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Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Posted by Jacob Weizmann on
Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Vor knapp zwei Monaten entspann sich um das Startup Geld für Flug einer der kuriosesten Vorfälle in der Legal Tech Szene. Es jagten einander zwei Paukenschläge, die für sich genommen schon rekordverdächtig sind. Noch erstaunlicher wird die Geschichte wohl aber dadurch, dass zwischen ihnen gerade einmal zwei Tage lagen. Was ist hier eigentlich passiert?

Die Ursprünge: Wo Geld für Flug herkommt

Unternehmensgründung

Die Fluggastentschädigungsbranche floriert bereits, da tritt 2017 ein neues Unternehmen auf den Plan: Geld für Flug. Mit seinem Geschäftsmodell richtet es sich zwar ebenfalls an Fluggäste, weicht aber von der Ausrichtung bisheriger Anbieter ab. Geld für Flug kauft keine Ausgleichsforderungen für Flugunregelmäßigkeiten, sondern Erstattungsansprüche für Ticketstornierungen. Damit erschließt das Startup einen Markt, auf dem ansonsten nur ein einziger Konkurrent agierte: der Fairplane-Dienst ticketrefund.de.

Und offenbar stellen sich alsbald die Erfolge ein. Nach eigener Aussage kauft das Startup bereits im ersten Jahr 10.000 Ansprüche auf und setzt sie gegen Airlines durch. 97% der Klagen wurde dem Vernehmen nach stattgegeben. Mitarbeiter wurden eingestellt, ein Büro in Düsseldorf bezogen. Wachstum wie am Reißbrett.

Lebensläufe

Gewissermaßen schreiben die Gründer damit ihre privaten Erfolgsgeschichten fort. Benedikt Quarch, der Jurist im Gründerteam, brillierte beispielsweise mit 15,6 Punkten im ersten juristischen Staatsexamen (2016). Und das schon als 22-Jähriger. Rechnet man das einmal zurück, zählt er zum ersten oder zweiten Jahrgang der EBS Law School in Wiesbaden und war bei Studienbeginn vermutlich höchstens 18 Jahre jung.

Für diese Station in der Vita gibt es zwei Lesarten. In Hamburg spöttelt man vermutlich, für die Bucerius Law School hätte es nicht gereicht und so sei es halt die EBS geworden – Hauptsache Privathochschule. Angesichts des hervorragenden Examensergebnisses sollte man allerdings eher neidlos feststellen: Vor allem steckt reichlich Pioniergeist dahinter, in diesem Alter eine völlig neu eingerichtete im Aufbau befindliche Fakultät zu wählen und dort schneidig sein Studium durchzuziehen.

Nebenbei erwarb Quarch übrigens noch einen BWL-Master und gründete eine Beraterbutze Agentur für Social Media. Was man halt so neben der Examensvorbereitung macht.

Ich muss schon sagen, die Geschäftsführer von Geld für Flug bohren überwiegend dicke Bretter. Jedenfalls wenn die ganzen Zahlen und Fakten stimmen, aber erst einmal habe ich keinen Grund, das zu bezweifeln.

Der große Wurf: Rekordinvestition in Geld für Flug

Persönlich und geschäftlich haben die Gründer schon bis 2018 eine beachtliche Karriere hingelegt. Doch was nun folgte, wirkt nicht mehr bloß wie eine Anekdote von Musterschülern, sondern erinnert eher an die Mythen von Einhornzüchtern aus dem Silicon Valley. Kein Jahr nach der Gründung empfing Geld für Flug eine Finanzierungsrunde, deren Volumen mit 25 Mio. Euro für die deutsche Legal Tech Szene vermutlich alles bisher dagewesene in den Schatten stellt. Ich sage bewusst, man „empfing“ diese Investition. Denn laut den Gründern musste man sich darum nicht einmal bewerben. Glaubt man der Darstellung, kam Herr Maschmeyer von sich aus auf das Startup zu und fragte, ob er investieren dürfte. Wer auf Vox in der Höhle der Löwen um eine Audienz bittet und auf Knien 250.000 Euro Seed-Money erhustlelt anfragt, fällt bei so etwas wahrscheinlich vom Glauben ab.

Im Fall von Geld für Flug lesen sich die Berichte zur Finanzierungsrunde dagegen wie trockener Wirtschaftsjournalismus. Das steht im Handelsblatt zwischen Meldungen über Milliarden-Konsortialkredite für Großunternehmen und neuen M&A-Deals internationaler Konzerne. Für normale Legal Tech Startups klingt die Entwicklung geradezu sensationell. Dass die Nachricht bei Geld für Flug stattdessen mit der Nonchalance des Wetterberichts vorgetragen wird, spricht dafür, dass Gründer und Reporter das Unternehmen bereits in einer anderen Liga sehen. Gerade die Nüchternheit der Handelsblatt-Mitteilung vom 18. März bezeugt eindrucksvoll den Aufstieg vom Sandkasten in die Königsklasse, von 0 auf 100 in unter zwölf Monaten.

Schwindelerregend war hierbei nicht nur die Flughöhe, sondern ebenso die Zeit, in der Geld für Flug auf dieses Niveau geschossen war. Ich kannte offen gestanden bis vor zwei Monaten nicht einmal den Namen des Unternehmens. Und das obwohl wir bei DiRiSo von Berufs wegen schon ein wenig mit Fluggastportalen zu tun haben. Ähnlich ging es scheinbar den Kollegen beim Legal Tech Blog, dem Zentralorgan der Legal Tech Szene. Hier datiert die erste Auseinandersetzung mit dem Startup vom 30. April. Man muss sich das so vorstellen: Man erfuhr, dass die Branche gerade überflügelt wurde, ehe man wusste, von wem.

Ein unerwartetes Problem

Genauso blitzartig ging die Entwicklung dann weiter. Überrumpelt wurden diesmal auch die Gründer selbst. Nur zwei Tage nach Vermeldung der Rekordinvestition fasste der BGH das erste Grundsatzurteil zu jenem Regelungskomplex, auf dem das Geschäftsmodell von Geld für Flug fußte.

Dass das Unternehmen so lukrativ stornierte Ticketpreise gegen die Fluggesellschaften einfordern konnte, beruhte im Wesentlichen auf dem Zweifel einiger Instanzgerichte an der Wirksamkeit von Stornierungsklauseln. Die entsprechende Rechtsprechung hielt es für unzulässig, dass die AGB günstiger Tarife eine Erstattung bei Stornierung ausschließen. In der Folge konnte Geld für Flug reihenweise Rückzahlungen durchsetzen. Gegenrechnen durfte die Airline höchstens einen nicht ersparten Aufwand, wenn ein leerer Platz im Flieger nicht anderweitig besetzt wurde.

Dieser Urteilspraxis bereitete der BGH am 20. März ein jähes Ende (Urt. v. 20. März 2018, Az.: X ZR 25/17). Das Gericht entschied: Wer zum Spartarif bucht, der zahlt dafür den „Preis“, dass er bei Stornierung die Ticketkosten eben nicht weitgehend zurückverlangen kann. Abgesehen von Steuern und Gebühren, die mangels Flugantritt der Airline erspart bleiben, muss eine Fluggesellschaft hiernach nichts mehr zurückzahlen. Da Steuern und Gebühren sich pro Person für die allermeisten Flüge auf 30-80 € belaufen, verursachen sie meist nur einen Bruchteil des Ticketpreises. Geld für Flug argumentiert in dieser Situation natürlich durchaus zutreffend, dass bei manchen Billigfliegern über die Hälfte der Kosten aus Steuern und Gebühren resultieren. Das ändert aber nichts daran, dass es in absoluten Zahlen nur um jeweils 30-80 Euro geht, von denen Geld für Flug zudem noch die eigene Provision einbehält.

Die Konsequenz

Es ist dennoch nachvollziehbar, wenn sich das Startup nun kämpferisch gibt und ankündigt, das Geschäftsmodell irgendwie weiterzuführen. Die harten Fakten mischen die Karten aufgrund des Urteils nun aber erstmals zu Ungunsten des Gründertrios – und zwar deutlich. Denn mal ehrlich: Wen interessiert eine Erstattung von 40 €, von denen Geld für Flug dann noch einmal 10-20 € für sich abzieht? Wie viele zigtausend Fälle dieser Größenordnung muss das Unternehmen abwickeln, um mit solchen Mikro-Margen die laufenden Kosten zu decken? Wie fern liegt es noch, dass die Airlines einfach freiwillig diesen Bruchteil vom Ticketpreis auszahlen und damit den Markt für Factoring-Dienste endgültig zerstören?

Der einzige Konkurrent Ticketrefund hat deshalb schon erklärt, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Geld für Flug schaltet unterdessen auch keine Adwords-Werbung mehr. Es hat den Anschein, als sei der kometenhafte Aufstieg beendet – um es vorsichtig auszudrücken.

Fazit?

Ich weiß noch nicht ganz, welche Lehre man aus der Geschichte ziehen soll. Im ersten Moment schien mir der Vorfall die Ambitionen der gesamten Legal Tech Branche zu dämpfen, der es noch immer an einer Lichtgestalt vom Format Airbnbs oder Amazons fehlt. Gerade angesichts der aussichtsreichen Lebensläufe der Gründer lag diese Lesart nahe.

Bei näherer Betrachtung war die Millionen-Investition allerdings viel überraschender als das Urteil des BGH. Denn wer eine Rechtsdienstleistung auf einem Markt ohne gefestigte Rechtsprechung anbietet, der sichert sich zwar den first-mover Vorteil. Ebenso sehr riskieren Pioniere aber auch, dass höhere Gerichte ihrem Geschäftsmodell alsbald den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Causa Geld für Flug liefert hierfür leider ein warnendes Beispiel.