Jacob Weizmann


Legal Tech Ideas

Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

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Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Der erste praktische Versuch

Vor einigen Monaten las ich einen Artikel, in dem ein Autor seine Webplattform als ein Spotify für Juristen anpries. Ich meine, die Behauptung stammt aus einem Interview mit dem Legal Tech Blog. Eine Google-Recherche brachte allerdings nicht den gewünschten Treffer. Und leider erinnere ich mich auch so nicht mehr an den Namen des Unternehmens. Denn so richtig wert war er es auch nicht, im Gedächtnis zu bleiben. Aber nicht, weil ein Spotify für Juristen per se unattraktiv wäre.

Mich irritierte vielmehr der Entschluss des interviewten Gründers, seinen Dienst auf Mustervereinbarungen zur Lizenzierung geistigen Eigentums zu beschränken. Das wäre in etwa so, wie wenn sich Spotify auf Thrash Metal Bands aus Gambia beschränken würde. Und das ließe es von vorn herein zweifelhaft werden, ob ein solches Produkt die nötigen Einnahmen erzielen kann. Denn mit gambischen Metal Heads ist es ähnlich wie mit IP-Anwälten und deren Kunden. Es gibt einfach nicht so schrecklich viele von ihnen. Und dementsprechend fraglich ist es, ob eine Plattform trotz solcher Selbstbeschränkung prosperieren kann. Letztlich bräuchte sie im Gegenteil eine Masse an Nutzern, weil ihr Alleinstellungsmerkmal in vielfältigem Angebot und niedrigen Nutzungsgebühren pro Kopf besteht.

Spotify für Juristen jeder Façon – in der Theorie

Für mich war die Sache damit aber nicht beendet, sondern fing gerade erst an, interessant zu wirken. Denn was der eine Gründer leichtfertig links liegen lässt, taugt als des anderen Geschäftsmodell. Und deshalb flammte bei DiRiSo kurzfristig die Diskussion auf, ob ein Spotify für alle Juristen die große Idee ist, die der Legal Tech Szene bisweilen noch fehlt.

Denn Reiz und Herausforderung der Legal Technology zugleich liegt ja darin, dass den Kanzlei-Spinoffs, Coworking-Spaces und juppigen Hackathons bis heute noch kein Konzept entstieg, das die Branche so zu dominieren vermag wie Google die Suchmaschinen, Amazon den E-Commerce und Whatsapp die PN-Dienste. In der Legal Tech Szene herrscht noch Goldgräber-Stimmung wie im Wilden Westen.

Trittbrettfahrer der Sharing-Economy

Aber vielleicht braucht es ja nur ein Spotify für Juristen, damit die Branche ihren Champion findet, ihr Goldminen-Großunternehmen inmitten einzelner emsiger Schürfer. Potenzial schien die Idee im ersten Zugriff allemal zu bieten. Denn sie verinnerlicht einen Grundgedanken, auf dem die allermeisten Einhörner der Sharing-Economy aufbauen. Während Spotify nur als Intermediär auftritt, stammt die vermittelte Leistung von anderen: von den Künstlern. Bei Airbnb sind es die Vermieter, bei Uber die Autofahrer, bei Amazon die Hersteller und so weiter.

Ihr spektakuläres Wachstum garantiert diesen Unternehmen ihre Entscheidung, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen, statt die angebotene Leistung selbst anzubieten. Das spart Personal  und dieses Kostenersparnis lässt sich an die Kunden weitergeben, indem ihnen ein strukturell günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis gewährt wird.

Punkt für ein Spotify für Juristen: Es basiert auf derselben Idee. Ein entsprechendes Unternehmen könnte sich somit an die Spitze des Marktes setzen. Denn selbst etablierte Unternehmen wie legalzoom und janolaw liefern seit 2001 lediglich ihre selbstständig entworfenen Verträge. Gewiss sind solche Vorlagen ausgefeilter als die nächstbeste Beck-Online-Vorlage, aus der Kanzlei XY ihren Mandanten einen Standardvertrag zusammenzimmert. Und obendrein profitieren die Kunden der Online-Anbieter von wesentlich niedrigeren Festpreisen für das gewünschte Vertragswerk.

Aber eine Sharing-Economy-Lösung könnte noch einmal darüber hinausgehen. Denn indem ihr ein umfassendes Netzwerk von Anwälten Vertragsmuster bereitstellt, kann sie Kunden die relativ besten Vorlagen liefern. Ein Bewertungssystem wie auf Amazon würde rasch die Qualität der einzelnen Muster gegenüberstellen und die Auswahl des Optimums erleichtern. Kunden bekämen den besten Wert für einen Preis, der vermutlich unter dem von legalzoom oder janolaw liegt. Immerhin zahlt der Preis der Vorlagen dort die Löhne der vertragseditierenden Mitarbeiter. Ein Spotify für Juristen müsste voraussichtlich nur eine geringere Vergütung entrichten. Schließlich liegen die bereitgestellten Vertragsmuster bei ihren Urhebern wahrscheinlich ohnehin in der Schublade, sodass ihnen bereits ein Obolus genügen könnte, wenn die Plattform ihre Vorlagen Dritten überlässt. Hinzukommt, dass janolaw und Co. für ihre vertragsentwerfenden Angestellten Sozialversicherungsbeiträge schulden, ein Spotify für Juristen für seine „Zulieferer“ hingegen nicht.

Ein Maximum an Qualität für ein Minimum an Kosten: in keinem Geringeren besteht die Verheißung eines Geschäftsmodells, das sich an die Versen der Sharing-Economy heftet.

Die Tücken der Wirklichkeit

Doch sobald man das Konzept in die Realität der Rechtsdienstleistungen projiziert, fällt es dann doch nicht mehr so rosig aus. Letztlich scheitert die Idee an den Besonderheiten des Produkts, genauer: an seinen Herstellern und Konsumenten.

Welchem Anwalt macht Teilen Spaß?

Der Anwalt ist nämlich kein Musiker, der sich damit zufriedengibt, ein paar Euro pro tausend Abrufe seines Werkes zu verdienen. Eher lässt er seine Vertragsmuster in der Schublade vegetieren, als sein prächtiges aus Textbausteinen zusammengetackertes Schmuckstück zu einem geringen Preis online wohlfeil zu bieten. Das mag zwar ökonomisch nicht sinnvoll sein. Aber es dürfte dem Argwohn entsprechen, mit dem die breite Masse der Anwälte einer Öffnung ihrer Archive für die freie Vermarktung begegnet.

Welcher Konsument weiß den besten Vertrag zu schätzen?

Und selbst wenn man genügend „Lieferanten“ für ein Spotify für Juristen fände, so implodiert das Geschäftsmodell spätestens mangels Nachfrage. Denn die allermeisten Kunden wissen zwar einen Qualitätsmixer von einem minderwertigen zu unterscheiden, aber eben keinen guten Vertrag von einem schlechten. Dem Laien erweist sich die Güte einer Vereinbarung allenfalls im Streitfall, wenn ihm sein Anwalt sagt: „Sie haben aber einen ungünstigen Vertrag geschlossen“. Ist ein Vertrag hingegen besonders umsichtig gestaltet und vermeidet er dadurch Konflikte, fällt das naturgemäß nicht auf.

Unterdessen bereitet es sogar Juristen Schwierigkeiten, von vorn herein die Qualität einer Vereinbarung zu beurteilen. Die Ausbildung befasst sich nämlich kaum mit praktischer Vertragsgestaltung und im Beruf ist ein Jurist mit den qualitätsstiftenden Feinheiten eines Vertragswerks allenfalls in seiner Nische befasst – also tendenziell dort, wo er nicht auf das Muster einer Plattform zurückgreifen wird, die ihn um dessen Bewertung bittet.

Es ist also höchst zweifelhaft, ob Nutzer über hinreichende Informationen verfügen, um Verträge sachgemäß zu bewerten und damit einem Spotify für Juristen dazu zu verhelfen, die relativ besten Muster herauszuheben. Noch fataler ist es, dass vermutlich nicht einmal fünf Sterne an einem kostenpflichtigen Vertrag dazu motivieren, ihn entgeltlich aufzurufen. Denn sowohl Juristen als auch Nichtjuristen stehen in der Regel hinreichende Alternativen ohne Mehrkosten offen. Für die allermeisten Vertragstypen finden sich im Internet zumindest rudimentäre kostenlose Vorlagen. Sie dürften dem Laien ebenso zweckmäßig scheinen wie eine kostenpflichtige Version. Der Jurist wird zudem auf Beck-Online fündig. Und selbst wer die Qualität von kostenfreien Mustern oder solchen von Beck-Online anzweifelt, mag kaum den Klassenunterschied feststellen zwischen der Vorlage eines mit fünf Sternen bewerteten Unternehmen wie janolaw und einer mit fünf Sternen bewerteten Vorlage auf einem Spotify für Juristen.

Ergebnis

Solche Widrigkeiten machen klar, dass Konzepte wie das von Spotify aus anderen Branchen nicht ohne weiteres für den Rechtsmarkt taugen. Denkbar scheint zwar, dass sich ein Unternehmen mit einem derartigen Geschäftsmodell etabliert. Eine Milliarden-Dollar-Idee lässt sich damit aber nicht verwirklichen. Für die Legal Tech Branche fehlt sie auch weiterhin.

Legal Tech Reviews

Fluggastportale im Vergleich – Überblick über die Flugrechte-Dienstleister

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Mittlerweile haben sich allein im deutschsprachigen Raum etliche Fluggastportale positioniert, die Reisenden unkompliziert zu einer Entschädigung nach der EU-FluggastrechteVO verhelfen, wenn sich ihr Flug verspätet oder ausfällt. Bei Flugausfall, Nichtbeförderung oder über dreistündiger Flugverspätung kommen Fluggäste dadurch leichter denn je an eine Ersatzzahlung für entstandene Unannehmlichkeiten. Doch wann genau besteht ein Entschädigungsanspruch? Und welches der Fluggastportale hilft in solchen Fällen am besten weiter? Der Beitrag gibt Antworten.

Was sind Fluggastportale und wann gibt es Entschädigung?

Um ihre Rechte durchzusetzen, müssen Reisende ihrer Airline nicht selbst die Entschädigung abtrotzen. Stattdessen können sie sich an eines der vielen Fluggastportale wenden. Sie alle ermöglichen es, auf ihren Websites über einen so genannten Entschädigungsrechner anhand einiger Angaben festzustellen, ob für einen bestimmten Flug voraussichtlich eine Entschädigungsberechtigung besteht. Wann eine Flugverspätung oder ein Flugausfall konkret zur Entschädigung berechtigt, lässt sich deshalb am schnellsten und leichtesten mithilfe eines Entschädigungsrechner prüfen. Jeder Anbieter stellt seinen Entschädigungsrechner hierzu unverbindlich und kostenlos bereit. Man muss einen Fluggastrechte-Dienstleister also nicht beauftragen, um zu erfahren, ob er im individuellen Fall einen Entschädigungsanspruch erkennt. Wer das komfortabelste Online-Formular für die Ermittlung der Entschädigung zur Verfügung stellt, werte ich weiter unten in der Rubrik „Aufwand des Fluggastes“ aus.

Außerdem bieten sämtliche Fluggastportale Fluggästen an, deren Ansprüche aus der FluggastrechteVO gegenüber den Fluggesellschaften durchzusetzen. Betroffene erhalten so die ihnen zustehende Entschädigung von bis zu 600 € abzüglich einer Provision.

Da hören die Gemeinsamkeiten der Fluggastportale dann aber schon auf. Die verschiedenen Online-Anbieter zahlen Entschädigungen unterschiedlich schnell aus, berechnen für ihre Dienste unterschiedliche Kosten und verlangen von Fluggästen unterschiedlich viel Mithilfe bei der Durchsetzung ihrer Fluggastrechte. Noch unübersichtlicher wird die Angebotslage dadurch, dass etliche Dienstleister auf irreführende Werbung zurückgreifen. Um hier noch den Überblick zu behalten und für sich den richtigen Anbieter zu finden, nimmt dieser Beitrag einen längst überfälligen Vergleich vor.

Übersicht über die Fluggastportale

Es gibt natürlich unzählige Kriterien, anhand derer man die Fluggastportale vergleichen kann. Wer sich als betroffener Fluggast zwischen den verschiedenen Dienstleistern für einen entscheiden möchte, berücksichtigt allerdings in der Regel vor allem folgende Auswahlkriterien:

  1. Wie schnell komme ich zu meiner Entschädigung?
  2. Welcher Aufwand entsteht mir dafür?
  3. Wie viel Entschädigung verbleibt mir nach Abzug der Provision für den Dienstleister unterm Strich?
  4. Ist der Anbieter auch seriös? Was sagen die Kundenbewertungen?

Unter diesen Gesichtspunkten ergibt sich, Stand 20. April 2018, zusammengefasst folgender Vergleich zwischen den wesentlichen deutschsprachigen Anbietern, Compensation2GoErsatz-PilotEUClaim, EUFlight, Fairplane, Flightright, refund.me und Wir kaufen deinen Flug.

Fluggastportale im Vergleich

Um den Befund in den Unterkriterien etwas besser einzuordnen, will ich nachstehend erläutern, wie die zentralen Unterschiede zustande kommen.

Dauer bis zur Entschädigung

Ein erheblicher Klassenunterschied zwischen den verschiedenen Anbietern ergibt sich bei der Wartezeit ihrer Nutzer bis zur Auszahlung der Entschädigung. Man differenziert hier zwischen so genannten Inkasso-Dienstleistern und Sofortentschädigern. Inkasso-Dienstleister wie Flightright und Fairplane zahlen erst aus, wenn sie die Entschädigungsforderung eines Fluggastes erfolgreich durchgesetzt haben. Gelingt die Durchsetzung außergerichtlich, dauert es bis zur Entschädigung gemessen am Kundenfeedback einige Wochen bzw. etwa einen Monat. Des Öfteren weigert sich eine Airline aber, ohne Beanstandungen zu zahlen. Dann sind mindestens einige Monate Geduld gefragt, bis ein Gericht die Fluggesellschaft zur Zahlung verurteilt. Ist eine Klage im Ausland erforderlich oder das zuständige Amtsgericht überlastet, verzögert sich die Verfahrensdauer mitunter sogar auf über ein Jahr.

Sofortentschädiger wie Ersatz-Pilot und EUFlight punkten damit, dass sie Fluggästen direkt nach erfolgreicher Online-Prüfung einer Entschädigungsberechtigung gegen Abtretung des Anspruchs die Auszahlung gewähren. Sie gehen damit gewissermaßen in Vorleistung und tragen das Risiko, dass sich der Anspruch des Nutzers am Ende doch nicht durchsetzen lässt, so wie etwa gegen die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin. Behalten kann der Fluggast die unverzüglich gewährte Entschädigung so oder so. Wer Wert auf eine prompte Abwicklung und Auszahlung legt, dem kommen somit vor allem die Sofortentschädiger entgegen.

Aufwand des Fluggastes

Grundsätzliches

Im Prinzip brauchen alle Fluggastentschädiger dieselben Daten zum Flug, um Fluggastrechte zu prüfen, durchzusetzen und Fluggästen weiterzuhelfen. Die Entschädigungsberechtigung richtet sich schließlich immer nach der gleichen Rechtsordnung mit den gleichen Rechtsvoraussetzungen. Die nötigen Daten zur Fallerfassung muss naturgemäß der Fluggast liefern, dem eine entschädigungsberechtigende Flugunregelmäßigkeit widerfahren ist.

Man könnte also auf den ersten Blick meinen, der Mitwirkungsaufwand des Fluggastes sei bei allen Anbietern ähnlich hoch. Das stimmt allerdings nur fast. Denn je nachdem wie ausgefeilt das Online-Formular des Dienstleisters zur Fallerfassung ist, desto weniger Angaben müssen manuell im Nachgang der Ersterfassung telefonisch oder per E-Mail nachgeliefert werden.

Fluggastportale im Vergleich

Besonders systematisch prüfen nach unserer Einschätzung vor allem die Online-Formulare von Flightright (Inkasso-Dienst) und Ersatz-Pilot (Sofortentschädiger) die Fälle der Nutzer ab. Hier sind demnach im Regelfall am seltensten Rückfragen im Nachgang der Online-Prüfung zu erwarten. Dadurch dauert der Abfrageprozess zwar ein paar Minuten länger, macht das Anfordern einer Entschädigung aber ansonsten so einfach wie eine Warenbestellung in einem Webshop. Mit Abschicken des Online-Formulars hat der Nutzer meistens schon alles Nötige getan.

Bei anderen Anbietern wie EUClaim (Inkasso-Dienst) und Compensation2Go (Sofortentschädiger) ist der Online-Abfrageprozess dagegen etwas kürzer. Dies geschieht aber zu dem Preis, dass diverse Faktoren erst einmal außer Acht bleiben. Hierzu ein Beispiel: Compensation2Go und Wir kaufen deinen Flug erfragen online, soweit ersichtlich, nur Start- und Zielflughafen, nicht aber die Flugnummer. Auf Strecken, an denen täglich zwischen Start und Ziel mehr als ein Flug verkehrt, gestatten diese Informationen allein noch keine eindeutige Identifikation des betroffenen Fluges. Dies erlaubt erst die Flugnummer, die also noch gesondert zu ermitteln ist. In etlichen Fällen müssen solche Lücken also spätestens bei der Durchsetzung von Fluggastrechten geschlossen werden. Spätestens dann meldet sich ein Dienstleister in der Regel mit Rückfragen, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, als wenn stattdessen nur eine weitere Checkbox im Online-Formular anzukreuzen war.

Denkbar sind mögliche Rückfragen übrigens grundsätzlich eher bei den Inkasso-Diensten wie Flightright. Ergeben sich hier während des Rechtsstreits mit der Airline Rückfragen, muss sich der Fluggast ausführlich äußern. Andernfalls gefährdet er den Erfolg des Verfahrens und auch seiner Auszahlung, die ja erst nach gewonnenem Prozess folgt.

Gesetzlich erforderlicher Extra-Aufwand bei Flightright & Co.

Zu bedenken ist noch ein weiterer Aspekt, der das Verfahren bei Flightright, Fairplane und EUClaim mitunter zwangsläufig aufwändiger gestaltet. Verbleibt die Forderung beim Fluggast und soll Flightright sie nur durchsetzen, tritt bei einem womöglich notwendigen Gerichtsverfahren auch der Kunde selbst als Kläger auf. Natürlich übernehmen die Fluggastportale in diesem Fall die Verfahrenskosten. Den Anwalt bevollmächtigt hingegen naturgemäß der Kläger, also der Fluggast. Hierfür verlangt § 80 S. 1 ZPO Schriftform. Das bedeutet: Spätestens wenn ein Gerichtsverfahren zur Beitreibung der Entschädigung nötig wird, muss der Kunde eines Inkasso-Dienstes eine Vollmachtsvorlage händisch unterschreiben und postalisch verschicken.

Aus diesem rechtlichen Umstand folgt, dass es überhaupt nur Sofortentschädigern durchgehend möglich ist, den Aufwand des Kunden auf das Ausfüllen des Online-Formulars zu beschränken. Somit punkten an dieser Stelle Ersatz-Pilot und Co. Dadurch dass sie direkt auszahlen, bekommt hier der Fluggast von einem etwaigen Gerichtsverfahren nichts mit, da in diesem die Fluggastportale als Kläger auftreten.

Kosten und Provision

Eins vorab: Alle uns bekannten Fluggastportale erbringen ihren Dienst erfolgsunabhängig. Das heißt: Keines der verglichenen Portale berechnet Fluggästen irgendwelche Gebühren, wenn der Fluggast nicht auch eine Entschädigung hält. Vielmehr verrechnen alle Anbieter ihre Provision mit der Entschädigungszahlung. Spannend ist aber die Frage: Was bleibt dem Nutzer jeweils unterm Strich?

In der Tendenz stellt man fest, dass Inkasso-Dienste wie EUClaim von Fluggästen eine niedrigere Provision verlangen als Sofortentschädiger. Das erklärt sich daraus, dass Sofortentschädiger in Vorleistung treten und deshalb in ihren Gebühren das Ausfallrisiko einpreisen müssen, das sich etwa mit der Insolvenz von Air Berlin verwirklicht hat. Ein Anbieter trotzt diesem Trend jedoch ein wenig. Der relativ junge Dienstleister Ersatz-Pilot bietet gerade bei Flugunregelmäßigkeiten auf Langstreckenflügen die besten Konditionen. Hier begnügt sich der Sofortentschädiger mit 25% Provision und zahlt direkt 450€ aus – mehr als selbst eingesessene Inkasso-Dienste wie Flightright. Auf Kurz- und Mittelstrecken zahlt EUClaim pro Person ca. 10-20 € mehr, dafür aber nicht sofort, sondern wie gesagt erst nach erfolgreicher Durchsetzung.

Kundenbewertungen und Erfahrungen

Allgemeines

Bei den Kundenbewertungen erzielen von refund.me einmal abgesehen alle Fluggastportale Spitzenergebnisse. Gemessen an den Erfahrungsberichten halten sämtliche Anbieter Wort und können den allermeisten Nutzern helfen. Besonders gute Bewertungen erhalten dabei vor allem Sofortentschädiger wie Ersatz-Pilot. Ausweislich ihres Feedbacks kommt ihnen zugute, dass sie Entschädigungen prompt auszahlen.

Umgekehrt spiegelt sich gerade in den Bewertungen von Flightright wider, dass es dort immer mal wieder zu Fällen kommt, in denen sich das Verfahren zur Durchsetzung und damit auch die Auszahlung übermäßig hinauszögert. Selten, aber überaus strapaziös sind dabei beispielsweise Verfahren, die vor Gericht bis in die Berufung führen oder sogar verloren gehen.

An den Selbstaussagen und dem Kundenfeedback von EUClaim und den anderen Inkassodiensten kann man ablesen, dass in ca. 97-98% der Verfahren Fluggastrechte erfolgreich durchgesetzt werden können. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass jedes fünfzigste Verfahren, das angestrengt wird, verloren geht. Dieses Risiko und seine Verwirklichung fließen bei Inkasso-Diensten natürlich anteilig in die Erfahrungsberichte ein. Sofortentschädiger ernten an diesem Punkt hingegen keine Kritik ihrer Nutzer, weil ihre Leistung gerade darin besteht, Fluggästen die Gefahr einer erfolglosen Durchsetzung abzunehmen und sie direkt auszuzahlen.

Besondere Kritikpunkte

Neben solchen eher strukturellen Vorzügen und Nachteilen der Fluggastportale ergeben sich aus den Bewertungen und Erfahrungsberichten der Kunden darüber hinaus noch eine Reihe konkreter Kritikpunkte gegenüber bestimmten Anbietern. Aufschluss hierüber gibt ein Blick auf die einzelnen Reviews auf Trustpilot und anderen Bewertungsplattformen.

Dauer bei Inkasso-Fluggastportalen

Kunden werfen Inkasso-Unternehmen und insbesondere Flightright gelegentlich vor, sie würden nur zaghaft Klagen anstrengen, stattdessen nur routinemäßig an Forderungen erinnern und der Airline dadurch kulanzweise mehrere Monate Zeit zur Bearbeitung der Ansprüche lassen. Welchen Grund diese zögerliche Vorgehensweise hat, lässt sich nicht näher klären.

Fest steht zumindest: Für Inkasso-Unternehmen sind solche Verzögerungen weniger unangenehm als für Fluggäste, die auf Entschädigung warten. Schließlich kommen Verzugszinsen nicht den Kunden der Inkasso-Unternehmen zugute, sondern diesen selbst. Und je länger sich eine Entschädigung hinauszögert, desto höhere Verzugskosten lassen sich abrechnen.

Flüge mit Start und Ziel außerhalb Deutschlands bei Sofortentschädigern

Kleinere und jüngere Fluggastportale sind in der Regel noch keine Kooperationen mit Partnerkanzleien im EU-Ausland eingegangen. Solche braucht es allerdings, um Fluggastrechte auch dann durchzusetzen, wenn weder der Start- noch der Zielflughafen in Deutschland liegt und ein deutscher Gerichtsstand damit ausscheidet. Gerade bei Sofortentschädigern sind deshalb Direktzahlungen nur dort zuverlässig möglich, wo ein entschädigungsberechtigter Flug in Deutschland startete oder landete.

Der Entschädigungsrechner von Ersatz-Pilot zeigt immerhin direkt zu Beginn einer Prüfung an, ob für eine bestimmte Flugverbindung eine Entschädigung ausscheidet. Bei anderen Sofortentschädigern wie EUFlight und Compensation2Go sortiert dagegen nicht schon die Online-Prüfung lückenlos Fälle aus, die nicht bearbeitet werden können. Dies führt bei Kunden zuweilen zu Ernüchterung, weil sie das Formular letztlich umsonst vollständig ausfüllen.

And the winner is…?

Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf eine klare Empfehlung. Ich denke, die hier zusammengetragenen Daten versetzen jeden Fluggast in die Lage, sich selbstständig den individuell passenden Dienstleister auszuwählen. Wer sich ansonsten vertieft über die Anbieter informieren möchte, sei ermuntert, auf die Links zu den einzelnen Fluggastportalen zu klicken.

Legal Tech Ideas

Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

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Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Rhetorikbücher: die Wiederkehr des Immergleichen

Ich bin neulich auf ein Buch gestoßen, das rhetorische Schreibempfehlungen gibt, genauer: Empfehlungen für digitales Schreiben. Digitales Schreiben meint Schreiben mit einem Textbearbeitungsprogramm wie Word. Anders funktioniert die Texterstellung im Beruf heute ohnehin nicht mehr. Insofern thematisiert eigentlich jeder Stilratgeber mit Erscheinungsdatum nach der Jahrtausendwende nicht bloß irgendeine Texterzeugung, sondern digitales Schreiben.

Trotzdem – und so ist es auch bei besagtem Buch – unterscheiden sich die neueren Werke hierzu nur unwesentlich von denen aus dem letzten Jahrhundert. In einigen Teilen, etwa bei stilistischen Vorgaben, ist das durchaus sachgerecht. Der Schreibprozess zielt und zielte ja stets auf das gleiche Endprodukt und auf ähnliche Lesererwartungen daran. Deshalb verwundert es nicht, dass digitales Schreiben ein ähnlich lesbares Resultat hervorbringen sollte wie analoges und dass sich dessen Güte nach ähnlichen Faktoren bemisst.

In einem Punkt verwundert es aber, dass der Inhalt der Ratgeber nie eine Überarbeitung erfahren hat. Die Darstellung des idealtypischen Schreibprozesses entspricht immer noch der klassischen Vorgehensweise, der schon antike Rhetorikgrößen wie Cicero folgten. So lernte man das vor und nach der Jahrtausendwende im Deutsch- und Lateinunterricht. Und so lernt man das Prozedere vermutlich auch noch heute: erst die grobe Orientierung und Ideenfindung (Inventio), dann die Erstellung einer Skizze (Dispositio), schließlich das Ausformulieren (Elocutio) und dann noch die erste Überarbeitung (Verificatio) und zuletzt der Feinschliff (Revisio).

Wann der Schreibprozess in nur fünf Schritten gelingt

Außerdem kennen die meisten noch abgekürzte Versionen hiervon. Die juristische Klausur etwa verlagert die Inventio auf die Sichtung des Sachverhalts oder der Akte. Darauf folgen als Dispositio und Elocutio nur die Lösungsskizze und deren Ausarbeitung. Redaktionelle Durchgänge hingegen sieht die knappe Bearbeitungszeit in der Regel nicht vor.

Ineffizient ist dieser Prozess prinzipiell nicht. Deswegen halten sich zigtausende Nachwuchsjuristen in Klausuren sklavisch an dieses Muster und zwar mit gutem Recht. Zum Problem wird der Ablauf allerdings dort, wo mit den ersten drei Phasen jeweils eine Recherche einhergehen muss.

Analoges Schreiben als Vorgang in acht Akten

Digitales und analoges Schreiben erfordern spätestens bei wissenschaftlichen Abhandlungen ein sorgfältiges Quellenstudium. Und zumindest für die klassische Form der Texterstellung offenbart sich dabei auf den zweiten Blick ein struktureller Auslöser für Ineffizienz:

Um ein grobes Konzept, später eine Skizze und zuletzt eine ausgearbeitete Version mit fertigem Fußnotenapparat anzufertigen, muss der Verfasser nämlich zuvor jeweils seine Informationsgrundlage zusammentragen. Zunächst rudimentär, nachher gründlicher und schließlich im Detail. Und jeweils danach wandert das Auge erst einmal auf die Entwicklung des darauf fußenden Grobkonzepts, Gliederungsgerüsts bzw. Entwurfs. Dieser Zwischenschritt trübt unweigerlich ab einer gewissen Komplexität der Ausarbeitung das Bewusstsein für den genauen Inhalt der Quellen. Der Autor ist somit wenigstens beim analogen Schreiben gezwungen, relevante Stellen erneut nachzuschlagen, den Kontext von Exzerpten wiederholt zu prüfen und sukzessive Details festzustellen.

Sich dabei jedes Mal aufs Neue in die zuvor schon gesichtete Quellenlage hineinzufinden, kostet Zeit. Inklusive der drei Recherchedurchgänge ergeben sich für einen Autoren somit acht Entwicklungsstadien. Einen Teil dieser Zeit könnte man sich sparen, wenn man die Informationsgrundlage stets vor Augen hätte, während man auf dieser Basis den Text konzipiert, skizziert oder ausformuliert.

Digitales Schreiben als Prozess in vier Schritten

Digitales Schreiben liefert hierzu Wege und Möglichkeiten. Im ersten Moment denkt man hierbei an Zitatverwaltungssoftware wie Citavi, in die man Exzerpte und Zusammenfassungen der studierten Quellen werkbezogen eintragen kann, um anschließend daraus Fußnoten zu generieren. Und in der Tat sollte man unbedingt auf solche Hilfsmittel zurückgreifen. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein, wie sich Quellenstudium und Textanfertigung parallel zueinander bewerkstelligen lassen. Denn dafür muss man die Sichtung der Informationsbasis noch stärker mit der Textproduktion verschränken.

Das funktioniert zum Beispiel, indem man die hergebrachte Vorgehensweise so modifiziert, dass nur noch eine kurze Konzeptionsphase, eine Entwicklungsphase und zwei Korrekturrunden übrig bleiben.

Schritt 1: Abstrakte Gliederung

Man beginnt also mit einer themenunabhängigen Grobkonzeption, die mit jedwedem materiellen Gehalt der Quellen und des späteren Textes kompatibel ist. Bis zu einem gewissen Grad kann man eine solche generische Struktur bereits völlig ohne Vorabrecherche entwickeln. Das abstrakte Gliederungsgerüst orientiert sich nämlich je nach Texttyp sinnvollerweise an einem etablierten Muster.

Im Falle einer Seminararbeit etwa diktieren bereits sachlogische Zwänge erste Konturen des Aufbaus: Letztlich gilt es immer, zu einem Befund zu gelangen, der eine anfangs aufgeworfene Forschungsfrage beantwortet. Dieser steht am Ende einer Prüfung, die sich unmittelbar davor im Hauptteil vollzieht. Welche Aspekte sie berücksichtigt und warum und mit welcher Methode die Untersuchungsgegenstände hierauf geprüft werden, klärt ein maßstabsbildendes Kapitel im Anschluss an die Einleitung. Ohne ein solches richtet sich die Prüfung nämlich zwangsläufig nach unausgesprochenen und deshalb im Zweifel rein intuitiven Kriterien. Das aber wäre ihrer Transparenz und Nachvollziehbarkeit abträglich und würde ihren wissenschaftlichen Erkenntnismehrwert schmälern.

All dem ist zusätzlich noch eine Einleitung voranzustellen, die vier Zwecke erfüllt. Sie führt erstens zur Forschungsfrage hin, erklärt hierbei zweitens deren Relevanz, stellt drittens das Untersuchungsprogramm der folgenden Kapitel dar und steckt viertens auch den Umfang der Abhandlung ab. An dieser Stelle bietet es sich insbesondere an, die Grenzen der Untersuchung festzulegen. Also sprich: Welche möglichen Untersuchungsgegenstände, Teilaspekte der Forschungsfrage, Prüfungskriterien usw. bleiben außer Betracht? Welche Prämissen werden gesetzt? Und warum?

Für etliche wissenschaftliche Ausarbeitungen ergibt sich somit unabhängig von ihrem Thema das Ordnungsschema:

A. Orientierung

I. Untersuchungsrelevanz

II. Untersuchungsfrage

III. Vorgehensweise

IV. Umfang, Grenzen und Prämissen

B. Prüfungsmaßstab

C. Untersuchung (Anwendung des Prüfungsmaßstabs auf den Untersuchungsgegenstand)

D. Befund

Schritt 2: Entwicklungsphase

Ist ein solches Grundgerüst einmal konzipiert, kann man es ohne weiteres mit relevanten Informationshappen aus dem Quellenstudium befüllen. Dabei sollte man beim Querlesen nicht nur relevante Original-Aussagen dokumentieren, sondern ebenso eigene Gedanken dazu (also zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung fremder Thesen und die Gründe hierfür). Im besten Fall speichert man solche Exzerpte jeweils in einer Zitiersoftware und platziert sie in Gestalt von Direktzitaten, Kurzzusammenfassungen und ersten Kommentaren direkt im jeweils passenden Abschnitt des anzufertigenden Dokuments.

Eine Zitiersoftware bietet den Vorteil, dass man per Mausklick sämtliche Informationsschnipsel mit Angabe der Fundstelle in einer Fußnote versehen kann. Das erspart bei der Ausformulierung, Nachweise erneut mühselig zusammenzusuchen und zu formatieren. Der primäre Mehrwert des Prozesses zeigt sich allerdings darin, dass das bloße ordnende Zusammenstellen von Wissenselementen in der abstrakten themenunabhängigen Grundstruktur eines Textes nach und nach von allein eine sinnvolle Detailgliederung nahelegt.

Hierzu kommt es bei der dargestellten Methode nahezu intuitiv. Denn je mehr Informationshappen in die groben Abschnitte des späteren Textes einsortiert werden, umso weiter steigt der Bedarf, diese wiederum untereinander in Beziehung zu setzen und zu ordnen. Dadurch lassen sich bereits während der Literaturrecherche Unterabschnitte und deren argumentative Struktur herausbilden. Die fortlaufende Verarbeitung der gesichteten Wissenselemente fügt sich so bereits in einer einzigen Recherchephase in die Form des Konzepts.

Indem verschiedene Quellen aufeinander reagieren und zudem weitere Fundstellen zitieren, ergeben sich außerdem schon bei der erstmaligen Sichtung weitere Rechercheobjekte. Und je weiter die relevanten Quellen offen gelegt und studiert werden, desto mehr fördert deren Einordnung in die Gliederung des Textes dessen Detailtiefe, Gedankengang und Gehalt. Kurzum: Bei dieser Vorgehensweise wandert der Blick des Autoren nicht mehr umständlich zwischen seinen Quellen und seinem eigenen Erzeugnis hin und her. Vielmehr betrachtet er Quelle für Quelle, die Oberfläche der Zitiersoftware und das wachsende Dokument seines Textes nebeneinander auf seinem Bildschirm oder – besser – seinen Bildschirmen. Sind alle Quellen einmal abschließend erfasst, muss der Autor die Informationshappen nur noch glätten, sodass sich die ohnehin geschaffene kohärente Gedankenabfolge auch im Lesefluss widerspiegelt.

Aus meiner eigenen Erfahrung beschleunigt diese nahtlose Verzahnung von Quellenexegese und Textgenese die Schreibarbeit signifikant. Meines Erachtens zeichnet neben der Tippgeschwindigkeit und dem elektronischen Datenformat gerade dieser zentrale Mehrwert digitales Schreiben aus.

Schritte 3 und 4: Korrekturschleifen

Auch digitales Schreiben gelangt natürlich nicht ohne Zusatzschritte zur Veredelung. Dass dafür zwei Lektoratsrunden eingeplant werden, hat sich scheinbar bereits in der Antike bewährt und bewährt sich meines Erachtens ebenso im 21. Jahrhundert. Fruchtbar ist es vor allem, in einem ersten Schritt den eigenen Text selbst zu lektorieren und anschließend das Feedback anderer einzuholen (Peer Review).

Weitere Überlegungen

Digitales Schreiben bietet das Potenzial zur zügigeren Texterstellung. Das deuten schon die hiesigen Bemerkungen an. Gleichfalls stellen die obigen Überlegungen klar, dass die Verwendung von Word statt Kugelschreiber nicht automatisch Effizienzgewinne verspricht. Jedenfalls keine, die über die eine bloße überlegene Tippgeschwindigkeit hinausgeht. Strukturelle Beschleunigungen des Erzeugungsprozesses verschafft digitales Schreiben erst, wenn der Autor mithilfe der nötigen technischen Mittel konsequent das Quellenstudium parallel und nicht mehr abwechselnd zur Textproduktion bewältigt.

Warum das so ist und wie digitales Schreiben möglichst gewinnbringend organisiert werden kann, dürfte schon aus dem bisherigen Artikel deutlich werden. Nichts gesagt ist damit freilich über weitere Chancen, die die Digitalisierung für die Texterzeugung mit sich bringt. Gemeint sind dabei beispielsweise Ansätze, gelungene Texte zu recyceln oder zu kombinieren. Bei Gelegenheit werde ich diesen Beitrag daher um entsprechende Ausführungen ergänzen oder einen weiteren Artikel hierzu hinzufügen.

Legal Tech News

DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Posted by Jacob Weizmann on
DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Auch wenn diese Seite der DiRiSo zugerechnet wird, berichten wir hier getreu unserem Blogkonzept kaum über deren Geschäftsaktivitäten. Dafür haben die Geschäftsführer kürzlich die DiRiSo im Interview vorgestellt. Und das gleich zweimal. Wer sich also dafür interessiert, was das Legal Tech Unternehmen hinter diesem Blog eigentlich genau tut, dem seien folgende beiden Artikel ans Herz gelegt, die die DiRiSo im Interview porträtieren.

Links

Einmal auf Startup Valley vom 4.12.2017.

Und einmal auf selbstaendigkeit.de vom 12.01.2018.

 

Legal Tech News

Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Posted by Jacob Weizmann on
Aufsichtsbehörde für Legal Tech angekündigt: Was erwartet uns?

Diese Woche erklärte Justizsenator Dirk Behrendt im Handelsblatt, die Justizministerkonferenz erwäge, eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech zu schaffen. Der Aufschrei aus der Legal Tech Szene ließ nicht lange auf sich warten. Versiert konterten Fiedler, Grupp und Schimang aus Frankfurt. Auch Legal Tech Papst Markus Hartung von der Bucerius Law School brachte sein Unverständnis auf Twitter zum Ausdruck.

Stand der Diskussion über die Aufsichtsbehörde für Legal Tech

Lagerbildung

Die Fronten sind damit geklärt. Ich will es einmal etwas karikiert ausdrücken. Auf der einen Seite stehen technophobe Handakten-Anwälte und Großkanzlei-Veteranen mit Liebe fürs Diktiergerät, aber wenig Sinn für Automatisierung, die ihnen am Ende noch ihre 500 € Stundensätze fürs Paraphrasieren aus Gesetzeskommentaren kaputtmacht. Der Tendenz nach zählen zu ihrer Gruppe auch diejenigen, die die Gesetze schreiben, wenn ein Ministerium das nicht selbst schafft. Man lehnt sich insofern nicht weit aus dem Fenster, wenn man feststellt, dass diese Gruppe gewisse Beziehungen zur Politik unterhält. Wie weit sie reichen, will ich nicht beurteilen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man allerdings sagen, dass solche Beziehungen immerhin vorhanden sind.

Nicht behaupten lässt sich das im Gegensatz dazu vom Verhältnis zwischen Politik und der Legal Tech Szene. Sie steht mit ihrem Innovationsoptimismus konventionellen Strukturen der Anwaltschaft gegenüber. In Deutschland dürfte sich der Jahresumsatz der gesamten Branche allerdings noch deutlich unter 100 Millionen Euro bewegen. Für die Regierung einer Volkswirtschaft mit einem BIP von 3,14 Milliarden Euro ist das zu unerheblich, als dass sie regelmäßig die Nähe zu Exponenten dieses Marktes sucht.

Meinungen

Was sich da also in dem Streit um die Aufsichtsbehörde für Legal Tech andeutet, ist eine Auseinandersetzung, die bildgewaltige Assoziationen weckt. Zumindest bei den Diskussionsteilnehmern auf Twitter. Assoziationen zum Kampf von David gegen Goliath, von Uber gegen die Taxi-Industrie, von Airbnb gegen die Hotelketten. Das hat die Legal Tech Szene im Kopf und ich gebe zu, das waren auch meine ersten Gedanken.

Genauso vorhersehbar und plump fiel die Reaktion der mitdebattierenden Handakten-Anwälte aus. Schließlich würde doch jede Branche reguliert und schließlich dürften diese Legal Tech Anarchos da keine Ausnahme machen. Da könnt ja jeder kommen.

Einzelne warnten dann noch vor der Überreaktion und gingen davon aus, Justizsenator Behrendt und die regulierungsaffinen konventionellen Juristen würden den digitalen Markt einfach falsch einschätzen. Schließlich sei es doch so, dass Legal Tech ohnehin nur ersetzt, wofür es heute keine Anwälte braucht. Eine These, die sogar das Gütesiegel von Herrn Hartung höchstselbst beanspruchen darf. Niemand nehme also jemand anderem etwas weg, keiner müsse Konkurrenz befürchten, der Konflikt beruhe auf einem einzigen Missverständnis.

Reflexion

Mit ein bisschen Abstand gewinnt die Diskussion mehr Tiefe. Ich behaupte, die Thesen aller drei erwähnten Positionen sind auf ihre Weise falsch.

Die Mär von der friedlichen Koexistenz

Die Auffassung, Legal Tech und konventionelle Anwälte würden nicht konkurrieren, hat den Charme, dass sie niemandem auf die Füße tritt. Jeder kann sich darin wiederfinden. Eine Aufsichtsbehörde für Legal Tech wäre obsolet. Stattdessen kooperieren alle harmonisch.

Genau deshalb befürchte ich aber, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedankens ist. Denn Legal Tech löst bei bestimmten Arbeitsschritten schon heute Anwälte ab. Und das eher mit zunehmender als mit abnehmender Tendenz. Beispiel Due Diligence. Man kann vor allem in den USA seit der Finanzkrise beobachten, wie Kanzleien die Durchsicht von Verträgen aus menschlichen Händen nehmen und einer E-Discovery-Software überantworten. Die verlangt keine Lohnnebenkosten, keine Bürofläche, keinen bezahlten Jahresurlaub. Die Software ist nie krank und sie arbeitet Verträge gründlicher und schneller durch als jede menschliche Arbeitskraft.

Das Gegenargument der Koexistenztheoretiker ist natürlich bekannt. Die Due Diligence Anwälte erledigen dafür künftig einfach nur noch die Schokoladenseite des Anwaltsjobs. Empathie zeigen, mit Menschen arbeiten, Strategien entwerfen, so in etwa die Vision. Das scheint mir aber zu sehr vom Ergebnis her gedacht und weniger aus tatsächlichen ökonomischen Erwägungen. Wer eine Kanzlei mit Gewinnerzielungsabsicht führt, setzt die freigewordenen Due Diligence Anwälte nicht alle zur Förderung der Kundenbeziehung bei Kaffee und Kuchen ein. Und er zahlt ihnen auch nicht das gleiche Gehalt für weniger Arbeit. Realistischer ist, dass er ihnen die Arbeitszeit und den Lohn kürzt oder sie ganz entlässt.

Die so ge-„offboardeten“ Juristen können sich dann natürlich immer noch auf eine der Stellen bewerben, die die Software entwickeln, die sie selbst wegautomatisiert hat. Aber ist das dann nicht schon wieder Legal Tech? Lautete die These nicht, dass Legal Tech genug von der konventionellen Anwaltstätigkeit übrig lässt, dass alle wie gehabt in diesem Bereich weiterarbeiten können?

Wachsende Konkurrenz

Übrigens: Dieses Phänomen der direkten Konkurrenz von klassischer Anwälte und Legal Tech wird nicht bei E-Discovery stehenbleiben. Dass momentan Legal Tech Unternehmen wie Ersatz-Pilot vorwiegend leicht automatisierbare Massenverfahren automatisieren, liegt nicht etwa daran, dass rechtliche Prüfungen ansonsten nicht rentabel automatisierbar sind. Der Grund dürfte vor allem darin bestehen, dass Märkte mit schematischen Standardfällen sich für den Einstieg so gut eignen. Für entsprechende Algorithmen genügt auch das bisher dürftige Startkapital.

Aber je mehr Entwicklungsaufwand ein Legal Tech Unternehmen stemmen kann, desto eher geraten daneben juristische Prüfungen aus der konventionellen anwaltlichen Praxis in den Fokus. Ein interessantes Beispiel ist insofern Abfindungsheld, ein Startup, das sich an gekündigte Arbeitnehmer richtet, die alternativ einen Anwalt für Arbeitsrecht beauftragen könnten.

Niemand hat die Absicht, überkommene Geschäftsmodelle zu protegieren

Verbraucherschutz?

Es wäre vor diesem Hintergrund sehr nachvollziehbar, wollten Anwälte wie vor ihnen etwa die Taxi- und die Hotelindustrie Regulierungen nutzen, um die digitale Konkurrenz auszubremsen. Aber vielleicht ist das ja wirklich nicht der Hauptimpuls hinter der jetzt angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech. Vielleicht handeln die verantwortlichen Politiker nur aus dem Bedürfnis heraus, einer jungen Industrie Leitplanken zu setzen, damit sie keine öffentliche Interessen wie den Verbraucherschutz gefährdet. Solche Erwägungen führte sogar Justizsenator Behrendt an, als er die Risiken von Flightright und Co. als Begründung für die Aufsichtsbehörde anführte.

Und stimmt es denn nicht, dass die Fluggastportale sich für ihre Dienste eine erhebliche Marge von den Entschädigungen einbehalten, die sie für ihre Kunden beitreiben? Wäre es nicht gerechter, Gerichte würden Fluggästen den vollständigen Betrag zusprechen?

Ja das wäre es. Aber dann müssten diese Fluggäste dafür selbstständig vor Gericht ziehen, ihre Entschädigung allein durchsetzen und in Vorleistung treten. Das ist nicht jedermanns Sache und gerade deswegen existieren die Fluggastportale. Es beruht also auf dem freien Entschluss der Verbraucher, sich für einen der Fluggastentschädiger zu entscheiden. Sie dabei zu reglementieren, hieße sehr bald, Verbraucher vor sich selbst zu schützen.

Oder Protektionismus?

Das gilt erst recht, weil sich Verbraucher vor allem über digitale Produkte transparenter denn je mithilfe anderer Kundenbewertungen informieren können. Wo genau die Aufsichtsbehörde darüber hinaus einen Beitrag zum Verbraucherschutz leisten will, erschließt sich mir nicht. Ich verstehe deshalb, dass Legal Tech Unternehmen befürchten, es gehe bei der angedachten Aufsichtsbehörde für Legal Tech nur beiläufig um Verbraucher- und primär um Konkurrenzschutz.

Denn die Hauptleidtragenden der Legal Technology sind unbestreitbar konventionelle Anwälte. Ihnen, die sie mühsam nach über sieben Jahren zwei Examina erworben haben, wollen nun ein paar juppige Startups den Rang ablaufen?! Das kann ja wohl nicht angehen.

Es braucht keine Verschwörungstheorien, um zu mutmaßen, dass nicht zuletzt dieser Geist aus den angekündigten Regulierungen atmet. Insbesondere, weil die mit der Formulierung der Vorschriften betrauten Referenten vermutlich selbst Juristen sind.

Aufsichtsbehörde für Legal Tech: nicht Goliath, sondern ein Zyklop

Trotzdem fällt mein Fazit optimistisch aus. Aus folgender Überlegung:

Gemessen an der Marktkapitalisierung beschreibt zwar am ehesten der Vergleich zwischen David und Goliath das bevorstehende Kräftemessen zwischen Legal Tech und konventioneller Anwaltschaft. So mächtig wie Goliath ist letztere dann aber doch nicht.

Denn es kommt nicht von ungefähr, dass die Rechtspflege eine der letzten Branchen ist, die sich digitalisiert. Die Mühlen der juristischen Zunft mahlen langsam. Und es wäre eigenartig, wenn ausgerechnet die innovationsaversen Kräfte agiler den Fortschritt verhindern, als IT-affine Unternehmen ihn vorantreiben. Ins Bild passt insofern, dass die Justizministerkonferenz typischerweise erst nach zweijähriger Beratung eine Handlungsempfehlung vorlegt. Es steht also nicht zu befürchten, dass der Legal Tech Industrie bereits allzu schnell ein Riegel vorgeschoben wird.

Und selbst wenn es überhaupt dazu kommt, hinkt der Vergleich zur Reglementierung von Uber und Airbnb noch an einem weiteren Punkt. Das Produkt Rechtsberatung ist noch weniger greifbar als das Produkt Unterkunfts- oder Transportvermittlung. Automatische Rechtsdienstleistungen können nahezu ortsunabhängig erbracht werden.

Und mehr noch: Genau wie auf der Seite der Regulierer studierte Experten der Regeln sitzen, sitzen typischerweise auf der Seite der Regulierten studierte Meister der Ausnahmen. Flightright leistet unter § 2 RDG Rechtsdienstleistungen für andere und bedürfte einer Anwaltszulassung? Schön, dann kauft Ersatz-Pilot eben die Forderungen selbst und leistet zulässige Rechtsdienstleistungen für sich selbst. Oder ein Fluggastentschädiger wickelt seine Fälle über eine Anwalts-GmbH ab. Es besteht wenig Zweifel, dass Juristen dieses Katz- und Mausspiel perfektionieren werden.

Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist deshalb die Vermutung, dass Legal Tech es im anstehenden Konkurrenzkampf vermutlich nicht mit Goliath, sondern mit einem Zyklopen zu tun hat. Mächtig, aber zu ungelenk, um agile digitale Nachwuchsunternehmen ernsthaft aus der Bahn zu werfen.

Legal Tech News

„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Posted by Jacob Weizmann on
„Riding the Hype-Cycle“ – Legal.Tech-nically auf Twitter

Irgendwer sagte wohl auf der Bucerius Herbsttagung und dann bei Twitter, man müsse bei Legal Tech heutzutage den „Hype-Cycle“ reiten. Als nüchterne Spektanten der Entwicklung passt das natürlich nicht ganz zu unserem Motto. Ich bin trotzdem seit einigen Wochen auf Twitter unterwegs, um dort zwischendurch ein bisschen Input zu aktuellen Entwicklungen zu geben.

Berechtigte Frage: Muss das sein? Muss man sich wirklich öffentlich der täglichen „Seelenblähung“ (Ole von Beust dixit) entledigen? Natürlich nicht. Aber es sind einige Umstände zusammengekommen, die für uns den Ausschlag gegeben haben, es mit Twitter einmal zu versuchen.

Grund 1: Da das Projekt DiRiSo Fahrt aufnimmt, kann ich nicht versprechen, dass ich jede Woche einen neuen Beitrag abliefern kann. Ein paar Beiträge auf Twitter sind da leichter beizusteuern.

Grund 2: Man kann dort jetzt 280 Zeichen pro Tweet nutzen. Und das gestattet ja zumindest schon mal zwei Gedanken am Stück. Für uns als „sowohl als auch“-Kommentatoren ist das ein willkommenes Mindestmaß zur Differenzierung.

Grund 3: Wenn sich die Legal Tech Szene mal nicht an Buffets auf Branchenevents tummelt, ist sie häufig auf Twitter unterwegs. Und wenn man wie wir über sie schreibt, dann sollte man das aus nächster Nähe tun. Nirgendwo sonst bekommt man ein so gutes Verständnis für das Lebensgefühl einer Subkultur, die in der permanenten Erwartungshaltung lebt, morgen bräche Deepminds Inferno der Künstlichen Intelligenz und der Blockchain Lawyer über uns herein.

Übrigens. Also nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Natürlich überzeichne und pauschalisiere ich in dieser Hinsicht stark. Aber ich empfinde es als durchaus heilsam für alle Beteiligten der Legal Tech Szene, zu der wir ja irgendwo auch gehören, wenn man sich nicht todernst nimmt und in der Lage ist, sich zur Abwechslung gelegentlich selbst zu karikieren. Es ist nicht jedermanns Humor, insbesondere nicht derjenige der hartnäckigsten AI-Apologeten der Legal Technology, für den es die reinste Häresie darstellen muss. Aber zum Glück muss auch nicht jedermann Gefallen an diesem Blog finden; es reicht, wenn’s der eine oder andere tut.

Legal Tech News

Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

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Warum wir nicht zur 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School gehen

Das Legal Tech Großevent in diesem Monat ist ohne Zweifel die 7. Herbsttagung an der Bucerius Law School. Für uns trifft sich das im Prinzip gut, zumal die DiRiSo in der Hamburg Area ihren Sitz hat und unser Team dort Legal Tech Veranstaltungen routinemäßig mitnimmt. Insbesondere diejenigen mit anständigem Buffet, wie die Legal Tech Meetups. Nun zweifeln wir keineswegs daran, dass die Law School in der Lage ist, einen akzeptablen Caterer aufzutreiben und für das leibliche Wohl zu sorgen. Für den Überseeclub, wo der Begrüßungsabend steigt, gilt das sowieso. Trotzdem gehen wir nicht zur 7. Herbsttagung. Wieso?

Das Schlüsselwort lautet Verhältnismäßigkeit oder besser: Unverhältnismäßigkeit. Sportliche 490 € kostet ein Ticket für den Haupttag und dafür bekommt man ein paar Vorträge, gecatertes Mittagessen und etwas Networking inklusive 2-3 Gratis-Kaffees. Ich weiß nicht, was die knapp 300 Gäste der 7. Herbsttagung an diesem Angebot finden, aber da, wo ich herkomme, kann man sein Geld besser anlegen.

Die Alternative zur 7. Herbsttagung

Zum Beispiel könnte ich mir den interessantesten Redner aus dem Line-Up greifen und für den aufgerufenen Betrag in ein Sterne-Restaurant seiner Wahl einladen.

Das bessere Essen

Das hätte erstens den angenehmen Nebeneffekt, dass das Essen vortrefflich ist. Catering-Mahlzeiten in allen Ehren, man kann fraglos auch am Buffet Fantastisches auffahren, wie unsere Freunde von Hogan Lovells es routinemäßig tun. Aber trotzdem: In einer ganz anderen Liga spielt natürlich ein Sieben-Gänge-Menü mit, sagen wir, Hasenfilet in Whiskey-Marinade in einem der Hauptgänge und Lavendelblüteneis zum Dessert.

Der bessere Vortrag

Und weil das so ist, habe ich bei einem solchen Abendessen auch eher die Gelegenheit, einer interessanten Legal Tech Persönlichkeit mehr als nur ein paar Gemeinplätze zu entlocken. Gemeinplätze, wie sie die 300 Gäste der 7. Herbsttagung en masse zu hören bekommen, wenn Freshfields Partner und Manager von den vielen tollen Disruptions und Opportunities der Legal Technolgy schwafeln berichten. Die zugehörigen polierten Powerpoint-Slides lässt hingegen selbst der distinguierteste Speaker daheim, wenn man ihm beim Abendessen gegenübersitzt und der Laptop mit Pitchdeck dem Teller mit den Garnelen im Orangen-Chili-Mantel weicht. Ebenso außen vor bleiben dann meist die Plattitüden, das Offensichtliche, Oberflächliche, Massenkompatible. Stattdessen hat man sieben Gänge lang Zeit, einmal die interessanteren Ansichten der jeweiligen Person abzuklopfen.

Will sagen: Man hat Gelegenheit zu Fragen, die das neuste Buch des Speakers offen lässt und sein Vortrag bestenfalls anteasert. So ein aktuelles Buch von den Ausrichtern der 7. Herbsttagung kostet übrigens 79 € auf Amazon. Am Rande erwähnt: Es ist einigermaßen peinlich, dass die Legal Tech Avantgarde es für diesen Preis nicht einmal hinbekommt, ihr Werk als E-Book bereitzustellen. Wichtiger ist an dieser Stelle allerdings der Umstand, dass man in den meisten Sterne-Restaurants günstig genug wegkommt, um für den Tagungspreis nicht bloß das Abendessen, sondern gleich noch das Buch des Speakers zu zahlen. Zugegebenermaßen kann das Buch kein Catering-Lunch kredenzen, aber dafür entfaltet es die Überlegungen der Speaker deutlich tiefgründiger als ihr jeweiliger Redebeitrag. Und für das Essen verbleibenden einem ja die restlichen 411 €.

Das bessere Netzwerk

Bleibt also noch das Networken. Das müsste doch am Stehtisch auf der 7. Herbsttagung besser klappen als im Sterne-Lokal. So legt es zumindest jeder Werbeprospekt für derlei Events nahe. Meine eigenen Erfahrungen weichen davon nichtsdestotrotz ab. Und zwar nicht bloß gradweise, sondern diametral. Mit der Größe der Tagung steigt die Anonymität. Natürlich gibt es trotzdem Gespräche am Buffet und, ja, man lernt dabei weit mehr als eine neue Person kennen.

Nur kann ich mich kaum an Gespräche auf solchen Kongressen erinnern, die über bloßen Small-Talk hinausgingen. Ebenso wenig legen nach meiner Erinnerung Konferenz-Kaffeepause den Grundstein für eine nennenswerte Zahl an Freundschaften fürs Leben oder Geschäftspartnerschaften für das nächste Unicorn. Mondäne Abendessen in angenehmer Atmosphäre haben dagegen schon eher Kontakte befördert, die über ein paar lose Linkedin-Bekanntschaften hinausgehen. Und genau weil das so ist, bin ich am 17. November anderweitig verplant.

Schluss

Man kann mir vorhalten, meine reservierte Haltung zur 7. Herbsttagung sei dennoch vorschnell, überzogen, undifferenziert. Und selbstverständlich bin ich immer gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Und wer weiß, vielleicht widerlegt das Event ja all meine Befürchtungen. Wenn ich mir allerdings den vor Sponsored Content triefenden Promoblog  Newsblog des Veranstalters anschaue, habe ich daran so meine Zweifel. Dafür nehme ich es in Kauf, wegen meiner Vorliebe für die Sterneküche statt für Herbsttagungen vermessen genannt zu werden. Kopflos 500 € Kanzleigelder für eine seminützliche Tagung mit rhetorischem Legal Tech Theaterdonner zu expensen, ist es aber vermutlich mindestens genauso.

Legal Tech Ideas

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.

Legal Tech Reviews

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Posted by Jacob Weizmann on
Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.

Legal Tech News

4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Posted by Jacob Weizmann on
4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 4. Legal Tech Meetup Hamburgs war nicht nur dem Namen nach angelsächsisch geprägt. Auch zeichnete es sich dadurch aus, dass diesmal alle Referenten ihre Vorträge auf Englisch hielten. Der Grund war einleuchtend: Es sollte schließlich um die amerikanische Perspektive zum Thema Legal Tech gehen. Dafür hatte der „Serial-Host“ Nico Kuhlmann respektive Hogan Lovells zum 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sogar prominente Unterstützung aus Kalifornien eingeladen. Eingeplant für die Keynote war niemand geringeres als Prof. Mark A. Cohen, so etwas wie das amerikanische Pendant von Markus Hartung, der ebenfalls einen Vortrag hielt. Insofern muss man schon einmal sagen: Dr. Kuhlmann versteht es, die Rockstars der Legal Tech Szene zusammenzutrommeln.

Ganz ohne Turbulenzen lief das Vortragsprogramm leider nicht ab. Orkan Xavier hatte am 5. Oktober Mark Cohens Landung in Hamburg vereitelt. Höhere Gewalt also, bei der ausnahmsweise nicht einmal Ersatz-Pilot und Co. zur Fluggastentschädigung verhelfen können. Stattdessen wurde Prof. Cohen nach Brüssel umgeleitet; sein Gepäck landete zu allem Überfluss anderswo. Trotzdem – und hier noch einmal Chapeau, Dr. Kuhlmann – gelang es, ihn per Skype aus seinem Hotelzimmer zuzuschalten. So konnte das versammelte Publikum immerhin partiell an seinen Reflektionen zur Legal Technology teilhaben. Nur partiell vor allem deswegen, weil das wacklige Hotel-WLAN gelegentlich Ton- und Video-Stream unterbrach. Nichtsdestotrotz gab er den etwa 70 Zuhörern einige neue Gedanken mit auf den Weg.

Das Unicorn im Phrasenhaufen

Garniert waren die Ausführungen natürlich mit den üblichen Gemeinplätzen zur Legal Technology, die jeder nach dem ersten Einführungsvortrag kennt. Buzzwords wie Disruption reihten sich in den üblichen Sermon zu veränderten Berufsbildern und Potenzialen der Legal Tech für den „Access to Justice“ von Kleinunternehmen und Privatleuten. Aufschlussreich waren Prof. Cohens Ausführungen dennoch. Denn sein Bezug zur Legal Technology besteht anders als der von Markus Hartung nicht primär darin, auf Konferenzen als Cheerleader Legal Tech zu hypen sachverständiger Referent Chancen und Risiken der Legal Technology zu analysieren. Stattdessen hat er selbst vor einigen Jahren ein eigenes Legal Tech Startup gegründet und erfolgreich gegen die Wand gesetzt eigene Erfahrungen in der Branche gesammelt.

Clearspire?

Clearspire hieß Prof. Cohens Unternehmen. Das Geschäftsmodell bestand darin, eine Kanzleisoftware alá RAMicro zu entwickeln, nur eben besser – mit Kommunikationskanälen zum Kunden, mehr Tools usf. Cohen sieht hierin, in einer ganzheitlichen IT-Plattform für Juristen, den großen Wurf der Legal Tech Branche. Und damit wurde der Vortrag zum Ende im Q&A-Teil des 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sehr spannend. Denn es ist ja in der Tat richtig, dass es für Rechtsdienstleistungen noch keinen technischen Giganten wie Amazon, Google oder Facebook gibt. Und das wirft die hochaktuelle Frage auf: Wer wird der Bezos, Page oder Zuckerberg der Juristen? Nun, Prof. Cohen wird es sicherlich nicht. Clearspire ist wie gesagt pleite. Interessant ist umso mehr, wieso er weiterhin glaubt, er wäre damit beinahe das eigene Unicorn geritten.

Soweit man Cohen über die instabile Skype-Verbindung richtig verstehen konnte, stützt sich seine Überlegung auf eine Analogie zum Erfolg von Legal Zoom. Legal Zoom liefert einen Generator für juristische Standarddokumente. Darüber hinaus vermittelt die Plattform dort Anwälte, wo die automatische Vertragsgestaltung nicht ausreicht. Das läuft ganz erfolgreich und steht sicher im Kontrast zu zahllosen Legal Tech Flops.

Ebenso wenig wie der Legal Engineer

Eine Milliarden-Dollar-Idee scheint es dennoch nicht ganz zu sein. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass jemanden das Prinzip Werkzeugkiste für Verbraucher (Legal Zoom) respektive Legal Professionals (Clearspire) fasziniert. Aber es gibt inzwischen haufenweise mehr oder weniger extensive Kanzleiorganisationsplattformen, ohne dass eine auch nur in Sichtweite der Market Cap von Freshfields und Co. kommt. Zum Vergleich: Airbnb ist unterdessen den größten Hotelketten enteilt, Amazon den größten Einzelhandelsketten usw. Dass Kanzleisoftwareentwickler hier nicht mithalten, liegt vermutlich zum einen an den relativ hohen Entwicklungs- und Wartungskosten solcher Software. Andererseits lässt sich für solche Werkzeugkisten kaum der Preis veranschlagen, den die einzelnen Tools in der Summe wert sind. Denn kaum eine Kanzlei wird sämtliche Funktionen nutzen.

Hinzu kommt noch das grundlegende Problem jedes Scharniers an der Schnittstelle zwischen Recht und IT. Eine Kanzleiorganisationssoftware ist im fortgeschrittenen Zustand nichts weiter als ein codegewordener Legal Engineer. Und deswegen drängt sich auch solchen Programmen die Frage auf: Wozu Marketing- und Schulungskosten und Nutzerfreundlichkeit, um die Tools krampfhaft der technophoben Juristenriege aufzuzwängen? Warum treten reine IT-Produkte nicht Stück für Stück in direkte Konkurrenz mit Anwälten? Es sind genau solche Erwägungen, die mich skeptisch stimmen, ob Prof. Cohen am Ende richtig liegt. Die Gesetze der Ökonomie geben ihm bisher jedenfalls kein Recht.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass er zu dieser Diskussion einen wichtigen Impuls geliefert hat. Insofern plane ich auch, die Überlegung demnächst an anderer Stelle zu vertiefen.

Worum ging es beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sonst?

Bricht das aetas aurea an?

Ansonsten fiel beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs auf, dass die Redner die Legal Technology diesmal deutlich optimistischer bewerteten. Beim letzten Mal hatte eine opulente Powerpointpräsentation die Drohkulisse der Umwälzungen am Arbeitsmarkt besonders plastisch in Szene gesetzt. Am 5. Oktober klang diese Gefahr allenfalls in Nebensätzen an. Stattdessen beeilten sich Markus Hartung und Prof. Cohen, die Potenziale der Legal Technology am Arbeitsplatz zu betonen. Konzentrieren dürften sich Anwälte zukünftig auf die emotionalen, zwischenmenschlichen, strategischen, abwägenden Bestandteile ihres Handwerks. Algorithmen würden ihnen nur die lästigen Bestandteile ihrer Tätigkeit abnehmen. Dafür würde es reichen, wenn sich angehende Juristen etwas mehr mit IT befassen, damit sie effektiv Routinearbeiten identifizieren und delegieren könnten.

Zieht mit der Legal Technology also doch das goldene Zeitalter herauf?

Nun, aus dem Blickwinkel der Verbraucher und Mandanten ist Herrn Hartung beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn Verbraucher Fluggastentschädigungen dank Legal Tech so einfach erlangen können, wie sie bei Amazon Bücher bestellen. Das heißt aber längst nicht, dass der juristische Arbeitsmarkt ebenso umfassend von der Legal Technology profitiert. Solche Zweifel ergeben sich schon aus einigen Zwischenbemerkungen der Referenten selbst, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollten.

Herr Hartung erwähnte, dass je nach Studie mittelfristig voraussichtlich 20-80% der bisherigen juristischen Stellen wegbrechen. Ob wir umgekehrt allein auf dem deutschen Anwaltsmarkt Verwendung für 34.000-140.000 Blockchain Lawyers (was immer das sein mag) und Legal Engineers haben, darf bestenfalls mit einem Fragezeichen quittiert werden. Das gilt insbesondere, wenn man folgende Randbemerkung Prof. Cohens zum amerikanischen Anwaltsmarkt bedenkt. Er verwies darauf, dass schon jetzt Senior-Partner führender Law Firms die unverhältnismäßig hohe Bezahlung ihrer Associates beklagen, da etwa deren Due Diligence Prüfungen weitgehend maschinell zu einem Bruchteil ihrer Lohnkosten durchführbar seien. Das weckt nicht gerade die Erwartung, dass die Legal Tech Revolution keine prekären Wald- und Wiesenanwälte mehr kennt, sondern nur Gewinner.

Wann wird das eiserne Zeitalter eingeläutet?

Ich bin ein Freund von Ovids Metamorphosen. Und anders als für Augustus Hofschreiber Vergil mündet deren kosmologische Entwicklung nicht zwingend in den goldenen Überfluss, sondern bekanntlich ins eiserne Zeitalter. So negativ muss und sollte man die Entwicklung in Mitteleuropas bester aller möglicher Welten natürlich nicht sehen. Auch nicht in der Legal Tech Szene. Aber dass die Zeiten in jedem Fall stürmischer werden, davon kündet auch Markus Hartungs bemerkenswert ehrliche Selbstreflektion am Ende seines Vortrags. Er sagte voraus, dass die Zeit der Keynotes von Legal Tech Geronten im Pullunder sich in einem Jahr erübrigt und an ihre Stelle gestandene Legal Tech Unternehmer treten.

Ganz so bald dürfte es aber womöglich nicht werden, wenn statt Blockchain und AI eher rucklige Skype-Verbindungen und unintelligente Flughafengepäcklogistik das Jahr 2017 prägen. Bis dahin bleibt Zeit, das vorzügliche Buffet von Hogan Lovells beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs und hoffentlich weiteren Veranstaltungen dieser Art zu genießen. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn Dr. Kuhlmann und die Referenten noch möglichst lange nicht durch IBM Watson und den Google Assistent ersetzt werden. Wie es um das Buffet bei Google steht, erfahren wir spätestens beim nächsten Legal Tech Meetup am 22. Februar.