Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.