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Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Tech 2018: Bestandsaufnahme der deutschen Branche

Für die Digitalisierung der Rechtsdienstleistungen bewahrheitet sich zurzeit die Prognose, die noch 2017 vermutlich die wenigsten für realistisch hielten. Der Markt tritt auf der Stelle. Dass Legal Tech 2018 in Deutschland stagnieren würde, ahnten vermutlich die wenigsten in der allgemeinen Aufbruchstimmung der letzten Jahre. Wahrscheinlich würden die meisten noch nicht einmal heute zu dieser Diagnose gelangen. Aber je mehr Gespräche ich mit den Vertretern der einzelnen Anbieter von Legal Tech 2018 führe, desto mehr bestätigt sich der Befund, den ich hier schon einmal vorwegnehme.

Die meisten Unternehmen kommen über die Runden, verdauen die bisherige Expansion, wachsen moderat weiter, operieren stabil. Von Niedergang ist nicht viel zu spüren – aber eben auch nichts von revolutionären Geschäftsmodellen. Und da sich weder in die eine noch in die andere Richtung nennenswert etwas bewegt, spreche ich von Stagnation. Genau das aber ist auf den zweiten Blick ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Wild-West-Ära von Legal Tech 2018 und wahrscheinlich darüber hinaus noch ein Weilchen fortdauert. Zumindest für Goldgräber in spe sind das hervorragende Nachrichten.

So. Das waren genug gewagte Thesen für den Einstieg. Kommen wir zur Marktanalyse, auf die ich meine Einschätzung stütze.

Legal Tech Unternehmen heute

Im Grunde zerfällt die Branche für Legal Tech 2018 in drei gut abgrenzbare Lager. Da sind zum einen die so genannten Marktplätze, die Nutzer mit einem Rechtsproblem an Anwälte vermitteln, ohne selbst einen Beitrag zu dessen eigentlicher Lösung zu leisten. Zum anderen haben sich etliche Anbieter für Kanzleisoftware positioniert. Darüber hinaus finden sich für etliche einzelne Verbraucheransprüche Portale, die per Inkasso oder Factoring die Abwicklung übernehmen. Eine ziemlich vollständige Übersicht aller Unternehmen in den jeweiligen Sparten führt das so genannte Legal Tech Verzeichnis.

In allen genannten Bereichen steigt die Zahl der Anbieter. Und zwar in mehrerer Hinsicht. Sowohl nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die ein bestimmtes einzelnes Rechtsproblem bearbeiten, als auch die Zahl der Rechtsprobleme, für die Abhilfe geboten wird. Bewegten sich noch 2011 beispielsweise am Markt der Fluggastportale fast nur Flightright, Fairplane und EUClaim sind bis heute mindestens einige Dutzend Konkurrenten dazugekommen. Gleichzeitig gibt es bei Weitem nicht mehr bloß im Reiserecht eine Legal Tech Lösung für Verbraucher: Um das Straßenverkehrsrecht kümmern sich diverse Anbieter wie geblitzt.de. Als Helfer im Sozialrecht hat sich vor allem rightmart einen Namen gemacht. Gegen unzulässige Mieterhöhungen und Mietnebenkostenabrechnungen kämpft zum Beispiel Mineko. Bei der Kündigung von Lebensversicherung unterstützt unter anderem helpcheck, bei der Rückabwicklung des Kaufs von Diesel-PKW myright und beim Einfordern einer Abfindung Abfindungsheld.

Was im ersten Moment wie ein kraftvolles Wachstum der Branche aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Stagnation. Das hat mehrere Gründe:

Kontinuität, nicht Quantensprünge

Klar erkennbar ist zunächst, dass sich die Branche in gefestigten Bahnen bewegt. Es findet bestenfalls eine Skalierung statt, keine Disruption. Es kommen keine grundverschiedenen Geschäftsmodelle hinzu, es werden nur bestehende kopiert und auf weitere Rechtsprobleme gesetzt – und zwar bezeichnenderweise zunehmend auf Nischen mit weniger Umsatzpotenzial und weniger Marge.

Bestes Beispiel sind die Entwicklungen, die Legal Tech 2018 im Reiserecht vollzieht: Das neueste Angebot dürfte hier noch am ehesten darin bestehen, dass inzwischen auch Dienstleister mit Erstattungen für stornierte Tickets weiterhelfen sowie mit Bahnentschädigungen. Erstere richten sich aber weitgehend nach den Buchungsbedingungen der Airlines, die meistens nur einen Bruchteil des Ticketpreises für erstattungsfähig erklären. Dementsprechend gering sind die Beträge, die Startups wie Geld für Flug für stornierte Tickets auszahlen können (wir berichteten hier über Geld für Flug).

Es mag im Übrigen auch einen Markt für Bahnentschädigungen geben, jedoch ist er ungleich kleiner als der für Fluggastentschädigung. Denn die Erstattungsansprüche und somit die möglichen Provisionen für Legal Tech Unternehmen fallen bei Bahnreisen weitaus kleiner aus als bei Flügen. Im schlimmsten Fall schuldet die Deutsche Bahn bei über zweistündiger Verspätung eine hälftige Erstattung des Ticketpreises. Selbst bei einem Fahrkartenpreis von 100 € stehen dem einzelnen Reisenden also bestenfalls 50 € zu. Der Ausgleichsanspruch bei einer Flugunregelmäßigkeit beträgt nach Art. 7 FluggastrechteVO 250-600 €, also das fünf- bis zwölffache der Bahnentschädigung. Hinzukommt, dass die FluggastrechteVO auf Flüge europaweit Anwendung findet, während Erstattungsansprüche gegen die Deutsche Bahn naturgemäß nur deutsche Zugverbindungen betreffen.

Mehr Angebot, gleiche Nachfrage

Ein weiteres Problem der aktuellen Entwicklung ist das Überangebot, auf das Legal Tech 2018 zusteuert. Nur weil inzwischen einige Dutzend Anbieter Fluggästen dabei helfen, ihre Entschädigung einzufordern, nimmt noch lange nicht die Zahl der Verspätungen zu. Stattdessen konkurriert die wachsende Zahl der Fluggastportale um eine mehr oder weniger konstante Menge an potenziellen Kunden.

Und je weiter man gemeinsam die Nachfrage deckt, desto mehr jagen sich die Konkurrenten nur noch gegenseitig Marktanteile ab, wie dies in Deutschland bei Fluggastrechten bereits der Fall zu sein scheint. Das erhöht für alle Betroffenen die Werbeausgaben, senkt die möglichen Gewinnmargen und reduziert damit zudem das Potenzial für Research & Development. Verkürzt heißt das, Legal Tech Unternehmen bringen 2018 mehr mit dem Verwalten zu als mit dem Gestalten. Das wiederum verkleinert den Spielraum für Innovationen und disruptive Geschäftsmodelle.

Dabei betrifft die Problematik des Überangebots einige Sparten noch weit schlimmer als den Markt der Fluggastrechte. Richten wir einmal den Blick auf das B2B Segment. Hier fossilieren sich die wenigen Komplettangebote für Kanzleiorganisationssoftware, während ansonsten ein Flickenteppich spezifischer Anwendung für einzelne Rechtsprobleme entsteht, der über die Nachfrage hinausschießt.

Kanzleiorganisationssoftware

Zunächst gibt es einige Komplettlösungen für Kanzleien (z.B. RAMicro) und Rechtsabteilungen (z.B. LeCare), deren Mehrwert intuitiv einleuchtet. Sie decken eine breite Funktionspalette ab, verlangen für ihr breit gefächertes SaaS-Modell eine Lizenzgebühr und tausende Kunden wissen: Wenn ich diesen einen Preis zahle, bin ich rundum ausgestattet. Wenig verwunderlich zählte derartige Software schon zum Repertoire von Legal Tech Anwendungen, bevor man sie überhaupt als Legal Tech bezeichnete. Ebenso ist davon auszugehen, dass sie weiterhin einen festen Platz im Ensemble der Legal Tech Lösungen behalten.

Disruptionspotenzial geht von entsprechenden Softwareanbietern indes nicht aus. Das hat etwas mit der Kostenstruktur zu tun und mit der (geringen) Erwartungshaltung der Kunden. Klar ist, dass Kanzleien und Rechtsabteilungen derartige Gesamtpakete auf absehbare Zeit benötigen, um das Fundament für ihre IT-Infrastruktur zu legen. Ihre Mitarbeiter nutzen die Applikationen ob ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und ihrer zentralen Stellung in den Arbeitsprozessen täglich. Dementsprechend hoch ist der Schulungs-, Wartungs- und Supportaufwand. Potenziert wird all das durch den Umstand, dass das zentrale Vertriebsargument besagter Software ihre Vollständigkeit ist – mitsamt der störanfälligen oder sonstwie arbeitsintensiven Komponenten. Man kann das zusätzlich einpreisen, muss aber die Schmerzgrenze in der Zahlungsbereitschaft der Abnehmer bedenken. Das erhöht letztlich die Personalkosten der Anbieter im Verhältnis zu den Einnahmen und reduziert die Spielräume für substanzielle Weiterentwicklungen. Gleichzeitig führt es dazu, dass sich die Mitarbeiter der Kunden in der Softwareumgebung einrichten, dort regelrecht Wurzeln schlagen.

Das wiederum erschwert den Wechsel zu anderen Lösungen. Solange der Softwareanbieter also einigermaßen mit der Zeit geht, die Benutzeroberfläche nur wie das vorletzte Windows aussieht und nicht wie 98, bleiben die Kunden treu. Zu umständlich wäre die Umstellung einer ganzen Rechtsabteilung oder Kanzleibelegschaft auf ein neues System. Zumal dafür ja ein attraktives Gegenmodell zur Auswahl stehen müsste, für dessen Entwicklung die meisten Softwareanbieter aus besagten Gründen ihrerseits keinen Anreiz haben.

Hinzukommt, dass der Entwicklungsaufwand für eine Komplettlösung so groß ist, dass kaum neue Alternativen die Markteintrittshürden überwinden. In dieses Bild passt, dass die unangefochtenen Marktführer für Kanzleiorganisationssoftware sich bereits in den 80er und 90er Jahren gründeten. In diese Zeit fallen die Anfänge von RAMicro, Lecare, Soldan und Wolters Kluwer, die heute die gängigen IT-Module bereitstellen.

Überangebot der Nischenlösungen

Welche Art von Legal Tech entwickelt also jemand, der 2018 erstmalig auf den B2B-Markt drängt? Richtig, eine schnell gebaute Nischenlösung für ein spezifisches Einzelproblem. Leider sind auch in diesem Bereich die Cash Cows schon weitgehend beansprucht. Die für die Due Diligence enorm relevante E-Discovery decken inzwischen in den USA Anbieter wie Ross Intelligence und in Deutschland Leverton ab. Dabei verfügen sie offenbar bereits über ausreichende Datenmengen, um kritische Klauseln mithilfe von AI zu erkennen. Gleichzeitig sind die Entwickler von Tools für einzelne Rechtsprobleme hier nicht stehen geblieben. Mittlerweile tummeln sich im B2B-Bereich gleichermaßen Anbieter für Vertragsgeneratoren, Bausätze für Prüfungsmechanismen in juristischen Standardfragen und Legal Chatbots.

So reizvoll solche Hilfsmittel jeweils sein mögen, so wenig greifbar sind die Einsatzgebiete, in denen Kanzleien und Rechtsabteilungen massenhaft derartige Tools für den regelmäßigen (!) Gebrauch benötigen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, wie viele Sozietäten bereit sind, BRYTER für sein Bausatzsystem regelmäßig eine Lizenzgebühr zu zahlen, damit man für häufig auftretende rechtliche Einzelfragen ein handliches Prüfungsmodul erstellen kann. Mir scheint es so, als ob es zumindest für die meisten mittelständischen Kanzleien attraktiver ist, Legal Tech Entwickler wie die DiRiSo zielgerichtet mit der Anfertigung einzelner inhouse Tools zu beauftragen und einmalig zu bezahlen.

Und bei dem Ansatz von BRYTER sprechen wir noch von einem einigermaßen universell einsetzbarem System; unter den Neugründungen finden sich auch etliche Unternehmen, die wesentlich engere Nischen bearbeiten. Der große Wurf scheint jedenfalls nicht dabei zu sein. Eher ist zu befürchten, dass hier ein reichliches Angebot auf eine verhaltenere Nachfrage trifft.

Was fehlt Legal Tech 2018

Das beachtlichste an der gegenwärtigen Entwicklung ist allerdings das, wonach man vergeblich sucht: eine Idee, die den Markt regelrecht umkrempelt. Auch 20 Jahre nach dem Boom der New Economy und dem Aufbruch ins Internetzeitalter fehlt im Rechtsdienstleistungsbereich etwas vom Format Amazons, Googles, Teslas. Es gibt zwar inzwischen im angelsächsischen Raum etwas breit gefächertere Portale wie DoNotPay oder Legalzoom, die Angebote für eine Vielzahl von Einzelproblemen bündeln. Strukturell unterscheidet sich ihr Service aber nicht von dem, den hierzulande Legal Tech Unternehmen in etwas zersplitterterer Form leisten.

Das heißt, dass weiterhin nur für einen Bruchteil der Rechtsprobleme genuine Legal Tech Lösungen abrufbar sind. Wo immer der streitgegenständliche Sachverhalt oder die Rechtslage etwas komplexer ausfällt und sich Fälle nicht so leicht schematisieren lassen, scheitert Legal Tech 2018 weiterhin. Und das dürfte nach wie vor die allermeisten Rechtsfragen betreffen. Nicht weil sich das Recht einer Schematisierbarkeit entzieht, sondern schlichtweg weil vielerorts die geringe Fallzahl oder die niedrigen Streitwerte oder Schwierigkeiten der Beweisbarkeit in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zur Entwicklung einer Legal Tech Anwendung stehen. Das beschränkt das Einsatzgebiet der Legal Technology vorerst auf Standardfragen und Massenverfahren.

Wie sich das ändern könnte, steht weiter in den Sternen. Man erahnt am Horizont zwar, dass eine ausgereifte künstliche Intelligenz von menschlichem Format (general AI) geeignet wäre, den menschlichen Anwalt umfassend zu ersetzen. Selbst die optimistischsten AI-Forscher gehen allerdings davon aus, dass wir von diesem Entwicklungsstadium künstlicher Intelligenz noch mindestens Jahrzehnte entfernt sind. Eine „Brückentechnologie“, die den Rechtsmarkt in der Zwischenzeit umkrempelt, zeichnet sich dagegen noch nicht ab. Aber erst wenn eine solche den Markt betritt, zieht die Rechtsdienstleistungsbranche wirklich mit dem E-Commerce und der Automobilindustrie und vielen anderen Sparten in Sachen Digitalisierung gleich. Für Gründer ist das allerdings eine gute Nachricht: So bleibt Legal Tech 2018 unverändert entwicklungsfähig.

Legal Tech News

Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Posted by Jacob Weizmann on
Geld für Flug: zwischen Wachstumsexplosion und Marktimplosion

Vor knapp zwei Monaten entspann sich um das Startup Geld für Flug einer der kuriosesten Vorfälle in der Legal Tech Szene. Es jagten einander zwei Paukenschläge, die für sich genommen schon rekordverdächtig sind. Noch erstaunlicher wird die Geschichte wohl aber dadurch, dass zwischen ihnen gerade einmal zwei Tage lagen. Was ist hier eigentlich passiert?

Die Ursprünge: Wo Geld für Flug herkommt

Unternehmensgründung

Die Fluggastentschädigungsbranche floriert bereits, da tritt 2017 ein neues Unternehmen auf den Plan: Geld für Flug. Mit seinem Geschäftsmodell richtet es sich zwar ebenfalls an Fluggäste, weicht aber von der Ausrichtung bisheriger Anbieter ab. Geld für Flug kauft keine Ausgleichsforderungen für Flugunregelmäßigkeiten, sondern Erstattungsansprüche für Ticketstornierungen. Damit erschließt das Startup einen Markt, auf dem ansonsten nur ein einziger Konkurrent agierte: der Fairplane-Dienst ticketrefund.de.

Und offenbar stellen sich alsbald die Erfolge ein. Nach eigener Aussage kauft das Startup bereits im ersten Jahr 10.000 Ansprüche auf und setzt sie gegen Airlines durch. 97% der Klagen wurde dem Vernehmen nach stattgegeben. Mitarbeiter wurden eingestellt, ein Büro in Düsseldorf bezogen. Wachstum wie am Reißbrett.

Lebensläufe

Gewissermaßen schreiben die Gründer damit ihre privaten Erfolgsgeschichten fort. Benedikt Quarch, der Jurist im Gründerteam, brillierte beispielsweise mit 15,6 Punkten im ersten juristischen Staatsexamen (2016). Und das schon als 22-Jähriger. Rechnet man das einmal zurück, zählt er zum ersten oder zweiten Jahrgang der EBS Law School in Wiesbaden und war bei Studienbeginn vermutlich höchstens 18 Jahre jung.

Für diese Station in der Vita gibt es zwei Lesarten. In Hamburg spöttelt man vermutlich, für die Bucerius Law School hätte es nicht gereicht und so sei es halt die EBS geworden – Hauptsache Privathochschule. Angesichts des hervorragenden Examensergebnisses sollte man allerdings eher neidlos feststellen: Vor allem steckt reichlich Pioniergeist dahinter, in diesem Alter eine völlig neu eingerichtete im Aufbau befindliche Fakultät zu wählen und dort schneidig sein Studium durchzuziehen.

Nebenbei erwarb Quarch übrigens noch einen BWL-Master und gründete eine Beraterbutze Agentur für Social Media. Was man halt so neben der Examensvorbereitung macht.

Ich muss schon sagen, die Geschäftsführer von Geld für Flug bohren überwiegend dicke Bretter. Jedenfalls wenn die ganzen Zahlen und Fakten stimmen, aber erst einmal habe ich keinen Grund, das zu bezweifeln.

Der große Wurf: Rekordinvestition in Geld für Flug

Persönlich und geschäftlich haben die Gründer schon bis 2018 eine beachtliche Karriere hingelegt. Doch was nun folgte, wirkt nicht mehr bloß wie eine Anekdote von Musterschülern, sondern erinnert eher an die Mythen von Einhornzüchtern aus dem Silicon Valley. Kein Jahr nach der Gründung empfing Geld für Flug eine Finanzierungsrunde, deren Volumen mit 25 Mio. Euro für die deutsche Legal Tech Szene vermutlich alles bisher dagewesene in den Schatten stellt. Ich sage bewusst, man „empfing“ diese Investition. Denn laut den Gründern musste man sich darum nicht einmal bewerben. Glaubt man der Darstellung, kam Herr Maschmeyer von sich aus auf das Startup zu und fragte, ob er investieren dürfte. Wer auf Vox in der Höhle der Löwen um eine Audienz bittet und auf Knien 250.000 Euro Seed-Money erhustlelt anfragt, fällt bei so etwas wahrscheinlich vom Glauben ab.

Im Fall von Geld für Flug lesen sich die Berichte zur Finanzierungsrunde dagegen wie trockener Wirtschaftsjournalismus. Das steht im Handelsblatt zwischen Meldungen über Milliarden-Konsortialkredite für Großunternehmen und neuen M&A-Deals internationaler Konzerne. Für normale Legal Tech Startups klingt die Entwicklung geradezu sensationell. Dass die Nachricht bei Geld für Flug stattdessen mit der Nonchalance des Wetterberichts vorgetragen wird, spricht dafür, dass Gründer und Reporter das Unternehmen bereits in einer anderen Liga sehen. Gerade die Nüchternheit der Handelsblatt-Mitteilung vom 18. März bezeugt eindrucksvoll den Aufstieg vom Sandkasten in die Königsklasse, von 0 auf 100 in unter zwölf Monaten.

Schwindelerregend war hierbei nicht nur die Flughöhe, sondern ebenso die Zeit, in der Geld für Flug auf dieses Niveau geschossen war. Ich kannte offen gestanden bis vor zwei Monaten nicht einmal den Namen des Unternehmens. Und das obwohl wir bei DiRiSo von Berufs wegen schon ein wenig mit Fluggastportalen zu tun haben. Ähnlich ging es scheinbar den Kollegen beim Legal Tech Blog, dem Zentralorgan der Legal Tech Szene. Hier datiert die erste Auseinandersetzung mit dem Startup vom 30. April. Man muss sich das so vorstellen: Man erfuhr, dass die Branche gerade überflügelt wurde, ehe man wusste, von wem.

Ein unerwartetes Problem

Genauso blitzartig ging die Entwicklung dann weiter. Überrumpelt wurden diesmal auch die Gründer selbst. Nur zwei Tage nach Vermeldung der Rekordinvestition fasste der BGH das erste Grundsatzurteil zu jenem Regelungskomplex, auf dem das Geschäftsmodell von Geld für Flug fußte.

Dass das Unternehmen so lukrativ stornierte Ticketpreise gegen die Fluggesellschaften einfordern konnte, beruhte im Wesentlichen auf dem Zweifel einiger Instanzgerichte an der Wirksamkeit von Stornierungsklauseln. Die entsprechende Rechtsprechung hielt es für unzulässig, dass die AGB günstiger Tarife eine Erstattung bei Stornierung ausschließen. In der Folge konnte Geld für Flug reihenweise Rückzahlungen durchsetzen. Gegenrechnen durfte die Airline höchstens einen nicht ersparten Aufwand, wenn ein leerer Platz im Flieger nicht anderweitig besetzt wurde.

Dieser Urteilspraxis bereitete der BGH am 20. März ein jähes Ende (Urt. v. 20. März 2018, Az.: X ZR 25/17). Das Gericht entschied: Wer zum Spartarif bucht, der zahlt dafür den „Preis“, dass er bei Stornierung die Ticketkosten eben nicht weitgehend zurückverlangen kann. Abgesehen von Steuern und Gebühren, die mangels Flugantritt der Airline erspart bleiben, muss eine Fluggesellschaft hiernach nichts mehr zurückzahlen. Da Steuern und Gebühren sich pro Person für die allermeisten Flüge auf 30-80 € belaufen, verursachen sie meist nur einen Bruchteil des Ticketpreises. Geld für Flug argumentiert in dieser Situation natürlich durchaus zutreffend, dass bei manchen Billigfliegern über die Hälfte der Kosten aus Steuern und Gebühren resultieren. Das ändert aber nichts daran, dass es in absoluten Zahlen nur um jeweils 30-80 Euro geht, von denen Geld für Flug zudem noch die eigene Provision einbehält.

Die Konsequenz

Es ist dennoch nachvollziehbar, wenn sich das Startup nun kämpferisch gibt und ankündigt, das Geschäftsmodell irgendwie weiterzuführen. Die harten Fakten mischen die Karten aufgrund des Urteils nun aber erstmals zu Ungunsten des Gründertrios – und zwar deutlich. Denn mal ehrlich: Wen interessiert eine Erstattung von 40 €, von denen Geld für Flug dann noch einmal 10-20 € für sich abzieht? Wie viele zigtausend Fälle dieser Größenordnung muss das Unternehmen abwickeln, um mit solchen Mikro-Margen die laufenden Kosten zu decken? Wie fern liegt es noch, dass die Airlines einfach freiwillig diesen Bruchteil vom Ticketpreis auszahlen und damit den Markt für Factoring-Dienste endgültig zerstören?

Der einzige Konkurrent Ticketrefund hat deshalb schon erklärt, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Geld für Flug schaltet unterdessen auch keine Adwords-Werbung mehr. Es hat den Anschein, als sei der kometenhafte Aufstieg beendet – um es vorsichtig auszudrücken.

Fazit?

Ich weiß noch nicht ganz, welche Lehre man aus der Geschichte ziehen soll. Im ersten Moment schien mir der Vorfall die Ambitionen der gesamten Legal Tech Branche zu dämpfen, der es noch immer an einer Lichtgestalt vom Format Airbnbs oder Amazons fehlt. Gerade angesichts der aussichtsreichen Lebensläufe der Gründer lag diese Lesart nahe.

Bei näherer Betrachtung war die Millionen-Investition allerdings viel überraschender als das Urteil des BGH. Denn wer eine Rechtsdienstleistung auf einem Markt ohne gefestigte Rechtsprechung anbietet, der sichert sich zwar den first-mover Vorteil. Ebenso sehr riskieren Pioniere aber auch, dass höhere Gerichte ihrem Geschäftsmodell alsbald den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Causa Geld für Flug liefert hierfür leider ein warnendes Beispiel.

Legal Tech Ideas

Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Posted by Jacob Weizmann on
Spotify für Juristen – was taugt das Konzept?

Der erste praktische Versuch

Vor einigen Monaten las ich einen Artikel, in dem ein Autor seine Webplattform als ein Spotify für Juristen anpries. Ich meine, die Behauptung stammt aus einem Interview mit dem Legal Tech Blog. Eine Google-Recherche brachte allerdings nicht den gewünschten Treffer. Und leider erinnere ich mich auch so nicht mehr an den Namen des Unternehmens. Denn so richtig wert war er es auch nicht, im Gedächtnis zu bleiben. Aber nicht, weil ein Spotify für Juristen per se unattraktiv wäre.

Mich irritierte vielmehr der Entschluss des interviewten Gründers, seinen Dienst auf Mustervereinbarungen zur Lizenzierung geistigen Eigentums zu beschränken. Das wäre in etwa so, wie wenn sich Spotify auf Thrash Metal Bands aus Gambia beschränken würde. Und das ließe es von vorn herein zweifelhaft werden, ob ein solches Produkt die nötigen Einnahmen erzielen kann. Denn mit gambischen Metal Heads ist es ähnlich wie mit IP-Anwälten und deren Kunden. Es gibt einfach nicht so schrecklich viele von ihnen. Und dementsprechend fraglich ist es, ob eine Plattform trotz solcher Selbstbeschränkung prosperieren kann. Letztlich bräuchte sie im Gegenteil eine Masse an Nutzern, weil ihr Alleinstellungsmerkmal in vielfältigem Angebot und niedrigen Nutzungsgebühren pro Kopf besteht.

Spotify für Juristen jeder Façon – in der Theorie

Für mich war die Sache damit aber nicht beendet, sondern fing gerade erst an, interessant zu wirken. Denn was der eine Gründer leichtfertig links liegen lässt, taugt als des anderen Geschäftsmodell. Und deshalb flammte bei DiRiSo kurzfristig die Diskussion auf, ob ein Spotify für alle Juristen die große Idee ist, die der Legal Tech Szene bisweilen noch fehlt.

Denn Reiz und Herausforderung der Legal Technology zugleich liegt ja darin, dass den Kanzlei-Spinoffs, Coworking-Spaces und juppigen Hackathons bis heute noch kein Konzept entstieg, das die Branche so zu dominieren vermag wie Google die Suchmaschinen, Amazon den E-Commerce und Whatsapp die PN-Dienste. In der Legal Tech Szene herrscht noch Goldgräber-Stimmung wie im Wilden Westen.

Trittbrettfahrer der Sharing-Economy

Aber vielleicht braucht es ja nur ein Spotify für Juristen, damit die Branche ihren Champion findet, ihr Goldminen-Großunternehmen inmitten einzelner emsiger Schürfer. Potenzial schien die Idee im ersten Zugriff allemal zu bieten. Denn sie verinnerlicht einen Grundgedanken, auf dem die allermeisten Einhörner der Sharing-Economy aufbauen. Während Spotify nur als Intermediär auftritt, stammt die vermittelte Leistung von anderen: von den Künstlern. Bei Airbnb sind es die Vermieter, bei Uber die Autofahrer, bei Amazon die Hersteller und so weiter.

Ihr spektakuläres Wachstum garantiert diesen Unternehmen ihre Entscheidung, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen, statt die angebotene Leistung selbst anzubieten. Das spart Personal  und dieses Kostenersparnis lässt sich an die Kunden weitergeben, indem ihnen ein strukturell günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis gewährt wird.

Punkt für ein Spotify für Juristen: Es basiert auf derselben Idee. Ein entsprechendes Unternehmen könnte sich somit an die Spitze des Marktes setzen. Denn selbst etablierte Unternehmen wie legalzoom und janolaw liefern seit 2001 lediglich ihre selbstständig entworfenen Verträge. Gewiss sind solche Vorlagen ausgefeilter als die nächstbeste Beck-Online-Vorlage, aus der Kanzlei XY ihren Mandanten einen Standardvertrag zusammenzimmert. Und obendrein profitieren die Kunden der Online-Anbieter von wesentlich niedrigeren Festpreisen für das gewünschte Vertragswerk.

Aber eine Sharing-Economy-Lösung könnte noch einmal darüber hinausgehen. Denn indem ihr ein umfassendes Netzwerk von Anwälten Vertragsmuster bereitstellt, kann sie Kunden die relativ besten Vorlagen liefern. Ein Bewertungssystem wie auf Amazon würde rasch die Qualität der einzelnen Muster gegenüberstellen und die Auswahl des Optimums erleichtern. Kunden bekämen den besten Wert für einen Preis, der vermutlich unter dem von legalzoom oder janolaw liegt. Immerhin zahlt der Preis der Vorlagen dort die Löhne der vertragseditierenden Mitarbeiter. Ein Spotify für Juristen müsste voraussichtlich nur eine geringere Vergütung entrichten. Schließlich liegen die bereitgestellten Vertragsmuster bei ihren Urhebern wahrscheinlich ohnehin in der Schublade, sodass ihnen bereits ein Obolus genügen könnte, wenn die Plattform ihre Vorlagen Dritten überlässt. Hinzukommt, dass janolaw und Co. für ihre vertragsentwerfenden Angestellten Sozialversicherungsbeiträge schulden, ein Spotify für Juristen für seine „Zulieferer“ hingegen nicht.

Ein Maximum an Qualität für ein Minimum an Kosten: in keinem Geringeren besteht die Verheißung eines Geschäftsmodells, das sich an die Versen der Sharing-Economy heftet.

Die Tücken der Wirklichkeit

Doch sobald man das Konzept in die Realität der Rechtsdienstleistungen projiziert, fällt es dann doch nicht mehr so rosig aus. Letztlich scheitert die Idee an den Besonderheiten des Produkts, genauer: an seinen Herstellern und Konsumenten.

Welchem Anwalt macht Teilen Spaß?

Der Anwalt ist nämlich kein Musiker, der sich damit zufriedengibt, ein paar Euro pro tausend Abrufe seines Werkes zu verdienen. Eher lässt er seine Vertragsmuster in der Schublade vegetieren, als sein prächtiges aus Textbausteinen zusammengetackertes Schmuckstück zu einem geringen Preis online wohlfeil zu bieten. Das mag zwar ökonomisch nicht sinnvoll sein. Aber es dürfte dem Argwohn entsprechen, mit dem die breite Masse der Anwälte einer Öffnung ihrer Archive für die freie Vermarktung begegnet.

Welcher Konsument weiß den besten Vertrag zu schätzen?

Und selbst wenn man genügend „Lieferanten“ für ein Spotify für Juristen fände, so implodiert das Geschäftsmodell spätestens mangels Nachfrage. Denn die allermeisten Kunden wissen zwar einen Qualitätsmixer von einem minderwertigen zu unterscheiden, aber eben keinen guten Vertrag von einem schlechten. Dem Laien erweist sich die Güte einer Vereinbarung allenfalls im Streitfall, wenn ihm sein Anwalt sagt: „Sie haben aber einen ungünstigen Vertrag geschlossen“. Ist ein Vertrag hingegen besonders umsichtig gestaltet und vermeidet er dadurch Konflikte, fällt das naturgemäß nicht auf.

Unterdessen bereitet es sogar Juristen Schwierigkeiten, von vorn herein die Qualität einer Vereinbarung zu beurteilen. Die Ausbildung befasst sich nämlich kaum mit praktischer Vertragsgestaltung und im Beruf ist ein Jurist mit den qualitätsstiftenden Feinheiten eines Vertragswerks allenfalls in seiner Nische befasst – also tendenziell dort, wo er nicht auf das Muster einer Plattform zurückgreifen wird, die ihn um dessen Bewertung bittet.

Es ist also höchst zweifelhaft, ob Nutzer über hinreichende Informationen verfügen, um Verträge sachgemäß zu bewerten und damit einem Spotify für Juristen dazu zu verhelfen, die relativ besten Muster herauszuheben. Noch fataler ist es, dass vermutlich nicht einmal fünf Sterne an einem kostenpflichtigen Vertrag dazu motivieren, ihn entgeltlich aufzurufen. Denn sowohl Juristen als auch Nichtjuristen stehen in der Regel hinreichende Alternativen ohne Mehrkosten offen. Für die allermeisten Vertragstypen finden sich im Internet zumindest rudimentäre kostenlose Vorlagen. Sie dürften dem Laien ebenso zweckmäßig scheinen wie eine kostenpflichtige Version. Der Jurist wird zudem auf Beck-Online fündig. Und selbst wer die Qualität von kostenfreien Mustern oder solchen von Beck-Online anzweifelt, mag kaum den Klassenunterschied feststellen zwischen der Vorlage eines mit fünf Sternen bewerteten Unternehmen wie janolaw und einer mit fünf Sternen bewerteten Vorlage auf einem Spotify für Juristen.

Ergebnis

Solche Widrigkeiten machen klar, dass Konzepte wie das von Spotify aus anderen Branchen nicht ohne weiteres für den Rechtsmarkt taugen. Denkbar scheint zwar, dass sich ein Unternehmen mit einem derartigen Geschäftsmodell etabliert. Eine Milliarden-Dollar-Idee lässt sich damit aber nicht verwirklichen. Für die Legal Tech Branche fehlt sie auch weiterhin.

Legal Tech Ideas

Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Posted by Jacob Weizmann on
Digitales Schreiben – Nutzen der Digitalisierung für die Texterstellung

Rhetorikbücher: die Wiederkehr des Immergleichen

Ich bin neulich auf ein Buch gestoßen, das rhetorische Schreibempfehlungen gibt, genauer: Empfehlungen für digitales Schreiben. Digitales Schreiben meint Schreiben mit einem Textbearbeitungsprogramm wie Word. Anders funktioniert die Texterstellung im Beruf heute ohnehin nicht mehr. Insofern thematisiert eigentlich jeder Stilratgeber mit Erscheinungsdatum nach der Jahrtausendwende nicht bloß irgendeine Texterzeugung, sondern digitales Schreiben.

Trotzdem – und so ist es auch bei besagtem Buch – unterscheiden sich die neueren Werke hierzu nur unwesentlich von denen aus dem letzten Jahrhundert. In einigen Teilen, etwa bei stilistischen Vorgaben, ist das durchaus sachgerecht. Der Schreibprozess zielt und zielte ja stets auf das gleiche Endprodukt und auf ähnliche Lesererwartungen daran. Deshalb verwundert es nicht, dass digitales Schreiben ein ähnlich lesbares Resultat hervorbringen sollte wie analoges und dass sich dessen Güte nach ähnlichen Faktoren bemisst.

In einem Punkt verwundert es aber, dass der Inhalt der Ratgeber nie eine Überarbeitung erfahren hat. Die Darstellung des idealtypischen Schreibprozesses entspricht immer noch der klassischen Vorgehensweise, der schon antike Rhetorikgrößen wie Cicero folgten. So lernte man das vor und nach der Jahrtausendwende im Deutsch- und Lateinunterricht. Und so lernt man das Prozedere vermutlich auch noch heute: erst die grobe Orientierung und Ideenfindung (Inventio), dann die Erstellung einer Skizze (Dispositio), schließlich das Ausformulieren (Elocutio) und dann noch die erste Überarbeitung (Verificatio) und zuletzt der Feinschliff (Revisio).

Wann der Schreibprozess in nur fünf Schritten gelingt

Außerdem kennen die meisten noch abgekürzte Versionen hiervon. Die juristische Klausur etwa verlagert die Inventio auf die Sichtung des Sachverhalts oder der Akte. Darauf folgen als Dispositio und Elocutio nur die Lösungsskizze und deren Ausarbeitung. Redaktionelle Durchgänge hingegen sieht die knappe Bearbeitungszeit in der Regel nicht vor.

Ineffizient ist dieser Prozess prinzipiell nicht. Deswegen halten sich zigtausende Nachwuchsjuristen in Klausuren sklavisch an dieses Muster und zwar mit gutem Recht. Zum Problem wird der Ablauf allerdings dort, wo mit den ersten drei Phasen jeweils eine Recherche einhergehen muss.

Analoges Schreiben als Vorgang in acht Akten

Digitales und analoges Schreiben erfordern spätestens bei wissenschaftlichen Abhandlungen ein sorgfältiges Quellenstudium. Und zumindest für die klassische Form der Texterstellung offenbart sich dabei auf den zweiten Blick ein struktureller Auslöser für Ineffizienz:

Um ein grobes Konzept, später eine Skizze und zuletzt eine ausgearbeitete Version mit fertigem Fußnotenapparat anzufertigen, muss der Verfasser nämlich zuvor jeweils seine Informationsgrundlage zusammentragen. Zunächst rudimentär, nachher gründlicher und schließlich im Detail. Und jeweils danach wandert das Auge erst einmal auf die Entwicklung des darauf fußenden Grobkonzepts, Gliederungsgerüsts bzw. Entwurfs. Dieser Zwischenschritt trübt unweigerlich ab einer gewissen Komplexität der Ausarbeitung das Bewusstsein für den genauen Inhalt der Quellen. Der Autor ist somit wenigstens beim analogen Schreiben gezwungen, relevante Stellen erneut nachzuschlagen, den Kontext von Exzerpten wiederholt zu prüfen und sukzessive Details festzustellen.

Sich dabei jedes Mal aufs Neue in die zuvor schon gesichtete Quellenlage hineinzufinden, kostet Zeit. Inklusive der drei Recherchedurchgänge ergeben sich für einen Autoren somit acht Entwicklungsstadien. Einen Teil dieser Zeit könnte man sich sparen, wenn man die Informationsgrundlage stets vor Augen hätte, während man auf dieser Basis den Text konzipiert, skizziert oder ausformuliert.

Digitales Schreiben als Prozess in vier Schritten

Digitales Schreiben liefert hierzu Wege und Möglichkeiten. Im ersten Moment denkt man hierbei an Zitatverwaltungssoftware wie Citavi, in die man Exzerpte und Zusammenfassungen der studierten Quellen werkbezogen eintragen kann, um anschließend daraus Fußnoten zu generieren. Und in der Tat sollte man unbedingt auf solche Hilfsmittel zurückgreifen. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein, wie sich Quellenstudium und Textanfertigung parallel zueinander bewerkstelligen lassen. Denn dafür muss man die Sichtung der Informationsbasis noch stärker mit der Textproduktion verschränken.

Das funktioniert zum Beispiel, indem man die hergebrachte Vorgehensweise so modifiziert, dass nur noch eine kurze Konzeptionsphase, eine Entwicklungsphase und zwei Korrekturrunden übrig bleiben.

Schritt 1: Abstrakte Gliederung

Man beginnt also mit einer themenunabhängigen Grobkonzeption, die mit jedwedem materiellen Gehalt der Quellen und des späteren Textes kompatibel ist. Bis zu einem gewissen Grad kann man eine solche generische Struktur bereits völlig ohne Vorabrecherche entwickeln. Das abstrakte Gliederungsgerüst orientiert sich nämlich je nach Texttyp sinnvollerweise an einem etablierten Muster.

Im Falle einer Seminararbeit etwa diktieren bereits sachlogische Zwänge erste Konturen des Aufbaus: Letztlich gilt es immer, zu einem Befund zu gelangen, der eine anfangs aufgeworfene Forschungsfrage beantwortet. Dieser steht am Ende einer Prüfung, die sich unmittelbar davor im Hauptteil vollzieht. Welche Aspekte sie berücksichtigt und warum und mit welcher Methode die Untersuchungsgegenstände hierauf geprüft werden, klärt ein maßstabsbildendes Kapitel im Anschluss an die Einleitung. Ohne ein solches richtet sich die Prüfung nämlich zwangsläufig nach unausgesprochenen und deshalb im Zweifel rein intuitiven Kriterien. Das aber wäre ihrer Transparenz und Nachvollziehbarkeit abträglich und würde ihren wissenschaftlichen Erkenntnismehrwert schmälern.

All dem ist zusätzlich noch eine Einleitung voranzustellen, die vier Zwecke erfüllt. Sie führt erstens zur Forschungsfrage hin, erklärt hierbei zweitens deren Relevanz, stellt drittens das Untersuchungsprogramm der folgenden Kapitel dar und steckt viertens auch den Umfang der Abhandlung ab. An dieser Stelle bietet es sich insbesondere an, die Grenzen der Untersuchung festzulegen. Also sprich: Welche möglichen Untersuchungsgegenstände, Teilaspekte der Forschungsfrage, Prüfungskriterien usw. bleiben außer Betracht? Welche Prämissen werden gesetzt? Und warum?

Für etliche wissenschaftliche Ausarbeitungen ergibt sich somit unabhängig von ihrem Thema das Ordnungsschema:

A. Orientierung

I. Untersuchungsrelevanz

II. Untersuchungsfrage

III. Vorgehensweise

IV. Umfang, Grenzen und Prämissen

B. Prüfungsmaßstab

C. Untersuchung (Anwendung des Prüfungsmaßstabs auf den Untersuchungsgegenstand)

D. Befund

Schritt 2: Entwicklungsphase

Ist ein solches Grundgerüst einmal konzipiert, kann man es ohne weiteres mit relevanten Informationshappen aus dem Quellenstudium befüllen. Dabei sollte man beim Querlesen nicht nur relevante Original-Aussagen dokumentieren, sondern ebenso eigene Gedanken dazu (also zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung fremder Thesen und die Gründe hierfür). Im besten Fall speichert man solche Exzerpte jeweils in einer Zitiersoftware und platziert sie in Gestalt von Direktzitaten, Kurzzusammenfassungen und ersten Kommentaren direkt im jeweils passenden Abschnitt des anzufertigenden Dokuments.

Eine Zitiersoftware bietet den Vorteil, dass man per Mausklick sämtliche Informationsschnipsel mit Angabe der Fundstelle in einer Fußnote versehen kann. Das erspart bei der Ausformulierung, Nachweise erneut mühselig zusammenzusuchen und zu formatieren. Der primäre Mehrwert des Prozesses zeigt sich allerdings darin, dass das bloße ordnende Zusammenstellen von Wissenselementen in der abstrakten themenunabhängigen Grundstruktur eines Textes nach und nach von allein eine sinnvolle Detailgliederung nahelegt.

Hierzu kommt es bei der dargestellten Methode nahezu intuitiv. Denn je mehr Informationshappen in die groben Abschnitte des späteren Textes einsortiert werden, umso weiter steigt der Bedarf, diese wiederum untereinander in Beziehung zu setzen und zu ordnen. Dadurch lassen sich bereits während der Literaturrecherche Unterabschnitte und deren argumentative Struktur herausbilden. Die fortlaufende Verarbeitung der gesichteten Wissenselemente fügt sich so bereits in einer einzigen Recherchephase in die Form des Konzepts.

Indem verschiedene Quellen aufeinander reagieren und zudem weitere Fundstellen zitieren, ergeben sich außerdem schon bei der erstmaligen Sichtung weitere Rechercheobjekte. Und je weiter die relevanten Quellen offen gelegt und studiert werden, desto mehr fördert deren Einordnung in die Gliederung des Textes dessen Detailtiefe, Gedankengang und Gehalt. Kurzum: Bei dieser Vorgehensweise wandert der Blick des Autoren nicht mehr umständlich zwischen seinen Quellen und seinem eigenen Erzeugnis hin und her. Vielmehr betrachtet er Quelle für Quelle, die Oberfläche der Zitiersoftware und das wachsende Dokument seines Textes nebeneinander auf seinem Bildschirm oder – besser – seinen Bildschirmen. Sind alle Quellen einmal abschließend erfasst, muss der Autor die Informationshappen nur noch glätten, sodass sich die ohnehin geschaffene kohärente Gedankenabfolge auch im Lesefluss widerspiegelt.

Aus meiner eigenen Erfahrung beschleunigt diese nahtlose Verzahnung von Quellenexegese und Textgenese die Schreibarbeit signifikant. Meines Erachtens zeichnet neben der Tippgeschwindigkeit und dem elektronischen Datenformat gerade dieser zentrale Mehrwert digitales Schreiben aus.

Schritte 3 und 4: Korrekturschleifen

Auch digitales Schreiben gelangt natürlich nicht ohne Zusatzschritte zur Veredelung. Dass dafür zwei Lektoratsrunden eingeplant werden, hat sich scheinbar bereits in der Antike bewährt und bewährt sich meines Erachtens ebenso im 21. Jahrhundert. Fruchtbar ist es vor allem, in einem ersten Schritt den eigenen Text selbst zu lektorieren und anschließend das Feedback anderer einzuholen (Peer Review).

Weitere Überlegungen

Digitales Schreiben bietet das Potenzial zur zügigeren Texterstellung. Das deuten schon die hiesigen Bemerkungen an. Gleichfalls stellen die obigen Überlegungen klar, dass die Verwendung von Word statt Kugelschreiber nicht automatisch Effizienzgewinne verspricht. Jedenfalls keine, die über die eine bloße überlegene Tippgeschwindigkeit hinausgeht. Strukturelle Beschleunigungen des Erzeugungsprozesses verschafft digitales Schreiben erst, wenn der Autor mithilfe der nötigen technischen Mittel konsequent das Quellenstudium parallel und nicht mehr abwechselnd zur Textproduktion bewältigt.

Warum das so ist und wie digitales Schreiben möglichst gewinnbringend organisiert werden kann, dürfte schon aus dem bisherigen Artikel deutlich werden. Nichts gesagt ist damit freilich über weitere Chancen, die die Digitalisierung für die Texterzeugung mit sich bringt. Gemeint sind dabei beispielsweise Ansätze, gelungene Texte zu recyceln oder zu kombinieren. Bei Gelegenheit werde ich diesen Beitrag daher um entsprechende Ausführungen ergänzen oder einen weiteren Artikel hierzu hinzufügen.

Legal Tech News

DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Posted by Jacob Weizmann on
DiRiSo im Interview – wie arbeitet das Unternehmen hinter dem Blog?

Auch wenn diese Seite der DiRiSo zugerechnet wird, berichten wir hier getreu unserem Blogkonzept kaum über deren Geschäftsaktivitäten. Dafür haben die Geschäftsführer kürzlich die DiRiSo im Interview vorgestellt. Und das gleich zweimal. Wer sich also dafür interessiert, was das Legal Tech Unternehmen hinter diesem Blog eigentlich genau tut, dem seien folgende beiden Artikel ans Herz gelegt, die die DiRiSo im Interview porträtieren.

Links

Einmal auf Startup Valley vom 4.12.2017.

Und einmal auf selbstaendigkeit.de vom 12.01.2018.

 

Legal Tech Szene

Wieso lohnt sich eine Legal Tech Karriere?

Posted by Christopher Wekel on
Wieso lohnt sich eine Legal Tech Karriere?

Ehe ich zum Thema Legal Tech Karriere komme, einige Infos zur Organisation des Blogs. Wer direkt erfahren möchte, wie ich die Titelfrage beantworte, überspringe bitte die nächste Sektion und starte direkt bei der zweiten.

Konzeption des Blogs

Regulär schreibt hier mein Freund Jacob Weizmann, während sich meine Wenigkeit mit unserem restlichen Team darum kümmert, das Legal Tech Unternehmen DiRiSo aufzubauen. Wir sind zwar Träger dieses Blogs, haben uns aber bewusst entschieden, die Berichterstattung hier weitgehend in die Hände von Jacob zu legen. Grund dafür ist, dass wir einen gewissen Balanceakt meistern wollen.

Beiträge zur Legal Technology aus der Innenperspektive

Um Leser mit interessantem Content zum Thema Legal Tech zu versorgen, halten wir es für unerlässlich, keine künstliche Trennlinie zwischen unserer Tätigkeit und unseren journalistischen Betrachtungen zur Thematik zu ziehen. Umgekehrt scheint es uns vielmehr so, dass gerade unsere Wasserstandsmeldungen aus dem Maschinenraum der Legal Technology ein wertvolles Format bilden, das es so an anderer Stelle noch nicht gibt. Wenn es um die Aktualität der News und den Abwechslungsreichtum des Contents geht, hat zum Beispiel sicherlich der Legal Tech Blog die Nase vorn. Aber als regelmäßiger Leser solcher Outlets geht es bei solchen Publikationen in erster Linie um eine möglichst umfassende Berichterstattung zum Herzensthema Legal Tech. Nur in Teilen verstehen sich entsprechende Blogs als Collage von Gedanken und Eindrücken der Branchenpioniere. Bei uns geht es um nichts anderes.

Außenperspektive als Korrektiv

Und doch melden wir uns selten selbst zu Wort, sondern bevorzugen, dass Jacob als langjähriger Vertrauter noch einmal mit einem gewissen Abstand zur Sache seinen Filter über unsere Eindrücke und Überlegungen legt. Zum einen begünstigt das die Neutralität und verhindert, dass wir hier zu sehr zu einer reinen Werbeveranstaltung abdriften. Das sollte nicht Sinn eines lesenswerten Blogs sein, aber als Gründer gerät man ja gerne ins Schwärmen über sein eigenes Unternehmen. Jacobs Filterfunktion sorgt dafür, dass solche Sentiments gar nicht erst die Leser zu langweilen drohen.

Außerdem hilft uns Jacobs Bemühung um diesen Blog noch in anderer Hinsicht. Er hat weniger Hemmschwellen als mein Companion Voss und ich, wenn es darum geht, die eine oder andere diskutable These in den Raum zu werfen. Wenn ich persönlich Texte verfasse, dann sind sie meist wissenschaftlicher Art – auch weil ich lieber schweige, als mich dem Vorwurf unzureichender Differenzierung oder Hintergrundrecherche auszusetzen.

Die Ausnahme

Nun ist es aber so, dass Jacob zurzeit stärker in seinem Beruf eingebunden ist und deswegen nicht so häufig schreiben kann, wie er möchte. Damit der Blog nicht verwaist, springe ich für ihn ein – wohlwissend, dass das vom Konzept dieser Seite abweicht. Mit der Frage nach den Meriten einer Legal Tech Karriere habe ich mir gleichwohl ein Thema herausgesucht, dass sich auch für eine etwas abstraktere Betrachtung eignet. Ich hoffe, dass ich dadurch zumindest den Vorwurf der Befangenheit vermeide.

Was rechtfertigt eine Legal Tech Karriere?

Verkaufsargumente statt Appelle

Nun zum eigentlichen Thema. Karrieren im Bereich Legal Tech. Bisher gibt es zu diesem Thema vor allem einen Zugriff und der nimmt stillschweigend an: „Frag nicht, was Legal Tech für dich tun kann, sondern frag, was du für Legal Tech tun kannst.“ So verkündete etwa Kai Jacob von SAP auf der Bucerius Herbsttagung laut Legal Tech Blog: „Legal Tech braucht den Legal Engineer!“

„Schön“, denke ich mir da. Und was, wenn der potenzielle Legal Engineer darauf aber keine Lust hat? Was, wenn ihn das Feld Legal Tech nicht reizt? Dann helfen ihm auch Hype und Häppchen auf Legal Tech Events nicht. Stell dir vor, die Szene fragt, was du für die Legal Technology tun kannst, und keiner geht hin.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die IT-Branche händeringend um die hellsten Köpfe kämpft, dass sie laufend Verstärkung „braucht“. Wenn das Silicon Valley die restriktive Immigrationspolitik der U.S.-Administration anprangert, dann vermutlich nur einerseits wegen zuwiderlaufenden Grundüberzeugungen. Ansonsten übt sie Kritik wegen des ureigenen wirtschaftlichen Interesses an einem unbeschränkten Zugang zu weltweiten Talentpools. Worüber hingegen noch wenig geschrieben wurde, sind die Anreize, weswegen der IT-affine Nachwuchs ausgerechnet in die Legal Technology einsteigen sollte. Dabei braucht es hierfür allemal Gründe. Denn die Branche hat (noch) nicht so viel zu bieten, dass schon die bloßen harten Devisen in Arbeitsverträgen Informatiker und IT-begeisterte Spitzenjuristen hinter dem Ofen hervorlocken. Wo Google für ein Sommerpraktikum ein paar $10.000 aus dem Ärmel schüttelt, muss die Legal Tech Branche eher an Idealismus und Pioniergeist appellieren.

Dabei kann der junge Wirtschaftszweig meines Erachtens aus mancher Not eine Tugend machen und sich deutlich besser als bisher verkaufen.

Legal Tech Karriere als moderner cursus honorum

An der Schwelle zu einem technologiegetriebenen Wachstumsmarkt kann die Branche meines Erachtens mehr Verkaufsargumente mobilisieren als ein paar side-on benefits. Um das zu veranschaulichen, muss ich etwas in die Tiefe gehen und zweierlei erläutern. Einerseits muss ich mich etwas an den Alleinstellungsmerkmalen des Wirtschaftszweiges abarbeiten.

Um aber erst einmal festzustellen, wonach ich in Sachen Alleinstellungsmerkmal suche, lohnt sich die Rückschau zu jenen „paradiesischen“ Zuständen, die dereinst herrschten, als die Entscheidung für eine bestimmte Karriere noch aus gewissen evidenten Gründen nahe lag. Dazu will ich den Rückblick auf die römische Res Publica wagen, jedenfalls in der Gestalt, wie wir sie uns heute (romantisiert und verkürzt) vorstellen. Ich will darauf eingehen, wie die prädestinierte, erstrebenswerte Karriere zu einer Zeit aussah, als das Sozialgefüge noch wesentlicher einfacher gestrickt war und somit die Auswahl leicht fiel, wie man sein Leben vorzugsweise gestalten wollte (also als einer der männlichen römischen Adligen, der damals überhaupt in einen hinreichend hohen Stand geboren wurde, damit Geschichtsschreiber es für nötig erachteten, über sein Dasein zu berichten).

Soweit sich deren Lebensplanung und Wertesystem nachzeichnen lässt, darf man folgendes annehmen. Wenn nicht schon nicht ihr Handeln, so war immerhin ihr Denken und Schreiben vom Ideal der „virtus“ bestimmt. Und diese „virtus“ sollte man nicht vorschnell mit Tugend im Allgemeinen übersetzen. Denn was damals als tugendhaft, als nachahmenswert galt, kann man meines Wissens auf drei Grundsätze herunterbrechen: 1. Karriere beim Militär, idealerweise als erfolgreicher Feldherr, 2. Pietas gegenüber den Vorfahren, 3. Cursus honorum, Politik, Ämterlaufbahn.

Dass ausgerechnet diese drei Lebensziele hochgehalten wurden, kommt nicht von ungefähr. Vermutlich nicht bloß zufällig waren es damals zugleich die Bedingungen für das persönliche Vorankommen. Man kann sich gerade im Urteil über die Antike angesichts unserer äußerst dünnen Beweislage sehr schnell verrennen. Aber man braucht umgekehrt auch nicht Marx gelesen haben und historischer Materialist zu sein, um folgende These gut zu begründen.

Bei der antiken Gesellschaft haben wir es mit einem vorindustriellen Ständewesen zu tun. Darin waren zunächst einmal 95% der Bevölkerung zur Feld- und Handwerksarbeit verdammt. Die Annehmlichkeiten der Herrscherklasse waren stets nur den etablierten obersten Prozenten als vermögenden, vernetzten, militärisch gestützten Schicht beschieden. Und deren Macht beruhte vor allem auf dreierlei. Zum einen auf dem Nachlass der statistisch früh ablebenden Vorgängergeneration, deren Erbe zu sichern die nötige Pietas gewiss vereinfachte. Ein mondänes Überleben außerhalb der ertragsabwerfenden Latifundien des Pater Familias verlangt jedenfalls viel Fantasie. War das eigene Auskommen somit materiell abgepolstert, bildeten die institutionalisierte staatliche Macht qua Amt bzw. ein loyales Unterstützernetzwerk und jenseits davon die blanke Gewalt loyaler Söldner das erweiterte Rückgrat einer einflussreichen, gesicherten Existenz. Otium.

So einfach ist das heute mit dem Tugendhaften nicht mehr (zum Glück). So universell erstrebenswert wird gewiss kein Karrierepfad mehr beurteilt und schon gar nicht einer nach dem Geschmack der Römer. Pietas gegenüber den Eltern ist charmant, hilft der Karriere aber allenfalls dort, wo das Elternhaus vermögend ist. Und selbst hier leistet notfalls auch ohne Pietas der Pflichtteil einiges. Seinen Status als Hort der gesellschaftlichen Elite hat das Militär spätestens in der Bundesrepublik eingebüßt. Und die Politik? Das ist ein Thema für sich. Vorsichtig formuliert versteht es sich aber wahrscheinlich, dass intellektuelles Schwergewicht und fachliche Befähigung für das Vorankommen im parteipolitischen Gefüge eine eher sekundäre Rolle spielen. Gefragt sind stattdessen zumeist andere Qualitäten. Wem diese fehlen, der hat es mit einer politischen Karriere schwer. So hat es unlängst auch ein Artikel im Cicero eindrucksvoll diagnostiziert.

Wo also suchen motivierte Köpfe ihr berufliches Glück, wenn weder Erben noch ein politischer Aufstieg in Betracht kommen? Eine Legal Tech Karriere bietet sich hier gleich aus mehreren Gründen an.

Das liegt zum einen daran, dass die Legal Technology das Potenzial hat, einen immensen Mehrwert für das Gemeinwohl zu stiften. Studien gehen davon aus, dass auch in der Bundesrepublik bis zu 70% der Bevölkerung ein Zugang zu effektivem Rechtsschutz fehlt. Das liegt vor allem daran, dass dessen Preis im Missverhältnis zu Vorteilen der Rechtsverfolgung und dem Budget der Betroffenen stehen. Gelingt es der Legal Technology, durch Automatisierung die Kosten von Rechtsdienstleistungen strukturell zu mindern, wäre dies allein ein handfester Gewinn für die Rechtsstaatlichkeit und letztlich für die Lebensqualität. Technologie übt insoweit verständlicherweise eine ungeheure Faszination aus. Sowohl in ihrer wissenschaftlichen Erforschung als auch in ihrer praktischen Anwendung.

Weniger idealistisch, aber ebenso entscheidend spricht für eine Legal Tech Karriere, dass der Markt für juristische IT-Lösungen noch zugänglich ist. Das trifft nur auf wenige andere heute schon erschlossene Branchen zu. Gleichzeitig macht es eine erfolgreiche Unternehmensgründung realistischer als in den meisten anderen Sparten, auch in solchen der digitalen Wirtschaft. Umgekehrt braucht sich selbst der talentierteste Informatiker kaum Hoffnungen mehr zu machen, beispielsweise eine ernsthafte Alternative zu den Betriebssystemen von Microsoft, Apple und Google am Markt zu etablieren. Wie Jacob einmal an anderer Stelle schrieb: eine Legal Tech Karriere ist ein Ausritt in den wilden Westen der Digitalisierung. Er birgt tatsächlich noch die seltene Aussicht auf einen Goldfund, der ansonsten schon daran scheitert, dass wenige Minenbetreiber sämtliche Schürfrechte auf sich vereinigen.

Sowohl die Potenziale der einsetzbaren Technologien als auch die Gewinnaussichten eines Legal Tech Unternehmens sind bei alledem kein Garant, dass entsprechende Bemühungen von Erfolg gekrönt sind. Gemessen an den Erfahrungen anderer Branchen dürfte ein Großteil der jetzt gegründeten Startups wieder vom Markt verschwinden. Das Risiko sollte man beherzigen, ehe man sich für eine Legal Tech Karriere entscheidet. Kann man eine Niederlage aber notfalls verkraften, sprechen die Chancen des Wirtschaftszweiges zumindest für einen Versuch. Und anders als im antiken Rom kommt in deren Genuss nicht bloß eine kleine privilegierte Schicht. Der neue Markt verheißt ambitionierten Köpfen aus allen Ecken der Gesellschaft die geringe, aber relativ faire Chance, seine Lebenszeit in ein wirklich sinnstiftendes Projekt zu investieren. Im Idealfall erntet man dabei für sich und die Gesellschaft handfeste Vorteile. Deshalb lohnt sich eine Legal Tech Karriere.