Jacob Weizmann


Legal Tech Reviews

Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

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Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Für die Digitalisierung der Rechtsdienstleistungen bewahrheitet sich zurzeit die Prognose, die noch 2017 vermutlich die wenigsten für realistisch hielten. Der Markt tritt auf der Stelle. Dass Legal Tech 2018 in Deutschland stagnieren würde, ahnten vermutlich die wenigsten in der allgemeinen Aufbruchstimmung der letzten Jahre. Wahrscheinlich würden die meisten noch nicht einmal heute zu dieser Diagnose gelangen. Aber je mehr Gespräche ich mit den Vertretern der einzelnen Anbieter von Legal Tech 2018 führe, desto mehr bestätigt sich der Befund, den ich hier schon einmal vorwegnehme.

Die meisten Unternehmen kommen über die Runden, verdauen die bisherige Expansion, wachsen moderat weiter, operieren stabil. Von Niedergang ist nicht viel zu spüren – aber eben auch nichts von revolutionären Geschäftsmodellen. Und da sich weder in die eine noch in die andere Richtung nennenswert etwas bewegt, spreche ich von Stagnation. Genau das aber ist auf den zweiten Blick ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Wild-West-Ära von Legal Tech 2018 und wahrscheinlich darüber hinaus noch ein Weilchen fortdauert. Zumindest für Goldgräber in spe sind das hervorragende Nachrichten.

So. Das waren genug gewagte Thesen für den Einstieg. Kommen wir zur Marktanalyse, auf die ich meine Einschätzung stütze.

Legal Tech Unternehmen heute

Im Grunde zerfällt die Branche für Legal Tech 2018 in drei gut abgrenzbare Lager. Da sind zum einen die so genannten Marktplätze, die Nutzer mit einem Rechtsproblem an Anwälte vermitteln, ohne selbst einen Beitrag zu dessen eigentlicher Lösung zu leisten. Zum anderen haben sich etliche Anbieter für Kanzleisoftware positioniert. Darüber hinaus finden sich für etliche einzelne Verbraucheransprüche Portale, die per Inkasso oder Factoring die Abwicklung übernehmen. Eine ziemlich vollständige Übersicht aller Unternehmen in den jeweiligen Sparten führt das so genannte Legal Tech Verzeichnis.

In allen genannten Bereichen steigt die Zahl der Anbieter. Und zwar in mehrerer Hinsicht. Sowohl nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die ein bestimmtes einzelnes Rechtsproblem bearbeiten, als auch die Zahl der Rechtsprobleme, für die Abhilfe geboten wird. Bewegten sich noch 2011 beispielsweise am Markt der Fluggastportale fast nur Flightright, Fairplane und EUClaim sind bis heute mindestens einige Dutzend Konkurrenten dazugekommen. Gleichzeitig gibt es bei Weitem nicht mehr bloß im Reiserecht eine Legal Tech Lösung für Verbraucher: Um das Straßenverkehrsrecht kümmern sich diverse Anbieter wie geblitzt.de. Als Helfer im Sozialrecht hat sich vor allem rightmart einen Namen gemacht. Gegen unzulässige Mieterhöhungen und Mietnebenkostenabrechnungen kämpft zum Beispiel Mineko. Bei der Kündigung von Lebensversicherung unterstützt unter anderem helpcheck, bei der Rückabwicklung des Kaufs von Diesel-PKW myright und beim Einfordern einer Abfindung Abfindungsheld.

Was im ersten Moment wie ein kraftvolles Wachstum der Branche aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Stagnation. Das hat mehrere Gründe:

Kontinuität, nicht Quantensprünge

Klar erkennbar ist zunächst, dass sich die Branche in gefestigten Bahnen bewegt. Es findet bestenfalls eine Skalierung statt, keine Disruption. Es kommen keine grundverschiedenen Geschäftsmodelle hinzu, es werden nur bestehende kopiert und auf weitere Rechtsprobleme gesetzt – und zwar bezeichnenderweise zunehmend auf Nischen mit weniger Umsatzpotenzial und weniger Marge.

Bestes Beispiel sind die Entwicklungen, die Legal Tech 2018 im Reiserecht vollzieht: Das neueste Angebot dürfte hier noch am ehesten darin bestehen, dass inzwischen auch Dienstleister mit Erstattungen für stornierte Tickets weiterhelfen sowie mit Bahnentschädigungen. Erstere richten sich aber weitgehend nach den Buchungsbedingungen der Airlines, die meistens nur einen Bruchteil des Ticketpreises für erstattungsfähig erklären. Dementsprechend gering sind die Beträge, die Startups wie Geld für Flug für stornierte Tickets auszahlen können (wir berichteten hier über Geld für Flug).

Es mag im Übrigen auch einen Markt für Bahnentschädigungen geben, jedoch ist er ungleich kleiner als der für Fluggastentschädigung. Denn die Erstattungsansprüche und somit die möglichen Provisionen für Legal Tech Unternehmen fallen bei Bahnreisen weitaus kleiner aus als bei Flügen. Im schlimmsten Fall schuldet die Deutsche Bahn bei über zweistündiger Verspätung eine hälftige Erstattung des Ticketpreises. Selbst bei einem Fahrkartenpreis von 100 € stehen dem einzelnen Reisenden also bestenfalls 50 € zu. Der Ausgleichsanspruch bei einer Flugunregelmäßigkeit beträgt nach Art. 7 FluggastrechteVO 250-600 €, also das fünf- bis zwölffache der Bahnentschädigung. Hinzukommt, dass die FluggastrechteVO auf Flüge europaweit Anwendung findet, während Erstattungsansprüche gegen die Deutsche Bahn naturgemäß nur deutsche Zugverbindungen betreffen.

Mehr Angebot, gleiche Nachfrage

Ein weiteres Problem der aktuellen Entwicklung ist das Überangebot, auf das Legal Tech 2018 zusteuert. Nur weil inzwischen einige Dutzend Anbieter Fluggästen dabei helfen, ihre Entschädigung einzufordern, nimmt noch lange nicht die Zahl der Verspätungen zu. Stattdessen konkurriert die wachsende Zahl der Fluggastportale um eine mehr oder weniger konstante Menge an potenziellen Kunden.

Und je weiter man gemeinsam die Nachfrage deckt, desto mehr jagen sich die Konkurrenten nur noch gegenseitig Marktanteile ab, wie dies in Deutschland bei Fluggastrechten bereits der Fall zu sein scheint. Das erhöht für alle Betroffenen die Werbeausgaben, senkt die möglichen Gewinnmargen und reduziert damit zudem das Potenzial für Research & Development. Verkürzt heißt das, Legal Tech Unternehmen bringen 2018 mehr mit dem Verwalten zu als mit dem Gestalten. Das wiederum verkleinert den Spielraum für Innovationen und disruptive Geschäftsmodelle.

Dabei betrifft die Problematik des Überangebots einige Sparten noch weit schlimmer als den Markt der Fluggastrechte. Richten wir einmal den Blick auf das B2B Segment. Hier fossilieren sich die wenigen Komplettangebote für Kanzleiorganisationssoftware, während ansonsten ein Flickenteppich spezifischer Anwendung für einzelne Rechtsprobleme entsteht, der über die Nachfrage hinausschießt.

Kanzleiorganisationssoftware

Zunächst gibt es einige Komplettlösungen für Kanzleien (z.B. RAMicro) und Rechtsabteilungen (z.B. LeCare), deren Mehrwert intuitiv einleuchtet. Sie decken eine breite Funktionspalette ab, verlangen für ihr breit gefächertes SaaS-Modell eine Lizenzgebühr und tausende Kunden wissen: Wenn ich diesen einen Preis zahle, bin ich rundum ausgestattet. Wenig verwunderlich zählte derartige Software schon zum Repertoire von Legal Tech Anwendungen, bevor man sie überhaupt als Legal Tech bezeichnete. Ebenso ist davon auszugehen, dass sie weiterhin einen festen Platz im Ensemble der Legal Tech Lösungen behalten.

Disruptionspotenzial geht von entsprechenden Softwareanbietern indes nicht aus. Das hat etwas mit der Kostenstruktur zu tun und mit der (geringen) Erwartungshaltung der Kunden. Klar ist, dass Kanzleien und Rechtsabteilungen derartige Gesamtpakete auf absehbare Zeit benötigen, um das Fundament für ihre IT-Infrastruktur zu legen. Ihre Mitarbeiter nutzen die Applikationen ob ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und ihrer zentralen Stellung in den Arbeitsprozessen täglich. Dementsprechend hoch ist der Schulungs-, Wartungs- und Supportaufwand. Potenziert wird all das durch den Umstand, dass das zentrale Vertriebsargument besagter Software ihre Vollständigkeit ist – mitsamt der störanfälligen oder sonstwie arbeitsintensiven Komponenten. Man kann das zusätzlich einpreisen, muss aber die Schmerzgrenze in der Zahlungsbereitschaft der Abnehmer bedenken. Das erhöht letztlich die Personalkosten der Anbieter im Verhältnis zu den Einnahmen und reduziert die Spielräume für substanzielle Weiterentwicklungen. Gleichzeitig führt es dazu, dass sich die Mitarbeiter der Kunden in der Softwareumgebung einrichten, dort regelrecht Wurzeln schlagen.

Das wiederum erschwert den Wechsel zu anderen Lösungen. Solange der Softwareanbieter also einigermaßen mit der Zeit geht, die Benutzeroberfläche nur wie das vorletzte Windows aussieht und nicht wie 98, bleiben die Kunden treu. Zu umständlich wäre die Umstellung einer ganzen Rechtsabteilung oder Kanzleibelegschaft auf ein neues System. Zumal dafür ja ein attraktives Gegenmodell zur Auswahl stehen müsste, für dessen Entwicklung die meisten Softwareanbieter aus besagten Gründen ihrerseits keinen Anreiz haben.

Hinzukommt, dass der Entwicklungsaufwand für eine Komplettlösung so groß ist, dass kaum neue Alternativen die Markteintrittshürden überwinden. In dieses Bild passt, dass die unangefochtenen Marktführer für Kanzleiorganisationssoftware sich bereits in den 80er und 90er Jahren gründeten. In diese Zeit fallen die Anfänge von RAMicro, Lecare, Soldan und Wolters Kluwer, die heute die gängigen IT-Module bereitstellen.

Überangebot der Nischenlösungen

Welche Art von Legal Tech entwickelt also jemand, der 2018 erstmalig auf den B2B-Markt drängt? Richtig, eine schnell gebaute Nischenlösung für ein spezifisches Einzelproblem. Leider sind auch in diesem Bereich die Cash Cows schon weitgehend beansprucht. Die für die Due Diligence enorm relevante E-Discovery decken inzwischen in den USA Anbieter wie Ross Intelligence und in Deutschland Leverton ab. Dabei verfügen sie offenbar bereits über ausreichende Datenmengen, um kritische Klauseln mithilfe von AI zu erkennen. Gleichzeitig sind die Entwickler von Tools für einzelne Rechtsprobleme hier nicht stehen geblieben. Mittlerweile tummeln sich im B2B-Bereich gleichermaßen Anbieter für Vertragsgeneratoren, Bausätze für Prüfungsmechanismen in juristischen Standardfragen und Legal Chatbots.

So reizvoll solche Hilfsmittel jeweils sein mögen, so wenig greifbar sind die Einsatzgebiete, in denen Kanzleien und Rechtsabteilungen massenhaft derartige Tools für den regelmäßigen (!) Gebrauch benötigen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, wie viele Sozietäten bereit sind, BRYTER für sein Bausatzsystem regelmäßig eine Lizenzgebühr zu zahlen, damit man für häufig auftretende rechtliche Einzelfragen ein handliches Prüfungsmodul erstellen kann. Mir scheint es so, als ob es zumindest für die meisten mittelständischen Kanzleien attraktiver ist, Legal Tech Entwickler wie die DiRiSo zielgerichtet mit der Anfertigung einzelner inhouse Tools zu beauftragen und einmalig zu bezahlen.

Und bei dem Ansatz von BRYTER sprechen wir noch von einem einigermaßen universell einsetzbarem System; unter den Neugründungen finden sich auch etliche Unternehmen, die wesentlich engere Nischen bearbeiten. Der große Wurf scheint jedenfalls nicht dabei zu sein. Eher ist zu befürchten, dass hier ein reichliches Angebot auf eine verhaltenere Nachfrage trifft.

Was fehlt Legal Tech 2018

Das beachtlichste an der gegenwärtigen Entwicklung ist allerdings das, wonach man vergeblich sucht: eine Idee, die den Markt regelrecht umkrempelt. Auch 20 Jahre nach dem Boom der New Economy und dem Aufbruch ins Internetzeitalter fehlt im Rechtsdienstleistungsbereich etwas vom Format Amazons, Googles, Teslas. Es gibt zwar inzwischen im angelsächsischen Raum etwas breit gefächertere Portale wie DoNotPay oder Legalzoom, die Angebote für eine Vielzahl von Einzelproblemen bündeln. Strukturell unterscheidet sich ihr Service aber nicht von dem, den hierzulande Legal Tech Unternehmen in etwas zersplitterterer Form leisten.

Das heißt, dass weiterhin nur für einen Bruchteil der Rechtsprobleme genuine Legal Tech Lösungen abrufbar sind. Wo immer der streitgegenständliche Sachverhalt oder die Rechtslage etwas komplexer ausfällt und sich Fälle nicht so leicht schematisieren lassen, scheitert Legal Tech 2018 weiterhin. Und das dürfte nach wie vor die allermeisten Rechtsfragen betreffen. Nicht weil sich das Recht einer Schematisierbarkeit entzieht, sondern schlichtweg weil vielerorts die geringe Fallzahl oder die niedrigen Streitwerte oder Schwierigkeiten der Beweisbarkeit in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zur Entwicklung einer Legal Tech Anwendung stehen. Das beschränkt das Einsatzgebiet der Legal Technology vorerst auf Standardfragen und Massenverfahren.

Wie sich das ändern könnte, steht weiter in den Sternen. Man erahnt am Horizont zwar, dass eine ausgereifte künstliche Intelligenz von menschlichem Format (general AI) geeignet wäre, den menschlichen Anwalt umfassend zu ersetzen. Selbst die optimistischsten AI-Forscher gehen allerdings davon aus, dass wir von diesem Entwicklungsstadium künstlicher Intelligenz noch mindestens Jahrzehnte entfernt sind. Eine „Brückentechnologie“, die den Rechtsmarkt in der Zwischenzeit umkrempelt, zeichnet sich dagegen noch nicht ab. Aber erst wenn eine solche den Markt betritt, zieht die Rechtsdienstleistungsbranche wirklich mit dem E-Commerce und der Automobilindustrie und vielen anderen Sparten in Sachen Digitalisierung gleich. Für Gründer ist das allerdings eine gute Nachricht: So bleibt Legal Tech 2018 unverändert entwicklungsfähig.

Legal Tech News

Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

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Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Vor knapp zwei Monaten entspann sich um das Startup Geld für Flug einer der kuriosesten Vorfälle in der Legal Tech Szene. Es jagten einander zwei Paukenschläge, die für sich genommen schon rekordverdächtig sind. Noch erstaunlicher wird die Geschichte wohl aber dadurch, dass zwischen ihnen gerade einmal zwei Tage lagen. Was ist hier eigentlich passiert?

Die Ursprünge: Wo Geld für Flug herkommt

Unternehmensgründung

Die Fluggastentschädigungsbranche floriert bereits, da tritt 2017 ein neues Unternehmen auf den Plan: Geld für Flug. Mit seinem Geschäftsmodell richtet es sich zwar ebenfalls an Fluggäste, weicht aber von der Ausrichtung bisheriger Anbieter ab. Geld für Flug kauft keine Ausgleichsforderungen für Flugunregelmäßigkeiten, sondern Erstattungsansprüche für Ticketstornierungen. Damit erschließt das Startup einen Markt, auf dem ansonsten nur ein einziger Konkurrent agierte: der Fairplane-Dienst ticketrefund.de.

Und offenbar stellen sich alsbald die Erfolge ein. Nach eigener Aussage kauft das Startup bereits im ersten Jahr 10.000 Ansprüche auf und setzt sie gegen Airlines durch. 97% der Klagen wurde dem Vernehmen nach stattgegeben. Mitarbeiter wurden eingestellt, ein Büro in Düsseldorf bezogen. Wachstum wie am Reißbrett.

Lebensläufe

Gewissermaßen schreiben die Gründer damit ihre privaten Erfolgsgeschichten fort. Benedikt Quarch, der Jurist im Gründerteam, brillierte beispielsweise mit 15,6 Punkten im ersten juristischen Staatsexamen (2016). Und das schon als 22-Jähriger. Rechnet man das einmal zurück, zählt er zum ersten oder zweiten Jahrgang der EBS Law School in Wiesbaden und war bei Studienbeginn vermutlich höchstens 18 Jahre jung.

Für diese Station in der Vita gibt es zwei Lesarten. In Hamburg spöttelt man vermutlich, für die Bucerius Law School hätte es nicht gereicht und so sei es halt die EBS geworden – Hauptsache Privathochschule. Angesichts des hervorragenden Examensergebnisses sollte man allerdings eher neidlos feststellen: Vor allem steckt reichlich Pioniergeist dahinter, in diesem Alter eine völlig neu eingerichtete im Aufbau befindliche Fakultät zu wählen und dort schneidig sein Studium durchzuziehen.

Nebenbei erwarb Quarch übrigens noch einen BWL-Master und gründete eine Beraterbutze Agentur für Social Media. Was man halt so neben der Examensvorbereitung macht.

Ich muss schon sagen, die Geschäftsführer von Geld für Flug bohren überwiegend dicke Bretter. Jedenfalls wenn die ganzen Zahlen und Fakten stimmen, aber erst einmal habe ich keinen Grund, das zu bezweifeln.

Der große Wurf: Rekordinvestition in Geld für Flug

Persönlich und geschäftlich haben die Gründer schon bis 2018 eine beachtliche Karriere hingelegt. Doch was nun folgte, wirkt nicht mehr bloß wie eine Anekdote von Musterschülern, sondern erinnert eher an die Mythen von Einhornzüchtern aus dem Silicon Valley. Kein Jahr nach der Gründung empfing Geld für Flug eine Finanzierungsrunde, deren Volumen mit 25 Mio. Euro für die deutsche Legal Tech Szene vermutlich alles bisher dagewesene in den Schatten stellt. Ich sage bewusst, man „empfing“ diese Investition. Denn laut den Gründern musste man sich darum nicht einmal bewerben. Glaubt man der Darstellung, kam Herr Maschmeyer von sich aus auf das Startup zu und fragte, ob er investieren dürfte. Wer auf Vox in der Höhle der Löwen um eine Audienz bittet und auf Knien 250.000 Euro Seed-Money erhustlelt anfragt, fällt bei so etwas wahrscheinlich vom Glauben ab.

Im Fall von Geld für Flug lesen sich die Berichte zur Finanzierungsrunde dagegen wie trockener Wirtschaftsjournalismus. Das steht im Handelsblatt zwischen Meldungen über Milliarden-Konsortialkredite für Großunternehmen und neuen M&A-Deals internationaler Konzerne. Für normale Legal Tech Startups klingt die Entwicklung geradezu sensationell. Dass die Nachricht bei Geld für Flug stattdessen mit der Nonchalance des Wetterberichts vorgetragen wird, spricht dafür, dass Gründer und Reporter das Unternehmen bereits in einer anderen Liga sehen. Gerade die Nüchternheit der Handelsblatt-Mitteilung vom 18. März bezeugt eindrucksvoll den Aufstieg vom Sandkasten in die Königsklasse, von 0 auf 100 in unter zwölf Monaten.

Schwindelerregend war hierbei nicht nur die Flughöhe, sondern ebenso die Zeit, in der Geld für Flug auf dieses Niveau geschossen war. Ich kannte offen gestanden bis vor zwei Monaten nicht einmal den Namen des Unternehmens. Und das obwohl wir bei DiRiSo von Berufs wegen schon ein wenig mit Fluggastportalen zu tun haben. Ähnlich ging es scheinbar den Kollegen beim Legal Tech Blog, dem Zentralorgan der Legal Tech Szene. Hier datiert die erste Auseinandersetzung mit dem Startup vom 30. April. Man muss sich das so vorstellen: Man erfuhr, dass die Branche gerade überflügelt wurde, ehe man wusste, von wem.

Ein unerwartetes Problem

Genauso blitzartig ging die Entwicklung dann weiter. Überrumpelt wurden diesmal auch die Gründer selbst. Nur zwei Tage nach Vermeldung der Rekordinvestition fasste der BGH das erste Grundsatzurteil zu jenem Regelungskomplex, auf dem das Geschäftsmodell von Geld für Flug fußte.

Dass das Unternehmen so lukrativ stornierte Ticketpreise gegen die Fluggesellschaften einfordern konnte, beruhte im Wesentlichen auf dem Zweifel einiger Instanzgerichte an der Wirksamkeit von Stornierungsklauseln. Die entsprechende Rechtsprechung hielt es für unzulässig, dass die AGB günstiger Tarife eine Erstattung bei Stornierung ausschließen. In der Folge konnte Geld für Flug reihenweise Rückzahlungen durchsetzen. Gegenrechnen durfte die Airline höchstens einen nicht ersparten Aufwand, wenn ein leerer Platz im Flieger nicht anderweitig besetzt wurde.

Dieser Urteilspraxis bereitete der BGH am 20. März ein jähes Ende (Urt. v. 20. März 2018, Az.: X ZR 25/17). Das Gericht entschied: Wer zum Spartarif bucht, der zahlt dafür den „Preis“, dass er bei Stornierung die Ticketkosten eben nicht weitgehend zurückverlangen kann. Abgesehen von Steuern und Gebühren, die mangels Flugantritt der Airline erspart bleiben, muss eine Fluggesellschaft hiernach nichts mehr zurückzahlen. Da Steuern und Gebühren sich pro Person für die allermeisten Flüge auf 30-80 € belaufen, verursachen sie meist nur einen Bruchteil des Ticketpreises. Geld für Flug argumentiert in dieser Situation natürlich durchaus zutreffend, dass bei manchen Billigfliegern über die Hälfte der Kosten aus Steuern und Gebühren resultieren. Das ändert aber nichts daran, dass es in absoluten Zahlen nur um jeweils 30-80 Euro geht, von denen Geld für Flug zudem noch die eigene Provision einbehält.

Die Konsequenz

Es ist dennoch nachvollziehbar, wenn sich das Startup nun kämpferisch gibt und ankündigt, das Geschäftsmodell irgendwie weiterzuführen. Die harten Fakten mischen die Karten aufgrund des Urteils nun aber erstmals zu Ungunsten des Gründertrios – und zwar deutlich. Denn mal ehrlich: Wen interessiert eine Erstattung von 40 €, von denen Geld für Flug dann noch einmal 10-20 € für sich abzieht? Wie viele zigtausend Fälle dieser Größenordnung muss das Unternehmen abwickeln, um mit solchen Mikro-Margen die laufenden Kosten zu decken? Wie fern liegt es noch, dass die Airlines einfach freiwillig diesen Bruchteil vom Ticketpreis auszahlen und damit den Markt für Factoring-Dienste endgültig zerstören?

Der einzige Konkurrent Ticketrefund hat deshalb schon erklärt, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Geld für Flug schaltet unterdessen auch keine Adwords-Werbung mehr. Es hat den Anschein, als sei der kometenhafte Aufstieg beendet – um es vorsichtig auszudrücken.

Fazit?

Ich weiß noch nicht ganz, welche Lehre man aus der Geschichte ziehen soll. Im ersten Moment schien mir der Vorfall die Ambitionen der gesamten Legal Tech Branche zu dämpfen, der es noch immer an einer Lichtgestalt vom Format Airbnbs oder Amazons fehlt. Gerade angesichts der aussichtsreichen Lebensläufe der Gründer lag diese Lesart nahe.

Bei näherer Betrachtung war die Millionen-Investition allerdings viel überraschender als das Urteil des BGH. Denn wer eine Rechtsdienstleistung auf einem Markt ohne gefestigte Rechtsprechung anbietet, der sichert sich zwar den first-mover Vorteil. Ebenso sehr riskieren Pioniere aber auch, dass höhere Gerichte ihrem Geschäftsmodell alsbald den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Causa Geld für Flug liefert hierfür leider ein warnendes Beispiel.

Legal Tech Ideas

Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

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Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Der erste praktische Versuch

Vor einigen Monaten las ich einen Artikel, in dem ein Autor seine Webplattform als ein Spotify für Juristen anpries. Ich meine, die Behauptung stammt aus einem Interview mit dem Legal Tech Blog. Eine Google-Recherche brachte allerdings nicht den gewünschten Treffer. Und leider erinnere ich mich auch so nicht mehr an den Namen des Unternehmens. Denn so richtig wert war er es auch nicht, im Gedächtnis zu bleiben. Aber nicht, weil ein Spotify für Juristen per se unattraktiv wäre.

Mich irritierte vielmehr der Entschluss des interviewten Gründers, seinen Dienst auf Mustervereinbarungen zur Lizenzierung geistigen Eigentums zu beschränken. Das wäre in etwa so, wie wenn sich Spotify auf Thrash Metal Bands aus Gambia beschränken würde. Und das ließe es von vorn herein zweifelhaft werden, ob ein solches Produkt die nötigen Einnahmen erzielen kann. Denn mit gambischen Metal Heads ist es ähnlich wie mit IP-Anwälten und deren Kunden. Es gibt einfach nicht so schrecklich viele von ihnen. Und dementsprechend fraglich ist es, ob eine Plattform trotz solcher Selbstbeschränkung prosperieren kann. Letztlich bräuchte sie im Gegenteil eine Masse an Nutzern, weil ihr Alleinstellungsmerkmal in vielfältigem Angebot und niedrigen Nutzungsgebühren pro Kopf besteht.

Spotify für Juristen jeder Façon – in der Theorie

Für mich war die Sache damit aber nicht beendet, sondern fing gerade erst an, interessant zu wirken. Denn was der eine Gründer leichtfertig links liegen lässt, taugt als des anderen Geschäftsmodell. Und deshalb flammte bei DiRiSo kurzfristig die Diskussion auf, ob ein Spotify für alle Juristen die große Idee ist, die der Legal Tech Szene bisweilen noch fehlt.

Denn Reiz und Herausforderung der Legal Technology zugleich liegt ja darin, dass den Kanzlei-Spinoffs, Coworking-Spaces und juppigen Hackathons bis heute noch kein Konzept entstieg, das die Branche so zu dominieren vermag wie Google die Suchmaschinen, Amazon den E-Commerce und Whatsapp die PN-Dienste. In der Legal Tech Szene herrscht noch Goldgräber-Stimmung wie im Wilden Westen.

Trittbrettfahrer der Sharing-Economy

Aber vielleicht braucht es ja nur ein Spotify für Juristen, damit die Branche ihren Champion findet, ihr Goldminen-Großunternehmen inmitten einzelner emsiger Schürfer. Potenzial schien die Idee im ersten Zugriff allemal zu bieten. Denn sie verinnerlicht einen Grundgedanken, auf dem die allermeisten Einhörner der Sharing-Economy aufbauen. Während Spotify nur als Intermediär auftritt, stammt die vermittelte Leistung von anderen: von den Künstlern. Bei Airbnb sind es die Vermieter, bei Uber die Autofahrer, bei Amazon die Hersteller und so weiter.

Ihr spektakuläres Wachstum garantiert diesen Unternehmen ihre Entscheidung, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen, statt die angebotene Leistung selbst anzubieten. Das spart Personal  und dieses Kostenersparnis lässt sich an die Kunden weitergeben, indem ihnen ein strukturell günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis gewährt wird.

Punkt für ein Spotify für Juristen: Es basiert auf derselben Idee. Ein entsprechendes Unternehmen könnte sich somit an die Spitze des Marktes setzen. Denn selbst etablierte Unternehmen wie legalzoom und janolaw liefern seit 2001 lediglich ihre selbstständig entworfenen Verträge. Gewiss sind solche Vorlagen ausgefeilter als die nächstbeste Beck-Online-Vorlage, aus der Kanzlei XY ihren Mandanten einen Standardvertrag zusammenzimmert. Und obendrein profitieren die Kunden der Online-Anbieter von wesentlich niedrigeren Festpreisen für das gewünschte Vertragswerk.

Aber eine Sharing-Economy-Lösung könnte noch einmal darüber hinausgehen. Denn indem ihr ein umfassendes Netzwerk von Anwälten Vertragsmuster bereitstellt, kann sie Kunden die relativ besten Vorlagen liefern. Ein Bewertungssystem wie auf Amazon würde rasch die Qualität der einzelnen Muster gegenüberstellen und die Auswahl des Optimums erleichtern. Kunden bekämen den besten Wert für einen Preis, der vermutlich unter dem von legalzoom oder janolaw liegt. Immerhin zahlt der Preis der Vorlagen dort die Löhne der vertragseditierenden Mitarbeiter. Ein Spotify für Juristen müsste voraussichtlich nur eine geringere Vergütung entrichten. Schließlich liegen die bereitgestellten Vertragsmuster bei ihren Urhebern wahrscheinlich ohnehin in der Schublade, sodass ihnen bereits ein Obolus genügen könnte, wenn die Plattform ihre Vorlagen Dritten überlässt. Hinzukommt, dass janolaw und Co. für ihre vertragsentwerfenden Angestellten Sozialversicherungsbeiträge schulden, ein Spotify für Juristen für seine „Zulieferer“ hingegen nicht.

Ein Maximum an Qualität für ein Minimum an Kosten: in keinem Geringeren besteht die Verheißung eines Geschäftsmodells, das sich an die Versen der Sharing-Economy heftet.

Die Tücken der Wirklichkeit

Doch sobald man das Konzept in die Realität der Rechtsdienstleistungen projiziert, fällt es dann doch nicht mehr so rosig aus. Letztlich scheitert die Idee an den Besonderheiten des Produkts, genauer: an seinen Herstellern und Konsumenten.

Welchem Anwalt macht Teilen Spaß?

Der Anwalt ist nämlich kein Musiker, der sich damit zufriedengibt, ein paar Euro pro tausend Abrufe seines Werkes zu verdienen. Eher lässt er seine Vertragsmuster in der Schublade vegetieren, als sein prächtiges aus Textbausteinen zusammengetackertes Schmuckstück zu einem geringen Preis online wohlfeil zu bieten. Das mag zwar ökonomisch nicht sinnvoll sein. Aber es dürfte dem Argwohn entsprechen, mit dem die breite Masse der Anwälte einer Öffnung ihrer Archive für die freie Vermarktung begegnet.

Welcher Konsument weiß den besten Vertrag zu schätzen?

Und selbst wenn man genügend „Lieferanten“ für ein Spotify für Juristen fände, so implodiert das Geschäftsmodell spätestens mangels Nachfrage. Denn die allermeisten Kunden wissen zwar einen Qualitätsmixer von einem minderwertigen zu unterscheiden, aber eben keinen guten Vertrag von einem schlechten. Dem Laien erweist sich die Güte einer Vereinbarung allenfalls im Streitfall, wenn ihm sein Anwalt sagt: „Sie haben aber einen ungünstigen Vertrag geschlossen“. Ist ein Vertrag hingegen besonders umsichtig gestaltet und vermeidet er dadurch Konflikte, fällt das naturgemäß nicht auf.

Unterdessen bereitet es sogar Juristen Schwierigkeiten, von vorn herein die Qualität einer Vereinbarung zu beurteilen. Die Ausbildung befasst sich nämlich kaum mit praktischer Vertragsgestaltung und im Beruf ist ein Jurist mit den qualitätsstiftenden Feinheiten eines Vertragswerks allenfalls in seiner Nische befasst – also tendenziell dort, wo er nicht auf das Muster einer Plattform zurückgreifen wird, die ihn um dessen Bewertung bittet.

Es ist also höchst zweifelhaft, ob Nutzer über hinreichende Informationen verfügen, um Verträge sachgemäß zu bewerten und damit einem Spotify für Juristen dazu zu verhelfen, die relativ besten Muster herauszuheben. Noch fataler ist es, dass vermutlich nicht einmal fünf Sterne an einem kostenpflichtigen Vertrag dazu motivieren, ihn entgeltlich aufzurufen. Denn sowohl Juristen als auch Nichtjuristen stehen in der Regel hinreichende Alternativen ohne Mehrkosten offen. Für die allermeisten Vertragstypen finden sich im Internet zumindest rudimentäre kostenlose Vorlagen. Sie dürften dem Laien ebenso zweckmäßig scheinen wie eine kostenpflichtige Version. Der Jurist wird zudem auf Beck-Online fündig. Und selbst wer die Qualität von kostenfreien Mustern oder solchen von Beck-Online anzweifelt, mag kaum den Klassenunterschied feststellen zwischen der Vorlage eines mit fünf Sternen bewerteten Unternehmen wie janolaw und einer mit fünf Sternen bewerteten Vorlage auf einem Spotify für Juristen.

Ergebnis

Solche Widrigkeiten machen klar, dass Konzepte wie das von Spotify aus anderen Branchen nicht ohne weiteres für den Rechtsmarkt taugen. Denkbar scheint zwar, dass sich ein Unternehmen mit einem derartigen Geschäftsmodell etabliert. Eine Milliarden-Dollar-Idee lässt sich damit aber nicht verwirklichen. Für die Legal Tech Branche fehlt sie auch weiterhin.

Legal Tech Ideas

Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

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Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Rhetorikbücher: die Wiederkehr des Immergleichen

Ich bin neulich auf ein Buch gestoßen, das rhetorische Schreibempfehlungen gibt, genauer: Empfehlungen für digitales Schreiben. Digitales Schreiben meint Schreiben mit einem Textbearbeitungsprogramm wie Word. Anders funktioniert die Texterstellung im Beruf heute ohnehin nicht mehr. Insofern thematisiert eigentlich jeder Stilratgeber mit Erscheinungsdatum nach der Jahrtausendwende nicht bloß irgendeine Texterzeugung, sondern digitales Schreiben.

Trotzdem – und so ist es auch bei besagtem Buch – unterscheiden sich die neueren Werke hierzu nur unwesentlich von denen aus dem letzten Jahrhundert. In einigen Teilen, etwa bei stilistischen Vorgaben, ist das durchaus sachgerecht. Der Schreibprozess zielt und zielte ja stets auf das gleiche Endprodukt und auf ähnliche Lesererwartungen daran. Deshalb verwundert es nicht, dass digitales Schreiben ein ähnlich lesbares Resultat hervorbringen sollte wie analoges und dass sich dessen Güte nach ähnlichen Faktoren bemisst.

In einem Punkt verwundert es aber, dass der Inhalt der Ratgeber nie eine Überarbeitung erfahren hat. Die Darstellung des idealtypischen Schreibprozesses entspricht immer noch der klassischen Vorgehensweise, der schon antike Rhetorikgrößen wie Cicero folgten. So lernte man das vor und nach der Jahrtausendwende im Deutsch- und Lateinunterricht. Und so lernt man das Prozedere vermutlich auch noch heute: erst die grobe Orientierung und Ideenfindung (Inventio), dann die Erstellung einer Skizze (Dispositio), schließlich das Ausformulieren (Elocutio) und dann noch die erste Überarbeitung (Verificatio) und zuletzt der Feinschliff (Revisio).

Wann der Schreibprozess in nur fünf Schritten gelingt

Außerdem kennen die meisten noch abgekürzte Versionen hiervon. Die juristische Klausur etwa verlagert die Inventio auf die Sichtung des Sachverhalts oder der Akte. Darauf folgen als Dispositio und Elocutio nur die Lösungsskizze und deren Ausarbeitung. Redaktionelle Durchgänge hingegen sieht die knappe Bearbeitungszeit in der Regel nicht vor.

Ineffizient ist dieser Prozess prinzipiell nicht. Deswegen halten sich zigtausende Nachwuchsjuristen in Klausuren sklavisch an dieses Muster und zwar mit gutem Recht. Zum Problem wird der Ablauf allerdings dort, wo mit den ersten drei Phasen jeweils eine Recherche einhergehen muss.

Analoges Schreiben als Vorgang in acht Akten

Digitales und analoges Schreiben erfordern spätestens bei wissenschaftlichen Abhandlungen ein sorgfältiges Quellenstudium. Und zumindest für die klassische Form der Texterstellung offenbart sich dabei auf den zweiten Blick ein struktureller Auslöser für Ineffizienz:

Um ein grobes Konzept, später eine Skizze und zuletzt eine ausgearbeitete Version mit fertigem Fußnotenapparat anzufertigen, muss der Verfasser nämlich zuvor jeweils seine Informationsgrundlage zusammentragen. Zunächst rudimentär, nachher gründlicher und schließlich im Detail. Und jeweils danach wandert das Auge erst einmal auf die Entwicklung des darauf fußenden Grobkonzepts, Gliederungsgerüsts bzw. Entwurfs. Dieser Zwischenschritt trübt unweigerlich ab einer gewissen Komplexität der Ausarbeitung das Bewusstsein für den genauen Inhalt der Quellen. Der Autor ist somit wenigstens beim analogen Schreiben gezwungen, relevante Stellen erneut nachzuschlagen, den Kontext von Exzerpten wiederholt zu prüfen und sukzessive Details festzustellen.

Sich dabei jedes Mal aufs Neue in die zuvor schon gesichtete Quellenlage hineinzufinden, kostet Zeit. Inklusive der drei Recherchedurchgänge ergeben sich für einen Autoren somit acht Entwicklungsstadien. Einen Teil dieser Zeit könnte man sich sparen, wenn man die Informationsgrundlage stets vor Augen hätte, während man auf dieser Basis den Text konzipiert, skizziert oder ausformuliert.

Digitales Schreiben als Prozess in vier Schritten

Digitales Schreiben liefert hierzu Wege und Möglichkeiten. Im ersten Moment denkt man hierbei an Zitatverwaltungssoftware wie Citavi, in die man Exzerpte und Zusammenfassungen der studierten Quellen werkbezogen eintragen kann, um anschließend daraus Fußnoten zu generieren. Und in der Tat sollte man unbedingt auf solche Hilfsmittel zurückgreifen. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein, wie sich Quellenstudium und Textanfertigung parallel zueinander bewerkstelligen lassen. Denn dafür muss man die Sichtung der Informationsbasis noch stärker mit der Textproduktion verschränken.

Das funktioniert zum Beispiel, indem man die hergebrachte Vorgehensweise so modifiziert, dass nur noch eine kurze Konzeptionsphase, eine Entwicklungsphase und zwei Korrekturrunden übrig bleiben.

Schritt 1: Abstrakte Gliederung

Man beginnt also mit einer themenunabhängigen Grobkonzeption, die mit jedwedem materiellen Gehalt der Quellen und des späteren Textes kompatibel ist. Bis zu einem gewissen Grad kann man eine solche generische Struktur bereits völlig ohne Vorabrecherche entwickeln. Das abstrakte Gliederungsgerüst orientiert sich nämlich je nach Texttyp sinnvollerweise an einem etablierten Muster.

Im Falle einer Seminararbeit etwa diktieren bereits sachlogische Zwänge erste Konturen des Aufbaus: Letztlich gilt es immer, zu einem Befund zu gelangen, der eine anfangs aufgeworfene Forschungsfrage beantwortet. Dieser steht am Ende einer Prüfung, die sich unmittelbar davor im Hauptteil vollzieht. Welche Aspekte sie berücksichtigt und warum und mit welcher Methode die Untersuchungsgegenstände hierauf geprüft werden, klärt ein maßstabsbildendes Kapitel im Anschluss an die Einleitung. Ohne ein solches richtet sich die Prüfung nämlich zwangsläufig nach unausgesprochenen und deshalb im Zweifel rein intuitiven Kriterien. Das aber wäre ihrer Transparenz und Nachvollziehbarkeit abträglich und würde ihren wissenschaftlichen Erkenntnismehrwert schmälern.

All dem ist zusätzlich noch eine Einleitung voranzustellen, die vier Zwecke erfüllt. Sie führt erstens zur Forschungsfrage hin, erklärt hierbei zweitens deren Relevanz, stellt drittens das Untersuchungsprogramm der folgenden Kapitel dar und steckt viertens auch den Umfang der Abhandlung ab. An dieser Stelle bietet es sich insbesondere an, die Grenzen der Untersuchung festzulegen. Also sprich: Welche möglichen Untersuchungsgegenstände, Teilaspekte der Forschungsfrage, Prüfungskriterien usw. bleiben außer Betracht? Welche Prämissen werden gesetzt? Und warum?

Für etliche wissenschaftliche Ausarbeitungen ergibt sich somit unabhängig von ihrem Thema das Ordnungsschema:

A. Orientierung

I. Untersuchungsrelevanz

II. Untersuchungsfrage

III. Vorgehensweise

IV. Umfang, Grenzen und Prämissen

B. Prüfungsmaßstab

C. Untersuchung (Anwendung des Prüfungsmaßstabs auf den Untersuchungsgegenstand)

D. Befund

Schritt 2: Entwicklungsphase

Ist ein solches Grundgerüst einmal konzipiert, kann man es ohne weiteres mit relevanten Informationshappen aus dem Quellenstudium befüllen. Dabei sollte man beim Querlesen nicht nur relevante Original-Aussagen dokumentieren, sondern ebenso eigene Gedanken dazu (also zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung fremder Thesen und die Gründe hierfür). Im besten Fall speichert man solche Exzerpte jeweils in einer Zitiersoftware und platziert sie in Gestalt von Direktzitaten, Kurzzusammenfassungen und ersten Kommentaren direkt im jeweils passenden Abschnitt des anzufertigenden Dokuments.

Eine Zitiersoftware bietet den Vorteil, dass man per Mausklick sämtliche Informationsschnipsel mit Angabe der Fundstelle in einer Fußnote versehen kann. Das erspart bei der Ausformulierung, Nachweise erneut mühselig zusammenzusuchen und zu formatieren. Der primäre Mehrwert des Prozesses zeigt sich allerdings darin, dass das bloße ordnende Zusammenstellen von Wissenselementen in der abstrakten themenunabhängigen Grundstruktur eines Textes nach und nach von allein eine sinnvolle Detailgliederung nahelegt.

Hierzu kommt es bei der dargestellten Methode nahezu intuitiv. Denn je mehr Informationshappen in die groben Abschnitte des späteren Textes einsortiert werden, umso weiter steigt der Bedarf, diese wiederum untereinander in Beziehung zu setzen und zu ordnen. Dadurch lassen sich bereits während der Literaturrecherche Unterabschnitte und deren argumentative Struktur herausbilden. Die fortlaufende Verarbeitung der gesichteten Wissenselemente fügt sich so bereits in einer einzigen Recherchephase in die Form des Konzepts.

Indem verschiedene Quellen aufeinander reagieren und zudem weitere Fundstellen zitieren, ergeben sich außerdem schon bei der erstmaligen Sichtung weitere Rechercheobjekte. Und je weiter die relevanten Quellen offen gelegt und studiert werden, desto mehr fördert deren Einordnung in die Gliederung des Textes dessen Detailtiefe, Gedankengang und Gehalt. Kurzum: Bei dieser Vorgehensweise wandert der Blick des Autoren nicht mehr umständlich zwischen seinen Quellen und seinem eigenen Erzeugnis hin und her. Vielmehr betrachtet er Quelle für Quelle, die Oberfläche der Zitiersoftware und das wachsende Dokument seines Textes nebeneinander auf seinem Bildschirm oder – besser – seinen Bildschirmen. Sind alle Quellen einmal abschließend erfasst, muss der Autor die Informationshappen nur noch glätten, sodass sich die ohnehin geschaffene kohärente Gedankenabfolge auch im Lesefluss widerspiegelt.

Aus meiner eigenen Erfahrung beschleunigt diese nahtlose Verzahnung von Quellenexegese und Textgenese die Schreibarbeit signifikant. Meines Erachtens zeichnet neben der Tippgeschwindigkeit und dem elektronischen Datenformat gerade dieser zentrale Mehrwert digitales Schreiben aus.

Schritte 3 und 4: Korrekturschleifen

Auch digitales Schreiben gelangt natürlich nicht ohne Zusatzschritte zur Veredelung. Dass dafür zwei Lektoratsrunden eingeplant werden, hat sich scheinbar bereits in der Antike bewährt und bewährt sich meines Erachtens ebenso im 21. Jahrhundert. Fruchtbar ist es vor allem, in einem ersten Schritt den eigenen Text selbst zu lektorieren und anschließend das Feedback anderer einzuholen (Peer Review).

Weitere Überlegungen

Digitales Schreiben bietet das Potenzial zur zügigeren Texterstellung. Das deuten schon die hiesigen Bemerkungen an. Gleichfalls stellen die obigen Überlegungen klar, dass die Verwendung von Word statt Kugelschreiber nicht automatisch Effizienzgewinne verspricht. Jedenfalls keine, die über die eine bloße überlegene Tippgeschwindigkeit hinausgeht. Strukturelle Beschleunigungen des Erzeugungsprozesses verschafft digitales Schreiben erst, wenn der Autor mithilfe der nötigen technischen Mittel konsequent das Quellenstudium parallel und nicht mehr abwechselnd zur Textproduktion bewältigt.

Warum das so ist und wie digitales Schreiben möglichst gewinnbringend organisiert werden kann, dürfte schon aus dem bisherigen Artikel deutlich werden. Nichts gesagt ist damit freilich über weitere Chancen, die die Digitalisierung für die Texterzeugung mit sich bringt. Gemeint sind dabei beispielsweise Ansätze, gelungene Texte zu recyceln oder zu kombinieren. Bei Gelegenheit werde ich diesen Beitrag daher um entsprechende Ausführungen ergänzen oder einen weiteren Artikel hierzu hinzufügen.

Legal Tech News

DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Posted by Jacob Weizmann on
DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Auch wenn diese Seite der DiRiSo zugerechnet wird, berichten wir hier getreu unserem Blogkonzept kaum über deren Geschäftsaktivitäten. Dafür haben die Geschäftsführer kürzlich die DiRiSo im Interview vorgestellt. Und das gleich zweimal. Wer sich also dafür interessiert, was das Legal Tech Unternehmen hinter diesem Blog eigentlich genau tut, dem seien folgende beiden Artikel ans Herz gelegt, die die DiRiSo im Interview porträtieren.

Links

Einmal auf Startup Valley vom 4.12.2017.

Und einmal auf selbstaendigkeit.de vom 12.01.2018.

 

Legal Tech News

Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Posted by Jacob Weizmann on
Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Diese Woche erklärte Justizsenator Dirk Behrendt im Handelsblatt, die Justizministerkonferenz erwäge, eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech zu schaffen. Der Aufschrei aus der Legal Tech Szene ließ nicht lange auf sich warten. Versiert konterten Fiedler, Grupp und Schimang aus Frankfurt. Auch Legal Tech Papst Markus Hartung von der Bucerius Law School brachte sein Unverständnis auf Twitter zum Ausdruck.

Stand der Diskussion über die Aufsichtsbehörde für Legal Tech

Lagerbildung

Die Fronten sind damit geklärt. Ich will es einmal etwas karikiert ausdrücken. Auf der einen Seite stehen technophobe Handakten-Anwälte und Großkanzlei-Veteranen mit Liebe fürs Diktiergerät, aber wenig Sinn für Automatisierung, die ihnen am Ende noch ihre 500 € Stundensätze fürs Paraphrasieren aus Gesetzeskommentaren kaputtmacht. Der Tendenz nach zählen zu ihrer Gruppe auch diejenigen, die die Gesetze schreiben, wenn ein Ministerium das nicht selbst schafft. Man lehnt sich insofern nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt, dass diese Gruppe gewisse Beziehungen zur Politik unterhält. Wie weit sie reichen, will ich nicht beurteilen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man allerdings sagen, dass solche Beziehungen immerhin vorhanden sind.

Nicht behaupten lässt sich das im Gegensatz dazu vom Verhältnis zwischen Politik und der Legal Tech Szene. Sie steht mit ihrem Innovationsoptimismus konventionellen Strukturen der Anwaltschaft gegenüber. In Deutschland dürfte sich der Jahresumsatz der gesamten Branche allerdings noch deutlich unter 100 Millionen Euro bewegen. Für die Regierung einer Volkswirtschaft mit einem BIP von 3,14 Milliarden Euro ist das zu unerheblich, als dass sie regelmäßig die Nähe zu Exponenten dieses Marktes sucht.

Meinungen

Was sich da also in dem Streit um die Aufsichtsbehörde für Legal Tech andeutet, ist eine Auseinandersetzung, die bildgewaltige Assoziationen weckt. Zumindest bei den Diskussionsteilnehmern auf Twitter. Assoziationen zum Kampf von David gegen Goliath, von Uber gegen die Taxi-Industrie, von Airbnb gegen die Hotelketten. Das hat die Legal Tech Szene im Kopf und ich gebe zu, das waren auch meine ersten Gedanken.

Genauso vorhersehbar und plump fiel die Reaktion der mitdebattierenden Handakten-Anwälte aus. Schließlich würde doch jede Branche reguliert und schließlich dürften diese Legal Tech Anarchos da keine Ausnahme machen. Da könnt ja jeder kommen.

Einzelne warnten dann noch vor der Überreaktion und gingen davon aus, Justizsenator Behrendt und die regulierungsaffinen konventionellen Juristen würden den digitalen Markt einfach falsch einschätzen. Schließlich sei es doch so, dass Legal Tech ohnehin nur ersetzt, wofür es heute keine Anwälte braucht. Eine These, die sogar das Gütesiegel von Herrn Hartung höchstselbst beanspruchen darf. Niemand nehme also jemand anderem etwas weg, keiner müsse Konkurrenz befürchten, der Konflikt beruhe auf einem einzigen Missverständnis.

Reflexion

Mit ein bisschen Abstand gewinnt die Diskussion mehr Tiefe. Ich behaupte, die Thesen aller drei erwähnten Positionen sind auf ihre Weise falsch.

Die Mär von der friedlichen Koexistenz

Die Auffassung, Legal Tech und konventionelle Anwälte würden nicht konkurrieren, hat den Charme, dass sie niemandem auf die Füße tritt. Jeder kann sich darin wiederfinden. Eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech wäre obsolet. Stattdessen kooperieren alle harmonisch.

Genau deshalb befürchte ich aber, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedankens ist. Denn Legal Tech löst bei bestimmten Arbeitsschritten schon heute Anwälte ab. Und das eher mit zunehmender als mit abnehmender Tendenz. Beispiel Due Diligence. Man kann vor allem in den USA seit der Finanzkrise beobachten, wie Kanzleien die Durchsicht von Verträgen aus menschlichen Händen nehmen und einer E-Discovery-Software überantworten. Die verlangt keine Lohnnebenkosten, keine Bürofläche, keinen bezahlten Jahresurlaub. Die Software ist nie krank und sie arbeitet Verträge gründlicher und schneller durch als jede menschliche Arbeitskraft.

Das Gegenargument der Koexistenztheoretiker ist natürlich bekannt. Die Due Diligence Anwälte erledigen dafür künftig einfach nur noch die Schokoladenseite des Anwaltsjobs. Empathie zeigen, mit Menschen arbeiten, Strategien entwerfen, so in etwa die Vision. Das scheint mir aber zu sehr vom Ergebnis her gedacht und weniger aus tatsächlichen ökonomischen Erwägungen. Wer eine Kanzlei mit Gewinnerzielungsabsicht führt, setzt die freigewordenen Due Diligence Anwälte nicht alle zur Förderung der Kundenbeziehung bei Kaffee und Kuchen ein. Und er zahlt ihnen auch nicht das gleiche Gehalt für weniger Arbeit. Realistischer ist, dass er ihnen die Arbeitszeit und den Lohn kürzt oder sie ganz entlässt.

Die so ge-„offboardeten“ Juristen können sich dann natürlich immer noch auf eine der Stellen bewerben, die die Software entwickeln, die sie selbst wegautomatisiert hat. Aber ist das dann nicht schon wieder Legal Tech? Lautete die These nicht, dass Legal Tech genug von der konventionellen Anwaltstätigkeit übrig lässt, dass alle wie gehabt in diesem Bereich weiterarbeiten können?

Wachsende Konkurrenz

Übrigens: Dieses Phänomen der direkten Konkurrenz von klassischer Anwälte und Legal Tech wird nicht bei E-Discovery stehenbleiben. Dass momentan Legal Tech Unternehmen wie Ersatz-Pilot vorwiegend leicht automatisierbare Massenverfahren automatisieren, liegt nicht etwa daran, dass rechtliche Prüfungen ansonsten nicht rentabel automatisierbar sind. Der Grund dürfte vor allem darin bestehen, dass Märkte mit schematischen Standardfällen sich für den Einstieg so gut eignen. Für entsprechende Algorithmen genügt auch das bisher dürftige Startkapital.

Aber je mehr Entwicklungsaufwand ein Legal Tech Unternehmen stemmen kann, desto eher geraten daneben juristische Prüfungen aus der konventionellen anwaltlichen Praxis in den Fokus. Ein interessantes Beispiel ist insofern Abfindungsheld, ein Startup, das sich an gekündigte Arbeitnehmer richtet, die alternativ einen Anwalt für Arbeitsrecht beauftragen könnten.

Niemand hat die Absicht, überkommene Geschäftsmodelle zu protegieren

Verbraucherschutz?

Es wäre vor diesem Hintergrund sehr nachvollziehbar, wollten Anwälte wie vor ihnen etwa die Taxi- und die Hotelindustrie Regulierungen nutzen, um die digitale Konkurrenz auszubremsen. Aber vielleicht ist das ja wirklich nicht der Hauptimpuls hinter der jetzt angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech. Vielleicht handeln die verantwortlichen Politiker nur aus dem Bedürfnis heraus, einer jungen Industrie Leitplanken zu setzen, damit sie keine öffentliche Interessen wie den Verbraucherschutz gefährdet. Solche Erwägungen führte sogar Justizsenator Behrendt an, als er die Risiken von Flightright und Co. als Begründung für die Aufsichtsbehörde anführte.

Und stimmt es denn nicht, dass die Fluggastportale sich für ihre Dienste eine erhebliche Marge von den Entschädigungen einbehalten, die sie für ihre Kunden beitreiben? Wäre es nicht gerechter, Gerichte würden Fluggästen den vollständigen Betrag zusprechen?

Ja das wäre es. Aber dann müssten diese Fluggäste dafür selbstständig vor Gericht ziehen, ihre Entschädigung allein durchsetzen und in Vorleistung treten. Das ist nicht jedermanns Sache und gerade deswegen existieren die Fluggastportale. Es beruht also auf dem freien Entschluss der Verbraucher, sich für einen der Fluggastentschädiger zu entscheiden. Sie dabei zu reglementieren, hieße sehr bald, Verbraucher vor sich selbst zu schützen.

Oder Protektionismus?

Das gilt erst recht, weil sich Verbraucher vor allem über digitale Produkte transparenter denn je mithilfe anderer Kundenbewertungen informieren können. Wo genau die Aufsichtsbehörde darüber hinaus einen Beitrag zum Verbraucherschutz leisten will, erschließt sich mir nicht. Ich verstehe deshalb, dass Legal Tech Unternehmen befürchten, es gehe bei der angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech nur beiläufig um Verbraucher- und primär um Konkurrenzschutz.

Denn die Hauptleidtragenden der Legal Technology sind unbestreitbar konventionelle Anwälte. Ihnen, die sie mühsam nach über sieben Jahren zwei Examina erworben haben, wollen nun ein paar juppige Startups den Rang ablaufen?! Das kann ja wohl nicht angehen.

Es braucht keine Verschwörungstheorien, um zu mutmaßen, dass nicht zuletzt dieser Geist aus den angekündigten Regulierungen atmet. Insbesondere, weil die mit der Formulierung der Vorschriften betrauten Referenten vermutlich selbst Juristen sind.

Aufsichtsbehörde für Legal Tech: nicht Goliath, sondern ein Zyklop

Trotzdem fällt mein Fazit optimistisch aus. Aus folgender Überlegung:

Gemessen an der Marktkapitalisierung beschreibt zwar am ehesten der Vergleich zwischen David und Goliath das bevorstehende Kräftemessen zwischen Legal Tech und konventioneller Anwaltschaft. So mächtig wie Goliath ist letztere dann aber doch nicht.

Denn es kommt nicht von ungefähr, dass die Rechtspflege eine der letzten Branchen ist, die sich digitalisiert. Die Mühlen der juristischen Zunft mahlen langsam. Und es wäre eigenartig, wenn ausgerechnet die innovationsaversen Kräfte agiler den Fortschritt verhindern, als IT-affine Unternehmen ihn vorantreiben. Ins Bild passt insofern, dass die Justizministerkonferenz typischerweise erst nach zweijähriger Beratung eine Handlungsempfehlung vorlegt. Es steht also nicht zu befürchten, dass der Legal Tech Industrie bereits allzu schnell ein Riegel vorgeschoben wird.

Und selbst wenn es überhaupt dazu kommt, hinkt der Vergleich zur Reglementierung von Uber und Airbnb noch an einem weiteren Punkt. Das Produkt Rechtsberatung ist noch weniger greifbar als das Produkt Unterkunfts- oder Transportvermittlung. Automatische Rechtsdienstleistungen können nahezu ortsunabhängig erbracht werden.

Und mehr noch: Genau wie auf der Seite der Regulierer studierte Experten der Regeln sitzen, sitzen typischerweise auf der Seite der Regulierten studierte Meister der Ausnahmen. Flightright leistet unter § 2 RDG Rechtsdienstleistungen für andere und bedürfte einer Anwaltszulassung? Schön, dann kauft Ersatz-Pilot eben die Forderungen selbst und leistet zulässige Rechtsdienstleistungen für sich selbst. Oder ein Fluggastentschädiger wickelt seine Fälle über eine Anwalts-GmbH ab. Es besteht wenig Zweifel, dass Juristen dieses Katz- und Mausspiel perfektionieren werden.

Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist deshalb die Vermutung, dass Legal Tech es im anstehenden Konkurrenzkampf vermutlich nicht mit Goliath, sondern mit einem Zyklopen zu tun hat. Mächtig, aber zu ungelenk, um agile digitale Nachwuchsunternehmen ernsthaft aus der Bahn zu werfen.

Legal Tech News

„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Posted by Jacob Weizmann on
„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Irgendwer sagte wohl auf der Bucerius Herbsttagung und dann bei Twitter, man müsse bei Legal Tech heutzutage den „Hype-Cycle“ reiten. Als nüchterne Spektanten der Entwicklung passt das natürlich nicht ganz zu unserem Motto. Ich bin trotzdem seit einigen Wochen auf Twitter unterwegs, um dort zwischendurch ein bisschen Input zu aktuellen Entwicklungen zu geben.

Berechtigte Frage: Muss das sein? Muss man sich wirklich öffentlich der täglichen „Seelenblähung“ (Ole von Beust dixit) entledigen? Natürlich nicht. Aber es sind einige Umstände zusammengekommen, die für uns den Ausschlag gegeben haben, es mit Twitter einmal zu versuchen.

Grund 1: Da das Projekt DiRiSo Fahrt aufnimmt, kann ich nicht versprechen, dass ich jede Woche einen neuen Beitrag abliefern kann. Ein paar Beiträge auf Twitter sind da leichter beizusteuern.

Grund 2: Man kann dort jetzt 280 Zeichen pro Tweet nutzen. Und das gestattet ja zumindest schon mal zwei Gedanken am Stück. Für uns als „sowohl als auch“-Kommentatoren ist das ein willkommenes Mindestmaß zur Differenzierung.

Grund 3: Wenn sich die Legal Tech Szene mal nicht an Buffets auf Branchenevents tummelt, ist sie häufig auf Twitter unterwegs. Und wenn man wie wir über sie schreibt, dann sollte man das aus nächster Nähe tun. Nirgendwo sonst bekommt man ein so gutes Verständnis für das Lebensgefühl einer Subkultur, die in der permanenten Erwartungshaltung lebt, morgen bräche Deepminds Inferno der Künstlichen Intelligenz und der Blockchain Lawyer über uns herein.

Übrigens. Also nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Natürlich überzeichne und pauschalisiere ich in dieser Hinsicht stark. Aber ich empfinde es als durchaus heilsam für alle Beteiligten der Legal Tech Szene, zu der wir ja irgendwo auch gehören, wenn man sich nicht todernst nimmt und in der Lage ist, sich zur Abwechslung gelegentlich selbst zu karikieren. Es ist nicht jedermanns Humor, insbesondere nicht derjenige der hartnäckigsten AI-Apologeten der Legal Technology, für den es die reinste Häresie darstellen muss. Aber zum Glück muss auch nicht jedermann Gefallen an diesem Blog finden; es reicht, wenn’s der eine oder andere tut.

Legal Tech News

Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

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Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

Das Legal Tech Großevent in diesem Monat ist ohne Zweifel die 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School. Für uns trifft sich das im Prinzip gut, zumal die DiRiSo in der Hamburg Area ihren Sitz hat und unser Team dort Legal Tech Veranstaltungen routinemäßig mitnimmt. Insbesondere diejenigen mit anständigem Buffet, wie die Legal Tech Meetups. Nun zweifeln wir keineswegs daran, dass die Law School in der Lage ist, einen akzeptablen Caterer aufzutreiben und für das leibliche Wohl zu sorgen. Für den Überseeclub, wo der Begrüßungsabend steigt, gilt das sowieso. Trotzdem gehen wir nicht zur 7. Herbsttagung. Wieso?

Das Schlüsselwort lautet Verhältnismäßigkeit oder besser: Unverhältnismäßigkeit. Sportliche 490 € kostet ein Ticket für den Haupttag und dafür bekommt man ein paar Vorträge, gecatertes Mittagessen und etwas Networking inklusive 2-3 Gratis-Kaffees. Ich weiß nicht, was die knapp 300 Gäste der 7. Herbsttagung an diesem Angebot finden, aber da, wo ich herkomme, kann man sein Geld besser anlegen.

Die Alternative zur 7. Herbsttagung

Zum Beispiel könnte ich mir den interessantesten Redner aus dem Line-Up greifen und für den aufgerufenen Betrag in ein Sterne-Restaurant seiner Wahl einladen.

Das bessere Essen

Das hätte erstens den angenehmen Nebeneffekt, dass das Essen vortrefflich ist. Catering-Mahlzeiten in allen Ehren, man kann fraglos auch am Buffet Fantastisches auffahren, wie unsere Freunde von Hogan Lovells es routinemäßig tun. Aber trotzdem: In einer ganz anderen Liga spielt natürlich ein Sieben-Gänge-Menü mit, sagen wir, Hasenfilet in Whiskey-Marinade in einem der Hauptgänge und Lavendelblüteneis zum Dessert.

Der bessere Vortrag

Und weil das so ist, habe ich bei einem solchen Abendessen auch eher die Gelegenheit, einer interessanten Legal Tech Persönlichkeit mehr als nur ein paar Gemeinplätze zu entlocken. Gemeinplätze, wie sie die 300 Gäste der 7. Herbsttagung en masse zu hören bekommen, wenn Freshfields Partner und Manager von den vielen tollen Disruptions und Opportunities der Legal Technolgy schwafeln berichten. Die zugehörigen polierten Powerpoint-Slides lässt hingegen selbst der distinguierteste Speaker daheim, wenn man ihm beim Abendessen gegenübersitzt und der Laptop mit Pitchdeck dem Teller mit den Garnelen im Orangen-Chili-Mantel weicht. Ebenso außen vor bleiben dann meist die Plattitüden, das Offensichtliche, Oberflächliche, Massenkompatible. Stattdessen hat man sieben Gänge lang Zeit, einmal die interessanteren Ansichten der jeweiligen Person abzuklopfen.

Will sagen: Man hat Gelegenheit zu Fragen, die das neuste Buch des Speakers offen lässt und sein Vortrag bestenfalls anteasert. So ein aktuelles Buch von den Ausrichtern der 7. Herbsttagung kostet übrigens 79 € auf Amazon. Am Rande erwähnt: Es ist einigermaßen peinlich, dass die Legal Tech Avantgarde es für diesen Preis nicht einmal hinbekommt, ihr Werk als E-Book bereitzustellen. Wichtiger ist an dieser Stelle allerdings der Umstand, dass man in den meisten Sterne-Restaurants günstig genug wegkommt, um für den Tagungspreis nicht bloß das Abendessen, sondern gleich noch das Buch des Speakers zu zahlen. Zugegebenermaßen kann das Buch kein Catering-Lunch kredenzen, aber dafür entfaltet es die Überlegungen der Speaker deutlich tiefgründiger als ihr jeweiliger Redebeitrag. Und für das Essen verbleibenden einem ja die restlichen 411 €.

Das bessere Netzwerk

Bleibt also noch das Networken. Das müsste doch am Stehtisch auf der 7. Herbsttagung besser klappen als im Sterne-Lokal. So legt es zumindest jeder Werbeprospekt für derlei Events nahe. Meine eigenen Erfahrungen weichen davon nichtsdestotrotz ab. Und zwar nicht bloß gradweise, sondern diametral. Mit der Größe der Tagung steigt die Anonymität. Natürlich gibt es trotzdem Gespräche am Buffet und, ja, man lernt dabei weit mehr als eine neue Person kennen.

Nur kann ich mich kaum an Gespräche auf solchen Kongressen erinnern, die über bloßen Small-Talk hinausgingen. Ebenso wenig legen nach meiner Erinnerung Konferenz-Kaffeepause den Grundstein für eine nennenswerte Zahl an Freundschaften fürs Leben oder Geschäftspartnerschaften für das nächste Unicorn. Mondäne Abendessen in angenehmer Atmosphäre haben dagegen schon eher Kontakte befördert, die über ein paar lose Linkedin-Bekanntschaften hinausgehen. Und genau weil das so ist, bin ich am 17. November anderweitig verplant.

Schluss

Man kann mir vorhalten, meine reservierte Haltung zur 7. Herbsttagung sei dennoch vorschnell, überzogen, undifferenziert. Und selbstverständlich bin ich immer gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Und wer weiß, vielleicht widerlegt das Event ja all meine Befürchtungen. Wenn ich mir allerdings den vor Sponsored Content triefenden Promoblog  Newsblog des Veranstalters anschaue, habe ich daran so meine Zweifel. Dafür nehme ich es in Kauf, wegen meiner Vorliebe für die Sterneküche statt für Herbsttagungen vermessen genannt zu werden. Kopflos 500 € Kanzleigelder für eine seminützliche Tagung mit rhetorischem Legal Tech Theaterdonner zu expensen, ist es aber vermutlich mindestens genauso.

Legal Tech Ideas

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.

Legal Tech Reviews

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Posted by Jacob Weizmann on
Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.

Legal Tech News

4. Legal Tech Meetup Hamburgs

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4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 4. Legal Tech Meetup Hamburgs war nicht nur dem Namen nach angelsächsisch geprägt. Auch zeichnete es sich dadurch aus, dass diesmal alle Referenten ihre Vorträge auf Englisch hielten. Der Grund war einleuchtend: Es sollte schließlich um die amerikanische Perspektive zum Thema Legal Tech gehen. Dafür hatte der „Serial-Host“ Nico Kuhlmann respektive Hogan Lovells zum 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sogar prominente Unterstützung aus Kalifornien eingeladen. Eingeplant für die Keynote war niemand geringeres als Prof. Mark A. Cohen, so etwas wie das amerikanische Pendant von Markus Hartung, der ebenfalls einen Vortrag hielt. Insofern muss man schon einmal sagen: Dr. Kuhlmann versteht es, die Rockstars der Legal Tech Szene zusammenzutrommeln.

Ganz ohne Turbulenzen lief das Vortragsprogramm leider nicht ab. Orkan Xavier hatte am 5. Oktober Mark Cohens Landung in Hamburg vereitelt. Höhere Gewalt also, bei der ausnahmsweise nicht einmal Ersatz-Pilot und Co. zur Fluggastentschädigung verhelfen können. Stattdessen wurde Prof. Cohen nach Brüssel umgeleitet; sein Gepäck landete zu allem Überfluss anderswo. Trotzdem – und hier noch einmal Chapeau, Dr. Kuhlmann – gelang es, ihn per Skype aus seinem Hotelzimmer zuzuschalten. So konnte das versammelte Publikum immerhin partiell an seinen Reflektionen zur Legal Technology teilhaben. Nur partiell vor allem deswegen, weil das wacklige Hotel-WLAN gelegentlich Ton- und Video-Stream unterbrach. Nichtsdestotrotz gab er den etwa 70 Zuhörern einige neue Gedanken mit auf den Weg.

Das Unicorn im Phrasenhaufen

Garniert waren die Ausführungen natürlich mit den üblichen Gemeinplätzen zur Legal Technology, die jeder nach dem ersten Einführungsvortrag kennt. Buzzwords wie Disruption reihten sich in den üblichen Sermon zu veränderten Berufsbildern und Potenzialen der Legal Tech für den „Access to Justice“ von Kleinunternehmen und Privatleuten. Aufschlussreich waren Prof. Cohens Ausführungen dennoch. Denn sein Bezug zur Legal Technology besteht anders als der von Markus Hartung nicht primär darin, auf Konferenzen als Cheerleader Legal Tech zu hypen sachverständiger Referent Chancen und Risiken der Legal Technology zu analysieren. Stattdessen hat er selbst vor einigen Jahren ein eigenes Legal Tech Startup gegründet und erfolgreich gegen die Wand gesetzt eigene Erfahrungen in der Branche gesammelt.

Clearspire?

Clearspire hieß Prof. Cohens Unternehmen. Das Geschäftsmodell bestand darin, eine Kanzleisoftware alá RAMicro zu entwickeln, nur eben besser – mit Kommunikationskanälen zum Kunden, mehr Tools usf. Cohen sieht hierin, in einer ganzheitlichen IT-Plattform für Juristen, den großen Wurf der Legal Tech Branche. Und damit wurde der Vortrag zum Ende im Q&A-Teil des 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sehr spannend. Denn es ist ja in der Tat richtig, dass es für Rechtsdienstleistungen noch keinen technischen Giganten wie Amazon, Google oder Facebook gibt. Und das wirft die hochaktuelle Frage auf: Wer wird der Bezos, Page oder Zuckerberg der Juristen? Nun, Prof. Cohen wird es sicherlich nicht. Clearspire ist wie gesagt pleite. Interessant ist umso mehr, wieso er weiterhin glaubt, er wäre damit beinahe das eigene Unicorn geritten.

Soweit man Cohen über die instabile Skype-Verbindung richtig verstehen konnte, stützt sich seine Überlegung auf eine Analogie zum Erfolg von Legal Zoom. Legal Zoom liefert einen Generator für juristische Standarddokumente. Darüber hinaus vermittelt die Plattform dort Anwälte, wo die automatische Vertragsgestaltung nicht ausreicht. Das läuft ganz erfolgreich und steht sicher im Kontrast zu zahllosen Legal Tech Flops.

Ebenso wenig wie der Legal Engineer

Eine Milliarden-Dollar-Idee scheint es dennoch nicht ganz zu sein. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass jemanden das Prinzip Werkzeugkiste für Verbraucher (Legal Zoom) respektive Legal Professionals (Clearspire) fasziniert. Aber es gibt inzwischen haufenweise mehr oder weniger extensive Kanzleiorganisationsplattformen, ohne dass eine auch nur in Sichtweite der Market Cap von Freshfields und Co. kommt. Zum Vergleich: Airbnb ist unterdessen den größten Hotelketten enteilt, Amazon den größten Einzelhandelsketten usw. Dass Kanzleisoftwareentwickler hier nicht mithalten, liegt vermutlich zum einen an den relativ hohen Entwicklungs- und Wartungskosten solcher Software. Andererseits lässt sich für solche Werkzeugkisten kaum der Preis veranschlagen, den die einzelnen Tools in der Summe wert sind. Denn kaum eine Kanzlei wird sämtliche Funktionen nutzen.

Hinzu kommt noch das grundlegende Problem jedes Scharniers an der Schnittstelle zwischen Recht und IT. Eine Kanzleiorganisationssoftware ist im fortgeschrittenen Zustand nichts weiter als ein codegewordener Legal Engineer. Und deswegen drängt sich auch solchen Programmen die Frage auf: Wozu Marketing- und Schulungskosten und Nutzerfreundlichkeit, um die Tools krampfhaft der technophoben Juristenriege aufzuzwängen? Warum treten reine IT-Produkte nicht Stück für Stück in direkte Konkurrenz mit Anwälten? Es sind genau solche Erwägungen, die mich skeptisch stimmen, ob Prof. Cohen am Ende richtig liegt. Die Gesetze der Ökonomie geben ihm bisher jedenfalls kein Recht.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass er zu dieser Diskussion einen wichtigen Impuls geliefert hat. Insofern plane ich auch, die Überlegung demnächst an anderer Stelle zu vertiefen.

Worum ging es beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sonst?

Bricht das aetas aurea an?

Ansonsten fiel beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs auf, dass die Redner die Legal Technology diesmal deutlich optimistischer bewerteten. Beim letzten Mal hatte eine opulente Powerpointpräsentation die Drohkulisse der Umwälzungen am Arbeitsmarkt besonders plastisch in Szene gesetzt. Am 5. Oktober klang diese Gefahr allenfalls in Nebensätzen an. Stattdessen beeilten sich Markus Hartung und Prof. Cohen, die Potenziale der Legal Technology am Arbeitsplatz zu betonen. Konzentrieren dürften sich Anwälte zukünftig auf die emotionalen, zwischenmenschlichen, strategischen, abwägenden Bestandteile ihres Handwerks. Algorithmen würden ihnen nur die lästigen Bestandteile ihrer Tätigkeit abnehmen. Dafür würde es reichen, wenn sich angehende Juristen etwas mehr mit IT befassen, damit sie effektiv Routinearbeiten identifizieren und delegieren könnten.

Zieht mit der Legal Technology also doch das goldene Zeitalter herauf?

Nun, aus dem Blickwinkel der Verbraucher und Mandanten ist Herrn Hartung beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn Verbraucher Fluggastentschädigungen dank Legal Tech so einfach erlangen können, wie sie bei Amazon Bücher bestellen. Das heißt aber längst nicht, dass der juristische Arbeitsmarkt ebenso umfassend von der Legal Technology profitiert. Solche Zweifel ergeben sich schon aus einigen Zwischenbemerkungen der Referenten selbst, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollten.

Herr Hartung erwähnte, dass je nach Studie mittelfristig voraussichtlich 20-80% der bisherigen juristischen Stellen wegbrechen. Ob wir umgekehrt allein auf dem deutschen Anwaltsmarkt Verwendung für 34.000-140.000 Blockchain Lawyers (was immer das sein mag) und Legal Engineers haben, darf bestenfalls mit einem Fragezeichen quittiert werden. Das gilt insbesondere, wenn man folgende Randbemerkung Prof. Cohens zum amerikanischen Anwaltsmarkt bedenkt. Er verwies darauf, dass schon jetzt Senior-Partner führender Law Firms die unverhältnismäßig hohe Bezahlung ihrer Associates beklagen, da etwa deren Due Diligence Prüfungen weitgehend maschinell zu einem Bruchteil ihrer Lohnkosten durchführbar seien. Das weckt nicht gerade die Erwartung, dass die Legal Tech Revolution keine prekären Wald- und Wiesenanwälte mehr kennt, sondern nur Gewinner.

Wann wird das eiserne Zeitalter eingeläutet?

Ich bin ein Freund von Ovids Metamorphosen. Und anders als für Augustus Hofschreiber Vergil mündet deren kosmologische Entwicklung nicht zwingend in den goldenen Überfluss, sondern bekanntlich ins eiserne Zeitalter. So negativ muss und sollte man die Entwicklung in Mitteleuropas bester aller möglicher Welten natürlich nicht sehen. Auch nicht in der Legal Tech Szene. Aber dass die Zeiten in jedem Fall stürmischer werden, davon kündet auch Markus Hartungs bemerkenswert ehrliche Selbstreflektion am Ende seines Vortrags. Er sagte voraus, dass die Zeit der Keynotes von Legal Tech Geronten im Pullunder sich in einem Jahr erübrigt und an ihre Stelle gestandene Legal Tech Unternehmer treten.

Ganz so bald dürfte es aber womöglich nicht werden, wenn statt Blockchain und AI eher rucklige Skype-Verbindungen und unintelligente Flughafengepäcklogistik das Jahr 2017 prägen. Bis dahin bleibt Zeit, das vorzügliche Buffet von Hogan Lovells beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs und hoffentlich weiteren Veranstaltungen dieser Art zu genießen. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn Dr. Kuhlmann und die Referenten noch möglichst lange nicht durch IBM Watson und den Google Assistent ersetzt werden. Wie es um das Buffet bei Google steht, erfahren wir spätestens beim nächsten Legal Tech Meetup am 22. Februar.

 

Legal Tech Ideas

Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

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Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Jede Bewegung kultiviert ihre Idealtypen und für die Legal Tech Szene gehört dazu das Berufsbild Legal Engineer. Als Legal Engineer definiert sie dabei Juristen, die zusätzlich zu ihrer klassischen Ausbildung IT-Kenntnisse besitzen. Sie sind daher qualifiziert, an der Schnittstelle zwischen beiden Fachbereichen zu arbeiten und etwa an Automatisierungsprozessen mitzuwirken. Sie sollen in Zukunft das Scharnier formen zwischen Rechtsdienstleistern einerseits und Informatikern andererseits.

Automatisierung heute: ohne Legal Engineer

Ich sage „in Zukunft“, weil in den Sternen steht, ob sich der Legal Engineer tatsächlich einmal zwischen Jurist und ITler schiebt. Es ist nämlich so: Bisweilen automatisiert sich der Rechtsmarkt, ohne dass juristische Endanwender und ITler Seite an Seite arbeiten. Verbreitet ist es eher, dass ein Jurist bei einem externen IT-Unternehmen für seine Tätigkeit ein Programm bzw. eine Lizenz nachfragt. An der Spitze dieses Unternehmens steht dann im günstigeren Fall ein Jurist, der eine vage Ahnung davon hat, welche Technik praktizierenden Anwälten weiterhilft und wie man sie entwickelt. So funktioniert das zum Beispiel bei RA-Micro.

Ein Schwerpunkt auf Rechtsdienstleistungen oder eine Expertise in Informatik ist aber keineswegs conditio sine qua non, wenn Softwareentwickler im Rechtsmarkt tätig werden. Wenn ich mir die Low Tech Entschädigungsrechner mancher Fluggastportale ansehe, gewinne ich eher den Eindruck, dass dahinter eine von zwei ähnlich kruden Entwicklungsvarianten steht. Entweder die Gründer-Juristen haben mit ihren Hobby-IT-Fähigkeiten ihre Abfragemechanismen selbst gebastelt. Oder sie haben ein externes Unternehmen damit beauftragt und ein mehr oder weniger passendes Produkt bekommen. Also ein Produkt, von dem der juristisch ungeschulte ITler denkt, es könnte dem Juristen helfen.

Woran mache ich fest, dass es so läuft? An den ganzen Unstimmigkeiten ihrer Tools, die Juristen im laufenden Betrieb sehen und ITler leicht ausbessern können. Dass das trotzdem nicht passiert, liegt entweder daran, dass Juristen zwar die Probleme erkennen, aber unfähig sind, sie selbst zu korrigieren. Alternativ erklärt sich das Phänomen daraus, dass ständige Change Requests an externe ITler natürlich sehr teuer werden, wenn ihnen das juristische Grundverständnis für die Anforderungen fehlt, denen ein Tool genügen muss.

Automatisierung künftig

ohne Legal Engineer?

Solange man aber überwiegend trotzdem meint, solche Kooperationsformen zwischen Juristen und Informatikern reichen, wird kaum einer nach einem Legal Engineer als Mittelsmann fragen. Und selbst wo man glaubt, Juristen und ITler sollten laufend Hand in Hand zusammenarbeiten, fehlt das Bedürfnis nach einem Dritten.

Es genügt vollkommen, wenn ein Informatiker genug vom zu lösenden Problem und ein Anwalt genug von den technischen Mitteln zur Lösung versteht. Ein Dolmetscher wird nicht gebraucht. Aus grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen kennt man das schon. Wo für alle Geschäftspartner Englisch die lingua franca ist, kann man sich den Übersetzer sparen.

Auf Kanzleien bezogen heißt das zum Beispiel, dass im Idealfall der Nutzer einer Prüfungssoftware diese bilateral mit dem Programmierer optimiert. Aber kann er das einfach so? Müsste er dafür nicht Informatik studieren? Hier empfiehlt sich ein unverstellter Blick. Denn wenn ein Jurist ein bisschen technisch versiert ist, wird ihm eine solche Kooperation ohne weiteres gelingen. Dafür braucht ein Anwalt nicht einmal irgendwelche praxisfernen Anfängerkurse in (veralteten) Computersprachen. Es reicht bereits das Gespür dafür, welche seiner Arbeitsschritte schematisierbar sind und welchem Schema sie folgen.

oder ohne Anwalt?

Sicher mag man eine solche Person hochtrabend nicht mehr als Jurist, sondern als Legal Engineer bezeichnen. Eine Scharnierfunktion hat sie indes nicht mehr. Schließlich ist ein separater Anwalt neben dem Legal Engineer allenfalls eine vorübergehende Erscheinung. Denn warum sollte der Legal Engineer sein Tool dauerhaft Anwälten zur Verfügung stellen, wenn er es auch selbst bedienen kann. Immerhin spart das Support-Hotlines, Schulungskurse und zudem Marketingaufwand, um einer notorisch technikfernen Branche begreiflich zu machen, wie sie von einem Tool profitieren kann.

Früher oder später wird dem Legal Engineer dämmern, dass er die Tätigkeit des Anwalts auch direkt übernehmen und gegenüber dessen Mandanten anbieten kann. Und wenn der Anwalt clever ist, dann wird auch er merken, dass er direkt mit IT-Entwicklern zusammenarbeiten kann, statt dazwischen einen Legal Engineer einzuschalten. Das Ergebnis ist so oder so ein Engineering Lawyer, weniger ein Legal Engineer. Ersteres scheint mir eher ein tatsächlicher Zukunftsberuf zu sein.

Legal Tech Reviews

Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

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Legal Tech für Fluggastrechte: Etikettenschwindel?

Dass Legal Tech für Fluggastrechte besonders häufig entwickelt wird, ist kein Zufall. Kaum eine anderes Rechtsgebiet bietet so dankbare Einstiegsvoraussetzungen für Legal Tech Applikationen. Die Rechtsmaterie erfüllt alle idealtypischen Bedingungen für eine rentable Automatisierung mit niedrigen Einstiegskosten. Das macht das Reiserecht zu einem ersten Einsatzgebiet der Legal Technology, das dem Endverbraucher nahesteht. Hier zeigt sich also schon heute, welchen Mehrwert die neue Technologie letztlich für den Kunden verspricht.

Was der Kunde von Legal Tech erwarten darf (die Hoffnung)

Ist der Aufwand für die Entwicklung eines Legal Tech Tools einmal aufgebracht, senken die eingerichteten Automatismen zur Rechtsdurchsetzung deren Kosten drastisch. Je weiter der Algorithmus die menschliche Prüfung und Korrespondenz übernimmt, desto weniger Personalkosten fallen noch an. Gleichzeitig dünnen sich die einmaligen Fixkosten der IT-Entwicklung bei wachsender Kundenzahl zunehmend auf die einzelnen Fälle aus. Unterm Strich besteht die Verheißung und damit auch das Disruptionspotenzial der Legal Technology schließlich darin, dass ihr Einsatz die Kosten für Rechtsdienstleistungen drastisch senkt. Legal Tech für Fluggastrechte, das heißt verkürzt, das Prinzip der Industrialisierung auf ein erstes Gebiet juristischer Massenverfahren anzuwenden. Economies auf Scale für den Rechtsmarkt.

Man sollte deshalb meinen, dass die Kostenersparnisse der Legal Tech für Fluggastrechte sich gerade auf Seiten der Kunden bemerkbar machen. Das gilt insbesondere, als beispielsweise das Fluggastportal Fairplane davon ausgeht, dass 90% der Flugreisenden ihren Anspruch auf Entschädigung nicht durchsetzen (siehe Screenshot mit dem Kommafehler in der Überschrift von Fairplanes Website). Gerade um aus diesem Reservoir neue Kunden zu gewinnen, wären attraktiv niedrige Kosten für entsprechende Rechtsdienstleistungen doch ein unschlagbares Verkaufsargument.

Laut Fairplane erreichen Fluggastportale bislang 90% der Betroffenen nicht.

Die Wirklichkeit 2017

Beachtliche Margen trotz Legal Tech für Fluggastrechte

Allein: So richtig preiswert sind die Leistungen der etablierten Fluggastentschädiger nicht. Die meisten Inkasso-Dienste behalten sich eine Erfolgsprovision von 25% zzgl. Mwst. ein, also knapp 30% des Wertes der Ausgleichsansprüche, die sie durchsetzen. So genannte Sofortentschädiger ersparen Betroffenen dagegen zwar immerhin die Wartezeit bis zur erfolgreichen Durchsetzung. Die Direktzahlungen, die sie Fluggästen anbieten, unterschreiten deren nominelle Entschädigungsforderungen allerdings in der Regel um ganze 35% plus Mehrwertsteuer. Unterm Strich bleiben dem Fluggast von seinem ursprünglichen Anspruchswert je nach Wartezeit bis zur Auszahlung nur 60-70%. Freuen darf sich dagegen das Fluggastportal über eine üppige Marge von 25-35%.

Das wirft eine Frage auf. Wie kommt ein solcher Preis für Rechtsdienstleistungen zustande, die vollkommen schematisiert ablaufen und sich fast vollständig automatisieren lassen? Mir fallen zwei Antworten ein. Entweder die Entschädigungsplattformen stützen sich gar nicht so sehr auf Legal Technology, wie in Interviews gern behauptet wird. Das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Wenn wir hingegen unterstellen, dass Legal Tech für Fluggastrechte nahezu bis zur Vollautomatisierung gediehen ist, dann gibt es für die derzeitige Marge nur einen plausiblen Grund, nämlich (kurzfristige) Gewinnmaximierung.

Es geht auch anders

Damit das nicht nur eine kühne Behauptung bleibt, hat die DiRiSo mit dem Portal Ersatz-Pilot den Beweis angetreten. Ersatz-Pilot gewährt etwa auf der Langstrecke Direktentschädigungen von 450 €; das entspricht 75% des nominellen Ausgleichsanspruchs eines Fluggastes. Und das ist erst der Anfang.

Dass die Differenz zur nominellen Forderungshöhe noch 25% entspricht, liegt daran, dass Ersatz-Pilot gerade erst damit anfängt, das Geschäftsmodell größer zu skalieren. Gerade für noch unvorhergesehene Komplikationen soll hierbei eine Liquiditätsreserve vorgehalten werden. Je mehr Fluggastrechte aber durchgesetzt werden, desto weiter kann Ersatz-Pilot die Marge zwischen Direktzahlung und Höhe des tatsächlichen Ausgleichsanspruchs abschmelzen.

Warum begnügen sich Kunden trotzdem mit hohen Service-Gebühren?

Derweil ist die Konkurrenz wahlweise immer noch auf etliche kostenintensive manuelle Arbeitsschritte angewiesen oder streicht die Vorteile der Legal Tech lieber selbst ein, als sie an Kunden weiterzugeben. Warum aber vertrauen sich solchen Anbietern trotzdem zahlreiche Kunden an? Mein erster Gedanke war: Alternativlosigkeit. Lieber 350 € von Compensation2Go oder dergleichen als 0 € von der Airline nach vergeblichen eigenständigen Durchsetzungsversuchen.

Dann fiel mir aber ein, dass dieses Bild doch recht pessimistisch gezeichnet ist. Außer in zweifelhaften Fällen und bei einigen hartnäckigen Airlines können Verbraucher ihre Forderungen durchaus erfolgsversprechend selbst durchsetzen. Oft ohne Gerichtsverfahren und mit einem Aufwand, der zwar durchaus hoch ist, aber für den es gewisse Hilfestellungen gibt. So führt beispielsweise eine kurze Google-Suche zu einer Vorlage für ein Aufforderungsschreiben gegen die Airline.

Ersatz-Pilot hat hierzu auf dem Unternehmensblog unlängst ein relativ ehrliches Rechenbeispiel präsentiert, wann es sich lohnt, Forderungen auf eigene Faust durchzusetzen, und ab welcher Höhe eher eine Sofortentschädigung Sinn ergibt. Daraus geht zwar auch hervor, dass ein eigener Aufwand dort nicht gerechtfertigt ist, wo die Direktzahlung nur geringfügig hinter der vollen nominellen Forderung zurückbleibt. Genau das ist aber bei den etablierten Fluggastportalen gerade nicht der Fall. Hier entgehen dem Kunden horrende Anteile seines Ausgleichsanspruchs. Warum lässt er sich trotzdem darauf ein?

Irreführende Werbung

Eine vollständige Antwort kann ich nicht leisten. Vermutlich spielt aber der Umstand eine gewisse Rolle, dass die allermeisten die eben skizzierten Details gar nicht kennen. Und dafür tragen viele der selbsterklärt verbraucherschützenden Fluggastportale eine Mitschuld. Streckenweise gewinnt man den Eindruck, was an attraktiven Konditionen fehlt, wird durch irreführende Werbung kompensiert. Um zu verdeutlichen, woran ich das festmache, habe ich nachstehend eine Collage von Werbeaussagen führender Anbieter zusammengetragen. Alle Screenshots wurden am 22. September 2017 aufgenommen.

600 € Fluggastentschädigung?

Besonders beliebt ist in der Werbung etlicher Fluggastportale die Halbwahrheit, Fluggästen stünden bis zu 600 € Entschädigung zu. Halbwahr ist das insofern, als 600 € zwar der nominellen Höhe eines Ausgleichsanspruchs entspricht, alle Anbieter, die damit werben, aber hiervon natürlich 20-40 % Provision zzgl. Mwst. abziehen.

Besonders perfide ist die Adwords-Werbung von Fairplane, wo es heißt „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 600 € zurück“. Auf der Seite selbst erfährt man hingegen, dass Kunden von Fairplane aufgrund einer Provision von 176,40 € auch bei entschädigungsberechtigten Langstreckenflügen nur maximal 423,60 € erhalten. Aber ich vermute, „Nicht mit 400€ zufrieden geben – Bei uns sogar bis zu 423,60 € zurück“ klingt einfach nicht mehr spektakulär genug.

Auszahlung in weniger als 24 Stunden?

Eine Spezialität der so genannten Sofortentschädiger besteht darin, dass sie mit Auszahlungen binnen 24 Stunden werben.

Auch das ist im besten Fall halbwahr und im ungünstigen Fall schlichtweg falsch. Halbwahr sind solche Darstellungen insofern, als die fraglichen 24 Stunden nicht etwa nach Abschicken des Online-Formulars zu laufen beginnen, sondern erst nach Bestätigung des Entschädigungsgesuchs. Bis wann eine solche zu ergehen hat, regeln die meisten „Sofortentschädiger“ nicht mit starren kurzen Fristen. Realistischer wäre es also, von einer Zahlung einige Tage nach erstmaliger Kontaktaufnahme durch den Fluggast zu sprechen. Dann allerdings könnte man sich wahrscheinlich nicht mehr mit dem Prädikat „Sofortentschädigung“ schmücken.

Im Übrigen verraten die AGB bei EU-Flight übrigens, dass mit einer Entschädigung auch nach deren Zusage nicht etwa binnen eines Tages, sondern binnen 14 Tagen zu rechnen ist.

Etwas sofortiger entschädigt hingegen laut AGB Compensation2Go. Hier räumt man sich nach Bestätigung des Entschädigungsantrags einen Werktag Zeit ein. Zumindest an Sonn- und Feiertagen wird es hingegen eng mit den beworbenen 24 Stunden.

Die angegebene Auszahlungsfrist einzuhalten, dürfte wirkaufendeinenflug.de sogar noch schwerer fallen. Der Sofortentschädiger geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht gar von einer Auszahlung „in nur drei Stunden“.

Ich bin gespannt, ob um 4 Uhr nachts mein Geld angewiesen wird, wenn ich um 1 Uhr alle Unterlagen und Angaben für meinen entschädigungsberechtigten Flug einreiche. Deshalb verlängert man das Zeitfenster für die Auszahlung vorsorglich auf 24 Stunden. Ob sich zumindest dieser Rahmen durchgehend einhalten lässt? Wirkaufendeinenflug.de scheint sich hier selbst nicht so sicher zu sein und präsentiert weiter unten auf der Startseite im FAQ-Bereich andere Zahlen:

Statt eine „Sofortentschädigung“ zu bewerben, wäre es insofern ehrlicher, von einer zeitnahen Entschädigung zu sprechen. Das hingegen klingt womöglich nicht mehr so verlockend.

Anspruchsprüfung in nur zwei Minuten?

Unabhängig von Auszahlungshöhe und -wartezeit fallen Werbeaussage und Wirklichkeit noch in einem anderen Punkt auseinander. Heruntergespielt wird häufig der Aufwand, um das Entschädigungsformular online auszufüllen und weitere Rückfragen zu beantworten. Wirkaufendeinenflug.de spricht von zwei Minuten Prüfungsdauer im Online-Prozess (s.o.). So viel Zeit braucht der Otto-Normal-Bürger schon allein dafür, sein Ticket rauszusuchen, um die abgefragten Angaben treffen zu können. Dennoch wirbt selbst der Marktführer Flightright damit, die Eingabe würde nur zwei Minuten dauern.

Das ist gerade deshalb überraschend, weil Geschäftsführer Dr. Kadelbach selbst die Prüfungsdauer des Abfrageprozesses auf acht Minuten bezifferte, als das neue Prüfungstool vor einigen Monaten implementiert wurde. So ergibt es sich aus einer Pressemitteilung, die auch vom Legal Startups-Blog aufgegriffen wurde. Diese Zeitangabe deckt sich auch in etwa mit der Dauer, die es braucht, um probehalber einen Fall mit Flightrights Entschädigungsrechner durchzuprüfen und das Formular zu vervollständigen.

Flightright hat das im Frühjahr angekündigte eigene Sofortentschädigungskonzept Flightright Now offenbar nie realisiert. Deshalb bleibt es im Übrigen auch nicht einmal bei der achtminütigen Vervollständigung des Online-Formulars. Bis eine Forderung nämlich nach dem Inkasso-Modell durchgesetzt und ausgezahlt wird, vergehen Wochen bis Monate, in denen ein Kunde über die erforderliche Korrespondenz mit Flightright (z.B. für Rückfragen) weiterhin mit der Angelegenheit befasst ist. Von bloßen zwei Minuten Aufwand kann also keineswegs die Rede sein.

Weitere Fundstücke

Unterm Strich bleibt die Wirklichkeit letztlich bei etlichen Fluggastportalen ernüchternd weit hinter den Werbeslogans zurück. Ausgezahlt wird weniger Entschädigung als suggeriert nach längerer Wartezeit als angedeutet und bei höherem Eigenaufwand als versprochen. Damit aber nicht genug. Auch an anderer Stelle übertreibt die Werbung gerne einmal oder stellt Umstände schlicht falsch dar.

Gerne stellen Fluggastportale Alleinstellungsmerkmale heraus, mit denen sie gar nicht so alleine dastehen. EUFlight berühmt sich beispielsweise, der einzige reine Sofortentschädiger zu sein. Dabei trifft das ebenso auf Compensation2Go und Ersatz-Pilot zu.

Besonders beeindruckend ist zuletzt die Seite „deinflugrecht.de“. Sie steht ganz offensichtlich dem Unternehmen Fairplane nahe, zumal alle Links zur Anspruchsprüfung auf Fairplanes Website verweisen.

Dass es sich bei deinflugrecht.de um ein ganz neutrales Vergleichsportal handelt, wird man vermutlich ausschließen können. Dafür lobt die Seite Fairplane zu einseitig, obwohl der Anbieter selbst in der Gegenüberstellung verschiedener Websites auf deinflugrecht.de keineswegs in allen Kategorien brilliert und beispielsweise nicht die niedrigste Provision verlangt. Aber wie nah steht deinflugrecht.de Fairplane genau? Das herauszufinden, ist gar nicht so einfach. Denn die Unterseiten zum Impressum und die Rubrik „Über Uns“ sind vollkommen leer. Ein Schelm, wer da an Affiliate Marketing denkt.

Etikettenschwindel statt echter Legal Tech für Fluggastrechte?

Wie muss man solche irreführenden bis falschen Werbeaussagen verstehen? Klar wird, dass viele Fluggastportale es beim Marketing offenbar mit der Wahrheit nicht übergenau nehmen. Natürlich sollte man den Befund gleichzeitig auch nicht überdramatisieren. Unachtsamkeiten passieren und selbst kalkulierte Verzerrungen sind zwar nicht immer anständig, aber eben trotz dessen zulässig. Also doch alles im Rahmen? Nun ja. Obwohl für das Marketing andere Maßstäbe als für die Wissenschaft gelten, stößt es doch aus zwei Gründen bitter auf, wenn statt wirklicher Legal Tech für Fluggastrechte auf diesem Markt Kunden eher mit halbwahren Versprechungen geködert werden.

Zum einen sind die Zielgruppe Verbraucher, denen Fluggastportale gerade deswegen Hilfe anbieten, weil bereits Fluggesellschaften ihr Unwissen ausnutzen, indem sie ihre Entschädigungsberechtigung oft verschweigen. Es wäre deshalb zu begrüßen, wenn die verbraucherschützenden Plattformen ein höheres Maß an Transparenz an den Tag legen. Zum Beispiel, indem sie Fluggästen von vorn herein ehrlich kommunizieren, wie viel Entschädigung sie wann erhalten und wie viel Aufwand ihnen dafür insgesamt tatsächlich entsteht. Sicherlich birgt das die Gefahr, dass etliche Kunden ihre Rechte stattdessen selbst durchsetzen, weil ihnen dann bewusster würde, dass die bisherigen Konditionen der meisten Anbieter doch nicht so attraktiv sind. Genau hierin besteht aber der zweite Grund, wieso die bisherige Werbepraxis so unangenehm wirkt. Denn eigentlich erhofft man sich gerade von Fluggastportalen, dass sie Kunden durch die Vorteile von Legal Tech für Fluggastrechte gewinnen und nicht durch Augenwischerei.

Legal Tech Reviews

Warum so viele Legal Tech Fluggastentschädiger?

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Warum so viele Legal Tech Fluggastentschädiger?

Legal Tech Fluggastentschädiger, besser bekannt als Fluggastentschädigungsplattformen, sind trotz ihrer Branche nicht für ihren Jetset-Lifestyle bekannt. Schon ihre Bezeichnung ist ein sprachliches Monstrum. Und auch die Branchenvertreter ähneln nicht gerade Rockstars. Nicht einmal nach dem Maßstab der Startup-Szene. Sieht man einmal von erlesenen Ausnahmen des Typus Dr. Kadelbach ab, brauchen sich Legal Tech Fluggastentschädiger keine Chancen auf schnelle Internet-Millionen ausrechnen.

Das Geschäftsmodell hat schon wegen des Nischencharakters des bearbeiteten Rechtsgebiets kein Unicorn-Potenzial. Auch besonders hip wirkt die Sache nicht. Durch eine EU-Verordnung erzeugte Mikroforderungen aufzukaufen, macht verspätungsgeplagten Flugreisenden das Leben etwas leichter. Disruption oder gar Weltrettung geht von diesem Konzept allerdings nicht aus.

Weshalb also gehen aus den Reihen der Entwickler von Legal Tech Fluggastentschädiger hervor und nicht in gleichem oder größerem Maße AI Labore oder Smart Contract Coder? Im ersten Moment gibt die Frage Rätsel auf. Bei näherem Hinsehen erschließt sich aber ein einleuchtender Grund dafür, wieso die ersten Anwendungsfälle der Legal Technology so häufig schnöde Fluggastrechte betreffen und so selten visionäre Projekte. Man vergleiche nur die Rahmenbedingungen, um das eine oder das andere Geschäftsmodell zum Erfolg zu führen.

Rahmenbedingungen der Legal Tech Fluggastentschädiger

Blickt man auf die juristische und wirtschaftliche Ausgangslage, zeichnen sich Fluggastentschädigungsplattformen vor allem dadurch aus, dass einerseits die Einstiegshürde für ihre Entwicklung niedrig ist und andererseits das Massengeschäft mit Flugunregelmäßigkeiten kalkulierbare Gewinne verspricht.

1. Der rechtliche Rahmen erleichtert die technische Umsetzung einer Automatisierung.

Voraussetzungen und Rechtsfolgen des Entschädigungsmechanismus gemäß FluggastrechteVO sind überschaubar. Die Komplexität des Prüfungsalgorithmus und damit sein Entwicklungsaufwand halten sich in Grenzen. Sämtlich lassen sich die Anspruchsbedingungen in einem schematisierten Abfrageprozess erfragen. Es fehlen im Übrigen subjektive Tatbestandsmerkmale, die sich einer Typisierung entziehen.

Dank gut gepflegter Flugdatenbanken mit API-Schnittstelle ist überdies die Beweiserhebung automatisierbar. Ohnehin genügt dank der Beweislastverteilung eine geringfügige Dokumentation, um Ansprüche auf Fluggastentschädigung zu plausibilisieren.

2. Auch die wirtschaftlichen Gegebenheiten begünstigen ein Geschäftsmodell zur automatisierten Anspruchsprüfung und -durchsetzung.

Die geringe Höhe der Entschädigungsforderungen einzelner Fluggäste macht eine klassische manuelle Rechtsverfolgung unlukrativ. Mitbewerber in diesem Segment der Rechtsdienstleistung sind ohnehin nur Anbieter, die wenigstens teilautomatisiert Forderungen bearbeiten.

Die pauschale Höhe der Ersatzansprüche und die Zahl der anspruchsbegründenden Flugunregelmäßigkeiten formen gleichzeitig einen Massenmarkt. Eine Standardisierung der Verfahren drängt sich auf.

Rahmenbedingungen für Entwickler fortgeschrittener Legal Tech

Demgegenüber versprechen Konzepte wie Smart Contracts und AI zwar weitaus phänomenalere Gewinne. Der nötige Aufwand bis zu ihrer Marktreife ist jedoch kaum überblickbar und auch im günstigen Fall hochgradig kostenintensiv. Diese immensen Entwicklungskosten ohne verlässliche Quantifizerbarkeit der Gewinne bedeuten für Investitionen und Moonshots eine unheilvolle Kombination. Anders als Mark Zuckerberg kann ich mich als Jurastudent nicht einfach für ein paar Monate an den Schreibtisch setzen und ein juristisches Pendant zu Facebook schaffen. Hatte die Urversion von Facebook nämlich bereits das Potenzial, von sich aus zu wachsen, hat beispielsweise ein erster exemplarischer Teilabschnitt einer Computersprache für Smart Contracts diesen Mehrwert noch nicht.

Es verhält sich damit halt eher so wie mit der Entwicklung der ersten motorisierten Flugmaschinen. Die Apparate der Gebrüder Wright versprachen auf absehbare Zeit noch keinen ROI. Dass sie sie dennoch über Jahre unbezahlt entwickelt haben, war dem Umstand geschuldet, dass sie sich diesem Vorhaben in ihrer Freizeit widmen konnten, während ihre Fahrradwerkstatt ihnen ihr reguläres Auskommen sicherte. Dabei ist leicht nachzuvollziehen, dass weniger Leute ihr Side Project zur Größe treiben, als Jungunternehmer eine Idee realisieren, deren Rentabilität in greifbarer Nähe liegt und die es deshalb erlaubt, ihr in Vollzeit nachzugehen.

Natürlich wird sich gelegentlich auch ein Investor finden, der selbst ein kühnes Geschäftsmodell finanziert, obwohl es eine jahrelange R&D-Phase voraussetzt, an deren Anfang völlig ungewiss ist, ob an ihrem Ende ein verwertbares Produkt steht. Zwar liefert gerade die Geschichte der Luftfahrt hierfür ein Beispiel. Dessen Ausnahmecharakter bestätigt aber eher die Regel. Business Angels waren damals die Streitkräfte der Großmächte, die das militärische Potenzial der Flugzeuge reizte und deren Kriegskassen es zuließen, verhältnismäßig futuristische Technologien zu fördern.

Expeditionsökonomie im Legal Tech Kosmos

In der Summe kann man aber feststellen, dass riskante, kostenintensive Investments in visionäre, jedoch allenfalls langfristig rentable Geschäftsmodelle eher Seltenheitswert haben. Die meisten Unicorns verdanken ihren Aufstieg hingegen der Tatsache, dass sie bereits mittelfristig überzeugende Geschäftszahlen vorlegen konnten. Auch ein Unternehmen wie Deepmind hätte wohl kaum Googles Aufmerksamkeit geweckt, wäre nicht als überzeugender Zwischenschritt das Spiel Space Invaders dominiert worden. Im juristischen Kosmos fehlt hingegen noch der Ansatz für eine Marsmission mit Zwischenlandung auf dem Mond. Wer seine juristische Vision verwirklichen will, dem bleibt bisweilen nur übrig, direkt zum roten Planeten zu fliegen.

Legal Tech Fluggastentschädiger bewegen sich hingegen auf überschaubarerem Terrain; sie sind die Space Shuttles der Legal Technology. Der Einsatz ist niedrig, die Rückflüsse sind berechenbar. Das dürfte der Grund sein, warum sich so viele Startups gerade auf diesen Markt drängen.

Aber auch wer in der Legal Tech Branche höher hinaus will, ist m.E. zunächst gut auf diesem Geschäftsfeld aufgehoben. Es ist eine Spielwiese, um an unterkomplexen Fallkonstellationen die Funktionsweise IT-gestützter rechtlicher Prüfungsprozesse kennen zu lernen. Derartiges Know-how dürfte sich auch bei ambitionierteren Projekten bezahlt machen. Genau deswegen hat die DiRiSo mit Ersatz-Pilot ebenfalls ein Pilotprojekt in den Wettbewerb der Legal Tech Fluggastentschädiger entsandt (wir berichteten). Immerhin gibt es für diese Vorgehensweise ein prominentes Vorbild. Einer ähnlichen Überlegung folgt SpaceX mit seinen Versorgungsflügen zur ISS, ehe Mond und Mars ins Auge gefasst werden.

Legal Tech Reviews

Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Posted by Jacob Weizmann on
Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Begriffe zu klären und beispielsweise ein Legal Tech Startup zu definieren, ist grundsätzlich keine Aufgabe dieses Blogs. Hierfür leisten Enzyklopädien wie die Wikipedia meist schon hervorragende Arbeit. Jedenfalls, wenn es um die Denotation eines Begriffs geht. Problematisch wird es nur, wenn die Konnotation Überhand nimmt. Doch genau das ist bei dem Label „Legal Tech Startup“ allmählich der Fall. Aber der Reihe nach.

Die Denotation

Wikipedia definiert ein Startup als „ein junges Unternehmen (…) , das vor allem durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet wird: Es hat eine innovative Geschäftsidee bzw. Problemlösung – und die Unternehmensgründung erfolgt mit dem Ziel, stark zu wachsen und einen hohen Wert zu erreichen. Die Finanzierung wird dabei häufig wegen der Risiken nicht über klassische Banken organisiert, sondern über Förderbanken und innovative Finanzierungsformen wie etwa Venture- und Seed-Kapital und Crowdfunding.“

Wenn wir den Finanzierungsaspekt einmal ausblenden, dann ist zum Beispiel DiRiSo nach dieser Begriffsbestimmung ein Startup. Da DiRiSo Legal Tech Produkte anbietet, genauer gesagt ein Legal Tech Startup. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt man mit der Definition der Plattform Gründerszene, zumal sie keine spezifische Finanzierungsart voraussetzt.

Was konnotiert der Begriff Legal Tech Startup?

Der Erklärungsansatz von Gründerszene lässt jedoch gleichzeitig durchscheinen, weshalb die Einordnung als Legal Tech Startup dennoch schwerfällt, selbst wenn die Denotation des Begriffs exakt auf ein Unternehmen zutrifft. So heißt es auf dem Portal: „Denkt man an ein Startup, existiert bei vielen das klischeehafte Bild im Kopf, wie potenzielle Gründer ihre großartigen Ideen während Nachtschichten in unauffälligen Garagen entwickeln, um sie anschließend auf den Markt zu bringen.“ Hier beginnt dann bereits die Konnotation des Begriffs Legal Tech Startup. Oder besser: Hier begann sie.

Failure Culture

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, mobilisierte man das positive Bild der Garagentüftler Gates, Jobs & Co. in Deutschland zunächst in der New Economy Zeit in großem Stil. Das ergab damals durchaus Sinn, waren deutsche Startups doch bis dahin wahlweise nicht-existent oder noch unter dem medialen Radar. Was man hierzulande über Startups wusste, kannte man also aus dem Ausland (lies: USA). Und da die Geschichte typischerweise von den Siegern geschrieben wird, wusste man von Microsoft, Apple, Google und Amazon, nicht hingegen von der Legion schon damals gescheiterter Startups. Wer sich als Startup bezeichnete, konnte sich daher anfangs glaubhaft in die Traditionslinie von Gates, Page und Musk stellen.

Auch seit sich in Deutschland eine eigene Startup-Szene etabliert hat, liest man weitaus seltener von Pleiten als von Neugründungen. Aber das allein genügt, damit sich die öffentliche Wahrnehmung zu Startups nach meinem Empfinden anfängt zu drehen. Auf 100 Berichte zu Gründungen kommt im Folgejahr nur noch ein Bruchteil von Erfolgsberichten. Was mit den nicht erneut genannten Unternehmen passiert, kann man sich denken. Der Comedian Harry G brachte das Phänomen im vergangenen Jahr auf die Formel: „95 Prozent aller Startups san ein riesen Schei*dreck!“

Phrasendrescherei

Und nicht nur die Aura einer Tendenz zur Erfolglosigkeit umgibt inzwischen den Begriff Startup bzw. Legal Tech Startup. Auch die Wunderwaffen der Startup-Kultur lösen bei den meisten Betrachtern eher Kopfschütteln aus. Da ist zum einen der Hang zur Überhöhung vermeintlich innovativer, tatsächlich alteingesessener Modelle. Ein Pausenraum bleibt ein Pausenraum, auch wenn man ihn Break-Out-Room nennt. Ein Gemeinschaftsbüro verleiht den Insassen keine magischen Produktivkräfte, selbst wenn man es euphemistisch als Co-Working-Space tituliert. Die Bezeichnung Business Plan macht ein Unternehmenskonzept nicht schon wegen seiner Überschrift innovativer. Ein CEO ist nicht per se ein besserer Geschäftsführer. Und je mehr das dem Publikum auffällt, desto mehr blättert der Lack von den Anglizismen ab.

Voodoo als Form der Unternehmensführung

Ob aus Mut der Verzweiflung oder aus Experimentierfreude neigen Startups zudem zu unkonventionellen Arbeitsweisen, besser: zu kultähnlichen Handlungen bei der Arbeitsbewältigung. Nicht gemeint sind harmlose Beispiele wie der semi-fakultative Yoga-Kurs in der Pause als Zwangsmaßnahme zur Entspannung. Ich denke eher an Seminare zur „Fortbildung“ mit Gemeinplatz-Vorträgen obskurer Business-Coaches und kollektiven Happenings inklusive rhythmischer Trommeleinlagen der Belegschaft. Das ist – hoffe ich – eine Extremform. Weiter verbreitet dürften hingegen beispielsweise Brainstorming-Übungen sein, bei denen zwanzig Mitarbeiter einen Tag lang im Stuhlkreis sitzen und Ideen an Flipcharts pinnen. Was sich im ersten Moment spaßig anhört, steht in keinem Verhältnis zu den Kosten. Der Kunde oder das Firmenkonto wird begeistert sein, wenn für ein paar zusammengetragene Bullet Points 20×8 zu bezahlende Arbeitsstunden ins Kontor schlagen. Alternativ kann man die Kosten natürlich den Mitarbeitern aufbürden, indem man sie hierzu zu einem unvergüteten Wochenendsseminar bittet.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn mir solche Konzepte als wegweisend präsentiert werden, habe ich immer eine gewisse Assoziation. Der Verschwörungstheoretiker Axel Stoll wurde bekannt durch seine unfreiwillig komische Sentenz: „Chemie ist Physik. Biologie ist Physik. Magie ist Physik durch Wollen.“ Für mich klingen Stuhlkreis, rhythmisches Trommeln und Flipcharts angelehnt daran immer sehr nach „Ökonomie durch Wollen“. Dabei will ich gar nicht ausschließen, dass es Unternehmen gibt, die solche Methoden durchaus erfolgreich anwenden. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle haben wir es doch bestenfalls mit einem Drittvariableneffekt zu tun. Selbst wenn ein Unternehmen mit Startup-Kult Erfolg hat, dann beruht er vermutlich auf den Überstunden nach der innovativen Ideenfindung, dem teambildenden Kickermatch oder dem monatlichen World Cáfe.

Legal Tech Startup ohne Konnotation?

Diese Negativaspekte der Startup-Szene sind natürlich unproblematisch, solange ein Legal Tech Startup zu benennen ist, was auch solche Merkmale aufweist. Schwieriger wird es bei Unternehmen wie DiRiSo, die der Definition nach als Legal Tech Startup gelten, sich von der konnotierten Kultur aber distanzieren. Sicherlich wird man hier immer noch im weiteren Sinne von einem Startup sprechen können. Adäquater scheint aber eine neue Begriffsprägung. Zumindest auf diesem Blog möchten wir deshalb auf die Bezeichnung „Legal Tech Unternehmen“ zurückgreifen, um DiRiSo & Co. zu beschreiben. Denn die Legal Technology verspricht schon ihrer Grundidee nach hohe Wachstumspotenziale und ihre Branche ist ohnehin so jung, sodass man begrifflich nicht gesondert darauf hinweisen muss. Mithin zerfällt die Legal Tech Szene gemäß unserer Begriffswahl in hippe Legal Tech Startups und Legal Tech Unternehmen mit einer traditionelleren Geschäftskultur. Man könnte auch sagen, mit Old Economy Tugenden in einem New Economy Geschäftsmodell.

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Ersatz-Pilot – mit Legal Tech zu maximaler Fluggastentschädigung

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Ersatz-Pilot – mit Legal Tech zu maximaler Fluggastentschädigung

Das Geschäft mit der Fluggastentschädigung – eine kurze Marktanalyse

Flightright und das Inkasso-Modell

Portale für Fluggastentschädigung gibt es eigentlich schon zuhauf. Pionierarbeit leistete Flightright im Jahr 2010 als erstes Inkasso-Portal. Das Geschäftsmodell: Anhand einiger Formularfragen im Web wird ermittelt, ob einem Fluggast Ansprüche zustehen. Wenn ja, kann er Flightright zum Nulltarif beauftragen. Flightright setzt dann die Forderungen des Fluggastes durch und trägt die Verfahrenskosten. Eine Vergütung behält sich Flightright nur im (erwartbaren) Erfolgsfall ein. Zur Auszahlung gegenüber dem Kunden kommt es gleichwohl auch erst, wenn dessen Airline die Fluggastentschädigung freigibt. Geboren war damit die erste wirklich aufwandsschonende Methode, um Fluggastrechte durchzusetzen. Betroffene mussten fortan nicht auf ihre rechtmäßige Fluggastentschädigung verzichten, auch wenn ihnen die eigenständige Auseinandersetzung mit der Airline zu anstrengend war.

Flightrights Dienstleistung wurde im Laufe der Jahre so populär, dass eine ganze Reihe von Trittbrettfahrern den Service kopierten und selbst anboten. Es gründeten sich allein im deutschsprachigen Raum alsbald Refund.me, Fairplane und Flugrecht.de, um nur einige Inkasso-Portale zu nennen, die ähnlich arbeiten wie Flightright.

Die Alternative der Sofort-Entschädiger

Einige aufmerksame Beobachter erkannten ihrerseits die Achillesverse von Flightright: Die Auszahlung braucht Zeit. Anders als Geschäftsführer Kadelbach behauptet dauert es bei Flightright eben nicht bloß 8 Minuten, um von Recht haben zu Recht bekommen zu gelangen. Zwar ist es richtig, dass man das Formular zur Beauftragung von Flightright binnen kurzer Zeit online ausfüllen kann. Die Mandatierung eines Inkasso-Dienstleisters macht aber selbst bei sorgfältiger Vorprüfung noch keinen Prozesserfolg. Jeder, der einmal in einem Gerichtsverfahren trotz Siegeszuversicht unterlag, wird hiervon zu berichten wissen. Insofern muss man auch zu Flightrights Inkasso-Service ehrlicherweise sagen: Recht bzw. Geld bekommt man nicht nach 8 Minuten, sondern nach etlichen Wochen oder Monaten.

Diese Überlegung machen sich seit einigen Jahren zahlreiche neue Anbieter zunutze: die so genannten Sofortentschädiger. Sie setzen die Forderungen der Fluggäste nicht bloß durch. Stattdessen lassen sie sich deren Ansprüche auf Fluggastentschädigung gegen Direktzahlung abtreten und verfolgen sie für eigene Rechnung. Bisherige Exponenten dieser Gruppe von Fluggastportalen sind vor allem WirkaufendeinenFlug, EUFlight und Compensation2Go.

Man könnte meinen: Damit hat ein betroffener Fluggast doch eine Fülle bereitwilliger Helfer, wenn es darum geht, seine Flugverspätung zu Geld zu machen. Oder nicht?

Der Platz für Ersatz-Pilots Fluggastentschädigung am Markt

Zutreffend ist, dass der Sache nach wie dargestellt bereits die Dienstleistungen angeboten werden, die es braucht, um Verbraucherrechte komfortabel durchzusetzen. Allein, die konkrete Gestaltung der bisherigen Angebote hat einige Schönheitsfehler. Bei Flightright und Co. stört die lange Wartezeit. Nichts anderes erklärt den Erfolg der Sofortentschädiger. Diese haben allerdings selbst noch einen größeren Malus. Denn im Gegenzug dafür, dass sie mit der Auszahlung nicht abwarten, ziehen sie vom Nennwert der gekauften Forderungen allesamt eine bemerkenswerte 35%ige-Servicepauschale zzgl. Mwst. ab. Bei einem Langstreckenflug bleiben einem Fluggast von seiner Fluggastentschädigung i.H.v. de jure 600 € de facto gerade einmal 350 €. Das hat uns dazu veranlasst, einmal nachzurechnen. Braucht es in Zeiten von Legal Technology tatsächlich 250 € Bearbeitungskosten, um simple Standardforderungen automatisiert im Massenverfahren abzuwickeln?

Die Antwort: nein. Um genau das unter Beweis zu stellen, ist mit Ersatz-Pilot 2017 ein Konkurrent zu den bestehenden Fluggastportalen entstanden. Auf der neuen Plattform erhalten Fluggäste für den Verkauf ihres Entschädigungsanspruchs wegen eines Langstreckenflugs zum Beispiel 450 €. Das sind nicht nur 350 € mehr, als die übrigen Sofortentschädiger zahlen. Auch die klassischen Inkassoportale unterschreiten solche Entschädigungsquoten in der Regel. Auf eine Formel gebracht lautet Ersatz-Pilots Angebot deshalb: So viel Fluggastentschädigung wie bei Flightright, so schnell wie bei EUFlight.

Insofern dürfte es schon im Eigeninteresse der meisten Fluggäste liegen, sich dies zu Nutzen zu machen. Umgekehrt ist Ersatz-Pilot aber gar nicht auf eine bestimmte Zahl von Kunden angewiesen. Das Fluggastportal wurde von den Gründern als Nebenprojekt entwickelt, ohne dafür Kredite aufnehmen oder Investoren gewinnen zu müssen. Anders als vermutlich bei der Konkurrenz rechnet sich das Geschäftsmodell also ab dem ersten Fluggast. Die Ausgangsbedingungen für Ersatz-Pilot sehen also gut aus. Nicht nur hat man ein äußerst wettbewerbsfähiges Produkt am Markt platziert; man verfügt zugleich über unbegrenzten Atem, um das Projekt allmählich wachsen zu lassen.

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Legal Tech Szene: Vom Nerdtreff zur Großkanzlei-Soiree

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Legal Tech Szene: Vom Nerdtreff zur Großkanzlei-Soiree

Die Legal Tech Szene früher

Es ist schon einige Jahre her, seit ich das erste Mal einen Juristen mit dem konfrontiert habe, was inzwischen einen festen Glaubenssatz der Legal Tech Szene bildet. „Im Prinzip ist bereits eine Excel-Tabelle imstande, eine Subsumtion mit größerer Akkuratesse zu vollführen als jeder Anwalt mit Doppelprädikat!“ Das sagte ich damals 2012 und die Reaktion meines Gegenübers war – freundlich ausgedrückt – ungläubig.

Eigentlich wollte ich den guten Herrn damals lediglich an einer schlichten Beobachtung teilhaben lassen. Er hingegen begriff die beiläufige Bemerkung als ketzerischen Angriff auf seine zentralsten Lebensgewissheiten: Dass er im Gegensatz zu zotteligen Informatik-Nerds einen anständigen Studiengang gewählt hat. Dass stumpfes Auswendiglernen fürs juristische Staatsexamen jemanden zu einer hochqualifizierten Fachkraft macht (und obendrein zu einem besseren Menschen). Dass die Arbeit von Juristen unersetzlich ist, zumal ihre überragende Methodologie der vier Auslegungscanones eine Art Universalbegabung darstellt. Dass 250 € pro Stunde hierfür doch ein mehr als fairer Preis sind. Und natürlich: dass IT primär etwas für bildschirmgebräunte EDV-Support-Knappen ist, die einem das standesgemäße Macbook aufsetzen.

Wenig verwunderlich empfand der Jurist es damals als kränkend, als ich seine Tätigkeit mit der einer Excel-Tabelle verglich. Also schloss er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Und bezeichnete die damals noch nicht so benannte Legal Technology als Spielerei, Zukunftsmusik und das Geisteskind von jemandem, der so naiv sei, einzigartig maßgeschneiderte Verträge und Gutachten aus vorhandenen Textbausteinen für reproduzierbare Massenprodukte zu halten.

Dergleichen wurde mir häufig erwidert, wenn ich es seitdem wagte, auf die Leistungsfähigkeit von Excel-Tabellen hinzuweisen. Insofern hatte ich mich schon damit abgefunden, dass bei Anwälten erst ein Sinneswandel einsetzt, sobald ihre Mandanten keine 50 €, geschweige denn 250 € pro Stunde mehr für eine Tätigkeit zahlen, die eine Software für einen Stundensatz von 0 € (zuzüglich Lizenzgebühren) erledigt. Erst in diesem Moment wird sich vermutlich ein Großteil der Rechtsdienstleister eingestehen, dass die Digitalisierung nicht bloß die ganze restliche Wirtschaft betrifft, sondern – oh Wunder – selbst Anwälte, weil auch ihre Leistung wenigstens partiell automatisierbar ist.

Die Legal Tech Szene heute

Nichtsdestotrotz teilen inzwischen nicht wenige Juristen den eingangs erwähnten Glaubenssatz. Und es sind weit mehr, als ich ursprünglich in der Frühphase der Legal Technology für möglich gehalten hätte. Man kann sogar sagen, Legal Technology wird salonfähig. Im wahrsten Sinne des Wortes. So ist es beispielsweise in Hamburg seit 2016 die renommierte Großkanzlei Hogan Lovells, die auf ihrer geschmackvollen Konferenzetage mit Alsterblick zum Legal Tech Meetup lädt. Ende Juli fand das Event nun schon zum dritten Mal statt – mit beachtlicher Resonanz. Daran ließen die restlos gefüllten Zuschauerreihen plus Warteliste keinen Zweifel.

Man stellt also durchaus fest, dass das Thema nun wenigstens in einigen juristischen Herzkammern Deutschlands angekommen ist. Die Legal Tech Szene feiert keine LAN-Parties im Gemeinschaftsbüro Coworking Space mehr. Sie feiert durchaus in Rooftop-Lounges prestigeträchtiger Kanzleien mit Sinn für Buffetkultur. Weit spannender aber ist die Frage, was das eigentlich bedeutet. Konkreter: Welche Handlungsimplikationen haben solche hippen Meetups? Tut sich etwas in der Arbeitsweise unserer Doppelprädikatselite? Wird inzwischen weniger Zeit ins Copy&Pasten von Textbausteinen investiert und mehr in die Entwicklung juristischer Algorithmen?

Nun ja. Abschließend beurteilen lässt sich das freilich nicht, weil wir nicht pauschal bewerten können, was sich kanzleiintern Gutes tut, ohne dass jemand darüber spricht. Aber zumindest dort, wo inzwischen Gutes über Legal Tech gesprochen wird, hat man den Eindruck, etliche hätten die Stufe des guten Tuns flugs übersprungen, um zumindest in Gesprächen mitreden zu können und weitsichtig zu wirken. „Natürlich ist Legal Tech für uns ein großes Thema“, versichert der Senior Partner beim Bewerbungsgespräch gerne jedem IT-affinen Associate-Aspiranten (, solange der die nötigen Noten mitbringt und anstandslos 70 Stunden die Woche buckelt). Die Realität sieht dann vermutlich so aus, dass der neue Mitarbeiter eher die M&A-Deals für Google und IBM betreuen darf oder bestenfalls auf Datenschutz-Schulungen geschickt wird. Ist doch schließlich auch irgendwas mit IT und Internet.

Ich überspitze natürlich ein wenig. Tatsache ist aber, dass

  1. zwar die allermeisten Branchenangehörigen, die dazu einen Kommentar abgeben dürfen, pflichtschuldig die hohe Relevanz der Legal Technology betonen.
  2. gleichzeitig aber die Digitalisierung derselben Branche seit Hoffähigkeit der Legal Tech Szene nicht nennenswert schneller voranschreitet als vorher.

In der Legal Tech Szene gab und gibt es eine Reihe von Unternehmern, deren Geschäftsmodell Erfolgsaussicht hat. Einzelne Akteure haben sogar Disruptionspotenzial. Und je weiter sie voranschreiten, desto spürbarer der Effekt der verwendeten Legal Technology. Siehe Fluggastentschädigungsportale. Als zunächst 2010 Flightright eine Website ins Netz stellte, steckte dahinter kein komplexer Algorithmus, der in Rückanbindung an Fluggastdatenbanken automatisiert binnen weniger Minuten Formulareingaben analysierte, das Bestehen eines Anspruchs prüfte und eine direkte Beauftragung anbot. Anfangs mussten die Angaben eines Nutzers noch vollständig manuell ausgewertet werden. Das Webformular ersetzte damals lediglich ein Printformular, ohne dass eine Sofortware vollautomatisch die Eingaben verarbeitete. Dass es demgegenüber heute so einfach funktioniert, eine Fluggastentschädigungen zu beanspruchen, ist der graduellen Entwicklung der letzten Jahre zu verdanken. Und auch heute verfügen unter allen Anbietern nur ganz wenige Flightright und Ersatz-Pilot über Webtools zur vollautomatisierten Prüfung und Durchsetzung von Fluggastrechten.

Dabei muss man bedenken, dass die IT-Infrastruktur im Reiserecht schon besonders ausgeprägt ist. Vergleichbare Online-Dienstleistungen zur Rückabwicklung von Lebensversicherungen und Verbraucherkrediten verlangen über weite Strecken noch immer nach einer manuellen Bearbeitung der Formulareingaben. Ähnliches gilt für Schadensersatzforderungen bei Unfällen und Rechtsbehelfen gegen Bußgeld- oder Hartz-IV-Bescheiden. Bei alledem verzeichne ich keinen nennenswerten Schub in der Entwicklung seit 2015. In Anbetracht des graduellen Fortschritts fehlen mir für einen Sprung oder gar eine exponentielle Kurve schlicht die Anhaltspunkte.

Exponentiell ist einzig die erweiterte Legal Tech Szene angewachsen. Und damit meine ich nicht einmal den Kreis aller selbsternannten Legal Tech Unternehmer, der zwar wächst, aber keineswegs in Potenz. Das scheitert daran, dass bereits das Geschäftsmodell den Erfolg vieler Startups strukturell vereitelt, sodass sie mittelfristig wieder vom Markt verschwinden. Wenn ich von einer sprungartig wachsenden Legal Tech Szene rede, fasse ich den Begriff weit. Zur Legal Tech Szene zählt bereits, wen Legal Tech näher interessiert. Also im Allgemeinen alle, die gut auf die Potenziale der Legal Technology zu sprechen sind, und im Besonderen die Eventgänger.

Die Legal Tech Szene künftig?

Es mag sein und wäre zu hoffen, dass sich diese Begeisterungswelle in zusätzliche Gründer und Legal Engineers übersetzt. Gebraucht werden sie alle Male, um bahnbrechenden Legal Tech Innovationen wie Smart Contracts tatsächlich zur Marktreife zu verhelfen. Instinktiv wirkt es auf mich bisher aber so, als sei ein Gutteil der Neuankömmlinge in der Legal Tech Szene an der Branche nicht zwangsläufig wegen der Arbeitsherausforderungen interessiert, sondern eher, weil das soziale Drumherum allmählich en vogue wird.

Insofern genießen wir zwar für den Moment den flüchtigen Glamour der Legal Tech Szene, konzentrieren uns aber ansonsten aufs Kerngeschäft.

Legal Tech News

3. Legal Tech Meetup Hamburgs

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3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, ausgerichtet von Hogan Lovells, war für uns fast schon ein Pflichttermin. Immerhin bildet das Event neben der Bucerius Herbsttagung bislang den einzigen fest organisierte Treffpunkt der Branche in der Hansestadt. Anlass genug, einen Abend lang Konkurrenz, Gelehrte und Spektanten des Legal Tech Kosmos in Hamburg näher kennenzulernen.

Die Konkurrenz

Spannend war zunächst der Kontakt mit der Handvoll Legal Tech Startup Pionieren, die sich eingefunden hatten. Bemerkenswert daran war, dass Unterhaltungen mit ihnen ganz überwiegend zu einem Pitch ihrer jeweiligen Geschäftsidee gerieten. Das war zuweilen so ansteckend, dass man von Zeit zu Zeit selbst dazu überging, das eigene Geschäftsmodell zu bewerben. In manchen Gesprächsrunden wirkte es so, als hätte man auf einer Messe die Besucher vergessen und nur die Aussteller aufeinander losgelassen. Dabei war das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs eigentlich gar nicht als Schaulaufen für Startups konzipiert, sondern als informeller Austausch mit Vortrag.

Gründe für den Dauervertriebsmodus mancher Exponenten der Branche sind aber leicht gefunden. Wer es positiv sehen will, erklärt sich das Phänomen mit der Leidenschaft etlicher Start-Upler für die Legal Technology. Das betrifft fraglos die erfolgreichere Charge der Gründer, die jedes Recht hat, passioniert zu sein. Schließlich besteht für ihre Ideen eine echte Nachfrage.

Leider steckt hinter den Selbstvermarktungsallüren häufig keine allzu leidenschaftsweckendes Produkt. Genau damit geht aber meist ein anderer Anlass zum Dauerpitchen einher: der reine Kampf ums Überleben. Es ist schließlich so, dass die meisten ihre Unternehmung nicht mit eigenen Sparreserven ankurbeln, sondern wahlweise auf Investoren oder Darlehen zurückgreifen. Nun sind solche Geldgeber natürlich unterschiedlich gelassen, was die Rückführung ihrer Mittel angeht. Tatsache ist aber, dass weder Kredit- noch Wagniskapitalgeber ihre Zahlungen gerne abschreiben. Insofern sind es gerade auch seine Gläubiger, die einen jungen Legal Tech Entrepreneur in die Pedalen treten lassen. Das gilt insbesondere für diejenigen, deren Geschäftsidee doch nicht so sehr zündet, dass zuverlässige Tilgungsraten und Gewinnausschüttungen selbstverständlich sind. Und von denen begegnen uns auch in der jungen Legal Tech Szene leider einige.

Die Gelehrten

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs hatte aber noch weit mehr zu bieten als mehr oder minder durchstartende Legal Tech Unternehmer unter den Teilnehmern. Erwähnung verdienen ebenso die Vorträge, mit denen das Event begann. Da war zum einen ein Impulsreferat einer BMW-Mitarbeiterin, deren Einlassungen mir gleichsam vor allem als Pitch für DriveNow in Erinnerung geblieben sind. Lesson learned: Wenn ein 15-minütiger Vortrag zu einem Drittel aus Image-Videos einer Firma besteht, hört die Schleichwerbung auf zu schleichen.

Was folgte, war ein Lehrstück in Sachen Powerpoint. Ich habe ja schon viele Vorträge gehört, bei denen die Drohkulisse disruptiver Technologien für den Rechtsmarkt in Szene gesetzt wird. Nun, beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, war der Keynote Speaker Dr. Sascha Theißen hierfür zuständig. Und ich muss neidlos anerkennen: Er hat die Dramaturgie solcher Bühnenstücke perfektioniert. In einem Feuerwerk von Schaubildern, Videoclip-Einbettungen und bildgewaltigen Grafiken gewannen Innovationen wie AI und die Blockchain eine nie dagewesene Plastizität.

Dabei ist das Drehbuch des üblichen „Wie sieht die Zukunft des Anwaltsberufs aus?“-Vortrags eigentlich erstaunlich simpel gestrickt.

Erster Akt

Die Evergreens der Zukunftsmusik werden aufgelegt. Man hört, wie künstliche Intelligenz, die Blockchain und wahlweise noch die Smart Contracts den Anwalt obsolet machen. Fazit: Künftig werden KI-Roboter autonome Teslas voneinander bestellen. Zum Kauf besiegeln sie Smart Contracts, die in der Blockchain abgewickelt werden. Und wenn der künstlich intelligente Käufer wieder knapp bei Bitcoins ist und die Leasingrate nicht zahlt, fährt der Tesla halt einfach zum Hersteller zurück.

Zweiter Akt

Das wirft dann im Publikum unweigerlich eine Frage auf. Wo bleibt da eigentlich der Mensch? Im Falle von Legal Tech Events: Was gibt es in Zukunft für den menschlichen Juristen zu tun? Erste Antwort, die bei keinem Schauspiel dieser Gattung fehlen darf: Jedenfalls macht der Anwalt der Zukunft nicht mehr das, was er heute macht. Er muss seine Tätigkeit radikal neu erfinden.

Vorbei die Zeit, wo man Mandanten maßgeschneiderte Verträge anbieten und dafür Vertragsmuster aus gedruckten Formularhandbüchern abtippen durfte. Aber was macht ein erfolgreicher Anwalt in Zukunft stattdessen?

Dritter Akt

Nun darf der Redner sich an einer Lösung des skizzierten Problems versuchen. Und hier wird es dann meistens ernüchternd, so auch beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs.

Sicher wurden auch diesmal wieder einige Versuche unternommen, den richtigen Umgang mit der drohenden Disruption zu umreißen. Fehlen darf als Schlagwort nie der „Legal Engineer“, so als ob hierfür bald zehntausende Stellen ausgeschrieben würden und alle Anwälte fähig und willens wären, sich in Informatik-Kursen umfassend weiterzubilden. Mit von der Partie waren in Dr. Theißens Vortrag auch Phantomlösungen wie Breakout-Rooms für gestresste Mitarbeiter und Beispiele der Kundenfokussiertheit. Wegweisend sind demnach Amazons leerer Stuhl für den abwesenden Kunden im Besprechungszimmer. Oder Zalandos Gestaltung der Konferenzräume in der Optik von Kundenwohnzimmern. Ich will gar nicht bestreiten, dass solche Maßnahmen zum Erfolg eines Unternehmens beitragen können. Die gewünschte positive PR-Wirkung ist derartigen Schachzügen ohnehin gewiss. Aber man macht es sich doch entschieden zu einfach, wenn ein paar Kickertische im Büro und effizientere Abrechnungsmodelle als die billable hour ausreichen sollen, um sich für den strukturellen Wandel des Rechtsmarkts zu wappnen.

Katharsis?

So brachte Herr Dr. Theißen einmal mehr das zentrale Problem der Rechtsdienstleister ins Bewusstsein – und zwar rhetorisch brillant. Eine überzeugende Lösungsstrategie hat er indes nicht vorgelegt. Da ich derlei Vorträge allerdings zur Genüge kenne, will ich Herrn Dr. Theißen hierbei in Schutz nehmen. Dass keine richtige Lösung angeboten wird, liegt nicht an ihm, sondern vermutlich eher an der Thematik seines Bühnenstücks. Bei einer griechischen Tragödie ist auch kein Happy End vorgesehen. Ob es in Sachen Legal Tech so bleiben muss, ist nicht gesagt. Bisher muss man eines aber schlichtweg anerkennen. Der „Legal Engineer“ und die Suche nach neuen Kundenbedürfnissen und Märkten sind bestenfalls Provisorien. Wo allein die 164.000 deutschen Anwälte künftig arbeiten sollen, wenn der Google Assistant die Rechtsberatung übernimmt, dafür gibt es 2017 schlichtweg noch keine befriedigende Antwort.

Die Spektanten

Gefühlt dominierten Ende Juli beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs im Publikum aber gar nicht Redner und Konkurrenz, sondern Spektanten. Sprich: Legal Tech Interessierte ohne Zugehörigkeit zu einem Legal Tech Unternehmen. Dabei ist der Begriff Spektanten sicher nicht ganz glücklich, weil darunter auch etliche fallen, die immerhin in einer Kanzlei, Rechtsabteilung oder an einem Lehrstuhl vereinzelte Legal Tech Projekte betreuen. Wir sprechen in diesem Fall trotzdem von Spektanten, weil wir es nicht mit unmittelbarer Konkurrenz, mit Legal Tech Hardlinern zu tun haben, die nur noch an der Schnittstelle von Code und Recht arbeiten.

Mein persönlicher Eindruck ist hier sicher keine repräsentative Messgröße. Aber es regt doch zum Nachdenken an, dass die anwesenden Spektanten ein deutlich euphorisch-futuristischeres Verständnis von den Potenzialen der Legal Technology hatten. Ein Teilnehmer verstieg sich beim Buffet sogar zu der These, für die künftig überschüssigen Arbeitskräfte stünde mit der Virtual Reality doch eine hervorragende Lösung bereit. Apropos Buffet …

Der Gastgeber des 3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Den größten Beitrag zum Gelingen des Abends leistete jedenfalls der Gastgeber Hogan Lovells und Nico Kuhlmann als Organisator im Besonderen. Das zeigte sich, wie so oft, nicht zuletzt an der ausgezeichneten Verpflegung nach den Vorträgen. Zu derartig gut geplanten und umgesetzten Veranstaltungen kommen wir gerne wieder.

Legal Tech Ideas

Legal.Tech-nically – Legal Tech aus der Innenperspektive

Posted by Jacob Weizmann on
Legal.Tech-nically – Legal Tech aus der Innenperspektive

Hintergrund des Blogs: Legal Tech im Jahr 2017

Die Gründung der DiRiSo passt zur allgemeinen Aufbruchsstimmung, wie man sie seit geraumer Zeit im „Legal Tech“-Segment der Rechtsbranche wahrnimmt. Man könnte auch sagen: Wir springen schlichtweg auf den Zug derjenigen auf, die Folgendes verinnerlicht haben:

  1. Rechtsnormen knüpfen Rechtsfolgen an Rechtsvoraussetzungen. Sie funktionieren insofern nach einem Wenn-Dann-Schema.
  2. Ein Wenn-Dann-Schema lässt sich hervorragend in Code abbilden.
  3. Rechtliche Prüfungen sind somit einer IT-gestützten Automatisierung sehr zugänglich.

Solche Überlegungen wirken fast schon banal. Dennoch teilt unter Juristen bislang nur eine Minderheit die besagte Einschätzung. In der Lebenswirklichkeit der meisten Berufsträger und Aspiranten spielt Legal Tech jedenfalls keine ernstzunehmende Rolle:In der Ausbildung sind Legal Tech Kurse 2017 noch immer ein Randphänomen.

Das ist nur konsequent, mündet das Studium doch ins erste juristische Staatsexamen, dessen zentrale Herausforderung darin besteht, sich eine respekteinflößende Stoffmenge ins Hirn zu repetieren. Eben diese in Klausuren ohne Hilfsmittel außer dem Gesetzestext aus der Erinnerung zu holen, ist zwar ohne Frage eine äußerst disziplinierte Gedächtnisleistung. Dennoch stellt sich im 21. Jahrhundert die Frage nach dem ökonomischen Mehrwert solcher Memorierfertigkeiten, wenn jeder Zweitsemesterstudent ebenso gut auf juristischen Datenbanken wie Beck-Online weit mehr als das gesamte examensrelevante Fachwissen in Sekundenschnelle abrufen kann – und zwar lückenloser, als es irgendein Prädikatskandidat aus seinem Erinnerungsvermögen hervorzukramen im Stande wäre.

Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, dass die erste Staatsprüfung nicht auf den Anwaltsberuf vorbereitet. Schließlich passt das Anforderungsprofil des Examens gut zu einem Berufsalltag, in dem etliche Anwälte selbst im Umgang mit Office-Programmen bestenfalls Grundfunktionen beherrschen. Und in der Tat: Im juristischen Mikrokosmos entspricht etwas Erfahrung mit MS Word sicherlich noch dem Gold-Standard der IT-Kompetenz. Nichtsdestotrotz fällt solche Technikferne im Vergleich zur restlichen Wirtschaftswelt völlig aus der Zeit, wenn gleichzeitig anderswo Bots für Presseagenturen über Unternehmensentwicklungen berichten, IBM Watson Krankheiten diagnostiziert und Therapien empfiehlt und Pkw wie Lkw bald autonom fahren. So viel zum technologischen Anachronismus der konventionellen Jurisprudenz.

Ebenso irrlichternd scheint auf der anderen Seite aber zuweilen auch das Eigenleben, das die Legal-Tech-Avantgarde fernab der zentralen juristischen Diskursräume führt: So sehr manche Digitalisierungsvorreiter beispielsweise bereits das Zeitalter der vollwertig humanoiden künstlichen Intelligenz herbeischreiben, so weit sind wir bei bodenständiger Betrachtung von solchen Wunderwerken noch entfernt.

Haltung des Blogs zu Legal Tech

Dieser Blog geht einen Mittelweg – zwischen der alteingesessenen Technophobie der Anwaltszunft und dem Legal Tech Hype manches überdynamischen Start-Up-Entrepreneurs. Wir wollen einerseits die Entwicklung im Bereich Legal Tech nüchtern aufarbeiten. Zudem möchten wir Geschäftsideen der Branche kritisch auf den Prüfstand stellen, ohne sie zu zerreden. Außerdem wollen wir ohne Scheuklappen ausloten, wie disruptiv sich die Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen auswirkt, ohne sie blindlings hochzuschreiben.

Bei alledem sind wir natürlich keine vollkommen distanzierten Betrachter des Geschehens. Da wir selbst Legal Tech Anwendungen entwickeln, können und wollen wir nur die Perspektive eines Marktteilnehmers einnehmen. Was heißt das?Unvermeidbar legen wir unseren Analysen gewisse Vorannahmen zugrunde; etwa, dass sich diverse Rechtsdienstleistungen tatsächlich gewinnbringend automatisieren lassen. Auch gebietet es der faire Wettbewerb, den Blog weder zur Bemäkelung der direkten Konkurrenz noch zur Eigenwerbung zu instrumentalisieren.

Themen des Blogs

Da wir selbst in der Branche tätig sind, profitieren wir gleichwohl davon, dass sich unsere Analysen auf direkte Eigenerfahrungen stützen. Wir haben Referenzwerte dafür vor Augen, was die Zielgruppe für bestimmte Legal Tech Produkte zu zahlen bereit ist, wie arbeitsintensiv die Entwicklung bestimmter Tools ist, wie komplex juristische Fragen ausfallen, deren Prüfung automatisiert werden soll usf. Gerade solche Daten, die man gern als „Branchenkenntnis“ verschlagwortet, bereiten wir für Leser auf – und zwar in drei Rubriken: Einerseits kommentieren wir in der Kategorie Legal Tech News Neuigkeiten zu den Unternehmen, die sich der Digitalisierung des Rechtsmarktes widmen. Vor allem möchten wir dabei Ereignisse aus der Legal Tech Szene in die Gesamtentwicklung der Branche einordnen.

Außerdem nehmen wir uns in regelmäßigen Beiträgen bestehende Geschäftsmodelle vor und untersuchen kritisch-konstruktiv ihre Erfolgsträchtigkeit (Kategorie: Legal Tech Reviews).

Darüber hinaus präsentieren wir gelegentlich Digitalisierungsideen, die bislang noch überhaupt kein Unternehmen realisiert (Kategorie: Legal Tech Ideas). Ansonsten ist es aber auch gut möglich, dass sich im Laufe des Blogbetriebs weitere Themenfelder erschließen.