3. Legal Tech Meetup Hamburgs

3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, ausgerichtet von Hogan Lovells, war für uns fast schon ein Pflichttermin. Immerhin bildet das Event neben der Bucerius Herbsttagung bislang den einzigen fest organisierte Treffpunkt der Branche in der Hansestadt. Anlass genug, einen Abend lang Konkurrenz, Gelehrte und Spektanten des Legal Tech Kosmos in Hamburg näher kennenzulernen.

Die Konkurrenz

Spannend war zunächst der Kontakt mit der Handvoll Legal Tech Startup Pionieren, die sich eingefunden hatten. Bemerkenswert daran war, dass Unterhaltungen mit ihnen ganz überwiegend zu einem Pitch ihrer jeweiligen Geschäftsidee gerieten. Das war zuweilen so ansteckend, dass man von Zeit zu Zeit selbst dazu überging, das eigene Geschäftsmodell zu bewerben. In manchen Gesprächsrunden wirkte es so, als hätte man auf einer Messe die Besucher vergessen und nur die Aussteller aufeinander losgelassen. Dabei war das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs eigentlich gar nicht als Schaulaufen für Startups konzipiert, sondern als informeller Austausch mit Vortrag.

Gründe für den Dauervertriebsmodus mancher Exponenten der Branche sind aber leicht gefunden. Wer es positiv sehen will, erklärt sich das Phänomen mit der Leidenschaft etlicher Start-Upler für die Legal Technology. Das betrifft fraglos die erfolgreichere Charge der Gründer, die jedes Recht hat, passioniert zu sein. Schließlich besteht für ihre Ideen eine echte Nachfrage.

Leider steckt hinter den Selbstvermarktungsallüren häufig keine allzu leidenschaftsweckendes Produkt. Genau damit geht aber meist ein anderer Anlass zum Dauerpitchen einher: der reine Kampf ums Überleben. Es ist schließlich so, dass die meisten ihre Unternehmung nicht mit eigenen Sparreserven ankurbeln, sondern wahlweise auf Investoren oder Darlehen zurückgreifen. Nun sind solche Geldgeber natürlich unterschiedlich gelassen, was die Rückführung ihrer Mittel angeht. Tatsache ist aber, dass weder Kredit- noch Wagniskapitalgeber ihre Zahlungen gerne abschreiben. Insofern sind es gerade auch seine Gläubiger, die einen jungen Legal Tech Entrepreneur in die Pedalen treten lassen. Das gilt insbesondere für diejenigen, deren Geschäftsidee doch nicht so sehr zündet, dass zuverlässige Tilgungsraten und Gewinnausschüttungen selbstverständlich sind. Und von denen begegnen uns auch in der jungen Legal Tech Szene leider einige.

Die Gelehrten

Das 3. Legal Tech Meetup Hamburgs hatte aber noch weit mehr zu bieten als mehr oder minder durchstartende Legal Tech Unternehmer unter den Teilnehmern. Erwähnung verdienen ebenso die Vorträge, mit denen das Event begann. Da war zum einen ein Impulsreferat einer BMW-Mitarbeiterin, deren Einlassungen mir gleichsam vor allem als Pitch für DriveNow in Erinnerung geblieben sind. Lesson learned: Wenn ein 15-minütiger Vortrag zu einem Drittel aus Image-Videos einer Firma besteht, hört die Schleichwerbung auf zu schleichen.

Was folgte, war ein Lehrstück in Sachen Powerpoint. Ich habe ja schon viele Vorträge gehört, bei denen die Drohkulisse disruptiver Technologien für den Rechtsmarkt in Szene gesetzt wird. Nun, beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs, war der Keynote Speaker Dr. Sascha Theißen hierfür zuständig. Und ich muss neidlos anerkennen: Er hat die Dramaturgie solcher Bühnenstücke perfektioniert. In einem Feuerwerk von Schaubildern, Videoclip-Einbettungen und bildgewaltigen Grafiken gewannen Innovationen wie AI und die Blockchain eine nie dagewesene Plastizität.

Dabei ist das Drehbuch des üblichen „Wie sieht die Zukunft des Anwaltsberufs aus?“-Vortrags eigentlich erstaunlich simpel gestrickt.

Erster Akt

Die Evergreens der Zukunftsmusik werden aufgelegt. Man hört, wie künstliche Intelligenz, die Blockchain und wahlweise noch die Smart Contracts den Anwalt obsolet machen. Fazit: Künftig werden KI-Roboter autonome Teslas voneinander bestellen. Zum Kauf besiegeln sie Smart Contracts, die in der Blockchain abgewickelt werden. Und wenn der künstlich intelligente Käufer wieder knapp bei Bitcoins ist und die Leasingrate nicht zahlt, fährt der Tesla halt einfach zum Hersteller zurück.

Zweiter Akt

Das wirft dann im Publikum unweigerlich eine Frage auf. Wo bleibt da eigentlich der Mensch? Im Falle von Legal Tech Events: Was gibt es in Zukunft für den menschlichen Juristen zu tun? Erste Antwort, die bei keinem Schauspiel dieser Gattung fehlen darf: Jedenfalls macht der Anwalt der Zukunft nicht mehr das, was er heute macht. Er muss seine Tätigkeit radikal neu erfinden.

Vorbei die Zeit, wo man Mandanten maßgeschneiderte Verträge anbieten und dafür Vertragsmuster aus gedruckten Formularhandbüchern abtippen durfte. Aber was macht ein erfolgreicher Anwalt in Zukunft stattdessen?

Dritter Akt

Nun darf der Redner sich an einer Lösung des skizzierten Problems versuchen. Und hier wird es dann meistens ernüchternd, so auch beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs.

Sicher wurden auch diesmal wieder einige Versuche unternommen, den richtigen Umgang mit der drohenden Disruption zu umreißen. Fehlen darf als Schlagwort nie der „Legal Engineer“, so als ob hierfür bald zehntausende Stellen ausgeschrieben würden und alle Anwälte fähig und willens wären, sich in Informatik-Kursen umfassend weiterzubilden. Mit von der Partie waren in Dr. Theißens Vortrag auch Phantomlösungen wie Breakout-Rooms für gestresste Mitarbeiter und Beispiele der Kundenfokussiertheit. Wegweisend sind demnach Amazons leerer Stuhl für den abwesenden Kunden im Besprechungszimmer. Oder Zalandos Gestaltung der Konferenzräume in der Optik von Kundenwohnzimmern. Ich will gar nicht bestreiten, dass solche Maßnahmen zum Erfolg eines Unternehmens beitragen können. Die gewünschte positive PR-Wirkung ist derartigen Schachzügen ohnehin gewiss. Aber man macht es sich doch entschieden zu einfach, wenn ein paar Kickertische im Büro und effizientere Abrechnungsmodelle als die billable hour ausreichen sollen, um sich für den strukturellen Wandel des Rechtsmarkts zu wappnen.

Katharsis?

So brachte Herr Dr. Theißen einmal mehr das zentrale Problem der Rechtsdienstleister ins Bewusstsein – und zwar rhetorisch brillant. Eine überzeugende Lösungsstrategie hat er indes nicht vorgelegt. Da ich derlei Vorträge allerdings zur Genüge kenne, will ich Herrn Dr. Theißen hierbei in Schutz nehmen. Dass keine richtige Lösung angeboten wird, liegt nicht an ihm, sondern vermutlich eher an der Thematik seines Bühnenstücks. Bei einer griechischen Tragödie ist auch kein Happy End vorgesehen. Ob es in Sachen Legal Tech so bleiben muss, ist nicht gesagt. Bisher muss man eines aber schlichtweg anerkennen. Der „Legal Engineer“ und die Suche nach neuen Kundenbedürfnissen und Märkten sind bestenfalls Provisorien. Wo allein die 164.000 deutschen Anwälte künftig arbeiten sollen, wenn der Google Assistant die Rechtsberatung übernimmt, dafür gibt es 2017 schlichtweg noch keine befriedigende Antwort.

Die Spektanten

Gefühlt dominierten Ende Juli beim 3. Legal Tech Meetup Hamburgs im Publikum aber gar nicht Redner und Konkurrenz, sondern Spektanten. Sprich: Legal Tech Interessierte ohne Zugehörigkeit zu einem Legal Tech Unternehmen. Dabei ist der Begriff Spektanten sicher nicht ganz glücklich, weil darunter auch etliche fallen, die immerhin in einer Kanzlei, Rechtsabteilung oder an einem Lehrstuhl vereinzelte Legal Tech Projekte betreuen. Wir sprechen in diesem Fall trotzdem von Spektanten, weil wir es nicht mit unmittelbarer Konkurrenz, mit Legal Tech Hardlinern zu tun haben, die nur noch an der Schnittstelle von Code und Recht arbeiten.

Mein persönlicher Eindruck ist hier sicher keine repräsentative Messgröße. Aber es regt doch zum Nachdenken an, dass die anwesenden Spektanten ein deutlich euphorisch-futuristischeres Verständnis von den Potenzialen der Legal Technology hatten. Ein Teilnehmer verstieg sich beim Buffet sogar zu der These, für die künftig überschüssigen Arbeitskräfte stünde mit der Virtual Reality doch eine hervorragende Lösung bereit. Apropos Buffet …

Der Gastgeber des 3. Legal Tech Meetup Hamburgs

Den größten Beitrag zum Gelingen des Abends leistete jedenfalls der Gastgeber Hogan Lovells und Nico Kuhlmann als Organisator im Besonderen. Das zeigte sich, wie so oft, nicht zuletzt an der ausgezeichneten Verpflegung nach den Vorträgen. Zu derartig gut geplanten und umgesetzten Veranstaltungen kommen wir gerne wieder.