigung hält. Vielmehr verrechnen alle Anbieter ihre Provision mit der Entschädigungszahlung. Spannend ist aber die Frage: Was bleibt dem Nutzer jeweils unterm Strich?

In der Tendenz stellt man fest, dass Inkasso-Dienste wie EUClaim von Fluggästen eine niedrigere Provision verlangen als Sofortentschädiger. Das erklärt sich daraus, dass Sofortentschädiger in Vorleistung treten und deshalb in ihren Gebühren das Ausfallrisiko einpreisen müssen, das sich etwa mit der Insolvenz von Air Berlin verwirklicht hat. Ein Anbieter trotzt diesem Trend jedoch ein wenig. Der relativ junge Dienstleister Ersatz-Pilot bietet gerade bei Flugunregelmäßigkeiten auf Langstreckenflügen die besten Konditionen. Hier begnügt sich der Sofortentschädiger mit 25% Provision und zahlt direkt 450€ aus – mehr als selbst eingesessene Inkasso-Dienste wie Flightright. Auf Kurz- und Mittelstrecken zahlt EUClaim pro Person ca. 10-20 € mehr, dafür aber nicht sofort, sondern wie gesagt erst nach erfolgreicher Durchsetzung.

Kundenbewertungen und Erfahrungen

Allgemeines

Bei den Kundenbewertungen erzielen von refund.me einmal abgesehen alle Fluggastportale Spitzenergebnisse. Gemessen an den Erfahrungsberichten halten sämtliche Anbieter Wort und können den allermeisten Nutzern helfen. Besonders gute Bewertungen erhalten dabei vor allem Sofortentschädiger wie Ersatz-Pilot. Ausweislich ihres Feedbacks kommt ihnen zugute, dass sie Entschädigungen prompt auszahlen.

Umgekehrt spiegelt sich gerade in den Bewertungen von Flightright wider, dass es dort immer mal wieder zu Fällen kommt, in denen sich das Verfahren zur Durchsetzung und damit auch die Auszahlung übermäßig hinauszögert. Selten, aber überaus strapaziös sind dabei beispielsweise Verfahren, die vor Gericht bis in die Berufung führen oder sogar verloren gehen.

An den Selbstaussagen und dem Kundenfeedback von EUClaim und den anderen Inkassodiensten kann man ablesen, dass in ca. 97-98% der Verfahren Fluggastrechte erfolgreich durchgesetzt werden können. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass jedes fünfzigste Verfahren, das angestrengt wird, verloren geht. Dieses Risiko und seine Verwirklichung fließen bei Inkasso-Diensten natürlich anteilig in die Erfahrungsberichte ein. Sofortentschädiger ernten an diesem Punkt hingegen keine Kritik ihrer Nutzer, weil ihre Leistung gerade darin besteht, Fluggästen die Gefahr einer erfolglosen Durchsetzung abzunehmen und sie direkt auszuzahlen.

Besondere Kritikpunkte

Neben solchen eher strukturellen Vorzügen und Nachteilen der Fluggastportale ergeben sich aus den Bewertungen und Erfahrungsberichten der Kunden darüber hinaus noch eine Reihe konkreter Kritikpunkte gegenüber bestimmten Anbietern. Aufschluss hierüber gibt ein Blick auf die einzelnen Reviews auf Trustpilot und anderen Bewertungsplattformen.

Dauer bei Inkasso-Fluggastportalen

Kunden werfen Inkasso-Unternehmen und insbesondere Flightright gelegentlich vor, sie würden nur zaghaft Klagen anstrengen, stattdessen nur routinemäßig an Forderungen erinnern und der Airline dadurch kulanzweise mehrere Monate Zeit zur Bearbeitung der Ansprüche lassen. Welchen Grund diese zögerliche Vorgehensweise hat, lässt sich nicht näher klären.

Fest steht zumindest: Für Inkasso-Unternehmen sind solche Verzögerungen weniger unangenehm als für Fluggäste, die auf Entschädigung warten. Schließlich kommen Verzugszinsen nicht den Kunden der Inkasso-Unternehmen zugute, sondern diesen selbst. Und je länger sich eine Entschädigung hinauszögert, desto höhere Verzugskosten lassen sich abrechnen.

Flüge mit Start und Ziel außerhalb Deutschlands bei Sofortentschädigern

Kleinere und jüngere Fluggastportale sind in der Regel noch keine Kooperationen mit Partnerkanzleien im EU-Ausland eingegangen. Solche braucht es allerdings, um Fluggastrechte auch dann durchzusetzen, wenn weder der Start- noch der Zielflughafen in Deutschland liegt und ein deutscher Gerichtsstand damit ausscheidet. Gerade bei Sofortentschädigern sind deshalb Direktzahlungen nur dort zuverlässig möglich, wo ein entschädigungsberechtigter Flug in Deutschland startete oder landete.

Der Entschädigungsrechner von Ersatz-Pilot zeigt immerhin direkt zu Beginn einer Prüfung an, ob für eine bestimmte Flugverbindung eine Entschädigung ausscheidet. Bei anderen Sofortentschädigern wie EUFlight und Compensation2Go sortiert dagegen nicht schon die Online-Prüfung lückenlos Fälle aus, die nicht bearbeitet werden können. Dies führt bei Kunden zuweilen zu Ernüchterung, weil sie das Formular letztlich umsonst vollständig ausfüllen.

And the winner is…?

Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf eine klare Empfehlung. Ich denke, die hier zusammengetragenen Daten versetzen jeden Fluggast in die Lage, sich selbstständig den individuell passenden Dienstleister auszuwählen. Wer sich ansonsten vertieft über die Anbieter informieren möchte, sei ermuntert, auf die Links zu den einzelnen Fluggastportalen zu klicken.

Legal Tech News

Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

Posted by Jacob Weizmann on
Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

Das Legal Tech Großevent in diesem Monat ist ohne Zweifel die 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School. Für uns trifft sich das im Prinzip gut, zumal die DiRiSo in der Hamburg Area ihren Sitz hat und unser Team dort Legal Tech Veranstaltungen routinemäßig mitnimmt. Insbesondere diejenigen mit anständigem Buffet, wie die Legal Tech Meetups. Nun zweifeln wir keineswegs daran, dass die Law School in der Lage ist, einen akzeptablen Caterer aufzutreiben und für das leibliche Wohl zu sorgen. Für den Überseeclub, wo der Begrüßungsabend steigt, gilt das sowieso. Trotzdem gehen wir nicht zur 7. Herbsttagung. Wieso?

Das Schlüsselwort lautet Verhältnismäßigkeit oder besser: Unverhältnismäßigkeit. Sportliche 490 € kostet ein Ticket für den Haupttag und dafür bekommt man ein paar Vorträge, gecatertes Mittagessen und etwas Networking inklusive 2-3 Gratis-Kaffees. Ich weiß nicht, was die knapp 300 Gäste der 7. Herbsttagung an diesem Angebot finden, aber da, wo ich herkomme, kann man sein Geld besser anlegen.

Die Alternative zur 7. Herbsttagung

Zum Beispiel könnte ich mir den interessantesten Redner aus dem Line-Up greifen und für den aufgerufenen Betrag in ein Sterne-Restaurant seiner Wahl einladen.

Das bessere Essen

Das hätte erstens den angenehmen Nebeneffekt, dass das Essen vortrefflich ist. Catering-Mahlzeiten in allen Ehren, man kann fraglos auch am Buffet Fantastisches auffahren, wie unsere Freunde von Hogan Lovells es routinemäßig tun. Aber trotzdem: In einer ganz anderen Liga spielt natürlich ein Sieben-Gänge-Menü mit, sagen wir, Hasenfilet in Whiskey-Marinade in einem der Hauptgänge und Lavendelblüteneis zum Dessert.

Der bessere Vortrag

Und weil das so ist, habe ich bei einem solchen Abendessen auch eher die Gelegenheit, einer interessanten Legal Tech Persönlichkeit mehr als nur ein paar Gemeinplätze zu entlocken. Gemeinplätze, wie sie die 300 Gäste der 7. Herbsttagung en masse zu hören bekommen, wenn Freshfields Partner und Manager von den vielen tollen Disruptions und Opportunities der Legal Technolgy schwafeln berichten. Die zugehörigen polierten Powerpoint-Slides lässt hingegen selbst der distinguierteste Speaker daheim, wenn man ihm beim Abendessen gegenübersitzt und der Laptop mit Pitchdeck dem Teller mit den Garnelen im Orangen-Chili-Mantel weicht. Ebenso außen vor bleiben dann meist die Plattitüden, das Offensichtliche, Oberflächliche, Massenkompatible. Stattdessen hat man sieben Gänge lang Zeit, einmal die interessanteren Ansichten der jeweiligen Person abzuklopfen.

Will sagen: Man hat Gelegenheit zu Fragen, die das neuste Buch des Speakers offen lässt und sein Vortrag bestenfalls anteasert. So ein aktuelles Buch von den Ausrichtern der 7. Herbsttagung kostet übrigens 79 € auf Amazon. Am Rande erwähnt: Es ist einigermaßen peinlich, dass die Legal Tech Avantgarde es für diesen Preis nicht einmal hinbekommt, ihr Werk als E-Book bereitzustellen. Wichtiger ist an dieser Stelle allerdings der Umstand, dass man in den meisten Sterne-Restaurants günstig genug wegkommt, um für den Tagungspreis nicht bloß das Abendessen, sondern gleich noch das Buch des Speakers zu zahlen. Zugegebenermaßen kann das Buch kein Catering-Lunch kredenzen, aber dafür entfaltet es die Überlegungen der Speaker deutlich tiefgründiger als ihr jeweiliger Redebeitrag. Und für das Essen verbleibenden einem ja die restlichen 411 €.

Das bessere Netzwerk

Bleibt also noch das Networken. Das müsste doch am Stehtisch auf der 7. Herbsttagung besser klappen als im Sterne-Lokal. So legt es zumindest jeder Werbeprospekt für derlei Events nahe. Meine eigenen Erfahrungen weichen davon nichtsdestotrotz ab. Und zwar nicht bloß gradweise, sondern diametral. Mit der Größe der Tagung steigt die Anonymität. Natürlich gibt es trotzdem Gespräche am Buffet und, ja, man lernt dabei weit mehr als eine neue Person kennen.

Nur kann ich mich kaum an Gespräche auf solchen Kongressen erinnern, die über bloßen Small-Talk hinausgingen. Ebenso wenig legen nach meiner Erinnerung Konferenz-Kaffeepause den Grundstein für eine nennenswerte Zahl an Freundschaften fürs Leben oder Geschäftspartnerschaften für das nächste Unicorn. Mondäne Abendessen in angenehmer Atmosphäre haben dagegen schon eher Kontakte befördert, die über ein paar lose Linkedin-Bekanntschaften hinausgehen. Und genau weil das so ist, bin ich am 17. November anderweitig verplant.

Schluss

Man kann mir vorhalten, meine reservierte Haltung zur 7. Herbsttagung sei dennoch vorschnell, überzogen, undifferenziert. Und selbstverständlich bin ich immer gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Und wer weiß, vielleicht widerlegt das Event ja all meine Befürchtungen. Wenn ich mir allerdings den vor Sponsored Content triefenden Promoblog  Newsblog des Veranstalters anschaue, habe ich daran so meine Zweifel. Dafür nehme ich es in Kauf, wegen meiner Vorliebe für die Sterneküche statt für Herbsttagungen vermessen genannt zu werden. Kopflos 500 € Kanzleigelder für eine seminützliche Tagung mit rhetorischem Legal Tech Theaterdonner zu expensen, ist es aber vermutlich mindestens genauso.

Legal Tech Ideas

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.

Legal Tech Reviews

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

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Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.

Legal Tech News

4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Posted by Jacob Weizmann on
4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 4. Legal Tech Meetup Hamburgs war nicht nur dem Namen nach angelsächsisch geprägt. Auch zeichnete es sich dadurch aus, dass diesmal alle Referenten ihre Vorträge auf Englisch hielten. Der Grund war einleuchtend: Es sollte schließlich um die amerikanische Perspektive zum Thema Legal Tech gehen. Dafür hatte der „Serial-Host“ Nico Kuhlmann respektive Hogan Lovells zum 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sogar prominente Unterstützung aus Kalifornien eingeladen. Eingeplant für die Keynote war niemand geringeres als Prof. Mark A. Cohen, so etwas wie das amerikanische Pendant von Markus Hartung, der ebenfalls einen Vortrag hielt. Insofern muss man schon einmal sagen: Dr. Kuhlmann versteht es, die Rockstars der Legal Tech Szene zusammenzutrommeln.

Ganz ohne Turbulenzen lief das Vortragsprogramm leider nicht ab. Orkan Xavier hatte am 5. Oktober Mark Cohens Landung in Hamburg vereitelt. Höhere Gewalt also, bei der ausnahmsweise nicht einmal Ersatz-Pilot und Co. zur Fluggastentschädigung verhelfen können. Stattdessen wurde Prof. Cohen nach Brüssel umgeleitet; sein Gepäck landete zu allem Überfluss anderswo. Trotzdem – und hier noch einmal Chapeau, Dr. Kuhlmann – gelang es, ihn per Skype aus seinem Hotelzimmer zuzuschalten. So konnte das versammelte Publikum immerhin partiell an seinen Reflektionen zur Legal Technology teilhaben. Nur partiell vor allem deswegen, weil das wacklige Hotel-WLAN gelegentlich Ton- und Video-Stream unterbrach. Nichtsdestotrotz gab er den etwa 70 Zuhörern einige neue Gedanken mit auf den Weg.

Das Unicorn im Phrasenhaufen

Garniert waren die Ausführungen natürlich mit den üblichen Gemeinplätzen zur Legal Technology, die jeder nach dem ersten Einführungsvortrag kennt. Buzzwords wie Disruption reihten sich in den üblichen Sermon zu veränderten Berufsbildern und Potenzialen der Legal Tech für den „Access to Justice“ von Kleinunternehmen und Privatleuten. Aufschlussreich waren Prof. Cohens Ausführungen dennoch. Denn sein Bezug zur Legal Technology besteht anders als der von Markus Hartung nicht primär darin, auf Konferenzen als Cheerleader Legal Tech zu hypen sachverständiger Referent Chancen und Risiken der Legal Technology zu analysieren. Stattdessen hat er selbst vor einigen Jahren ein eigenes Legal Tech Startup gegründet und erfolgreich gegen die Wand gesetzt eigene Erfahrungen in der Branche gesammelt.

Clearspire?

Clearspire hieß Prof. Cohens Unternehmen. Das Geschäftsmodell bestand darin, eine Kanzleisoftware alá RAMicro zu entwickeln, nur eben besser – mit Kommunikationskanälen zum Kunden, mehr Tools usf. Cohen sieht hierin, in einer ganzheitlichen IT-Plattform für Juristen, den großen Wurf der Legal Tech Branche. Und damit wurde der Vortrag zum Ende im Q&A-Teil des 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sehr spannend. Denn es ist ja in der Tat richtig, dass es für Rechtsdienstleistungen noch keinen technischen Giganten wie Amazon, Google oder Facebook gibt. Und das wirft die hochaktuelle Frage auf: Wer wird der Bezos, Page oder Zuckerberg der Juristen? Nun, Prof. Cohen wird es sicherlich nicht. Clearspire ist wie gesagt pleite. Interessant ist umso mehr, wieso er weiterhin glaubt, er wäre damit beinahe das eigene Unicorn geritten.

Soweit man Cohen über die instabile Skype-Verbindung richtig verstehen konnte, stützt sich seine Überlegung auf eine Analogie zum Erfolg von Legal Zoom. Legal Zoom liefert einen Generator für juristische Standarddokumente. Darüber hinaus vermittelt die Plattform dort Anwälte, wo die automatische Vertragsgestaltung nicht ausreicht. Das läuft ganz erfolgreich und steht sicher im Kontrast zu zahllosen Legal Tech Flops.

Ebenso wenig wie der Legal Engineer

Eine Milliarden-Dollar-Idee scheint es dennoch nicht ganz zu sein. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass jemanden das Prinzip Werkzeugkiste für Verbraucher (Legal Zoom) respektive Legal Professionals (Clearspire) fasziniert. Aber es gibt inzwischen haufenweise mehr oder weniger extensive Kanzleiorganisationsplattformen, ohne dass eine auch nur in Sichtweite der Market Cap von Freshfields und Co. kommt. Zum Vergleich: Airbnb ist unterdessen den größten Hotelketten enteilt, Amazon den größten Einzelhandelsketten usw. Dass Kanzleisoftwareentwickler hier nicht mithalten, liegt vermutlich zum einen an den relativ hohen Entwicklungs- und Wartungskosten solcher Software. Andererseits lässt sich für solche Werkzeugkisten kaum der Preis veranschlagen, den die einzelnen Tools in der Summe wert sind. Denn kaum eine Kanzlei wird sämtliche Funktionen nutzen.

Hinzu kommt noch das grundlegende Problem jedes Scharniers an der Schnittstelle zwischen Recht und IT. Eine Kanzleiorganisationssoftware ist im fortgeschrittenen Zustand nichts weiter als ein codegewordener Legal Engineer. Und deswegen drängt sich auch solchen Programmen die Frage auf: Wozu Marketing- und Schulungskosten und Nutzerfreundlichkeit, um die Tools krampfhaft der technophoben Juristenriege aufzuzwängen? Warum treten reine IT-Produkte nicht Stück für Stück in direkte Konkurrenz mit Anwälten? Es sind genau solche Erwägungen, die mich skeptisch stimmen, ob Prof. Cohen am Ende richtig liegt. Die Gesetze der Ökonomie geben ihm bisher jedenfalls kein Recht.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass er zu dieser Diskussion einen wichtigen Impuls geliefert hat. Insofern plane ich auch, die Überlegung demnächst an anderer Stelle zu vertiefen.

Worum ging es beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sonst?

Bricht das aetas aurea an?

Ansonsten fiel beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs auf, dass die Redner die Legal Technology diesmal deutlich optimistischer bewerteten. Beim letzten Mal hatte eine opulente Powerpointpräsentation die Drohkulisse der Umwälzungen am Arbeitsmarkt besonders plastisch in Szene gesetzt. Am 5. Oktober klang diese Gefahr allenfalls in Nebensätzen an. Stattdessen beeilten sich Markus Hartung und Prof. Cohen, die Potenziale der Legal Technology am Arbeitsplatz zu betonen. Konzentrieren dürften sich Anwälte zukünftig auf die emotionalen, zwischenmenschlichen, strategischen, abwägenden Bestandteile ihres Handwerks. Algorithmen würden ihnen nur die lästigen Bestandteile ihrer Tätigkeit abnehmen. Dafür würde es reichen, wenn sich angehende Juristen etwas mehr mit IT befassen, damit sie effektiv Routinearbeiten identifizieren und delegieren könnten.

Zieht mit der Legal Technology also doch das goldene Zeitalter herauf?

Nun, aus dem Blickwinkel der Verbraucher und Mandanten ist Herrn Hartung beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn Verbraucher Fluggastentschädigungen dank Legal Tech so einfach erlangen können, wie sie bei Amazon Bücher bestellen. Das heißt aber längst nicht, dass der juristische Arbeitsmarkt ebenso umfassend von der Legal Technology profitiert. Solche Zweifel ergeben sich schon aus einigen Zwischenbemerkungen der Referenten selbst, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollten.

Herr Hartung erwähnte, dass je nach Studie mittelfristig voraussichtlich 20-80% der bisherigen juristischen Stellen wegbrechen. Ob wir umgekehrt allein auf dem deutschen Anwaltsmarkt Verwendung für 34.000-140.000 Blockchain Lawyers (was immer das sein mag) und Legal Engineers haben, darf bestenfalls mit einem Fragezeichen quittiert werden. Das gilt insbesondere, wenn man folgende Randbemerkung Prof. Cohens zum amerikanischen Anwaltsmarkt bedenkt. Er verwies darauf, dass schon jetzt Senior-Partner führender Law Firms die unverhältnismäßig hohe Bezahlung ihrer Associates beklagen, da etwa deren Due Diligence Prüfungen weitgehend maschinell zu einem Bruchteil ihrer Lohnkosten durchführbar seien. Das weckt nicht gerade die Erwartung, dass die Legal Tech Revolution keine prekären Wald- und Wiesenanwälte mehr kennt, sondern nur Gewinner.

Wann wird das eiserne Zeitalter eingeläutet?

Ich bin ein Freund von Ovids Metamorphosen. Und anders als für Augustus Hofschreiber Vergil mündet deren kosmologische Entwicklung nicht zwingend in den goldenen Überfluss, sondern bekanntlich ins eiserne Zeitalter. So negativ muss und sollte man die Entwicklung in Mitteleuropas bester aller möglicher Welten natürlich nicht sehen. Auch nicht in der Legal Tech Szene. Aber dass die Zeiten in jedem Fall stürmischer werden, davon kündet auch Markus Hartungs bemerkenswert ehrliche Selbstreflektion am Ende seines Vortrags. Er sagte voraus, dass die Zeit der Keynotes von Legal Tech Geronten im Pullunder sich in einem Jahr erübrigt und an ihre Stelle gestandene Legal Tech Unternehmer treten.

Ganz so bald dürfte es aber womöglich nicht werden, wenn statt Blockchain und AI eher rucklige Skype-Verbindungen und unintelligente Flughafengepäcklogistik das Jahr 2017 prägen. Bis dahin bleibt Zeit, das vorzügliche Buffet von Hogan Lovells beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs und hoffentlich weiteren Veranstaltungen dieser Art zu genießen. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn Dr. Kuhlmann und die Referenten noch möglichst lange nicht durch IBM Watson und den Google Assistent ersetzt werden. Wie es um das Buffet bei Google steht, erfahren wir spätestens beim nächsten Legal Tech Meetup am 22. Februar.

 

Legal Tech Ideas

Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

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Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Jede Bewegung kultiviert ihre Idealtypen und für die Legal Tech Szene gehört dazu das Berufsbild Legal Engineer. Als Legal Engineer definiert sie dabei Juristen, die zusätzlich zu ihrer klassischen Ausbildung IT-Kenntnisse besitzen. Sie sind daher qualifiziert, an der Schnittstelle zwischen beiden Fachbereichen zu arbeiten und etwa an Automatisierungsprozessen mitzuwirken. Sie sollen in Zukunft das Scharnier formen zwischen Rechtsdienstleistern einerseits und Informatikern andererseits.

Automatisierung heute: ohne Legal Engineer

Ich sage „in Zukunft“, weil in den Sternen steht, ob sich der Legal Engineer tatsächlich einmal zwischen Jurist und ITler schiebt. Es ist nämlich so: Bisweilen automatisiert sich der Rechtsmarkt, ohne dass juristische Endanwender und ITler Seite an Seite arbeiten. Verbreitet ist es eher, dass ein Jurist bei einem externen IT-Unternehmen für seine Tätigkeit ein Programm bzw. eine Lizenz nachfragt. An der Spitze dieses Unternehmens steht dann im günstigeren Fall ein Jurist, der eine vage Ahnung davon hat, welche Technik praktizierenden Anwälten weiterhilft und wie man sie entwickelt. So funktioniert das zum Beispiel bei RA-Micro.

Ein Schwerpunkt auf Rechtsdienstleistungen oder eine Expertise in Informatik ist aber keineswegs conditio sine qua non, wenn Softwareentwickler im Rechtsmarkt tätig werden. Wenn ich mir die Low Tech Entschädigungsrechner mancher Fluggastportale ansehe, gewinne ich eher den Eindruck, dass dahinter eine von zwei ähnlich kruden Entwicklungsvarianten steht. Entweder die Gründer-Juristen haben mit ihren Hobby-IT-Fähigkeiten ihre Abfragemechanismen selbst gebastelt. Oder sie haben ein externes Unternehmen damit beauftragt und ein mehr oder weniger passendes Produkt bekommen. Also ein Produkt, von dem der juristisch ungeschulte ITler denkt, es könnte dem Juristen helfen.

Woran mache ich fest, dass es so läuft? An den ganzen Unstimmigkeiten ihrer Tools, die Juristen im laufenden Betrieb sehen und ITler leicht ausbessern können. Dass das trotzdem nicht passiert, liegt entweder daran, dass Juristen zwar die Probleme erkennen, aber unfähig sind, sie selbst zu korrigieren. Alternativ erklärt sich das Phänomen daraus, dass ständige Change Requests an externe ITler natürlich sehr teuer werden, wenn ihnen das juristische Grundverständnis für die Anforderungen fehlt, denen ein Tool genügen muss.

Automatisierung künftig

ohne Legal Engineer?

Solange man aber überwiegend trotzdem meint, solche Kooperationsformen zwischen Juristen und Informatikern reichen, wird kaum einer nach einem Legal Engineer als Mittelsmann fragen. Und selbst wo man glaubt, Juristen und ITler sollten laufend Hand in Hand zusammenarbeiten, fehlt das Bedürfnis nach einem Dritten.

Es genügt vollkommen, wenn ein Informatiker genug vom zu lösenden Problem und ein Anwalt genug von den technischen Mitteln zur Lösung versteht. Ein Dolmetscher wird nicht gebraucht. Aus grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen kennt man das schon. Wo für alle Geschäftspartner Englisch die lingua franca ist, kann man sich den Übersetzer sparen.

Auf Kanzleien bezogen heißt das zum Beispiel, dass im Idealfall der Nutzer einer Prüfungssoftware diese bilateral mit dem Programmierer optimiert. Aber kann er das einfach so? Müsste er dafür nicht Informatik studieren? Hier empfiehlt sich ein unverstellter Blick. Denn wenn ein Jurist ein bisschen technisch versiert ist, wird ihm eine solche Kooperation ohne weiteres gelingen. Dafür braucht ein Anwalt nicht einmal irgendwelche praxisfernen Anfängerkurse in (veralteten) Computersprachen. Es reicht bereits das Gespür dafür, welche seiner Arbeitsschritte schematisierbar sind und welchem Schema sie folgen.

oder ohne Anwalt?

Sicher mag man eine solche Person hochtrabend nicht mehr als Jurist, sondern als Legal Engineer bezeichnen. Eine Scharnierfunktion hat sie indes nicht mehr. Schließlich ist ein separater Anwalt neben dem Legal Engineer allenfalls eine vorübergehende Erscheinung. Denn warum sollte der Legal Engineer sein Tool dauerhaft Anwälten zur Verfügung stellen, wenn er es auch selbst bedienen kann. Immerhin spart das Support-Hotlines, Schulungskurse und zudem Marketingaufwand, um einer notorisch technikfernen Branche begreiflich zu machen, wie sie von einem Tool profitieren kann.

Früher oder später wird dem Legal Engineer dämmern, dass er die Tätigkeit des Anwalts auch direkt übernehmen und gegenüber dessen Mandanten anbieten kann. Und wenn der Anwalt clever ist, dann wird auch er merken, dass er direkt mit IT-Entwicklern zusammenarbeiten kann, statt dazwischen einen Legal Engineer einzuschalten. Das Ergebnis ist so oder so ein Engineering Lawyer, weniger ein Legal Engineer. Ersteres scheint mir eher ein tatsächlicher Zukunftsberuf zu sein.

Legal Tech Reviews

Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

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Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

Dass Legal Tech für Fluggastrechte besonders häufig entwickelt wird, ist kein Zufall. Kaum eine anderes Rechtsgebiet bietet so dankbare Einstiegsvoraussetzungen für Legal Tech Applikationen. Die Rechtsmaterie erfüllt alle idealtypischen Bedingungen für eine rentable Automatisierung mit niedrigen Einstiegskosten. Das macht das Reiserecht zu einem ersten Einsatzgebiet der Legal Technology, das dem Endverbraucher nahesteht. Hier zeigt sich also schon heute, welchen Mehrwert die neue Technologie letztlich für den Kunden verspricht.

Was der Kunde von Legal Tech erwarten darf (die Hoffnung)

Ist der Aufwand für die Entwicklung eines Legal Tech Tools einmal aufgebracht, senken die eingerichteten Automatismen zur Rechtsdurchsetzung deren Kosten drastisch. Je weiter der Algorithmus die menschliche Prüfung und Korrespondenz übernimmt, desto weniger Personalkosten fallen noch an. Gleichzeitig dünnen sich die einmaligen Fixkosten der IT-Entwicklung bei wachsender Kundenzahl zunehmend auf die einzelnen Fälle aus. Unterm Strich besteht die Verheißung und damit auch das Disruptionspotenzial der Legal Technology schließlich darin, dass ihr Einsatz die Kosten für Rechtsdienstleistungen drastisch senkt. Legal Tech für Fluggastrechte, das heißt verkürzt, das Prinzip der Industrialisierung auf ein erstes Gebiet juristischer Massenverfahren anzuwenden. Economies auf Scale für den Rechtsmarkt.

Man sollte deshalb meinen, dass die Kostenersparnisse der Legal Tech für Fluggastrechte sich gerade auf Seiten der Kunden bemerkbar machen. Das gilt insbesondere, als beispielsweise das Fluggastportal Fairplane davon ausgeht, dass 90% der Flugreisenden ihren Anspruch auf Entschädigung nicht durchsetzen (siehe Screenshot mit dem Kommafehler in der Überschrift von Fairplanes Website). Gerade um aus diesem Reservoir neue Kunden zu gewinnen, wären attraktiv niedrige Kosten für entsprechende Rechtsdienstleistungen doch ein unschlagbares Verkaufsargument.

Laut Fairplane erreichen Fluggastportale bislang 90% der Betroffenen nicht.

Die Wirklichkeit 2017

Beachtliche Margen trotz Legal Tech für Fluggastrechte

Allein: So richtig preiswert sind die Leistungen der etablierten Fluggastentschädiger nicht. Die meisten Inkasso-Dienste behalten sich eine Erfolgsprovision von 25% zzgl. Mwst. ein, also knapp 30% des Wertes der Ausgleichsansprüche, die sie durchsetzen. So genannte Sofortentschädiger ersparen Betroffenen dagegen zwar immerhin die Wartezeit bis zur erfolgreichen Durchsetzung. Die Direktzahlungen, die sie Fluggästen anbieten, unterschreiten deren nominelle Entschädigungsforderungen allerdings in der Regel um ganze 35% plus Mehrwertsteuer. Unterm Strich bleiben dem Fluggast von seinem ursprünglichen Anspruchswert je nach Wartezeit bis zur Auszahlung nur 60-70%. Freuen darf sich dagegen das Fluggastportal über eine üppige Marge von 25-35%.

Das wirft eine Frage auf. Wie kommt ein solcher Preis für Rechtsdienstleistungen zustande, die vollkommen schematisiert ablaufen und sich fast vollständig automatisieren lassen? Mir fallen zwei Antworten ein. Entweder die Entschädigungsplattformen stützen sich gar nicht so sehr auf Legal Technology, wie in Interviews gern behauptet wird. Das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Wenn wir hingegen unterstellen, dass Legal Tech für Fluggastrechte nahezu bis zur Vollautomatisierung gediehen ist, dann gibt es für die derzeitige Marge nur einen plausiblen Grund, nämlich (kurzfristige) Gewinnmaximierung.

Es geht auch anders

Damit das nicht nur eine kühne Behauptung bleibt, hat die DiRiSo mit dem Portal Ersatz-Pilot den Beweis angetreten. Ersatz-Pilot gewährt etwa auf der Langstrecke Direktentschädigungen von 450 €; das entspricht 75% des nominellen Ausgleichsanspruchs eines Fluggastes. Und das ist erst der Anfang.

Dass die Differenz zur nominellen Forderungshöhe noch 25% entspricht, liegt daran, dass Ersatz-Pilot gerade erst damit anfängt, das Geschäftsmodell größer zu skalieren. Gerade für noch unvorhergesehene Komplikationen soll hierbei eine Liquiditätsreserve vorgehalten werden. Je mehr Fluggastrechte aber durchgesetzt werden, desto weiter kann Ersatz-Pilot die Marge zwischen Direktzahlung und Höhe des tatsächlichen Ausgleichsanspruchs abschmelzen.

Warum begnügen sich Kunden trotzdem mit hohen Service-Gebühren?

Derweil ist die Konkurrenz wahlweise immer noch auf etliche kostenintensive manuelle Arbeitsschritte angewiesen oder streicht die Vorteile der Legal Tech lieber selbst ein, als sie an Kunden weiterzugeben. Warum aber vertrauen sich solchen Anbietern trotzdem zahlreiche Kunden an? Mein erster Gedanke war: Alternativlosigkeit. Lieber 350 € von Compensation2Go oder dergleichen als 0 € von der Airline nach vergeblichen eigenständigen Durchsetzungsversuchen.

Dann fiel mir aber ein, dass dieses Bild doch recht pessimistisch gezeichnet ist. Außer in zweifelhaften Fällen und bei einigen hartnäckigen Airlines können Verbraucher ihre Forderungen durchaus erfolgsversprechend selbst durchsetzen. Oft ohne Gerichtsverfahren und mit einem Aufwand, der zwar durchaus hoch ist, aber für den es gewisse Hilfestellungen gibt. So führt beispielsweise eine kurze Google-Suche zu einer Vorlage für ein Aufforderungsschreiben gegen die Airline.

Ersatz-Pilot hat hierzu auf dem Unternehmensblog unlängst ein relativ ehrliches Rechenbeispiel präsentiert, wann es sich lohnt, Forderungen auf eigene Faust durchzusetzen, und ab welcher Höhe eher eine Sofortentschädigung Sinn ergibt. Daraus geht zwar auch hervor, dass ein eigener Aufwand dort nicht gerechtfertigt ist, wo die Direktzahlung nur geringfügig hinter der vollen nominellen Forderung zurückbleibt. Genau das ist aber bei den etablierten Fluggastportalen gerade nicht der Fall. Hier entgehen dem Kunden horrende Anteile seines Ausgleichsanspruchs. Warum lässt er sich trotzdem darauf ein?

Irreführende Werbung

Eine vollständige Antwort kann ich nicht leisten. Vermutlich spielt aber der Umstand eine gewisse Rolle, dass die allermeisten die eben skizzierten Details gar nicht kennen. Und dafür tragen viele der selbsterklärt verbraucherschützenden Fluggastportale eine Mitschuld. Streckenweise gewinnt man den Eindruck, was an attraktiven Konditionen fehlt, wird durch irreführende Werbung kompensiert. Um zu verdeutlichen, woran ich das festmache, habe ich nachstehend eine Collage von Werbeaussagen führender Anbieter zusammengetragen. Alle Screenshots wurden am 22. September 2017 aufgenommen.

600 € Fluggastentschädigung?

Besonders beliebt ist in der Werbung etlicher Fluggastportale die Halbwahrheit, Fluggästen stünden bis zu 600 € Entschädigung zu. Halbwahr ist das insofern, als 600 € zwar der nominellen Höhe eines Ausgleichsanspruchs entspricht, alle Anbieter, die damit werben, aber hiervon natürlich 20-40 % Provision zzgl. Mwst. abziehen.

Besonders perfide ist die Adwords-Werbung von Fairplane, wo es heißt „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 600 € zurück“. Auf der Seite selbst erfährt man hingegen, dass Kunden von Fairplane aufgrund einer Provision von 176,40 € auch bei entschädigungsberechtigten Langstreckenflügen nur maximal 423,60 € erhalten. Aber ich vermute, „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 423,60 € zurück“ klingt einfach nicht mehr spektakulär genug.

Auszahlung in weniger als 24 Stunden?

Eine Spezialität der so genannten Sofortentschädiger besteht darin, dass sie mit Auszahlungen binnen 24 Stunden werben.

Auch das ist im besten Fall halbwahr und im ungünstigen Fall schlichtweg falsch. Halbwahr sind solche Darstellungen insofern, als die fraglichen 24 Stunden nicht etwa nach Abschicken des Online-Formulars zu laufen beginnen, sondern erst nach Bestätigung des Entschädigungsgesuchs. Bis wann eine solche zu ergehen hat, regeln die meisten „Sofortentschädiger“ nicht mit starren kurzen Fristen. Realistischer wäre es also, von einer Zahlung einige Tage nach erstmaliger Kontaktaufnahme durch den Fluggast zu sprechen. Dann allerdings könnte man sich wahrscheinlich nicht mehr mit dem Prädikat „Sofortentschädigung“ schmücken.

Im Übrigen verraten die AGB bei EU-Flight übrigens, dass mit einer Entschädigung auch nach deren Zusage nicht etwa binnen eines Tages, sondern binnen 14 Tagen zu rechnen ist.

Etwas sofortiger entschädigt hingegen laut AGB Compensation2Go. Hier räumt man sich nach Bestätigung des Entschädigungsantrags einen Werktag Zeit ein. Zumindest an Sonn- und Feiertagen wird es hingegen eng mit den beworbenen 24 Stunden.

Die angegebene Auszahlungsfrist einzuhalten, dürfte wirkaufendeinenflug.de sogar noch schwerer fallen. Der Sofortentschädiger geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht gar von einer Auszahlung „in nur drei Stunden“.

Ich bin gespannt, ob um 4 Uhr nachts mein Geld angewiesen wird, wenn ich um 1 Uhr alle Unterlagen und Angaben für meinen entschädigungsberechtigten Flug einreiche. Deshalb verlängert man das Zeitfenster für die Auszahlung vorsorglich auf 24 Stunden. Ob sich zumindest dieser Rahmen durchgehend einhalten lässt? Wirkaufendeinenflug.de scheint sich hier selbst nicht so sicher zu sein und präsentiert weiter unten auf der Startseite im FAQ-Bereich andere Zahlen:

Statt eine „Sofortentschädigung“ zu bewerben, wäre es insofern ehrlicher, von einer zeitnahen Entschädigung zu sprechen. Das hingegen klingt womöglich nicht mehr so verlockend.

Anspruchsprüfung in nur zwei Minuten?

Unabhängig von Auszahlungshöhe und -wartezeit fallen Werbeaussage und Wirklichkeit noch in einem anderen Punkt auseinander. Heruntergespielt wird häufig der Aufwand, um das Entschädigungsformular online auszufüllen und weitere Rückfragen zu beantworten. Wirkaufendeinenflug.de spricht von zwei Minuten Prüfungsdauer im Online-Prozess (s.o.). So viel Zeit braucht der Otto-Normal-Bürger schon allein dafür, sein Ticket rauszusuchen, um die abgefragten Angaben treffen zu können. Dennoch wirbt selbst der Marktführer Flightright damit, die Eingabe würde nur zwei Minuten dauern.

Das ist gerade deshalb überraschend, weil Geschäftsführer Dr. Kadelbach selbst die Prüfungsdauer des Abfrageprozesses auf acht Minuten bezifferte, als das neue Prüfungstool vor einigen Monaten implementiert wurde. So ergibt es sich aus einer Pressemitteilung, die auch vom Legal Startups-Blog aufgegriffen wurde. Diese Zeitangabe deckt sich auch in etwa mit der Dauer, die es braucht, um probehalber einen Fall mit Flightrights Entschädigungsrechner durchzuprüfen und das Formular zu vervollständigen.

Flightright hat das im Frühjahr angekündigte eigene Sofortentschädigungskonzept Flightright Now offenbar nie realisiert. Deshalb bleibt es im Übrigen auch nicht einmal bei der achtminütigen Vervollständigung des Online-Formulars. Bis eine Forderung nämlich nach dem Inkasso-Modell durchgesetzt und ausgezahlt wird, vergehen Wochen bis Monate, in denen ein Kunde über die erforderliche Korrespondenz mit Flightright (z.B. für Rückfragen) weiterhin mit der Angelegenheit befasst ist. Von bloßen zwei Minuten Aufwand kann also keineswegs die Rede sein.

Weitere Fundstücke

Unterm Strich bleibt die Wirklichkeit letztlich bei etlichen Fluggastportalen ernüchternd weit hinter den Werbeslogans zurück. Ausgezahlt wird weniger Entschädigung als suggeriert nach längerer Wartezeit als angedeutet und bei höherem Eigenaufwand als versprochen. Damit aber nicht genug. Auch an anderer Stelle übertreibt die Werbung gerne einmal oder stellt Umstände schlicht falsch dar.

Gerne stellen Fluggastportale Alleinstellungsmerkmale heraus, mit denen sie gar nicht so alleine dastehen. EUFlight berühmt sich beispielsweise, der einzige reine Sofortentschädiger zu sein. Dabei trifft das ebenso auf Compensation2Go und Ersatz-Pilot zu.

Besonders beeindruckend ist zuletzt die Seite „deinflugrecht.de“. Sie steht ganz offensichtlich dem Unternehmen Fairplane nahe, zumal alle Links zur Anspruchsprüfung auf Fairplanes Website verweisen.

Dass es sich bei deinflugrecht.de um ein ganz neutrales Vergleichsportal handelt, wird man vermutlich ausschließen können. Dafür lobt die Seite Fairplane zu einseitig, obwohl der Anbieter selbst in der Gegenüberstellung verschiedener Websites auf deinflugrecht.de keineswegs in allen Kategorien brilliert und beispielsweise nicht die niedrigste Provision verlangt. Aber wie nah steht deinflugrecht.de Fairplane genau? Das herauszufinden, ist gar nicht so einfach. Denn die Unterseiten zum Impressum und die Rubrik „Über Uns“ sind vollkommen leer. Ein Schelm, wer da an Affiliate Marketing denkt.

Etikettenschwindel statt echter Legal Tech für Fluggastrechte?

Wie muss man solche irreführenden bis falschen Werbeaussagen verstehen? Klar wird, dass viele Fluggastportale es beim Marketing offenbar mit der Wahrheit nicht übergenau nehmen. Natürlich sollte man den Befund gleichzeitig auch nicht überdramatisieren. Unachtsamkeiten passieren und selbst kalkulierte Verzerrungen sind zwar nicht immer anständig, aber eben trotz dessen zulässig. Also doch alles im Rahmen? Nun ja. Obwohl für das Marketing andere Maßstäbe als für die Wissenschaft gelten, stößt es doch aus zwei Gründen bitter auf, wenn statt wirklicher Legal Tech für Fluggastrechte auf diesem Markt Kunden eher mit halbwahren Versprechungen geködert werden.

Zum einen sind die Zielgruppe Verbraucher, denen Fluggastportale gerade deswegen Hilfe anbieten, weil bereits Fluggesellschaften ihr Unwissen ausnutzen, indem sie ihre Entschädigungsberechtigung oft verschweigen. Es wäre deshalb zu begrüßen, wenn die verbraucherschützenden Plattformen ein höheres Maß an Transparenz an den Tag legen. Zum Beispiel, indem sie Fluggästen von vorn herein ehrlich kommunizieren, wie viel Entschädigung sie wann erhalten und wie viel Aufwand ihnen dafür insgesamt tatsächlich entsteht. Sicherlich birgt das die Gefahr, dass etliche Kunden ihre Rechte stattdessen selbst durchsetzen, weil ihnen dann bewusster würde, dass die bisherigen Konditionen der meisten Anbieter doch nicht so attraktiv sind. Genau hierin besteht aber der zweite Grund, wieso die bisherige Werbepraxis so unangenehm wirkt. Denn eigentlich erhofft man sich gerade von Fluggastportalen, dass sie Kunden durch die Vorteile von Legal Tech für Fluggastrechte gewinnen und nicht durch Augenwischerei.