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Legal Tech Reviews

Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Posted by Jacob Weizmann on
Was ist eigentlich ein Legal Tech Startup?

Begriffe zu klären und beispielsweise ein Legal Tech Startup zu definieren, ist grundsätzlich keine Aufgabe dieses Blogs. Hierfür leisten Enzyklopädien wie die Wikipedia meist schon hervorragende Arbeit. Jedenfalls, wenn es um die Denotation eines Begriffs geht. Problematisch wird es nur, wenn die Konnotation Überhand nimmt. Doch genau das ist bei dem Label „Legal Tech Startup“ allmählich der Fall. Aber der Reihe nach.

Die Denotation

Wikipedia definiert ein Startup als „ein junges Unternehmen (…) , das vor allem durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet wird: Es hat eine innovative Geschäftsidee bzw. Problemlösung – und die Unternehmensgründung erfolgt mit dem Ziel, stark zu wachsen und einen hohen Wert zu erreichen. Die Finanzierung wird dabei häufig wegen der Risiken nicht über klassische Banken organisiert, sondern über Förderbanken und innovative Finanzierungsformen wie etwa Venture- und Seed-Kapital und Crowdfunding.“

Wenn wir den Finanzierungsaspekt einmal ausblenden, dann ist zum Beispiel DiRiSo nach dieser Begriffsbestimmung ein Startup. Da DiRiSo Legal Tech Produkte anbietet, genauer gesagt ein Legal Tech Startup. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt man mit der Definition der Plattform Gründerszene, zumal sie keine spezifische Finanzierungsart voraussetzt.

Was konnotiert der Begriff Legal Tech Startup?

Der Erklärungsansatz von Gründerszene lässt jedoch gleichzeitig durchscheinen, weshalb die Einordnung als Legal Tech Startup dennoch schwerfällt, selbst wenn die Denotation des Begriffs exakt auf ein Unternehmen zutrifft. So heißt es auf dem Portal: „Denkt man an ein Startup, existiert bei vielen das klischeehafte Bild im Kopf, wie potenzielle Gründer ihre großartigen Ideen während Nachtschichten in unauffälligen Garagen entwickeln, um sie anschließend auf den Markt zu bringen.“ Hier beginnt dann bereits die Konnotation des Begriffs Legal Tech Startup. Oder besser: Hier begann sie.

Failure Culture

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, mobilisierte man das positive Bild der Garagentüftler Gates, Jobs & Co. in Deutschland zunächst in der New Economy Zeit in großem Stil. Das ergab damals durchaus Sinn, waren deutsche Startups doch bis dahin wahlweise nicht-existent oder noch unter dem medialen Radar. Was man hierzulande über Startups wusste, kannte man also aus dem Ausland (lies: USA). Und da die Geschichte typischerweise von den Siegern geschrieben wird, wusste man von Microsoft, Apple, Google und Amazon, nicht hingegen von der Legion schon damals gescheiterter Startups. Wer sich als Startup bezeichnete, konnte sich daher anfangs glaubhaft in die Traditionslinie von Gates, Page und Musk stellen.

Auch seit sich in Deutschland eine eigene Startup-Szene etabliert hat, liest man weitaus seltener von Pleiten als von Neugründungen. Aber das allein genügt, damit sich die öffentliche Wahrnehmung zu Startups nach meinem Empfinden anfängt zu drehen. Auf 100 Berichte zu Gründungen kommt im Folgejahr nur noch ein Bruchteil von Erfolgsberichten. Was mit den nicht erneut genannten Unternehmen passiert, kann man sich denken. Der Comedian Harry G brachte das Phänomen im vergangenen Jahr auf die Formel: „95 Prozent aller Startups san ein riesen Schei*dreck!“

Phrasendrescherei

Und nicht nur die Aura einer Tendenz zur Erfolglosigkeit umgibt inzwischen den Begriff Startup bzw. Legal Tech Startup. Auch die Wunderwaffen der Startup-Kultur lösen bei den meisten Betrachtern eher Kopfschütteln aus. Da ist zum einen der Hang zur Überhöhung vermeintlich innovativer, tatsächlich alteingesessener Modelle. Ein Pausenraum bleibt ein Pausenraum, auch wenn man ihn Break-Out-Room nennt. Ein Gemeinschaftsbüro verleiht den Insassen keine magischen Produktivkräfte, selbst wenn man es euphemistisch als Co-Working-Space tituliert. Die Bezeichnung Business Plan macht ein Unternehmenskonzept nicht schon wegen seiner Überschrift innovativer. Ein CEO ist nicht per se ein besserer Geschäftsführer. Und je mehr das dem Publikum auffällt, desto mehr blättert der Lack von den Anglizismen ab.

Voodoo als Form der Unternehmensführung

Ob aus Mut der Verzweiflung oder aus Experimentierfreude neigen Startups zudem zu unkonventionellen Arbeitsweisen, besser: zu kultähnlichen Handlungen bei der Arbeitsbewältigung. Nicht gemeint sind harmlose Beispiele wie der semi-fakultative Yoga-Kurs in der Pause als Zwangsmaßnahme zur Entspannung. Ich denke eher an Seminare zur „Fortbildung“ mit Gemeinplatz-Vorträgen obskurer Business-Coaches und kollektiven Happenings inklusive rhythmischer Trommeleinlagen der Belegschaft. Das ist – hoffe ich – eine Extremform. Weiter verbreitet dürften hingegen beispielsweise Brainstorming-Übungen sein, bei denen zwanzig Mitarbeiter einen Tag lang im Stuhlkreis sitzen und Ideen an Flipcharts pinnen. Was sich im ersten Moment spaßig anhört, steht in keinem Verhältnis zu den Kosten. Der Kunde oder das Firmenkonto wird begeistert sein, wenn für ein paar zusammengetragene Bullet Points 20×8 zu bezahlende Arbeitsstunden ins Kontor schlagen. Alternativ kann man die Kosten natürlich den Mitarbeitern aufbürden, indem man sie hierzu zu einem unvergüteten Wochenendsseminar bittet.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn mir solche Konzepte als wegweisend präsentiert werden, habe ich immer eine gewisse Assoziation. Der Verschwörungstheoretiker Axel Stoll wurde bekannt durch seine unfreiwillig komische Sentenz: „Chemie ist Physik. Biologie ist Physik. Magie ist Physik durch Wollen.“ Für mich klingen Stuhlkreis, rhythmisches Trommeln und Flipcharts angelehnt daran immer sehr nach „Ökonomie durch Wollen“. Dabei will ich gar nicht ausschließen, dass es Unternehmen gibt, die solche Methoden durchaus erfolgreich anwenden. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle haben wir es doch bestenfalls mit einem Drittvariableneffekt zu tun. Selbst wenn ein Unternehmen mit Startup-Kult Erfolg hat, dann beruht er vermutlich auf den Überstunden nach der innovativen Ideenfindung, dem teambildenden Kickermatch oder dem monatlichen World Cáfe.

Legal Tech Startup ohne Konnotation?

Diese Negativaspekte der Startup-Szene sind natürlich unproblematisch, solange ein Legal Tech Startup zu benennen ist, was auch solche Merkmale aufweist. Schwieriger wird es bei Unternehmen wie DiRiSo, die der Definition nach als Legal Tech Startup gelten, sich von der konnotierten Kultur aber distanzieren. Sicherlich wird man hier immer noch im weiteren Sinne von einem Startup sprechen können. Adäquater scheint aber eine neue Begriffsprägung. Zumindest auf diesem Blog möchten wir deshalb auf die Bezeichnung „Legal Tech Unternehmen“ zurückgreifen, um DiRiSo & Co. zu beschreiben. Denn die Legal Technology verspricht schon ihrer Grundidee nach hohe Wachstumspotenziale und ihre Branche ist ohnehin so jung, sodass man begrifflich nicht gesondert darauf hinweisen muss. Mithin zerfällt die Legal Tech Szene gemäß unserer Begriffswahl in hippe Legal Tech Startups und Legal Tech Unternehmen mit einer traditionelleren Geschäftskultur. Man könnte auch sagen, mit Old Economy Tugenden in einem New Economy Geschäftsmodell.