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Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Posted by Jacob Weizmann on
Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Rhetorikbücher: die Wiederkehr des Immergleichen

Ich bin neulich auf ein Buch gestoßen, das rhetorische Schreibempfehlungen gibt, genauer: Empfehlungen für digitales Schreiben. Digitales Schreiben meint Schreiben mit einem Textbearbeitungsprogramm wie Word. Anders funktioniert die Texterstellung im Beruf heute ohnehin nicht mehr. Insofern thematisiert eigentlich jeder Stilratgeber mit Erscheinungsdatum nach der Jahrtausendwende nicht bloß irgendeine Texterzeugung, sondern digitales Schreiben.

Trotzdem – und so ist es auch bei besagtem Buch – unterscheiden sich die neueren Werke hierzu nur unwesentlich von denen aus dem letzten Jahrhundert. In einigen Teilen, etwa bei stilistischen Vorgaben, ist das durchaus sachgerecht. Der Schreibprozess zielt und zielte ja stets auf das gleiche Endprodukt und auf ähnliche Lesererwartungen daran. Deshalb verwundert es nicht, dass digitales Schreiben ein ähnlich lesbares Resultat hervorbringen sollte wie analoges und dass sich dessen Güte nach ähnlichen Faktoren bemisst.

In einem Punkt verwundert es aber, dass der Inhalt der Ratgeber nie eine Überarbeitung erfahren hat. Die Darstellung des idealtypischen Schreibprozesses entspricht immer noch der klassischen Vorgehensweise, der schon antike Rhetorikgrößen wie Cicero folgten. So lernte man das vor und nach der Jahrtausendwende im Deutsch- und Lateinunterricht. Und so lernt man das Prozedere vermutlich auch noch heute: erst die grobe Orientierung und Ideenfindung (Inventio), dann die Erstellung einer Skizze (Dispositio), schließlich das Ausformulieren (Elocutio) und dann noch die erste Überarbeitung (Verificatio) und zuletzt der Feinschliff (Revisio).

Wann der Schreibprozess in nur fünf Schritten gelingt

Außerdem kennen die meisten noch abgekürzte Versionen hiervon. Die juristische Klausur etwa verlagert die Inventio auf die Sichtung des Sachverhalts oder der Akte. Darauf folgen als Dispositio und Elocutio nur die Lösungsskizze und deren Ausarbeitung. Redaktionelle Durchgänge hingegen sieht die knappe Bearbeitungszeit in der Regel nicht vor.

Ineffizient ist dieser Prozess prinzipiell nicht. Deswegen halten sich zigtausende Nachwuchsjuristen in Klausuren sklavisch an dieses Muster und zwar mit gutem Recht. Zum Problem wird der Ablauf allerdings dort, wo mit den ersten drei Phasen jeweils eine Recherche einhergehen muss.

Analoges Schreiben als Vorgang in acht Akten

Digitales und analoges Schreiben erfordern spätestens bei wissenschaftlichen Abhandlungen ein sorgfältiges Quellenstudium. Und zumindest für die klassische Form der Texterstellung offenbart sich dabei auf den zweiten Blick ein struktureller Auslöser für Ineffizienz:

Um ein grobes Konzept, später eine Skizze und zuletzt eine ausgearbeitete Version mit fertigem Fußnotenapparat anzufertigen, muss der Verfasser nämlich zuvor jeweils seine Informationsgrundlage zusammentragen. Zunächst rudimentär, nachher gründlicher und schließlich im Detail. Und jeweils danach wandert das Auge erst einmal auf die Entwicklung des darauf fußenden Grobkonzepts, Gliederungsgerüsts bzw. Entwurfs. Dieser Zwischenschritt trübt unweigerlich ab einer gewissen Komplexität der Ausarbeitung das Bewusstsein für den genauen Inhalt der Quellen. Der Autor ist somit wenigstens beim analogen Schreiben gezwungen, relevante Stellen erneut nachzuschlagen, den Kontext von Exzerpten wiederholt zu prüfen und sukzessive Details festzustellen.

Sich dabei jedes Mal aufs Neue in die zuvor schon gesichtete Quellenlage hineinzufinden, kostet Zeit. Inklusive der drei Recherchedurchgänge ergeben sich für einen Autoren somit acht Entwicklungsstadien. Einen Teil dieser Zeit könnte man sich sparen, wenn man die Informationsgrundlage stets vor Augen hätte, während man auf dieser Basis den Text konzipiert, skizziert oder ausformuliert.

Digitales Schreiben als Prozess in vier Schritten

Digitales Schreiben liefert hierzu Wege und Möglichkeiten. Im ersten Moment denkt man hierbei an Zitatverwaltungssoftware wie Citavi, in die man Exzerpte und Zusammenfassungen der studierten Quellen werkbezogen eintragen kann, um anschließend daraus Fußnoten zu generieren. Und in der Tat sollte man unbedingt auf solche Hilfsmittel zurückgreifen. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein, wie sich Quellenstudium und Textanfertigung parallel zueinander bewerkstelligen lassen. Denn dafür muss man die Sichtung der Informationsbasis noch stärker mit der Textproduktion verschränken.

Das funktioniert zum Beispiel, indem man die hergebrachte Vorgehensweise so modifiziert, dass nur noch eine kurze Konzeptionsphase, eine Entwicklungsphase und zwei Korrekturrunden übrig bleiben.

Schritt 1: Abstrakte Gliederung

Man beginnt also mit einer themenunabhängigen Grobkonzeption, die mit jedwedem materiellen Gehalt der Quellen und des späteren Textes kompatibel ist. Bis zu einem gewissen Grad kann man eine solche generische Struktur bereits völlig ohne Vorabrecherche entwickeln. Das abstrakte Gliederungsgerüst orientiert sich nämlich je nach Texttyp sinnvollerweise an einem etablierten Muster.

Im Falle einer Seminararbeit etwa diktieren bereits sachlogische Zwänge erste Konturen des Aufbaus: Letztlich gilt es immer, zu einem Befund zu gelangen, der eine anfangs aufgeworfene Forschungsfrage beantwortet. Dieser steht am Ende einer Prüfung, die sich unmittelbar davor im Hauptteil vollzieht. Welche Aspekte sie berücksichtigt und warum und mit welcher Methode die Untersuchungsgegenstände hierauf geprüft werden, klärt ein maßstabsbildendes Kapitel im Anschluss an die Einleitung. Ohne ein solches richtet sich die Prüfung nämlich zwangsläufig nach unausgesprochenen und deshalb im Zweifel rein intuitiven Kriterien. Das aber wäre ihrer Transparenz und Nachvollziehbarkeit abträglich und würde ihren wissenschaftlichen Erkenntnismehrwert schmälern.

All dem ist zusätzlich noch eine Einleitung voranzustellen, die vier Zwecke erfüllt. Sie führt erstens zur Forschungsfrage hin, erklärt hierbei zweitens deren Relevanz, stellt drittens das Untersuchungsprogramm der folgenden Kapitel dar und steckt viertens auch den Umfang der Abhandlung ab. An dieser Stelle bietet es sich insbesondere an, die Grenzen der Untersuchung festzulegen. Also sprich: Welche möglichen Untersuchungsgegenstände, Teilaspekte der Forschungsfrage, Prüfungskriterien usw. bleiben außer Betracht? Welche Prämissen werden gesetzt? Und warum?

Für etliche wissenschaftliche Ausarbeitungen ergibt sich somit unabhängig von ihrem Thema das Ordnungsschema:

A. Orientierung

I. Untersuchungsrelevanz

II. Untersuchungsfrage

III. Vorgehensweise

IV. Umfang, Grenzen und Prämissen

B. Prüfungsmaßstab

C. Untersuchung (Anwendung des Prüfungsmaßstabs auf den Untersuchungsgegenstand)

D. Befund

Schritt 2: Entwicklungsphase

Ist ein solches Grundgerüst einmal konzipiert, kann man es ohne weiteres mit relevanten Informationshappen aus dem Quellenstudium befüllen. Dabei sollte man beim Querlesen nicht nur relevante Original-Aussagen dokumentieren, sondern ebenso eigene Gedanken dazu (also zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung fremder Thesen und die Gründe hierfür). Im besten Fall speichert man solche Exzerpte jeweils in einer Zitiersoftware und platziert sie in Gestalt von Direktzitaten, Kurzzusammenfassungen und ersten Kommentaren direkt im jeweils passenden Abschnitt des anzufertigenden Dokuments.

Eine Zitiersoftware bietet den Vorteil, dass man per Mausklick sämtliche Informationsschnipsel mit Angabe der Fundstelle in einer Fußnote versehen kann. Das erspart bei der Ausformulierung, Nachweise erneut mühselig zusammenzusuchen und zu formatieren. Der primäre Mehrwert des Prozesses zeigt sich allerdings darin, dass das bloße ordnende Zusammenstellen von Wissenselementen in der abstrakten themenunabhängigen Grundstruktur eines Textes nach und nach von allein eine sinnvolle Detailgliederung nahelegt.

Hierzu kommt es bei der dargestellten Methode nahezu intuitiv. Denn je mehr Informationshappen in die groben Abschnitte des späteren Textes einsortiert werden, umso weiter steigt der Bedarf, diese wiederum untereinander in Beziehung zu setzen und zu ordnen. Dadurch lassen sich bereits während der Literaturrecherche Unterabschnitte und deren argumentative Struktur herausbilden. Die fortlaufende Verarbeitung der gesichteten Wissenselemente fügt sich so bereits in einer einzigen Recherchephase in die Form des Konzepts.

Indem verschiedene Quellen aufeinander reagieren und zudem weitere Fundstellen zitieren, ergeben sich außerdem schon bei der erstmaligen Sichtung weitere Rechercheobjekte. Und je weiter die relevanten Quellen offen gelegt und studiert werden, desto mehr fördert deren Einordnung in die Gliederung des Textes dessen Detailtiefe, Gedankengang und Gehalt. Kurzum: Bei dieser Vorgehensweise wandert der Blick des Autoren nicht mehr umständlich zwischen seinen Quellen und seinem eigenen Erzeugnis hin und her. Vielmehr betrachtet er Quelle für Quelle, die Oberfläche der Zitiersoftware und das wachsende Dokument seines Textes nebeneinander auf seinem Bildschirm oder – besser – seinen Bildschirmen. Sind alle Quellen einmal abschließend erfasst, muss der Autor die Informationshappen nur noch glätten, sodass sich die ohnehin geschaffene kohärente Gedankenabfolge auch im Lesefluss widerspiegelt.

Aus meiner eigenen Erfahrung beschleunigt diese nahtlose Verzahnung von Quellenexegese und Textgenese die Schreibarbeit signifikant. Meines Erachtens zeichnet neben der Tippgeschwindigkeit und dem elektronischen Datenformat gerade dieser zentrale Mehrwert digitales Schreiben aus.

Schritte 3 und 4: Korrekturschleifen

Auch digitales Schreiben gelangt natürlich nicht ohne Zusatzschritte zur Veredelung. Dass dafür zwei Lektoratsrunden eingeplant werden, hat sich scheinbar bereits in der Antike bewährt und bewährt sich meines Erachtens ebenso im 21. Jahrhundert. Fruchtbar ist es vor allem, in einem ersten Schritt den eigenen Text selbst zu lektorieren und anschließend das Feedback anderer einzuholen (Peer Review).

Weitere Überlegungen

Digitales Schreiben bietet das Potenzial zur zügigeren Texterstellung. Das deuten schon die hiesigen Bemerkungen an. Gleichfalls stellen die obigen Überlegungen klar, dass die Verwendung von Word statt Kugelschreiber nicht automatisch Effizienzgewinne verspricht. Jedenfalls keine, die über die eine bloße überlegene Tippgeschwindigkeit hinausgeht. Strukturelle Beschleunigungen des Erzeugungsprozesses verschafft digitales Schreiben erst, wenn der Autor mithilfe der nötigen technischen Mittel konsequent das Quellenstudium parallel und nicht mehr abwechselnd zur Textproduktion bewältigt.

Warum das so ist und wie digitales Schreiben möglichst gewinnbringend organisiert werden kann, dürfte schon aus dem bisherigen Artikel deutlich werden. Nichts gesagt ist damit freilich über weitere Chancen, die die Digitalisierung für die Texterzeugung mit sich bringt. Gemeint sind dabei beispielsweise Ansätze, gelungene Texte zu recyceln oder zu kombinieren. Bei Gelegenheit werde ich diesen Beitrag daher um entsprechende Ausführungen ergänzen oder einen weiteren Artikel hierzu hinzufügen.