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Legal Tech Ideas

Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Technology: der wilde Westen der digitalisierten Welt

Ich vergleiche den Boom der Legal Technology gern mit der New Economy Blase. Das klingt zum Beispiel hier an. Ich tue das, weil die meisten Legal Technology Startups denen der New Economy in etlichen Punkten ähneln. Sie werden ähnlich umjubelt, preschen auf ähnlich neuartige Geschäftsfelder vor und gehen – so meine Vorhersage – ähnlich häufig pleite.

Legal Technology als Spätgeburt der New Economy

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Präziser: Die Juristen durchleben gerade eine Entwicklung, wie sie sich in anderen Branchen längst vollzogen hat. Im Grunde genommen hätten sie schon vor 15 Jahren das Schicksal der E-Commerce-Pioniere teilen können. Aber die technophobe Juristenkaste hat sich damals einfach noch nicht ins Neuland bequemt.

Sie musste schließlich auch nicht. Während sich seit 1990 bis heute die Zahl der Anwälte verdreifachte, verdreifachte sich zwar nicht gleichzeitig der Bedarf an Rechtsberatung. Das musste er aber auch nicht. Zumindest waren Leidensdruck und Unternehmergeist unter Juristen nie so groß wie bei jenen Gründern, die in der Zwischenzeit das Auskunftswesen, den Einzelhandel, die soziale Interaktion und viele weitere Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche ins Internet verlegten.

Statt an Legal Technology zu denken, hatte der Jurist an solchen Umwälzungen dergestalt teil, dass er die Gesellschaftsverträge schrieb, Investitionsrunden und Fusionen rechtlich gestaltete, Haftungsrisiken minimierte und – wo New Economy Unternehmen trotzdem scheiterten – den Scherbenhaufen zusammenkehrte und die Insolvenzmasse verwaltete. Doch statt genau so weiterzumachen und alsbald in den Gründungsdokumenten neuer Google-Töchter als Unternehmensgegenstand die Umwälzung des Rechtsmarktes einzutragen, trauen sich einige Juristen diesen Schritt nun doch noch selbst zu. Gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen, ehe Technologiegiganten von sich aus beginnen, das rechtspflegende Geschäftsfeld umzupflügen.

Alles schon dagewesen?

Juristen folgen mit ihrer späten Hinwendung zur IT letztlich in die Fußstapfen der anderen Branchen. Und doch ist genau deswegen etwas anders. Die Legal Technology ist so spät dran, dass sie gute Chancen darauf hat, den Schlussstein der Digitalisierung zu bilden. Ihre Kultivierung gleicht – bildlich gesprochen – nicht der Kultivierung der Appalachen, des Deep South und anderer Zwischenstationen in der Besiedlung der vereinigten Staaten. Einzig die Great Plains und die Pazifikküste liegen weit genug westlich bzw. in ihrer Konsolidierung als US-Gliedstaaten spät genug.

Mit ihnen teilt die Legal Technology als Teil der digitalen Wirtschaft das Schicksal einer allmählich erschlossenen Grenzregion (Frontier). Das Ungefügte einer solchen unbebauten Scholle Land dürfte maßgeblich zur Goldgräberstimmung oder wenigstens zur Aussicht auf eigenes Grundeigentum beigetragen haben. Leitideen wie der rugged individualism und in gewisser Hinsicht auch der amerikanische Traum verdanken solchen Phänomenen ein Stück weit ihre materielle Basis.

Und ganz ähnlich, so mein Eindruck, verhält es sich jetzt wieder mit der Legal Technology. Ihre Geschäftsmodelle sind eine der letzten Chancen für aufgeweckte Köpfe, sich in der digitalen Wirtschaft etwas Eigenständiges aufzubauen. Eine andere Facette des amerikanischen Traums ist sicherlich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Und in der Tat will uns ein Propagandafilm Comedy-Film wie The Intership Glauben machen, man könne diese Karriere auch heute mit harter Arbeit und etwas Kreativität als Aspirant bei Google nachvollziehen, statt 80 Stunden Wochen zu schrubben, ohne auch nur in Sichtweite von Larry Page zu kommen.

Nach Westen geht Justitias Weg

Aber trotzdem würde ich schätzen, dass es empirisch häufiger ein Farmer in Nebraska mit harter Arbeit zu eigenem Grund und Boden gebracht hat, als ein vermögensloser New Yorker zu einem Immobilien-Mogul. Genau so würde ich darauf setzen, dass heutzutage mehr Juristen Legal Technology Unternehmen zum Erfolg führen, als irgendwann in die engste Führungsriege einer Großkanzlei vordringen. Dr. Bues musste den Legal Tech Blog betreiben, um CEO von Leverton zu werden. Für die Geschäftsführung von Amazon würde Vergleichbares vermutlich nicht reichen. Es wird nicht zuletzt ein derartiger Gedanke gewesen sein, der den Goldrausch in Kalifornien mehr beflügelt hat als die Arbeit in Carnegies Stahlwerken.

Aber zu diesem Goldrausch gehört eben zugleich eine bittere Wahrheit und die gilt ähnlich für die Legal Technology. Auch wenn sich Mühe und Unternehmergeist manchmal auszahlen, gehen die meisten Goldgräber doch leer aus, wenn sich das Fenster schließt. Und das Fenster schließt sich schnell. Zwar dominiert bislang kein Unternehmen die Legal Technology so sehr, dass neuen Mitbewerbern ohne Startkapital der Markteintritt versperrt ist. Auch die erfolgreichsten Akteure beschäftigen bestenfalls einige hundert Mitarbeiter. Meist thematisieren Erfolgsstories eher Teams von einigen Dutzend Juristen und ITlern.

Aber schon diese Zwischenschritte machen deutlich: Wir bewegen uns weg von einzelnen Goldschürfern und hin zur Goldmine. Noch wird es etwas dauern, bis die erfolgreicheren Goldminen im großen Stil die verbleibenden Schürfrechte kaufen und den Ich-AG Goldgräber vollends verdrängen. Aber schon jetzt ist die Zeit vorbei, wo die Karten einigermaßen fair gemischt werden, solange man nur früh genug dazukommt.

Sicherlich bietet die Legal Technology bislang noch immer jedem theoretisch die Chance, einen Royal Flush in die Hände zu bekommen und die Mitbewerber zu überflügeln. Noch besteht die Chance, in der schwindenden Grenzregion etwas eigenes hochzuziehen oder das entsprechende Geschäft wenigstens gewinnbringend an Google zu verkaufen. Viel Zeit lassen sollte man sich allerdings nicht.

Legal Tech Reviews

Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Posted by Jacob Weizmann on
Advocado – lohnenswertes Legal Tech Investment?

Eigentlich hat das Startup Advocado gar nicht so viele Alleinstellungsmerkmale, die es rechtfertigen, es gesondert zu exponieren. Es bietet kostenlose Ersteinschätzungen von Fällen im Netz und Anwaltsleistungen zum Festpreis. Das war’s.

…? Ja nicht ganz. Der Grund, wieso ich mich hier näher mit Advocado befassen muss möchte, erklärt sich aus einer Besonderheit, die das Startup trotz seiner eher profanen Dienstleistung herausstechen lässt. Advocado ist es gelungen, in der letzten Finanzierungsrunde von Investoren über eine Millionen Euro einzusammeln. So berichtet es zumindest der Legal Tech Blog.

Ob sich die Investition für Geldgeber wie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern mbH rentiert, kann ich zu wenig beurteilen. Das hängt sehr stark von dem Verhältnis ab, in dem die Fixkosten des Online-Vermittlungsdienstes von Advocado die Vermittlungsprovisionen über- oder unterschreiten. Zu einigen Bemerkungen will ich mich aber unabhängig davon versteigen.

  1. Das Geschäftsmodell von Advocado hat mit Legal Technology im engeren Sinne kaum etwas zu tun.
  2. Advocado kann erfolgreich sein, bloß eben nicht so wie ein Unicorn vom Format Airbnb, sondern eher wie ein gewöhnliches Vermittlungsportal für Hotels oder Flüge. Dienstleister des letzteren Typus werden übrigens gerade von Google Flights überrollt.

Damit wir uns verstehen: Ich kann mir gut vorstellen, dass Advocado ein robustes Unternehmen ist. Nur halte ich den ganzen Hype um Technologisierung und Disruptionspotenzial des Startups für verfehlt – und zwar aus folgenden Gründen.

Advocados Technologisierung

Auch wenn bereits bloße technische Hilfsmittel für juristische Dienstleistungen als Legal Technology bezeichnet werden, sind sie das bestenfalls im weitesten Sinne. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Microsoft Word als Legal Tool zu bezeichnen. Ansonsten wäre jede Kanzlei mit Textverarbeitungsprogramm, also wirklich jede Kanzlei, irgendwo ein Legal Tech Unternehmen. Das würde den Begriff bis zur Bedeutungslosigkeit verwässern. Wenn man damit hingegen einen gesteigerten Technologiebezug von Rechtsdienstleistungen adeln will, muss man Legal Tech enger fassen. Man muss dann verlangen, dass die eingesetzte Technologie entweder besonders fortgeschritten ist („Technology“) oder wenigstens besonders juristischentypisch („legal“).

Der Kern von Advocados Geschäftsmodell ist weder das eine noch das andere. Die Vergütungsmodalität „Festpreis“ mag ein Billable-Hour-Anwalt revolutionär nennen – auch wenn er dasselbe vermutlich über die Vergütungsgrenzen des RVG sagen würde, deren Vorgängerregeln in der BRAGO aus dem Jahr 1957 datieren. Auch dass Advocado Mandanten für eine kostenlose Ersteinschätzung zu verschiedenen Anwälten lotst und nicht bloß zu einer ganz bestimmten Kanzlei, ist zwar marktwirtschaftlich ein Gewinn, hat aber nicht per se etwas mit Technologie zu tun. Natürlich verwendet Advocado zur Umsetzung dieses Konzepts eine Online-Plattform. Darin erschöpft sich dann aber bereits der Bereich, in dem das Startup auf Technologie setzt.

Im Grunde kann man von einem Webportal zur Mandatsanbahnung sprechen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Schon nach der Beauftragung endet nämlich die Korrespondenz über das Portal. Eine besondere Automatisierung einzelner Teile der Rechtsdienstleistung findet nicht statt. Der Beitrag der IT zum Geschäftsmodell besteht darin, einen Ausschnitt aus einem analogen Branchenbuch ins Netz zu verfrachten und die Kontaktanbahnung und Ersteinschätzung übers Internet statt über Telefon und persönliches Gespräch zu ermöglichen. Das ist ein Fortschritt und im 21. Jahrhundert längst überfällig. Doch genau deswegen wirkt es ein Jahrzehnt nach Craigslist so, als würde die Rechtsbranche damit bloß ein Stück weit in die Gegenwart geholt, statt in die Zukunft katapultiert. Nicht weniger verspricht man sich demgegenüber jedoch von der Legal Technology.

Disruptionspotenzial von Advocado

Und wie sieht es bei Advocado mit Legal Innovation aus? Festpreis? Kostenlose Ersteinschätzung im Internet? Ist das nicht innovativ? Nun ja. Festpreise kennen BRAGO respektive RVG wie gesagt seit Jahrzehnten. Zwar konkurrieren damit Abrechnungsmodelle nach billable hours. Damit werden allerdings vornehmlich komplexere Beratungsleistungen abgegolten, für die Advocado gar keine Ersteinschätzung anbietet. Die dort gelisteten juristischen Standardprodukte erledigt bislang typischerweise der ortsansässige Einzelanwalt zum RVG-Tarif. Neu ist bei Anbietern wie Advocado gegenüber solchen Haus- und Hofanwälten lediglich, dass letztere es mit der Kostenaufklärung in der Vergangenheit nicht immer ganz genau genommen haben. Die konventionelle Praxis in dieser Domäne liefert die gebotene Transparenz zuweilen gern auch erst mit Rechnungslegung nach (, um Mandanten vorher nicht abzuschrecken).

Umgekehrt beeilt sich zur Mandatsakquise jeder Wald- und Wiesenadvokat, eine kostenlose Ersteinschätzung anzubieten. Doch auch hier bewirkt Advocados Rückgriff auf das Internet immerhin insofern einen Zugewinn, als dem potenziellen Mandanten dabei ach Ersteinschätzung de facto noch eher die freie Wahl bleibt, ob er den Auftrag erteilt. Im Besprechungszimmer des Anwalts verzichtet man nach genossenen Keksen und Kaffee ungern auf den Rechtsbeistand des Gastgebers, selbst wenn man von seiner Kompetenz nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Gleichwohl ist Advocados zeitgemäße Transparenz und Unverbindlichkeit weder weltweit noch in Deutschland besonders originell. In den USA bietet Legal Zoom den gleichen Service bereits seit 1999. In Deutschland verbinden Portale wie anwalt.de Verbraucher mit einer Vielzahl von Anwälten bereits seit . Dass die Plattformen solange fortbestehen, spricht dafür, dass ihr Betrieb mehr Einnahmen einspielt, als Ausgaben verursacht. Dass indes kein Webportal davon ansatzweise einen Unternehmenswert von einer Milliarde Euro aufweist oder zum Dreh- und Angelpunkt der Branche avanciert, belegt wiederum, dass sich ihr Disruptionspotenzial trotzdem in Grenzen hält. Denn alternativ zur Nutzung von Advocado kann ich ebenso transparent und unverbindlich für eine Ersteinschätzung kostenlosen Rechtsrat ergooglen oder anhand von Google-Reviews geeignete Anwälte vorselektieren. Das macht Advocados Spielart zur Mandatsanbahnung sicherlich nicht überflüssig. Der Konkurrenz enteilt sie deswegen trotzdem nicht.

Schlusswort

Um die Ausgangsfrage aus der Überschrift also abschließend zu beantworten: Investitionen in Advocado mögen sich – je nach den betriebswirtschaftlichen Kenngrößen – lohnen. Dann aber nicht wegen besonders innovativer Legal Technology, sondern einfach wegen eines soliden Business Plans.

Legal Tech News

4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Posted by Jacob Weizmann on
4. Legal Tech Meetup Hamburgs

Das 4. Legal Tech Meetup Hamburgs war nicht nur dem Namen nach angelsächsisch geprägt. Auch zeichnete es sich dadurch aus, dass diesmal alle Referenten ihre Vorträge auf Englisch hielten. Der Grund war einleuchtend: Es sollte schließlich um die amerikanische Perspektive zum Thema Legal Tech gehen. Dafür hatte der „Serial-Host“ Nico Kuhlmann respektive Hogan Lovells zum 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sogar prominente Unterstützung aus Kalifornien eingeladen. Eingeplant für die Keynote war niemand geringeres als Prof. Mark A. Cohen, so etwas wie das amerikanische Pendant von Markus Hartung, der ebenfalls einen Vortrag hielt. Insofern muss man schon einmal sagen: Dr. Kuhlmann versteht es, die Rockstars der Legal Tech Szene zusammenzutrommeln.

Ganz ohne Turbulenzen lief das Vortragsprogramm leider nicht ab. Orkan Xavier hatte am 5. Oktober Mark Cohens Landung in Hamburg vereitelt. Höhere Gewalt also, bei der ausnahmsweise nicht einmal Ersatz-Pilot und Co. zur Fluggastentschädigung verhelfen können. Stattdessen wurde Prof. Cohen nach Brüssel umgeleitet; sein Gepäck landete zu allem Überfluss anderswo. Trotzdem – und hier noch einmal Chapeau, Dr. Kuhlmann – gelang es, ihn per Skype aus seinem Hotelzimmer zuzuschalten. So konnte das versammelte Publikum immerhin partiell an seinen Reflektionen zur Legal Technology teilhaben. Nur partiell vor allem deswegen, weil das wacklige Hotel-WLAN gelegentlich Ton- und Video-Stream unterbrach. Nichtsdestotrotz gab er den etwa 70 Zuhörern einige neue Gedanken mit auf den Weg.

Das Unicorn im Phrasenhaufen

Garniert waren die Ausführungen natürlich mit den üblichen Gemeinplätzen zur Legal Technology, die jeder nach dem ersten Einführungsvortrag kennt. Buzzwords wie Disruption reihten sich in den üblichen Sermon zu veränderten Berufsbildern und Potenzialen der Legal Tech für den „Access to Justice“ von Kleinunternehmen und Privatleuten. Aufschlussreich waren Prof. Cohens Ausführungen dennoch. Denn sein Bezug zur Legal Technology besteht anders als der von Markus Hartung nicht primär darin, auf Konferenzen als Cheerleader Legal Tech zu hypen sachverständiger Referent Chancen und Risiken der Legal Technology zu analysieren. Stattdessen hat er selbst vor einigen Jahren ein eigenes Legal Tech Startup gegründet und erfolgreich gegen die Wand gesetzt eigene Erfahrungen in der Branche gesammelt.

Clearspire?

Clearspire hieß Prof. Cohens Unternehmen. Das Geschäftsmodell bestand darin, eine Kanzleisoftware alá RAMicro zu entwickeln, nur eben besser – mit Kommunikationskanälen zum Kunden, mehr Tools usf. Cohen sieht hierin, in einer ganzheitlichen IT-Plattform für Juristen, den großen Wurf der Legal Tech Branche. Und damit wurde der Vortrag zum Ende im Q&A-Teil des 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sehr spannend. Denn es ist ja in der Tat richtig, dass es für Rechtsdienstleistungen noch keinen technischen Giganten wie Amazon, Google oder Facebook gibt. Und das wirft die hochaktuelle Frage auf: Wer wird der Bezos, Page oder Zuckerberg der Juristen? Nun, Prof. Cohen wird es sicherlich nicht. Clearspire ist wie gesagt pleite. Interessant ist umso mehr, wieso er weiterhin glaubt, er wäre damit beinahe das eigene Unicorn geritten.

Soweit man Cohen über die instabile Skype-Verbindung richtig verstehen konnte, stützt sich seine Überlegung auf eine Analogie zum Erfolg von Legal Zoom. Legal Zoom liefert einen Generator für juristische Standarddokumente. Darüber hinaus vermittelt die Plattform dort Anwälte, wo die automatische Vertragsgestaltung nicht ausreicht. Das läuft ganz erfolgreich und steht sicher im Kontrast zu zahllosen Legal Tech Flops.

Ebenso wenig wie der Legal Engineer

Eine Milliarden-Dollar-Idee scheint es dennoch nicht ganz zu sein. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass jemanden das Prinzip Werkzeugkiste für Verbraucher (Legal Zoom) respektive Legal Professionals (Clearspire) fasziniert. Aber es gibt inzwischen haufenweise mehr oder weniger extensive Kanzleiorganisationsplattformen, ohne dass eine auch nur in Sichtweite der Market Cap von Freshfields und Co. kommt. Zum Vergleich: Airbnb ist unterdessen den größten Hotelketten enteilt, Amazon den größten Einzelhandelsketten usw. Dass Kanzleisoftwareentwickler hier nicht mithalten, liegt vermutlich zum einen an den relativ hohen Entwicklungs- und Wartungskosten solcher Software. Andererseits lässt sich für solche Werkzeugkisten kaum der Preis veranschlagen, den die einzelnen Tools in der Summe wert sind. Denn kaum eine Kanzlei wird sämtliche Funktionen nutzen.

Hinzu kommt noch das grundlegende Problem jedes Scharniers an der Schnittstelle zwischen Recht und IT. Eine Kanzleiorganisationssoftware ist im fortgeschrittenen Zustand nichts weiter als ein codegewordener Legal Engineer. Und deswegen drängt sich auch solchen Programmen die Frage auf: Wozu Marketing- und Schulungskosten und Nutzerfreundlichkeit, um die Tools krampfhaft der technophoben Juristenriege aufzuzwängen? Warum treten reine IT-Produkte nicht Stück für Stück in direkte Konkurrenz mit Anwälten? Es sind genau solche Erwägungen, die mich skeptisch stimmen, ob Prof. Cohen am Ende richtig liegt. Die Gesetze der Ökonomie geben ihm bisher jedenfalls kein Recht.

Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass er zu dieser Diskussion einen wichtigen Impuls geliefert hat. Insofern plane ich auch, die Überlegung demnächst an anderer Stelle zu vertiefen.

Worum ging es beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs sonst?

Bricht das aetas aurea an?

Ansonsten fiel beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs auf, dass die Redner die Legal Technology diesmal deutlich optimistischer bewerteten. Beim letzten Mal hatte eine opulente Powerpointpräsentation die Drohkulisse der Umwälzungen am Arbeitsmarkt besonders plastisch in Szene gesetzt. Am 5. Oktober klang diese Gefahr allenfalls in Nebensätzen an. Stattdessen beeilten sich Markus Hartung und Prof. Cohen, die Potenziale der Legal Technology am Arbeitsplatz zu betonen. Konzentrieren dürften sich Anwälte zukünftig auf die emotionalen, zwischenmenschlichen, strategischen, abwägenden Bestandteile ihres Handwerks. Algorithmen würden ihnen nur die lästigen Bestandteile ihrer Tätigkeit abnehmen. Dafür würde es reichen, wenn sich angehende Juristen etwas mehr mit IT befassen, damit sie effektiv Routinearbeiten identifizieren und delegieren könnten.

Zieht mit der Legal Technology also doch das goldene Zeitalter herauf?

Nun, aus dem Blickwinkel der Verbraucher und Mandanten ist Herrn Hartung beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn Verbraucher Fluggastentschädigungen dank Legal Tech so einfach erlangen können, wie sie bei Amazon Bücher bestellen. Das heißt aber längst nicht, dass der juristische Arbeitsmarkt ebenso umfassend von der Legal Technology profitiert. Solche Zweifel ergeben sich schon aus einigen Zwischenbemerkungen der Referenten selbst, die nicht so recht ins Gesamtbild passen wollten.

Herr Hartung erwähnte, dass je nach Studie mittelfristig voraussichtlich 20-80% der bisherigen juristischen Stellen wegbrechen. Ob wir umgekehrt allein auf dem deutschen Anwaltsmarkt Verwendung für 34.000-140.000 Blockchain Lawyers (was immer das sein mag) und Legal Engineers haben, darf bestenfalls mit einem Fragezeichen quittiert werden. Das gilt insbesondere, wenn man folgende Randbemerkung Prof. Cohens zum amerikanischen Anwaltsmarkt bedenkt. Er verwies darauf, dass schon jetzt Senior-Partner führender Law Firms die unverhältnismäßig hohe Bezahlung ihrer Associates beklagen, da etwa deren Due Diligence Prüfungen weitgehend maschinell zu einem Bruchteil ihrer Lohnkosten durchführbar seien. Das weckt nicht gerade die Erwartung, dass die Legal Tech Revolution keine prekären Wald- und Wiesenanwälte mehr kennt, sondern nur Gewinner.

Wann wird das eiserne Zeitalter eingeläutet?

Ich bin ein Freund von Ovids Metamorphosen. Und anders als für Augustus Hofschreiber Vergil mündet deren kosmologische Entwicklung nicht zwingend in den goldenen Überfluss, sondern bekanntlich ins eiserne Zeitalter. So negativ muss und sollte man die Entwicklung in Mitteleuropas bester aller möglicher Welten natürlich nicht sehen. Auch nicht in der Legal Tech Szene. Aber dass die Zeiten in jedem Fall stürmischer werden, davon kündet auch Markus Hartungs bemerkenswert ehrliche Selbstreflektion am Ende seines Vortrags. Er sagte voraus, dass die Zeit der Keynotes von Legal Tech Geronten im Pullunder sich in einem Jahr erübrigt und an ihre Stelle gestandene Legal Tech Unternehmer treten.

Ganz so bald dürfte es aber womöglich nicht werden, wenn statt Blockchain und AI eher rucklige Skype-Verbindungen und unintelligente Flughafengepäcklogistik das Jahr 2017 prägen. Bis dahin bleibt Zeit, das vorzügliche Buffet von Hogan Lovells beim 4. Legal Tech Meetup Hamburgs und hoffentlich weiteren Veranstaltungen dieser Art zu genießen. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn Dr. Kuhlmann und die Referenten noch möglichst lange nicht durch IBM Watson und den Google Assistent ersetzt werden. Wie es um das Buffet bei Google steht, erfahren wir spätestens beim nächsten Legal Tech Meetup am 22. Februar.

 

Legal Tech Ideas

Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Posted by Jacob Weizmann on
Legal Engineer: Zukunftsberuf oder Schimäre?

Jede Bewegung kultiviert ihre Idealtypen und für die Legal Tech Szene gehört dazu das Berufsbild Legal Engineer. Als Legal Engineer definiert sie dabei Juristen, die zusätzlich zu ihrer klassischen Ausbildung IT-Kenntnisse besitzen. Sie sind daher qualifiziert, an der Schnittstelle zwischen beiden Fachbereichen zu arbeiten und etwa an Automatisierungsprozessen mitzuwirken. Sie sollen in Zukunft das Scharnier formen zwischen Rechtsdienstleistern einerseits und Informatikern andererseits.

Automatisierung heute: ohne Legal Engineer

Ich sage „in Zukunft“, weil in den Sternen steht, ob sich der Legal Engineer tatsächlich einmal zwischen Jurist und ITler schiebt. Es ist nämlich so: Bisweilen automatisiert sich der Rechtsmarkt, ohne dass juristische Endanwender und ITler Seite an Seite arbeiten. Verbreitet ist es eher, dass ein Jurist bei einem externen IT-Unternehmen für seine Tätigkeit ein Programm bzw. eine Lizenz nachfragt. An der Spitze dieses Unternehmens steht dann im günstigeren Fall ein Jurist, der eine vage Ahnung davon hat, welche Technik praktizierenden Anwälten weiterhilft und wie man sie entwickelt. So funktioniert das zum Beispiel bei RA-Micro.

Ein Schwerpunkt auf Rechtsdienstleistungen oder eine Expertise in Informatik ist aber keineswegs conditio sine qua non, wenn Softwareentwickler im Rechtsmarkt tätig werden. Wenn ich mir die Low Tech Entschädigungsrechner mancher Fluggastportale ansehe, gewinne ich eher den Eindruck, dass dahinter eine von zwei ähnlich kruden Entwicklungsvarianten steht. Entweder die Gründer-Juristen haben mit ihren Hobby-IT-Fähigkeiten ihre Abfragemechanismen selbst gebastelt. Oder sie haben ein externes Unternehmen damit beauftragt und ein mehr oder weniger passendes Produkt bekommen. Also ein Produkt, von dem der juristisch ungeschulte ITler denkt, es könnte dem Juristen helfen.

Woran mache ich fest, dass es so läuft? An den ganzen Unstimmigkeiten ihrer Tools, die Juristen im laufenden Betrieb sehen und ITler leicht ausbessern können. Dass das trotzdem nicht passiert, liegt entweder daran, dass Juristen zwar die Probleme erkennen, aber unfähig sind, sie selbst zu korrigieren. Alternativ erklärt sich das Phänomen daraus, dass ständige Change Requests an externe ITler natürlich sehr teuer werden, wenn ihnen das juristische Grundverständnis für die Anforderungen fehlt, denen ein Tool genügen muss.

Automatisierung künftig

ohne Legal Engineer?

Solange man aber überwiegend trotzdem meint, solche Kooperationsformen zwischen Juristen und Informatikern reichen, wird kaum einer nach einem Legal Engineer als Mittelsmann fragen. Und selbst wo man glaubt, Juristen und ITler sollten laufend Hand in Hand zusammenarbeiten, fehlt das Bedürfnis nach einem Dritten.

Es genügt vollkommen, wenn ein Informatiker genug vom zu lösenden Problem und ein Anwalt genug von den technischen Mitteln zur Lösung versteht. Ein Dolmetscher wird nicht gebraucht. Aus grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen kennt man das schon. Wo für alle Geschäftspartner Englisch die lingua franca ist, kann man sich den Übersetzer sparen.

Auf Kanzleien bezogen heißt das zum Beispiel, dass im Idealfall der Nutzer einer Prüfungssoftware diese bilateral mit dem Programmierer optimiert. Aber kann er das einfach so? Müsste er dafür nicht Informatik studieren? Hier empfiehlt sich ein unverstellter Blick. Denn wenn ein Jurist ein bisschen technisch versiert ist, wird ihm eine solche Kooperation ohne weiteres gelingen. Dafür braucht ein Anwalt nicht einmal irgendwelche praxisfernen Anfängerkurse in (veralteten) Computersprachen. Es reicht bereits das Gespür dafür, welche seiner Arbeitsschritte schematisierbar sind und welchem Schema sie folgen.

oder ohne Anwalt?

Sicher mag man eine solche Person hochtrabend nicht mehr als Jurist, sondern als Legal Engineer bezeichnen. Eine Scharnierfunktion hat sie indes nicht mehr. Schließlich ist ein separater Anwalt neben dem Legal Engineer allenfalls eine vorübergehende Erscheinung. Denn warum sollte der Legal Engineer sein Tool dauerhaft Anwälten zur Verfügung stellen, wenn er es auch selbst bedienen kann. Immerhin spart das Support-Hotlines, Schulungskurse und zudem Marketingaufwand, um einer notorisch technikfernen Branche begreiflich zu machen, wie sie von einem Tool profitieren kann.

Früher oder später wird dem Legal Engineer dämmern, dass er die Tätigkeit des Anwalts auch direkt übernehmen und gegenüber dessen Mandanten anbieten kann. Und wenn der Anwalt clever ist, dann wird auch er merken, dass er direkt mit IT-Entwicklern zusammenarbeiten kann, statt dazwischen einen Legal Engineer einzuschalten. Das Ergebnis ist so oder so ein Engineering Lawyer, weniger ein Legal Engineer. Ersteres scheint mir eher ein tatsächlicher Zukunftsberuf zu sein.