Daily Archives

One Article

Legal Tech Ideas

Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Posted by Jacob Weizmann on
Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Der erste praktische Versuch

Vor einigen Monaten las ich einen Artikel, in dem ein Autor seine Webplattform als ein Spotify für Juristen anpries. Ich meine, die Behauptung stammt aus einem Interview mit dem Legal Tech Blog. Eine Google-Recherche brachte allerdings nicht den gewünschten Treffer. Und leider erinnere ich mich auch so nicht mehr an den Namen des Unternehmens. Denn so richtig wert war er es auch nicht, im Gedächtnis zu bleiben. Aber nicht, weil ein Spotify für Juristen per se unattraktiv wäre.

Mich irritierte vielmehr der Entschluss des interviewten Gründers, seinen Dienst auf Mustervereinbarungen zur Lizenzierung geistigen Eigentums zu beschränken. Das wäre in etwa so, wie wenn sich Spotify auf Thrash Metal Bands aus Gambia beschränken würde. Und das ließe es von vorn herein zweifelhaft werden, ob ein solches Produkt die nötigen Einnahmen erzielen kann. Denn mit gambischen Metal Heads ist es ähnlich wie mit IP-Anwälten und deren Kunden. Es gibt einfach nicht so schrecklich viele von ihnen. Und dementsprechend fraglich ist es, ob eine Plattform trotz solcher Selbstbeschränkung prosperieren kann. Letztlich bräuchte sie im Gegenteil eine Masse an Nutzern, weil ihr Alleinstellungsmerkmal in vielfältigem Angebot und niedrigen Nutzungsgebühren pro Kopf besteht.

Spotify für Juristen jeder Façon – in der Theorie

Für mich war die Sache damit aber nicht beendet, sondern fing gerade erst an, interessant zu wirken. Denn was der eine Gründer leichtfertig links liegen lässt, taugt als des anderen Geschäftsmodell. Und deshalb flammte bei DiRiSo kurzfristig die Diskussion auf, ob ein Spotify für alle Juristen die große Idee ist, die der Legal Tech Szene bisweilen noch fehlt.

Denn Reiz und Herausforderung der Legal Technology zugleich liegt ja darin, dass den Kanzlei-Spinoffs, Coworking-Spaces und juppigen Hackathons bis heute noch kein Konzept entstieg, das die Branche so zu dominieren vermag wie Google die Suchmaschinen, Amazon den E-Commerce und Whatsapp die PN-Dienste. In der Legal Tech Szene herrscht noch Goldgräber-Stimmung wie im Wilden Westen.

Trittbrettfahrer der Sharing-Economy

Aber vielleicht braucht es ja nur ein Spotify für Juristen, damit die Branche ihren Champion findet, ihr Goldminen-Großunternehmen inmitten einzelner emsiger Schürfer. Potenzial schien die Idee im ersten Zugriff allemal zu bieten. Denn sie verinnerlicht einen Grundgedanken, auf dem die allermeisten Einhörner der Sharing-Economy aufbauen. Während Spotify nur als Intermediär auftritt, stammt die vermittelte Leistung von anderen: von den Künstlern. Bei Airbnb sind es die Vermieter, bei Uber die Autofahrer, bei Amazon die Hersteller und so weiter.

Ihr spektakuläres Wachstum garantiert diesen Unternehmen ihre Entscheidung, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen, statt die angebotene Leistung selbst anzubieten. Das spart Personal  und dieses Kostenersparnis lässt sich an die Kunden weitergeben, indem ihnen ein strukturell günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis gewährt wird.

Punkt für ein Spotify für Juristen: Es basiert auf derselben Idee. Ein entsprechendes Unternehmen könnte sich somit an die Spitze des Marktes setzen. Denn selbst etablierte Unternehmen wie legalzoom und janolaw liefern seit 2001 lediglich ihre selbstständig entworfenen Verträge. Gewiss sind solche Vorlagen ausgefeilter als die nächstbeste Beck-Online-Vorlage, aus der Kanzlei XY ihren Mandanten einen Standardvertrag zusammenzimmert. Und obendrein profitieren die Kunden der Online-Anbieter von wesentlich niedrigeren Festpreisen für das gewünschte Vertragswerk.

Aber eine Sharing-Economy-Lösung könnte noch einmal darüber hinausgehen. Denn indem ihr ein umfassendes Netzwerk von Anwälten Vertragsmuster bereitstellt, kann sie Kunden die relativ besten Vorlagen liefern. Ein Bewertungssystem wie auf Amazon würde rasch die Qualität der einzelnen Muster gegenüberstellen und die Auswahl des Optimums erleichtern. Kunden bekämen den besten Wert für einen Preis, der vermutlich unter dem von legalzoom oder janolaw liegt. Immerhin zahlt der Preis der Vorlagen dort die Löhne der vertragseditierenden Mitarbeiter. Ein Spotify für Juristen müsste voraussichtlich nur eine geringere Vergütung entrichten. Schließlich liegen die bereitgestellten Vertragsmuster bei ihren Urhebern wahrscheinlich ohnehin in der Schublade, sodass ihnen bereits ein Obolus genügen könnte, wenn die Plattform ihre Vorlagen Dritten überlässt. Hinzukommt, dass janolaw und Co. für ihre vertragsentwerfenden Angestellten Sozialversicherungsbeiträge schulden, ein Spotify für Juristen für seine „Zulieferer“ hingegen nicht.

Ein Maximum an Qualität für ein Minimum an Kosten: in keinem Geringeren besteht die Verheißung eines Geschäftsmodells, das sich an die Versen der Sharing-Economy heftet.

Die Tücken der Wirklichkeit

Doch sobald man das Konzept in die Realität der Rechtsdienstleistungen projiziert, fällt es dann doch nicht mehr so rosig aus. Letztlich scheitert die Idee an den Besonderheiten des Produkts, genauer: an seinen Herstellern und Konsumenten.

Welchem Anwalt macht Teilen Spaß?

Der Anwalt ist nämlich kein Musiker, der sich damit zufriedengibt, ein paar Euro pro tausend Abrufe seines Werkes zu verdienen. Eher lässt er seine Vertragsmuster in der Schublade vegetieren, als sein prächtiges aus Textbausteinen zusammengetackertes Schmuckstück zu einem geringen Preis online wohlfeil zu bieten. Das mag zwar ökonomisch nicht sinnvoll sein. Aber es dürfte dem Argwohn entsprechen, mit dem die breite Masse der Anwälte einer Öffnung ihrer Archive für die freie Vermarktung begegnet.

Welcher Konsument weiß den besten Vertrag zu schätzen?

Und selbst wenn man genügend „Lieferanten“ für ein Spotify für Juristen fände, so implodiert das Geschäftsmodell spätestens mangels Nachfrage. Denn die allermeisten Kunden wissen zwar einen Qualitätsmixer von einem minderwertigen zu unterscheiden, aber eben keinen guten Vertrag von einem schlechten. Dem Laien erweist sich die Güte einer Vereinbarung allenfalls im Streitfall, wenn ihm sein Anwalt sagt: „Sie haben aber einen ungünstigen Vertrag geschlossen“. Ist ein Vertrag hingegen besonders umsichtig gestaltet und vermeidet er dadurch Konflikte, fällt das naturgemäß nicht auf.

Unterdessen bereitet es sogar Juristen Schwierigkeiten, von vorn herein die Qualität einer Vereinbarung zu beurteilen. Die Ausbildung befasst sich nämlich kaum mit praktischer Vertragsgestaltung und im Beruf ist ein Jurist mit den qualitätsstiftenden Feinheiten eines Vertragswerks allenfalls in seiner Nische befasst – also tendenziell dort, wo er nicht auf das Muster einer Plattform zurückgreifen wird, die ihn um dessen Bewertung bittet.

Es ist also höchst zweifelhaft, ob Nutzer über hinreichende Informationen verfügen, um Verträge sachgemäß zu bewerten und damit einem Spotify für Juristen dazu zu verhelfen, die relativ besten Muster herauszuheben. Noch fataler ist es, dass vermutlich nicht einmal fünf Sterne an einem kostenpflichtigen Vertrag dazu motivieren, ihn entgeltlich aufzurufen. Denn sowohl Juristen als auch Nichtjuristen stehen in der Regel hinreichende Alternativen ohne Mehrkosten offen. Für die allermeisten Vertragstypen finden sich im Internet zumindest rudimentäre kostenlose Vorlagen. Sie dürften dem Laien ebenso zweckmäßig scheinen wie eine kostenpflichtige Version. Der Jurist wird zudem auf Beck-Online fündig. Und selbst wer die Qualität von kostenfreien Mustern oder solchen von Beck-Online anzweifelt, mag kaum den Klassenunterschied feststellen zwischen der Vorlage eines mit fünf Sternen bewerteten Unternehmen wie janolaw und einer mit fünf Sternen bewerteten Vorlage auf einem Spotify für Juristen.

Ergebnis

Solche Widrigkeiten machen klar, dass Konzepte wie das von Spotify aus anderen Branchen nicht ohne weiteres für den Rechtsmarkt taugen. Denkbar scheint zwar, dass sich ein Unternehmen mit einem derartigen Geschäftsmodell etabliert. Eine Milliarden-Dollar-Idee lässt sich damit aber nicht verwirklichen. Für die Legal Tech Branche fehlt sie auch weiterhin.